Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVIII (1966)
- Issue
- 10 (Octubre, 1966)
- Date
- 1966-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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OCTUBRE 1966 BOLETIN INFORMATIVO 5 U.S.A.- REISETAGEBUCH 1966: Mit k einem Land der Welt... “Wir haben riesengrosse Probleme”, sagte Praesident Johnson kuerzlich auf einer Presse — Konferenz, “aber ich wuerde sie um keinen Preis der Welt gegen die Probleme eines anderen Landes tauschen”. Der Stolz, der daraus spricht, ist mehr als verstaendlich, auch fuer den Touristen, der zweifellos vieles miss — und noch viel mehr ueberhaupt nicht versteht. Aber man staunt und das genuegt, denn fast alles was der Fremde bestaunt, darauf ist der Amerikaner im allgemeinen mit Recht stolz. MAN KENNT UNS... Chile ist, um bei der Wahrheit zu bleiben, nicht sehr bekannt. Eine der ruehmlichen Ausnahmen befindet sich in der Redaktion d'es “Aufbau”. Der Chefredakteur Dr. Steinitz bombardiert uns mit Fragen, die eine geradezu frappante Fachkenntnis unter Beweis stellen: “Wie weit ist es dem Praesidenten Frei gelungen, zum Symbol der Castro - Gegner in Lateinamerika zu werden? Wird es ihm gelingen, die Inflation zu stoppen? ¡Reduziert er die Elendsviertel, klappt das Wohnungsbauprogramm? Zeitigt der Gemeinsame Markt schon praktische Resultate? Und die neue Kupfer - Politik? Und wird er die Agrar - Reform durchfuehren koennen?”. Selbst das “B. I.”, das wir als Visitenkarte vorlegen wollten, ist dort bekannt... wenn auch wohl nur dort. Summiert man darum etwa unsere durch diesen Umstand erklaerte Anonymitaet zu den 102 Stockwerken des Empire State Building oder zu den anderen hoechsten, groessten, meisten, aeltesten, schoensten, geschwindesten und sonstigen Superlativen, die uns von frueh bis abends bestuermen, so fuehlt man sich, sagen wir, zumindest vor Ueberheblichkeit bewahrt. Die Aufforderung: “Schreiben Sie ueber Ihre Eindruecke von Amerika”, konnten wir daher mit echter Bescheidenheit abwehren. Sie kam von Herrn Wronkow, der die entdeckenden Karikaturen im “Aufbau” zeichnet und ebenso schoen schreibt. Vierzehn Tage sei wenig? Nun ja, er sei auch nach zwei Jahren im Land erst zu der Gewissheit ge langt, die Dinge zu verstehen. Aber bevor wir ein erleichtertes “na, sehen Sie!” einwerfen konnten, fuegte er — der Schalk blitzte ihm, wie man so schoen sagt, aus den Augen — hinzu: “Nach 20 Jahren jedoch merkte ich, dass ich sie doch nicht verstehe. Also kommt es, wie Sie sehen, auf die Dauer des Aufenthaltes garnicht an!” WORAUF ES ANKOMMT “Schreiben Sie doch ueber die Menschen in der Untergrundbahn, ueber den Chinesen, den jungen Mann mit dem bunten Pullover seiner Baseball - Mannschaft, das Negerkind mit den wunderbaren grossen Augen, den Herrn mit der dicken Brille und der jiddischen Zeitung, die Ihnen gegenuebersitzen”. Von den lautersten Absichten beseelt, kauften wir mit zwei winzigen Muenzen im Gegenwert von E? 1,00 eine noch, winzigere und fuhren Untergrundbahn. Weit und breit kein Chinese, keine Baseball — Mannschaft, keine jiddische Zeitung... Hatte man uns nur hereinlegen wollen? Wahrscheinlich nicht. Die Mannigfaltigkeit der Bevoelkerung in diesem Lande und speziell in New York, ist natuerlich nicht zu uebersehen. Voelker, Rassen, Religionen leben hier miteinander, nebeneinander und irgendwie durcheinander. Um das festzustellen, braucht man wirklich keine 20 Jahre, auch keine 2; es genuegen 2 Tage. Wie das funktioniert? Grossartig, wie alles oder fast alles, durch eine mit grosser Selbstverstaendlichkeit akzeptierte Disziplin, mit der eine sehr ins Detail gehende Reglamentierung respektiert wird. Fuer den juedischen Teil der Bevoelkerung kommt daher zu den 248 "Geboten und 365 Verboten der Mischna und Gemara eine schaetzungsweise zehnmal so grosse Anzahl staedtischer, staatlicher und foederaler Verordnungen, die der ansonsten so gepriesenen Privatinitiative viel weniger Spielraum laesst, als man sich vorstellt. Ein der englischen Sprache nur unzulaenglich maechtiger Besuchei braucht daher ungefaehr 48 Stunden, um alle Schilder, die ihn im Lauf von 24 Stunden lenken, beschuetzen und vor Missetaten bewahren sollen, wirklich zu lesen. Dieses auf den ersten Blick schier unloesbare Probleme ueberwindet man am besten dadurch, indem man die Haelfte der Schilder nicht liest. So etwa jenes, das in einem Naturschutzpark streng darauf hinweist, das Streicheln der frei herumlaufenden Baeren sei ungesetzlich. Da verlaesst man sich einfach auf seine Angst und laesst Gesetz Gesetz sein. Dass nicht alles immer grossartig funktioniert (siehe oben: “grossartig, wie alles oder fast alles”), kam fuer uns durch die Steuerbehoerde von New York an den Tag. Die hatte naemlich den Stichtag fuer die Steuererklaerungen vom 15. September auf den 1. Oktober verlegt. Als sie aber kurz vor Ultimo merkte, dass der l. Oktober auf Sonnabend fiel, wurde die feierliche Handlung zum zweiten Mal nue anberaumt, diesmal auf den 3. Oktober. Heimatklaenge... Leserbrief an die “New York Times”: “Dass man uns Pension - Empfaengern vom N. Y. - Staatsdienst jetzt soundsoviel Dollars jaehrlich mehr auszahlt, um die steig e nden Lebenshaltungskosten zu bestreiten, ist gut und schoen, aber nicht genug. Es wird der Natur der'Inflation nicht gerecht. Was wir brauchen, ist eine Aufbesserung in Prozenten, an den Index gekoppelt...” Heimatklaenge ... HEIMATKLAENGE Es gibt aber auch ergreifende, pathetische. Dazu gehoert die wunderbare Ansprache des Aussenministers Gabriel Valdes vor der Vollversammlung der NU. Er begann und endete in stolzer Resignation: “Ich spreche im Namen eines ganz kleinen Landes und weiss, dass wir nicht gehoert werden” Leider stimmt das. Der Rahmen war ■ imposant — der gewaltige, von Symbolen des Friedens und der Voelkerverbruederung erfuellte Saal —, die Rede von klassischer Groesse, aber ihr Weg fuehrte direkt in das tonnenschwere Protokoll - Archiv und nicht in das Gehoer der Delegierten. Die waren in ihrer Mehrheit zerstreut, anderweitig geschaeftig oder abwesend. So auch die Presse am 1. Oktober: “Gestern sprach in der Vollversammlung der Vereinten Nationnen der hollaendische Aussenminister Luns. Er fuehrte aus, dass sein Land... ” und nun folgen zwei, drei ausführliche Spalten, sodann, am Schluss: “Ausserdem sprachen die Aussenminister von Burma und Chile”. Valdes: “Trotzdem haben wir Vertrauen in die NU und erneuern unsere Adhaesion denn wir sehen in dieser Organisation weiterhin das beste Instrument fuer die Arbeit am Weltfrieden”. Wodurch sieht er diesen Frieden bedroht? vor allem durch den Abgrund zwischen Recht und Macht, zwischen Moral und Politik. “Gestern waren es die Gluecksritter, die unter dem Deckmantel der Religion Voelker unterjochten” (so der katholische Aussenminister einer Christlich — Sozialen Regierung!), “heute wird die Machtpolitik mit Konzepten wie Rasse und Nation gerechtfertigt. Rasse: wenn man bedenkt, welche Opfer es kostete, den Nazismus zu besiegen und dass erst 20 Jahre vergangen sind! Nation: wenn man bedenkt, dass es in letzter Instanz nur auf Eines ankommt, auf den Menschen selbst, das Individuum, sein Recht auf sein Leben und sein Glueck!” In gluehenden Worten geisselte er sodann die Apartheid - Politik und den rassischen Messianismus des kontinentalen China, die nationale Ueberheblichkeit der Grossen, sowie jener, “die gestern noch selbst in kolonialer Abhaengigkeit lebten und heute schon mit Waffen drohen und sich weigern, mit ihren Nachbarn einen Platz am Verhandlungstisch einzunehmen”. Wen meint er? Aegypten? Immerhin: eine ganz stattliche Anzahl lateinamerikanischer Delegierter erhebt sich, um dem chilenischen Kanzler mich seiner Rede zu gratulieren. Wir haetten ihm auch gerne die Hand gedrueckt. Aber leider geht das nicht. Da gibt es viele Schranken, nicht zuletzt die, dass der Mann, der am Rednerpult so realistisch darauf hinwies, nur einen der kleinen Mitgliedstaaten zu vertreten, fuer uns ein grosser Mann ist. Sache von Proportionen. Darum also zurueck aus dem Traum der Vereinigten Nationen in die Wirklichkeit der Vereinigten r MONAISSPIEGEl Staaten. Es sind nur zwei Schritte, bis zur 42. Strasse. DER SCHMELZTIEGEL “Farbe und Form”, hatte Valdes gesagt, “interessiert uns in der Kunst, wo sie Menschen und Voelker verbindet, ab er nicht im menschlichen Antlitz und um sie zu trennen”. Inwiefern naehert man sich diesem Ideal — oder entfernt man sich von ihm — in diesem Land? Was Interesse an der Kunst anbetrifft, geschieht dies mit einem Elan, der alles Gerede von dem Prototyp des materialistischen, nur auf Geld bedachten Amerikaners Luegen straft. Die herrlichsten Museen werden tagtaeglich von tausenden von interessierten Besuchern aufgesucht, Behoerden und private Stiftungen wetteifern in der Bereicherung und Pflege eines kulturellen Besitzes, der allein schon genuegte, um den Praesidenten zu der stolzen Behauptung zu bewegen, mit keinem Land der Welt tauschen zu wollen. Aber was hat es mit “Farbe und Form im menschlichen Antlitz “auf sich? Ein sehr kluger Beobachter des amerikanischen Lebens zum Thema “Schmelztiegel”: ’’Das funktioniert zum' Lunch. Beim Dinner ist —und isst— im allgemeinen wieder jeder fuer sich”. Das trifft nicht nur weitgehend fuer Juden zu, auch fuer Italiener, Iren, andere.. Auf der Ebene Neger und Weisse ist der Tiegel noch nicht einmal zum Lunch auf der richtigen Schm elztemperatur, meistenteils nicht einmal zum Nebeneinanderwohnen. Die Regierung gibt sich ungeheure Muehe, die positive Entwicklung zu foerdern: dies als Argument gegen die kommunistische und neonazistische Propaganda, die Parallelen zwischen Bitlerdeutschland und Suedafrika einerseits und den USA andererseits zieht. Dort waren oder sind die Regierungen auf der Seite des Unrechts, hier kaempft sie fuer das Recht. Aber der Kampf ist schwer, wie das folgende unter dutzenden von Beispielen aus diesen Tagen illustriert. Die Schulbehoerden von New York haben eine herrliche neue Schule mitten in Hartem fertiggestellt. Um zu vermeiden, dass daraus eine “segregated school” mit umgekehrten Vorzeichen wird wandte sie sich vor Schulbeginn an tausende von weissen Eltern der Umgebung, wies auf die vielen Vorzuego des neuen Prachtbaus hin und forderte sie auf, ihre Kinder dort eirizuschulen. Resultat gleich null, was mehr als mit Vorurteilen mit der Ueberlegung zu tun hat, wozu man die Kinder so weit schicken soll, wo es doch auch gute Schulen ganz in der Naehe gibt. Darauf bei Schulbeginn Streik der Neger - Eltern: In einer rein schwarzen Schule wollen wir einen schwarzen Direktor. Die Behoerden, von den reinsten Vorsaetzen beseelt, versetzen den weissen Direktor in eine andere Schule. Darauf Streik der Lehrer, die Neger unter ihnen inbegriffen, aus Protest gegen die Entfernung des beliebten untadeligen Direktors. Die Behoerden parlamentieren mit den Lehrern, beschwichtigen, ernennen einen farbigen Direktor, nicht minder beliebt und untadelig. Der jedoch weist die Ernennung mit Empoerung zurueck: “Ich bin gewillt, jeden Posten anzunehmen, den man mir aufgrund meiner Faehigkeiten anvertraut, nicht aber diesen, den man mir anbietet, weil ich ein Neger bin!” Hier riss der Fortsetzungsroman fuer uns, durch Weiterreise, ab, aber auch diese ersten Kapitel sind vielsagend: fuer New York. New York ist aber nicht die Staaten. Staaten ist Plural. Ein franzoesischer Journalist schrieb von Jahren ein Buch “Die 48 Amerikas”. Inzwischen ist Hawai und Alaska dazugekommen. BLACK POWER^.. Das Problem hat also 50 Fazetten. Oder mehr. Durch Addition kann man, als 51., Washington, D. C. hinzuzaehlen, wo der Besucher den, vielleicht irrigen, Eindruck hat, dass mehr Neger als Weisse leben. Die weisse Kellnerin, die einen Andersfarbigen bedient, stellt dort keine Ausnahme dar. Aber in Alabama oder Georgia ist das undenkbar. Durch Multiplikation kann man das Problem in mehr als hundert spalten, denn innerhalb eines jeden Staates liegen die Dinge anders, auf dem flachen Land, in den Kleinstaedten, bei den Farmern, oder in der Industriestadt. Welches ist wohl der gemeinsame Nenner? Sofern es einen solchen ueberhaupt gibt, kann man ihn durch die Gefahr definieren, dass die Regierung und die Kraefte des Fortschritts — Martin Luther King, Roy Wilkins, weisse Integrationisten — durch die Dynamik der Gegensaetze ueberrundet werden. Ihren explosivsten Ausdruck findet die in der “Black Power” — Bewegung, die einer wachsenden Anhaengerschaft unter der farbigen Bevoelkerung predigt, die Integration sei kein erstrebenswertes Ziel mehr, Gegen den Hass der Weissen, der Hass der Schwarzen. (Fortsetzung Seite 25;