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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-09-01 · 9 (Septiembre, 1966) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
9 (Septiembre, 1966)
Date
1966-09-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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SEPTIEMBRE 1966 BOLETIN INFORMATIVO 9 GEDANKEN ZWISCHEN ZWEI UND DREI WORÜBER WIR WEINEN Wie es auch sei, wir weinen zu viel. Wir weinen um zu Vieles, waere besser gesagt Es muessen nicht Traenen sein, die um Geschehnisse fHessen, die (auch nur zum Teil) Traenen wert sind, es kann Weinen sein mit Worten mit dem Verstand, mit Laune, mit Politik. Weinen in Handlung, in Taetigkeit, in Haltung, Gang und Geste und sogar in Kleidung. Man kann sich in Weinen und Weinerlichkeit vertiefen, kann es sich angewoehnen, kann mit Sucht Gelegenheit dazu aufspueren oder kreieren. Es gibt wirklich Menschen, die das geniessen. Um solche Typen mache man einen weiten Bogen, sie verdunkeln den strahlendsten Tag, saeuern den suessesten Wein. Ihnen geht es nie: “Danke, gut”, “Es koennte wesentlich besser gehen”, ist ihre positivste Antwort. Sie verlangen von der Umwelt reichlich viel an Geduld, Verstaendnis, Zeit, Ruecksichtnahme und geben herz, lieh wenig, da sie nur ihre eigenen kleinen Kuemmernisse anzubieten haben und selten ueber sie hinaus zu sehen imstande sind. Allgemeinwohl interessiert sie nicht sehr. Grosse Fragen und Probleme ertrinken in ihrer Kleinlichkeit und engstirnigen Weltanschauung. Sie sehen sich selbst und rings um. sich alles schwarz und unwichtig verschwommen. Ihr Horizont hoert an ihrer Nasenspitze auf, sie leben rueckbezueglich und ohne Mut. Es waere schoen, wenn man schlicht und einfach ueber sie lachen koennte, aber schon ein Laecheln bringt sie zum weinen. Ihre Seele ist wasergetraenkt und kennt nicht die wundersame Geschmeidigkeit des lebenswichtigen und beglueckenden Humors. Es sind arme Gesellen. Buchen wir sie ab. sie sind unerquicklich und langweilig, denn sie beweinen im Grunde immer nur sich selbst. Wir weinen mit Recht um die Negerfrage, mit Entsetzen um 45 Kriege, die seit dem offiziellen Friedensschluss 1945 in der Welt toben, um Hungersnot, um traurige Kinderaugen. Um Tierquaelerei und Jugend— Verbrechen, um verbohrte Ignoranz und uebersteigerten Egoismus. Wir weinen verzweifelt und lange, lange Zeit um unsere Toten, die erst dann tot sind, wenn sie nicht mehr durch unsere Herzen wandeln. Wir kennen die bitteren Zaehren des verletzten Stolzes, der widerfahrenen Missachtung. Wir weinen vor der staehlernen Mauer der Intoleranz, der ausgelieferten Hilflosigkeit, der gebunderen Haende. Wir weinen viel, viel zu viel! Traenen erleichtern, aber helfen und aendern nichts. Denn wir weinen und jammern auch, wenn sich unser Weltbild verschiebt, statt sich ihm mutig anzupassen. Wir weinen um Misserfolg, statt mit Ausdauer Neues zu beginnen. Um unerfuellte Wuensche, die wir eher resigniert abschreiben, statt sie durch bescheidenere neu zu beleben. Um verlorenen Besitz, der — wie alles Materielleersetzbar ist. Um ferne, fehlgeschlagene Sehnsuechte. die nur schoen und erstrebenswert sind, solange sie Ziel bleiben und nicht erreicht werden. Um Vergangenes, das die Erinnerung vergoldet, die Gegenwart aber vernebelt und der Zukunft keine Chance gibt. Um die verlorene Jugend, die die Zeit uns geraubt oder die wir selbst im Herzen durch Klagen getoetet haben. Wir weinen viel, zu viel! Man sagt, die Zeiten seien nur zum weinen und wenig, herzlich wenig bleibe zum Frohsein. Warum suchen wir es nicht, es liegt bereit und will gefunden werden. Die kleinen Freuden des Lebens sind da und wollen mit Frohsinn genossen sein, —aber man muss sie zu sehen, zu schaetzen verstehen und sie dankbaren Herzens erkennen. Gottes herrliche Natur ist voll davon, in verschwenderischer Fuelle, wir stolpern ueber sie, wo wir sie garnicht vermuten. Der routinierteste Tag bietet sie uns —oft schalkhaft versteckt— mit offenen Haenden. Ziehen wir die truebe Gardine vor unserer Seele zur Seite und lassen wir die — wenn auch oft spaerlichen— Sonnenstrahlen der Zufriedenheit, der Lebensfreude, des Optimismus einziehen in unsere Herzen, die leider mit so grosser Bereitschaft Trauriges, Negatives aufnehmen und sich dem Heiteren, Frohen, Unbeschwerten blind verschliessen. Die Welt IST schoen, auch wenn sie sich zeitweilig in Schme r z e n kruemmt, sie ist SO schoen, wie WIR sie uns gestalten, mit wieviel Müt und Kraft wir ihr entgegentreten, mit wieviel Freudigkeit wir verstehen, das Gute, Edle, Erfreuliche und Positive zu sehen, zu schaffen, zu geben. WORUEBER WIR LACHEN Das kann man garnicht genug tun, dies herzliche, befreiende, beglueckende, melodische Exerzitium, das aus tiefstem Herzen aufquillt in Lebensbejahung und Frohsinn. Wir lachen zu wenig, viel zu wenig! Das giggelnde Gekicher der Jugend, so bloede es manchmal erscheinen mag, ist ansteckend und erheiternd; das sonore Lachgepolter des Situationsgewachsenen Mannes entspannt geladene Atmosphaere: das humorvolle Laecheln der klugen Frau nimmt Schaerfe und Stachel. __ Man sagt, dass man im Verlaufe eines Tages mindestens 3 mal herzlich und spontan lachen. sollte, wolle man sich jung und frisch erhalten. Aber lachen, richtig lachen! Nicht schmunzeln, nicht laecheln, nicht nur das Gesicht verziehen und sich wuerdevoll eines Ernsteren besinnen, nicht dies kurze Aufflackern des Auges, das innere Genugtuung anzeigt, nicht das zaehnebleckende Darbieten .eines krampfhaft vergnuegten Gesichtes, das immer fotographie - bereit scheint und zur Maske werden kann. Nein, lachen: prustend, wunderbar, befreiend und herzhaft. Haben Sie schon einmal beobachtet, mit welch tierischem Ernst die Menschen auf der Strasse entlang hasten? Angespannten, gefurchten Gesichts — man spuert ihre belastenden Gedanken, liest sie aus den finsteren Mienen. Ob das nun in New York, Frankfurt oder Santiago ist, — das Strassengesicht ist ernst und unfroh, unbeschwertes Schlendern ist der Hast gewichen; die Strasse entbehrt des vergnuegten Moments. Jeder ist zu sehr mit sich selbst beschaeftigt, um Zeit und Sinn fuer das Ulkige, Heitere, Bizarre zu haben, — er eilt daran vorueber. Und es gibt so viel Vergnuegtes, Komisches zu sehen und zu beobachten. Da ist der schwammige Dicke, der wabbelnden Bauches hinter dem Bus herlaeuft; das junge, naturhuebsche Ding, zur echtgemacht, maskiert, wie ein Tingel - Tangel - Maedchen, mit ueberhohen Stoeckel - Absaetzen, aufgebobbtem Wuschelhaar, zu engem und zu kurzem Rock, dessen kindhafte Unschuldsaugen unter falschen Wimpern blinzeln. Die eirunde, winzige Isetta, die, wie ein Kueken nebenher hastend, knatternd den eleganten Kurven - Schwung des riesigen Busses nachzuahmen bemueht ist. Die tschilpenden, uebermuetigen Spatzen, die sich begeistert in einer Pfuetze baden, spielend, wie kleine Kindei. Der wuerdevolle, stabschwingende Verkehrsschutzmann, der im tollsten Betrieb einen schmunzelnden Seitenblick nicht unterdruecken kann, wenn ein huebsches, hueftenschwingendes, kesses Maedchen vorueber geht. Der zahnlueckige, leicht beschwipste Rotito, der, mit unnachahmlicher Grandezza sich verbeugend, einer vorbeirauschenden Dame eine grazioese Schmeichelei zuruft. Das breitgesichtige, toternste Mapuch Koepfchen des kleinen Buebchens unter einem oberbayrischen Seppl- Huetchen. Der studierende Juengling im Park, der verzweifelt am nicht wachsenwollenden, spaer liehen Flaumbart zupft. Die mit flatternder Haube motorradfahrende Nonne. An jeder Ecke wartet die Situations - Komik in kleiner oder grosser Dosis, — sie.will nur erkannt und genossen werden. Gemeinsam lachen verbindet Menschen mehr, als alle ernsten Gespraeche, jede problemhafte Philosophiere. rei. Die heitere Seite des Lebens auch da zu finden, wo alles truebe und dunkel scheint, ist ein unvergleichliches Talent, das mit Leichtsinn nichts zu tun hat. Es ist eine Gottesgabe, die man garnicht hoch genug schaetzen kann. Schaetzen und weitergeben an Viele, die sie dringend brauchen. Ja, wir lachen alle zu wenig, viel zu wenig! Es gibt natuerlich viele Abarten des wahren, richtigen Lachens, Surrogate, die versuchen es zu scheinen und es nicht erreichen. Da ist das meckernde Gelaechter der Schadenfreude, das schiefe Grinsen des Hohns, das mokante Mundverziehen der beissenden Ironie, das unbarmherzig - haltlose Lachen der Hysterie, das sinnlose Kichern der Dummheit. Sie alle sind durchsichtig und verletzen, statt zu erfreuen. Da sind die Strassen . Lacher und Haus - Weiner, — unertraeglich fuer ihre Unwelt, nach der einen, wie nach der anderen Seite. Verkrampfte, unsichere Typen, die ihre Komplexe ueberkompensie. ren. Kinder und Primitive verstehen keine Ironie; sie mit Sophistereien zu quaelen ist unbarmherzig. Beson d e r s fuer Kinder sind solche “Spielchen” gefaehrlich, denn sie nehmen alles ernst und woertlich und koennen das Vertrauen verlieren. Aber lachen, herzlich und aufrichtig, soll man so viel und so oft wie moeglich mit jungen Geschoepfen. Die heiteren. unbeschwerten Momente bleiben staerker haften, als traurige Erlebnisse, die der n o r male Selbsterhaltungstrieb gerne aus dem Gedaechtnis eliminiert. Frohe Vater- oder Muttergesichter erinnern sich leichter und dankbarer, als sauere Mienen. Der Mund ist nicht nur da zum essen, atmen, reden. Er ist das herrliche Ventil des Zwerchfell - kitzelnden, lauthalsigen Lachens, zu dem er aufgerissen werden darf, weit, wie nie zum essen, nicht zum atmen, und am wenigsten zum reden. Je ueberquellend voller er damit ist, umso besser, — was wiederum bei den drei anderen Betaetigungen abstossend wirkt. Nichts im Leben ist ganz weiss, nichts hoffnungslos nachtschwarz. Die groesste Freude hat eine gestreifte Schattenseite, die quaelendste Verzweiflung Lichtblicke und Hoffnung. Beide Hoehepunkte des seelischen Erlebens einfach zu mischen, auf sie individuell zu . verzichten, ergaebe ein trostloses Grau, ein uninteressantes Flachland. Aber aus dem Dunkel das Helle suchen, das Helle nicht nach dem Dunkel zu durchackern, ergibt eine gesunde Basis fuer Lebensfreude. Und die ist so wichtig, so unerhoert wichtig, mehr, als das taegliche Brot. Sie speist die Seele und teilt sich mit, sie schafft Freude und Freunde. Der frohe, leicht lachende Mensch braucht Menschen — und man sucht ihn; der Weinende bleibt letzten Endes alleine. Wir weinen zu viel und um zu Viel, wir lachen viel zu wenig! K.g Hundert Jahre Synagoge” - Berlin „r 1 iwuciaiuiiBü Auienmait in Berlin weilte der Schreiber dieser Zeilen auch im Ost-Sektor und stand vor den Ruinen der “Neuen Synagoge” in der Oranienburgerstrasse, die vor jetzt hundert Jahren im September 1866, unmittelbar vor den Hohen Feierta gen, emgeweiht worden war. Dieses Gotteshaus, zweifellos eines der schoensten Europas, war das erste liberaler Richtung, das in der damaligen Preussischen Hauptstadt errichtet worden war. Sein Bau sollte eine neue Epoche einleiten, und damit sollte der Weg der gemaessigten Reform”, im Gegensatz zur radikalen, gekennzeichnet durch den Holdheimschen Reformtempel in der Johannisstrasse, der einst in Hamburg, Wien und anderen Gemeinden beschritten worden war, fortgesetzt werden. Die Synagoge, welche fast 2.500 Plaetze aufwies, bot eine sehr wohlklingende Orgel, eine neue Gebetsordnung massvollen Charakters und einen besonders schoenen Chorgesang. Die feierliche Einweihung dieser zweiten Berliner Gemeindesynagoge (die erste war die “alte Synagoge” in der Heidereutergasse) fand in Gegenwart des damaligen Koenigs Wilhelm I, des nachmaligen Deutschen Kaisers, statt und war ein gesellschaftliches Ereignis fuer das juedische Berlin. An der “Neuen Synagoge” wirkte durch viele Jahre als musikalischer Leiter der grosse Komponist Louis Lewandowski; hier amtierten sehr bedeutende Prediger wie die Rabbiner Abraham Geiger, Siegmund Maybaum, Adolf Rosenzweig, Samson Weiss, Louis Blumenthal, Malvin Warschauer u.a. Der letzte Oberkantor Leo Golanin (gestorben 1948) fand seine Ruhestaette in der Ehrenreihe des Friedhofes zu Weissensee. Zu den staendigen Besuchern des sehr wuerdigen und schoenen Gottesdienstes an den hoechsten Festen gehoerte durch eine Reihe von Jahren der geniale Regisseur und Buehnenleiter Professor Max Reinhardt. In der “Kristallnacht” wurde die Synagoge verschont, anggbljch* weil Telegraphenleitung,en durch ihre Fundamente liefen. Doch bei einem der grossen Bombardements von 1942 oder 1943 wurde sie zerstoert. Nicht ohne innere Bewegung steht man heute vor den Resten der Fassade, die ein Bauzaun verkleidet, eine der kleinen Kuppeln, die das Hauptportal einrahmten, blieb erhalten, ebenso die hebraeische Inschrift ueber dem Eingang. Die Strasse selbst, einmal eine nicht unbelebte, gute Wohngegend, wirkt heute heruntergekommen, vernachlaessigt, weist noch viele Haeuserluecken auf und ist eine der vielen leblosen Verbindungswege im Ostsektor Berlins. Curt Wilk 3

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