Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVIII (1966)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1966)
- Date
- 1966-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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SEPTIEMBRE 1966 BOLETIN INFORMATIVO ZYNISMUS GEGEN ZIONISMUS Eine der aeltesten Waffen der Araber im Kampf gegen Israel und den Zionismus ist der Zynismus, mit dem sie diesem “aggressive” Absichten unterstellen und die eigenen Kriegsvorbereitungen und —handlungen als “Abwehraktionen” bezeichnen. Eine neue Spitzenleistung auf diesem Gebiet haben vor wenigen Tagen die Syrer geliefert, nachdem der Sicherheitsrat der UN —zum ersten Mal— seine Funktion der stereotypen Verurteilung Israels, die ihm die Araber zugedacht haben, nicht erfuellte. Der Wortschwall von Drohungen, mit dem sie reagierten, klingt in mehr als einer Hinsicht “chinesisch”, insofern sie naemlich nicht nur unlogisch und reichlich unverstaendiich sind sondern auch das Produkt jener Abart marxistischer Dialektik, mit der man hi Peking logisches Denken zu ersetzen versucht. Die an und fuer sich sehr erfreuliche Tatsache, dass der Sicherheitsrat diesmal davon Abstand genommen hat, die arabischen Angreifer zu ermuntern und Israel um einer Vergeltungsaktion willen zu ruegen, deutet 11atuerlich nur sehr bedingt fuer ein wachsendes Verstaendn i s oder Gerechtigkeitsgefuehl in diesem Gremium. Wie kompliziert die Dinge dort in Wirklichkeit zugehen, geht sehr klar aus der Analyse unseres Mitarbeiters Dr. Abner Nechushtan (“Vietnam im Hintergrund”) .in dieser gleichen Ausgabe des “B. I.” hervor. Man hatte eben auf der Gegenseite die diplomatischen Geschuet ze auf zu weitgesteckte Ziele eingestellt, indem man die routinemaessige Verurteilung Israels durch Analogie und rhetorische Verallgemeinerung in eine Verurteilung der Vereinigten Staaten verwandeln wollte. Und das war nicht nur komplizierter, als die Herren sich das vorgestellt hatten, sondern es funktionierte einfach micht. Nun kann die Tatsache, dass der Sicherheitsrat nicht in der Lage ist, eine der fuenf Maechte mit Veto — Recht (oder vier, wenn man Taipeh ausnimmt) zu verurteilen, niemanden ueberraschen. Im Notfall verfuegen sie ja gerade... ueber das Veto-Recht. Was aber wohl ueberraschend anmutet, ist die Tatsache, dass Washington, weit davon entfernt, diese Analogie zwischen israelischen Repressalien an den Grenzen und dem eigenen Krieg in Vietnam als Humbug abzutun, sie ernst nimmt, debattiert und in die eigenen Argumente einbaut. So ist es zum Beispiel eine bekannte Tatsache, dass die USA bereits seit geraumer Zeit grosses Interesse daran bekundet haben, Jerusalem zur Aufnahme von Beziehungen zu Saigon zu bewegen. Man glaubt sowohl dort wie in Washington, wahrscheinlich mit guten Gruemden, dass die israelische Erfahrung auf sozialem, technischem und vielleicht sogar strategischem Gebiet fuer Sued—Vietnam von Wert im Kampf gegen den Vietkong sein koennte. Bevor diese Einsicht gedaemmert war, hatte Saigon Israel “nicht anerkennen” wollen und es ist auch aus jener Epoche nichts bekannt darueber, dass Washington sich beeilt haette, seine jetzt so intensiv angewan d t e “freundschaftliche Vermittlung” zwecks Herstellung der Beziehungen einzusetzen, wie dies ja schliesslich bis heute auch bei der ganz stattlichen Anzahl von Staaten, die immer noch auf diesem Standpunkt beharren noch nicht der Fall ist. Es mag unter anderem dies ein Grund gewesen sein, dei Aussenminister E'ban dazu bewog, die Aufnahme der Beziehungen m i t Saigon nicht zu ueberstuerzen; der wichtigste ist selbstredend der, dass Israel kein Interesse hat, eine Rolle in jenem Krieg zu spielen und dem bloedsinnigen Gerede vom “Stuetzpunkt des Imperialismus” einen, wenn auch noch so fadenscheinigen, Vorschub zu leisten. Mit den eigenen Konflikten ist der israelische Bedarf gedeckt. Aber Washington laesst nicht locker. Verlautbarungen von hoher und hoechster Seite pochen darauf, dass Israel, im Hinblick auf seine eigenen Vergeltungsaktionen jenseits der eigenen Grenzen, Verstaendnis und Solidaritaet fuer die amerikanischen gegen Nord- Vietnam aufbringen muesse. Abgesehen davon, dass der Krieg in Vietnam hoffentlich nichtt so s c h 1 e cht steht, dass die israelische Solidaritaet von grosser Be deutung sein duerfte ueberrascht an diesem Argument seine unhaltbare Eingleisigkeit. Wenn es wahr ist, dass der Vietkong entscheidende Unterstuetzung von Nord — Vietnam erfaehrt und wenn es wahr ist, dass ein Krieg gegen den Vietkung nur gefuehrt werden kann, wenn man ihn auch gegen Nord- Vietnam fuehrt, dann laesst sich natuerlich eine Parallele zu El Fattach und Syrien sowie zu El Fattach und Jordanien oder Aegypten konstruieren. Mit keiner Logik der Welt kann man aber dann leugnen, dass nicht nur A gleich B ist, sondern auch B gleich A, und wer Hanoi und Haiphong bombardiert, sollte 'wenn man Israel ruegt, weil es einen Angriff gegen die Ableitung» pumpen des Jordan durchfuehrt, sich doch der groessten Zurueckhaltung befleissigen. Was, wie erinnerlich, bisher nicht der Fall war,' und dieses Mal... strikt im eigenen Interesse. Spinnt man den Gedankengang der Analogie zwischen beiden K o n f 1 ikten noch etwas weiter, so wird die Gewichtsverteilung der Argumente sogar noch guenstiger fuer Israel. (Leider wiegen Argumente in der Politik nicht so viel wie andere Tatsachen, aber es ist eben dies eines der wenigen Gebiete, auf dem sich Israel mit USA messen kann). Man muesste da naemlich gegenueberstellen die Notwendigkeit und die Berechtigung eines Krieges, der praktisch bei Antipoden gefuehrt wird, um — wie dies die offizielle amerikanische Version ist — ein befreundetes Volk vor der kommunistischen Gefahr zu bewahren, auf dass es seinen Staat in Freiheit und gemaess den Grundsaetzen der parlamentarischen Demokratie organisieren kann, und einem solchen, der —wie im Falle Israel— aufgezwungen wird, um die Integritaet der eigenen Grenzen, den Besitz des eigenen Landes, die Existenz des eigenen Staates und das physische Leben seiner Bewohner selbst vor der Vernichtung zu bewahren. Und da sollte nicht alles, was in Vietnam recht, in Israel billig sein?! Schliesslich ist diese Gegenueberstellung noch fuer alle jene aengstlichen Gemueter von Nutzen, die durch eine Uebertreibung der Analogie zu ebenso uebertriebenen Befuerchtungen gelangen, was die Anwendung von Vietkong-Taktiken durch die Banditen von El Fattach anbelangt. Gewiss, die syrische Regierung steht unter chinesischem Einfluss und es ist moeglich, dass chinesische Ideen ueber Guerrilla-Taktik —die unfehlbaren Lehren des grossen Meisters und Lehrers Mao— bei El Fattach WIR Der Film “Doktor Schiwago” hat, ungeachtet all der Schwaechen, die von den spezialisierten Kritikern bemaengelt wurden, zweifellos sehr viel poetische und sehr viel erschuetternde Momente. Darunter verdient der folgende hervorgehoben zu werden: Juri Schiwago ist einsam und verlassen, gealtert und krank. Seine Familie ist irgendwo in der Emigration, wohin keine Briefe gelangen und von wo keine kommen. Lara hat er verloren. Da sieht er sie ploetzlich auf der Strasse gehen, waehrend er mit der Strassenbahn zur Arbeit faehrt. Er springt von seinem Sitz auf um hinauszustuerzen. ihr nach, aber die Bahn ist so voll, dass er sich nicht durch die Menge draengen kann. Er versucht das Fenster aufzureissen, doch ist es ihm unmoeglich, denn die Riegel und Scharniere geben nicht nach. Von der rasenden Angst geschuettelt, diese letzte, einzige Moeglichkeit des Ausbruchs in die Aussenwelt, der Verbindung mit dem, was ihm das Leben lebenswert und lieb machte, zu versaeumen, klopft und trommelt er gegen das Fenster. Im Laerm der ratternden Bahn und der Strasse geht sein verzweifeltes Signal unter. Sie sieht ihn nicht und sie kann ihn nicht hoeren. Als er sich schliesslich einen Weg durch die Menge oeffnet und ihr nacheilt, ist es zu spaet .. Dieser Angsttraum, jemanden zu suchen und nicht nur nicht zu finden, sondern sich bis auf Reichweite genaehert zu haben und ihm dann die Hand nicht reichen zu koennen, gehoert —wie Arthur Koestler dies in anderem Zusammenhang richtig festgestellt hat— zu den im koilekti v e n Unterbewusstsein schlummernden menschlichen Aengsten. Er schrieb 1944: MONATSSPIEGEL flaches, besiedeltes und bewachtes Land und unaufhoerlich patrouillierte Grenzen. Und schliesslich der wichtigste aller Faktoren: der Mensch. Nicht einmal die ueberzeugtesten Verteidiger der amerikanischen Aktion in Vietnam sind von dem Kampfeswillen der Einheimischen sehr begeistert. So mancher Buddhist, so mancher Bauer von Hue, so mancher Analphabet von Da Ngtng wuerde vielleicht lieber Frieden machen als totzuschiessen und sich totschiessen zu lassen. Wenn man aber in Damaskus sich einbildet, von den Drohungen zu Taten schreiten zu koennen, dann haetten sie es mit einer Volksarmee zu tun. Und dann waere Schluss mit allen Parallelen. zur Verwendung gelangen. Aber Israel ist nicht Sued- Vietnam. Erstens einmal haben Guerrilla-Kriege bisher inmer nur entweder gegen eine beim Volk verhasste Regierung oder gegen eine Besatzungsmacht Sinn und Erfolg gehabt. Im ersten Fall war Mao gegen den Kuo-Min- Tang oder Castro gegen Batista, im zweiten Tito gegen die Nazis oder Sukarno gegen die Hollaender. Es mag dahingestellt bleiben, ob in Vietnam eine dieser Voraussetzungen zutrifft —oder gar beide—; in Israel jedenfalls treffen sie nicht zu. Sodann das Terrain: dort tropischer Dschungel, der ganzen Bataillonen Unterschlupf bietet, und offene Grenzen; hier GEHEN VORBEI... ‘ Es gibt fuer mich einen Traum,, der in fast regelmaessigen Abstaenden immer wiederkehrt. Es ist dunkel, ich werde in einer Art von Dickicht oder Gebuesch ermordet; eine belebte Strasse fuehrt in kaum zehn Meter Entfernung daran vorbei: Ich schreie um Hilfe, aber niemand hoert mich, die Leute gehen lachend weiter. Ich weiss, dass sehr viele Menschen etwas A e h n 1 iches traeumen, wenn auch mit individuellen Abweichungen. Ich habe darueber mit Psychoanalytikern gestrit t e n, und ich glaube, dass hier ein Archetyp im Jungschen Sinne vorliegt: ein Ausdruck jener letzten Einsamkeit, in der das Individuum dem Tod und der Gewalt des Kosmos gegenuebersteht; ein Gleichnis seiner Unfaehigkeit, den einzigartigen Schrecken seines Erlebens mitzuteilen. Ich glaube ferner, dass hier die Wurzel der Unwirksamkeit unserer “Greuelpropaganda” liegt. Denn schliesslich seid ihr die Menge, die lachend auf der Landstrasse vorueberzieht. Und einige wenige von uns, die entronnenen Opfer oder Augenzeugen dessen, was in dem Dickicht vor sich geht, wir schreien auch weiterhin, von unseren Erinnerungen gepeinigt, schreien ... auf euch ein. Dann und wann gelingt es uns auch, euer Ohr eine Minute lang zu erreichen... Aber es dauert nur eine Minute lang ... und ihr spaziert weiter unter dem Schutz der Traumbarriere, d i e jeden Laut erstickt”. Das Innere der strassenbahn des Dr. Schiwago, das Dickicht, in dem Koestler ermordet wird und verzweifelt schreit, war damals, 1944, das Europa der Nazis. Und die Leute auf der Strasse reagierten so: “Sie glauben nicht an Konzentrationslager, sie glauben nicht an die verhungerten Kinder in Griechenlarfd, an die erschossenen Geiseln in Frankreich, an die Massengraeber in Polen; sie haben noch nie etwas von Lidice, Treblinka oder Belsen gehoert; man kann sie eine Stunde lang ueberzeugen, dann schuetteln sie sich, ihre seelische Selbstverteidi-' gung beginnt zu arbeiten, und nach eine Woche hat sich das Achselzucken der Unglaeubigkeit wieder eingestellt wie ein Reflex, der voruebergehend durch einen Schock geschwaecht war”. Damals fuhren wir in der Strassenbahn und draussen war die Strasse, die freie Welt. Heute gehen wir auf der Strasse. Und wenn man sich vor Augen fuehrt, dass in der Tram, die durch die Strassen von Moskau rattert, die Juden von Russland fahren, aussteigen wollen, die Fenster nicht aufreissen koennen, verzweifelt an die Scheiben trommeln, so muss damit noch nicht unterstellt werden, dass die Endstation unbedingt Lidice, Treblinka oder . Belsen höisst. Es ist auch ohnedies dramatisch genug. Menschen wollen aussteigen und man laesst sie nicht. Nicht etwa, weil man sie drin so gerne haette: so wie dem Juri Schiwago, der Gedichte schrieb, an ein individuelles Leben glaubte, eine Krawatte trug und aus all diesen und anderen Gruenden suspekt war, begegnet man ihnen mit Gleichgueltigkeit, Misstrauen, Feindseligkeit. Draussen sind wir, ist Israel, geht Lara... Und wir sind ihnen das schuldig: immer an unsere Verpflichtung zu denken, alles zu tun, um ihnen beim Aussteigen zu helfen. Eingedenk der Zeit, da man uns nicht sah und nicht hoerte und nicht glaubte und nicht half... ATSCHEKA