Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-08-01 · 8 (Agosto, 1966) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
8 (Agosto, 1966)
Date
1966-08-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/8553624-8559645-9194701--4904-8559832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

AGOSTO 1966 BOLETIN INFORMATIVO 9 DEUTSCHLAND 1966 (Fortsetzung von Seite 1) wagen hat augenscheinlich dazu beigetragen, sie seit 1945 zu einem der “erstklassigen zweitklassigen” Staatsgebilde des alten Kontinents aufsteigen zu lassen. In Bonn wurde mir von fuehrenden Parlamentariern der sozialdemokratischen Opposition ^glaubhaft versichert, dass es ebenso und gerade der SPD fernliege, die vom Bundesaussenminister Schroeder eingeleitete Akzentverschiebung von Paris nach Washington zu bemaengeln, vom ‘‘Europa der i Vaterlaender' des franzoesischen Staatspraesidenten zur Wfederannaeherung an die “Atlantische Gemeinschaft”. Da de Gaulles Parole der “Vaterlaender”, ins Deutsche uebersetzt, nach den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit den |Beiklang eines ungehemmten Nationalismus hat, wird man diese Kursschwenkung des Auswaertigen Amtes aus der Distanz des nichtdeutschen Besuchers geradezu ¡als Akt weiser Seibstbeschraenkung ansehen. Indem diese aussenpolitisch« Weichenstellu n g das Vertrauen der Welt zum jetzigen Deutschi and erhoeht, kommt sie seiner Stellung im “Konzert der Voelker” vermutlich nur zugute. Gesteigertes internationales Vertrauen waere nach meinen Eindruecken ebenso die Folge ,“west-oestlicher Gespraeche”, zwischen Repraesenten der zwei deutschen Staaten, wenn diese Gespraeche nach den bisherigen schuechternen Ansaetzen zustande kommen sollten, so nach dem in Bad- Homburg 1 schon im April durchgefuehrten “Meinungsaustausch” zwis c h e n den “Freien Demokraten” und der mitteldeutschen liberaldemokratischen Partei. Bis auf weiteres droht der Redneraustausch , allerdings am Widerstand der Genossen Walter Ulbrichts in Pankow zu scheitern, und i am Argwohn einflussreicher westdeutscher Parteipolit i k e r, dass “die Zone” damit aufgewertet werde. Aber unueberhoerbar klang aus vielen Aeusserungen, die mir anvertraut wurden, der Wunsch einer offenbar im Wachsen begriffenen Schar von Deutschen echter liberaler Gesinnung, und besonders junger Menschen, die Beziehungen zur “Z o n e” aufzulockern, zur “Deutschen Demokratischen Republik”, wie diese Kreise sie neuerdings ohne das ueblicherweise ¡bisher vorangestelltie “‘sogenannte” nennen. Die Bundesrepublik sei jetzt so gestaerkt, wurde mir wieder und wieder erklaert, dass sie nicht zu befuerchten habe vom Ausland koenne die Weiterfuehrung und sogar Ausweitung der vom Berliner Bürgermeister Willy Brandt ■ inaugurierten “Politik der kleinen Schritte” als ein Abgehen von ihrem deutschen Alleinvertretungsanspruch missdeut e t werden. Gleichzeitig jedoch wuerde sich ein solches, von ¡Bonn gefoerdertes “Tauwetter” unter Umstaenden positiv auf die Beziehungen Westdeutschlands zu den Laendern des Ostblocks auswirken. ja, , dann waereu hueben und drueben, in Bonn wie in Pankow, vielleicht sog a r Voraussetzungen g eschaffen ,auf den 1955 vom stellvertretenden Vorsitzenden der SPD Herber Wehner zur Debatte gestellten Konfoederatmnsplan der zwei Staaten im Rahmen einer Neutralisierung jGe samt- Deutschlands zurueckzugreifen; so hoerte ich. Die Idee der europaeischen Befriedung waere der Nutzniesser, aber nicht anders die allgemein-politische Reputation der Bundesrepublik. Ob all das nur Wunschdenken ist, vermag der aus der Ferne gekommene fluhchtige Besucher selbstredend nicht zu durchschauen. Klar wurde mir nur eins: Nicht nur vom Einschluss der Sozialdemokratischen Partei in Erhards Regierungskoalition haengen die Aussichten auf diese Auflockerung der zwischen West - und Ostdeutschland heute noch weitestgehend erstarrten Fronten mit ab. Von noch ungleich groesserer grundsaetzlicher Bedeutung ist es, dass die bundesrepublikanische Demokratie von 1966 weder von Ungeistern der "Vergangenheit zermuerbt wird, den unverbesserlichen Neonazis der “Nationaldemokratischen Partei” (NPD), noch dass sie zu der von Prof. Karl Jaspers fcfefuerchteten “Oligarchie” der massgebenden machtvollen, hinter ihnen stehenden hochkapitalistischen Interessenten entartet, zu einer rein formalen, heuchlerischen “Gefaelligkeitsdemokratie”. Dass diese “Demokratie” heute schon - und wie! - praktiziert wird, bezeugt dem aufmerksamen Beobachter die Betriebsamkeit der “lobby” im Foyer und Restaurant des Bundestagshauses. Mir jedenfalls will scheinen, dass dem Gefuege Westdeutschlands von innen her in der Zukunft durch diese zwei Bruchstellen mehr Gefahren drohen als vom Kommunismus, der offiziell und offizioes als die Gefahr aller Gefahren ebenso emphatisch an die Wand gemalt wird, wie im Dritten Reich unseligen Andenkens “der Jude”. Damit jedoch ist, es versteht sich, die schlechterdings entscheidende Frage angeschnitten. Geht es um die Zukunft Westdeutschlands, geht es um seine Jugend. Wie sieht sie aus, wie steht es mit ihr, wo steht sie? EINE HEILSAM ERNUECH- TERTE JUGEND Wer von aussen sieht und hoert, hat sich hier selbstredend besonders vor Verallgemeinerungen zu hueten. Provinzorte oder gar Doerfer konnten in eine auf so knappe Zeit beschraenkte Informationsreise nicht gut eingeschlossen werden. Immerhin ergaben die oft “unprogrammgemaess” langen Gespraeche, die sich in den vier, fuenf grossen Staedten dieser Reise mit Studenten und Absolventen der Hochschulen ebenso wie mit jungen kaufmaennischen Angestellten, Automechanikern usw. herbeifuehren Hessen, Antworten aus spontaner Reaktion und aus sorgsamem Nachdenken in so auffallender Uebereinstimmung, dass sich mit allem Vorbehalt daraus moeglicherweise folgender Schluss ziehen laesst: Diesen Nachwuchs kennzeichnet zutiefst die Wesensart “gebrannter Kinder, die das Feuer scheuen”. Fern haelt er sich von jener, gerade fuer deutsche Gemueter so oft verhaengnisvoll gewordenen Romantik, die die missleiteten Idealisten unter den Vaetern und Muettern haeufig genug ueber den “Zupfgeigenhansl” der Wandervoegel zur Hitlerjugend verfuehrt hat. Es ist ein Nachwuchs, der die Vergangenheit so hinter sich getan hat, dass er einen Hitler nicht anders als Bismarck, den Preussenkoenig Friedrich II. oder Karl den Grossen als “olle Kamellen” zur Kenntnis nimmt, als abgetane Dinge, die einem emotionell und staatsbuergerlich nichts mehr besagen und bedeuten — mag das nun gut oder bedenklich sein. Ihren Eltern, den Geschehenlassern, wenn nicht den Mittaetern dessen, was sich in ihrem Lande zwischen 1933 und 45 abspielte, haben sich diese jungen Menschen in endlosen Auseinandersetzungen die letzten zwei Jahrzehnte hindurch zumeist so entfremdet, dass sie nuec’/itern an ihrer Zukunft mit nur desto groesserer Entschlossenheit zimmern, “es anders als die Alten zu machen”. Das ist mein Eindruck. Der eine Pruefstein ihres Verhaltens ist ihre Beziehung zu den Ewiggestrigen, in praxi also der vorhin erwaehnten NPD als dem momentanen Sammelpunkt der verschaemten und unverschaemten Nazis und Neonazis. Als zweiten Pruefstein betrachte ich, was sie ueber mein Volk, das juedische, und ueber meinen Staat, Israel, denken. Irre ich mich nicht fatal, besagen ihnen die alten nationalen Clichees so gut wie nichts, mit denen die NPD letzthin ihre Erfolge bei den Kommunalwahlen in Oberbayern, im Fraenkischen, in Schleswig - Holstein erzielt hat, und (ausgerechnet) in der alten Hansestadt Hamburg. Einzeluntersuchungen ueber das Verhalten der Stimmberechtigten in diesen Wahlen lagen noch nicht vor, als ich durch Deutschland reiste. Aber es ist Grund zur Annahme, vorhanden, dass sich die Waehler, analysiert man sie nach ihren Jahrgaengen, diesmal aehnlich verhalten haben wie im Herbst, als es um den Bundestag ging. Das Hauptkontingent stellten fuer die Nationaldemokraten damals Deutsche zwischen 30 und 60 Jahren, also Menschen, die seinerzeit auf der Schulbank oder in den “Erziehungskadern” und “Gliederungen” des NS - Staates besonders anfaellig fuer seine Schlagworte gewesen waren. Die Juengeren, zwischen 21 und 30 Jahren, waren unter dem entsprechenden Durchschnitt auf die Rechtsradikalen hereingefallen. Es ist erwaehnenswert, fuer diese Betrachtung aber ohne eigentlichen Belang, wie sehr unter dem Durchschnitt auch die Zahl der Stimmen lag. die die NPD voriges Jahr von Waehlern erhielt, die ueber 60 Jahre alt waren, also von Leuten, die sich mit Grauen noch daran erinnern, wie und warum das Weimarer System zusammenbrach. Die Jugend schloss sich der NPD auch jetzt wieder angeblich nicht in dem Maasse an, wie sie es erwartet hatte. Das ist es, was mir wieder und wieder mit dem Bemerken “Pah, eine Handvoll Wahnwitziger” versichert wurde. Mit diesem “lunatic fringe”. (“Geistesgestoerten am Rande der Gesellschaft)”, die es wohl auch anderwaerts und dem Vernehmen nach sogar in Israel gebe, habe sie, die Jugend, nichts gemein, sagte mir ein Anglist im " Studentendorf Berlin - Dahlem, Hoffentlich stimmt es. Emotionell wie gedanklich entspricht die Stellung zu den Juden und zu Israel, soweit ich sehe, dieser Haltung. “Ich bin keineswegs so vermessen zu glauben, schrieb mir jetzt ein Referendar, den ich unterwegs kennengelernt hatte, “Ihre berechtigten Zweifel an ein Volk ausgeraeumt zu haben, dass den Juden unvergessliche Jahre des Entsetzens bereitet hat, aber Sie werden bemerkt haben, dass sich die junge Generation in Deutschland zu Wort meldet, und nicht, weil wir uns entlasten wollen”. Ist in diesen Worten nicht ein Klang aufrichtigen moralischen Wied e r g u tmachungswillens? Ueber die Stellung der Nachwuchs - Generation — und der anderen, aelteren deutschen Jahrgaenge — zu den heute in der Bundesrepublik lebenden Juden wurde mir nichts bekannt. Aber zu uns Israelis und unserem Staat bezieht sie sich nicht nur vorurteilslos, wie es sich als “Minimalforderung” von allein versteht, sondern vorbehaltlos positiv: voll gebuehrender Achtung, mit einem starken, wenn auch durch ihre eigenen Tagessorgen und Zukunftsplaene natürlich temperierten Interesse, und staendig erfuellt vom Verlangen, an Ort und Stelle insbesondere die Kibbutzim zu beaugenscheinigen, deren Lebensform sie magisch anzuziehen scheint. FAZIT IN WENIGEN WORTEN Vorigen Herbst erklaerte Professor Ludwig Erhard, die Bundesrepublik befinde sich nicht mehr in der Nachkriegszeit. Praegnanter laesst sich der Gesamteindruck dieser beiden Reisewochen nicht formulieren. Wer das westliche Deutschland im Fruehjahr 1966 so reserviert beobachtet hat, wie es mir als Juden angemessen ist, aber auch so unbefangen, wie es hoechsten menschlichen Pflichten und elementaren berichterstatterischen Aufgaben entspricht, konnte sich schwerlich dem Eindruck entziehen: es hat sich mit den Verbrechen der Jahre seiner aeussersten Schmach und Schande endlich so produktiv auseinandergesetzt, dass seine Zukunft schon begonnen hat. Wenn es sich nie mehr “nach rueckwaerts normalisiert”, wird es diese Zukunft ehrenvoll bestehen. steht Ihnen erneut fuer Ihre Gesellschaften und Festlichkeiten zur Verfuegung. Wenden Sie sich bitte an den Leiter des Hotels JUAN ALEXANDER Huérfanos — Teatinos Telefon 82911 INDUSTRIE-MESSGERAETE TEMPERATUR — FEUCHTE — DRUCK v cu lim. Los Serenos 476 — Oficina 22 — Teléfono 87765

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.