Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVIII (1966)
- Issue
- 6 (Junio, 1966)
- Date
- 1966-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 JUNIO 1966 BOLETIN INFORMATIVO Ckaim Nachman Bialik Mittler zwischen Vergangenheit und Segenwart Von Zalman Shazar Am 20. Tamus — 8. Juli — jaehrt sich der Todestag des grossen hebraeischen Dichters, Chaim Nachman Bialik. Wir veroeffentliohen nachstehend einen in der Allgemeinen Zeitung der Juden in Deutschland erschienenen Auszug aus einer Ansprache, die anlaesslich de£ 25 Todestages des Dichter von Zalman Shazar, damals Chef des Departaments fuer Erziehung und Kultur bei der Zionistischen Exekutive, heute Praesident des Staates Israel, gehalten wurde: Bei einer Gedenkrede fuer Bialik sagte einmal der hebraeische Romanschriftsteller Chasas in treffender Weise: “Bialik ist fuer Israel das, was Puschkin fuer die Russen, Goethe fuer die Deutschen und Mickiewicz fuer die Polen ist”. In der Tat bedeutet Bialik fuer uns das, was diese grossen Dichter in der Literaturgeschichte ihrer Voelker waren: die- V o 1 lkommenste Verkoerperung der in der Volkesseele schlummernden dicht erischen Kraefte, der Gipfel der im Laufe von einigen Generationen im dichterischen Schaffen erreicht wurde. Besonders bedeutungsvoll an Bialiks Werk ist, dass es in einer sehr stuermischen Periode unserer Geschichte entstand, als die Judenheit an einem Kreuzweg stand, so dass die Generation, welche der Vision unseres groessten nationalen Dichters teilhaftig wurde, gleichzeitig diejenige war, die ein entscheidendes neues Werk beginnen sollte. Chaim Nachman Bialik selbst sah sich jedoch nicht als einen Dichter an, der ein neues Tor in unserer Literatur geoeffnet hatte. In der Literatur eines so alten Volkes wie wir eines sind, ist ja ein so vollkommenes neues Beginnen kaum vorstellbar. Unser Schrifttum ist so alt wie das Judentum und die Staerke jeder Periode einer Erneuerung liegt gerade in der Faehigkeit, sich in die Kette frueherer Generationen einzugiiedern Selbst in der Phase der hebraeischen Literatur, die wir als modern zu bezeichnen pflegen, kann man auf eine lange Reihe von Vorlaeuf ern Bialiks hinweisen; Dichter, Denker, Erzaehler; und er selbst hielt sich durch viele Glieder mit dieser Kette verbunden. Er sah Achad Haam und Mendele als seine unmittelbaren Lehrer an; von J. L. Gordon sprach er als vom Loewen unserer Literatur und wollte den Namen von Luzzato auf den Pfeilern unseres Literaturtempels anbringen”. Seine Groesse bestand gerade darin, dass er die Faehigkeit hatte, Talente zu entdecken und sich mit Talenten zu umgeben. Es war Bialik, der das hebraeische Publikum mit der Poesie von Jakob Kann bekannt machte er gewoehnte das Ohr des hebraeischen Lesers an die Dichtkunst von Jakob Steinberg und machte ihn auf das Talent von Jakob Fichman aufmerksam. Ebenso wie die Poesie von Bialik und seinen Zeitgenossen unsere Literatur vor Vereinsamung in ihrer eigenen Generation schuetzte, so bewahrte sie sie davor, in unserer Literaturgeschichte bloss eine voruebergehende Phase darzustellen; die moderne hebraeische Literatur war ja, ungeachtet der Mannigfaltigkeit und der Bedeutung ihrer Werke, von der Gefahr bedroht, in die Geistesgeschichte der Juden als eine blosse Episode einzugehen. Da kam Bialik und verknuepfte sie mit uni oesbaren Banden mit den Literaturschaetzen der Vergangenheit. Durch sein Sammelwerk “Sefer Haagadah”, seinen Kommentar zu Mischna, seine Forschungen in der hebraeischen Literatur, der spanischen Epoche, verband er die moderne hebraeische Literatur mit der Vergangenheit, und die Steinmauern, welche die Vaeter der modernen hebraeischen Literatur zu errichten sich bemueht hatten, um sie von den Literaturepochen der Vergangenheit abzugrenzen, fielen von selbst zusammen. Durch Bialik wurde die hebraeische Literatur zurUebermittlerin eines grossen Erbes der Vergangenheit an der Zukunft. Bialik sagte einmal in einer oeffentlichen Ansprache: “Es heisst in den “Spruechen der Vaeter”: Moses erhielt die Torah am Berge Sinai und uebergab sie Joschua. Joschua den Aelteren, diese den Propheten und die Propheten uebergaben sie den Maennern der grossen Versammlung. Diese sagten drei Dinge: Sicherlich haben sie nicht nur Tradition uebernommen, sondern selbst auch Neues geschaffen. Und andererseits, sind es wirklich nur drei Dinge, welche die Maenner der grossen Versammlung neu ausgesprochen haben? Die hieraus zu ziehende Schlussfolgerung ist, dass keine Generation gross sein kann, wenn sie nicht die Tradition ihrer Vorgaenger uebernimmt. Gibt es keine begeisterte und hingebungvolle Uebern ahme, dann gibt es auch keine' Moeglichkeit, ein Erbe an die folgende Generation weiterzugeben. Nur wenn Tradition richtig uebernommen und uebergeben wird, kann sie auch von einer eigenen Botschaft begleitet sein. Bereichert durch Bialiks schoepferische Persoenlichkeit, entwickelte sich die moderne hebraeische Literatur in ein Element, dass das Vermaechtnis der Vorfahren den Nachkommen ueberîieferte und hierdurch der eigenen Botschaft Inhalt und Kraft zu verleihen vermochte. Ich erinnere mich, das Buch der Agadah von Bialik selbst als Geschenk bekommen zu haben. Bei der Uebergabe sagte er schueehtern: “Mein Name ist Ch. N. Bialik.... in diesem Buch ist nichts von Bialik, aber ich hoffe, dass etwas Chen1 darin zu finden ist”. (Die Anfangsbuchstaben von Bialiks Vornamen Ch. N. bedeuten “Chen” — Grazie, Anmut). In diesen Worten lag eine tiefe Wahrheit: Bialiks Charme war bei der Auswahl und Anordnung dieses Buches zu spueren, und kraft seiner Persoenlichkeit, seines “Chen” wurde modernen Schoepfungen wieder die Anmut und Grazie der Schaetze der Vergangenheit verliehen. Als Bialik seine Gedichte zu verfassen begann, war seine Geburtsstadt Odessa noch kein Zentrum der juedischen Diaspora, und das Hebraeisch, in dem er schrieb, war nicht die Sprache der juedischen Massen. Bialiks Botschaft wurde aber in die .fernsten juedischen Gern einschaften getragen und in alle Sprache der Diaspora uebersetzt. Seine Bewunderer und Schueler trugen sie in alle Teile der juedischen Welt, Jabotinsky und Leib Jaffe uebersetzten Bialik ins Russische. Berthold Feiwel, Miller und Strauss ins Deutsche; Snowman, Frank und Sirkin ins Englische; Lates und Sereni ins Italienische, Josephson ins Schwedische, Phillip Eichel ins Daenische, Kirschrot und Hirschsohn ins Polnische; Edmond Fleg und Sapir ins Franzoesische und Aron Sakai ins Arabische. Bialik selbst schrieb auch in Jiddisch, und was er nicht in dieser Sprache verfasste, wurde von J. J. Schwarz und vielen anderen uebersetzt, so dass die gesamte juedische Diaspora Bialiks grosser Leserkreis wurde. Trotz des Sprachenbabels, welches das Volk zersplitterte, war Bialik imstande, die verschiedenen Teile der Judenheit als eine ungeheure Zuhoererschaff zu vereinigen, in der seine Warnung und Mahnung, sein Zuspruch und Trost starken Widerhall und dankbare Aufnahme fanden. Es ist kein Wunder, dass Zalman Shazar, Praesident von Israel, als er vor kurzem die Elternheime der aus Deutschland eingewanderten Juden besuchte, sich besonders fuer das Werk der Vereinigung der Organisation ehemaliger deutscher Juden interessierte. Denn Zalman Shazar, als er noch Rubaschov hiess, kam zu Anfang des Ersten Weltkrieges nach Berlin, studierte dort unter Prof. Meineke Geschichte und gehoerte zum Redaktionsstab der “Juedischen Rundschau”. Im Jahre 1916 gruendete er die zionistische Arbeiterpartei “Poale Zion” in Deutschland, aus der spaeter die Mapai hervorging. Bald danach veröffentlichte er in der “Juedischen Rundschau” einen Aufruf, um die Hechaluzbewegung ins Leben zu rufen. Zu jener Zeit war er ein regelmaessiger Mitarbeiter an der von Martin Buber geleiteten Monatsschrift “Der Jude”. Die von ihm bearbeiteten Reden von Eduard Gans (1821 — 1823) erschienen in der Publikation “Der Juedische Wille”. Seine Verbindung mit dem deutschen Judentum stellt aber nur eine kurze, wenn auch fruchtbare Epoche in seinem Leben dar. Schneur Zalman Shazar (Rubaschov) wurde am 6. Oktober 1889 bei Minsk in Russland geboren und im Jahre 1905 trat er der damals illegalen Poale Zion Partei in Minsk bei, wo er Jitzchak Ben Zwi kennen lernte, mit dem ihn eine innige Freundschaft bis zu dessen Tod verband. Zwei Jahre spaeter wurde Shazar zusammen mit Freunden wegen illegaler zionistischer Taetigkeit verhaftet und ins Gefaengnis geworfen. Im Jahre 1911 kam er nach Palestina und arbeitete als landwirtschaftlicher Arbeiter in Merchavia. Dort schrieb.er seinen ersten Essay “Die Ewigkeit der Vergangenheit”, der in der Zeitschrift “Achduth” in Jerusalem erschien die von Ben Zwi und David Ben Gurion redigiert wurde. Nach seinen Studienjahren in Strassburg, Freibarg und Berlin wurde Shazar von der Weltkonferenz der Poale Zion im Jahre 1919 zum Mitglied der Kommission gewaehlt, die die Situation in Palaestina studieren sollte. Als die Delegation ihre Arbeit in Palaestina begann, nahm Shazar aktiv an den Besprechungen und Verhandlungen teil, die zur Gruendung der Histadruth fuehrten. Ein Jahr spaeter wurde er zum Mitglied des Weltbueros der Poale Zion, das damals seinen Sitz in Wien hatte, ernannt. Im Jahre 1924 kehrte er mit seiner Familie nach Palaestina zurueck und wurde Exekativmitglied der Histadruth. Nicht lange danach wurde er eingeladen, der Redaktion der damals gegruendeten Zeitung “Dawar” beizutreten. Nach den Tode des Chefredakteurs Berl Katznelson uebernahm er die Leitung des Blattes bis zum Jahre 1949, als er Mitglied der Israel Regierung wurde. Dazwischen liegen Missionen in die Laender der Gola, Kaempfe.um das Recht des juedischen Arbeiters im Lande und um das Recht der freien Einwanderung nach Eretz Israel. Als die Kommission der Vereinten Nationen im Jahre 1947 die Situation in Palaestina in Augenschein nahm, war es Zalman Shazar, der die Histadruth auf diesem Forum vertrat. April 1948 arbeitete er die Resolution des Zionistischen Aktions-Komitee aus, in der es hiess, dass nach Ende des Mandats der juedische Staat ausgerufen wuerde. Nach der Staatsgruendung wurde Shazar zum Mitglied der ersten, zweiten und dritten Knesseth gewaehlt und in der ersten Regierung Israels bekleidete er den Posten des Ministers fuer Erziehung und Kultur. Unter seiner Aegide w<urde das wichtige und entscheidende Gesetz der allgemeinen Schulpflicht angenommen und durchgefuehrt. Im Jahre 1951 trat er von seinem Regierungsposten zurueck, um den Posten des israelischen Botschafters in Moskau zu uebernehmen. Die Berufung jedoch kam im letzten Augenblick nicht zustande und er wurde vom Zionistischen Kongress im Jahre 1952 zum Mitglied der Exekutive der Jewish Agency gewaehlt. Vier Jahre spaeter wurde er stellvertretender Vorsitzender der Exekutive in Jerusalem. Im Jahre 1958 empfing er das Ehrendoktorat fuer hebraeische Literatur vom juedischen theologischen Seminar in Amerika. Fuer seine literarisch historischen Werke, insbesonders fuer das Buch “Das Licht der Persoenlichkeiten”, bekam er vor einigen Jahren den Ussischkin-Preis. Am 31. Mai 1963 wurde Shazar, nach dem Tode von Jitzchak Ben-Zwi, zum Presidenten des Staates Israel gewaehlt. HERBERT FREEDEN