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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1965-10-01 · 10 (Octubre, 1965) · p. Seite 20

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20 BOLETIN INFORMATIVO OCTUBRE 1965 CHAGALL und BEN SHAHN auf Touristen-Andenken genug abgebildet werden, vielleicht dem üblichen Touristengeschmack entprechen aber der Widergabe auf Bibelbildern eines Künstlers vom Range Chagalls wirklich unwürdig sind (“Verve” N.o 33-34, Paris 1956. Erst der Schock der Naziverfolgung brachte Chagalls Kunst zur Auseinandersetzung mit der aktuellen Judenfrage, und da waehlte -et immer wieder in künstlerisch wundervollen, ¡erschütternden Bildern zum Symbol seines leidenden Volkes den ans Kreuz geschlagenen Jesus mit dem Talith als Lendenschurz inmitten zerstörter Haeuser des Städters sowie misshandelter und flüchtender Juden — menschlich und künstlerisch besonders eindrucksvolle Bilder, die aber schon in der Wahl dieses Symbols die traumhafte Irrealität der Beziehung zum Judentum zeigen, die dann schliesslich jn den Glasfenstern der Hadassah-iSynagoge und ihrem Farbenzauber den künstlerisch geglücktesten und auch im Material adäquaten Ausdruck gefunden hat. Diese illusionistische Traumatmosphäre ist aber doch letzten Endes eine , Flucht aus der Wirklichkeit, die Flucht eines grossen Künstlers, deren Symptome schon in seiner Jugend* zu erkennen waren Franz Meyer berichtet (a.a.O., S. 24), , dass Chagall oft ohnmächtig wurde, “in späterer Zeit auch willentlich, um irgendeiner unangenehmen Situation zu entgehen”. Dieser “Escapismus” ist auch in den Traumbildern seiner Kunst zu spüren, beim Judenproblem fort von der gegenwärtigen Judenfrage zur Romantik des vergangenen Städtels. BEN SHAHNS WERDEGANG “Ich hatte alle die richtigen Bilder gesehen und alle die richtigen Bücher geltesten.,. Da (stehe ich also jetzt, 32 Jahre alt, der Sohn eines Zimmermanns. Ich habe Geschichten gern und mag Leute. Die französische Schule ist nichts für mich” (Soby, Ben Shahn, S. 6). Diese Worts Ben Shahns aus dem Jahre 1930 zeigen schon den entscheidenden Unterschied seines Lebensweges, verglichen mit dem Chagalls. Als achtjaehriger Junge kam er mit seiner Familie nach Amerika,- Abschied von Russland nahm er — anders als Chagall, der seine Studienzeit noch groesstenteils in Russland erlebt hatte — schon in der Kindheit und auf Nimmerwiedersehen. Während ferner Chaalls künstlerische Begaung schon früh erkannt und gepflegt wurde, kam Ben Shahn mit 15 Jahren in die technische Lehre 'zu einem Lithographen, besuchte abends d i e Mittelschule später die New Yorker Universität und verdiente bis etwa 1930 seinen Lebensunter halt als Lithograph mit technischer Arbeit, nicht als Künstler. Erst im Anfang der zwanziger Jahre entschloss er sich zum Berufe eines Künstlers,- nach einigen Jahren Studium an der National Academy of Design und zwei Reisen nach 'Europa und Afrika fand er als Maler seinen eigenen Stil. Seine oben widergegebenen Worte stammen aus dieser Zeit. Am Beginn seiner Künstlerlaufbahn mit 32 , Jahren war er also genau so alt wie Chagall, als dieser in der ersten Zeit der russischen Revolution schon in grossen repräsentativen Ausstellungen als bedeutender sozialistischer Künstler gefeiert wurde, dann allerdings bald seinen Misserfolg a¿ sozialistischer Kunstkommissar in Witebsk und beim Versuche der Schaffung einer jüdischen Volkskunst in Moskau erlebte, Russland als 35 jaehriger für immer den Rücken kehrte und von der “Ecoie de Paris” sogleich als einer ihrer Prominenten aufgenommen wurde. Dies Alter lm Anfang der dreissig das bei Chagall eine Krisenzeit des Misserfolges war, ist die formative Epoche im Leben Ben shahn Während Chagall ,von sich sagt: “Ehe ich nach Paris kam, fehlten meinem Brot Pfeffer und Salz” (Marcel Brion, Marc Chagall, S. 25), war die Pariser Schule nichts für Ben Shahn wie er in den obigen Worten selbst betonte. Diese Distanzierung bedeutet viel für einen jungen Kuenstler, der in den zwanziger Jahren dies . lebensstrotzende Mekka der modernen Kunst besuchte. Aehnlich hatte um die Mitte des 16. Jahrhunderts Pieter Brueghel der Aeltere, an den Ben Shahn in der realistischen Symbolik seiner Kunst manchmal erinnert, Italien und das damalige Weltzentrum der Kunst, Rom, besucht, ohne davon in seiner künstlerischen Eigenart berührt zu werden. In einem Alter also, in dem Chagall nach dem" Misserfolge praktischer Gestaltung sozialistischer und jüdischer Kirnst in der Pariser ästhetischen Welt der l’art pour l‘art aufging, entdeckte Ben Shahn (1931-32) für sich das grosse aktuelle Thema, zu dem er in seiner Kunst mit dem Ziele praktischer Wirkung und sozialer Neugestaltung Stellung nehmen konnte, nämlich den Prozess und die Hinrichtung der amerikanisch - italienischen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vancetti, die damals in der ganzen Welt Aufsehen und Protest erregte Der Künstler , sagt selbst darüber: “Damals begann ich über den Fall Sacco-Vancetti nachzudenken... Seit ich überhaupt denken kann, habe ich mir immer das Glück gewünscht, in einer grossen Zeit zu leben — in der etwas ganz Grosses vor sich gehen würde, wie die Kreuzigung. Und plötzlich erkannte ich, dass ich ja in einer grossen Zeit lebte. Da erlebte |ich ja eine zweite Kreuzigung mit, da war ja etwas zum Malen!’,’' (Soby, a.a.O., (S. 6). So zeichnete und malte Shahn 25 Jahre später das Bild “Goyesca” (Band 1, S. 103, Band 2, S. 71: Ein militaristischer Offizier in der Uniform der Goyazeit hält ein Kinderspielzeug hoch über herumliegende Leichen). Dies Bild ist ein Zeugnis der Verehrung Shahns für den grossen spanischen Künstler dessen “Caprichos” und “Desastres de la Guerra” nach seiner Meinung ein Beweis dafür sind, dass der Künstler wirklich schöpferisch i s t durch seine aktive Teilnahme am Zeitgeschehen. Dieser Hunger nach Zeitgeschichte ist eine andere Welt, verglichen mit der Chagalls, dessen Kunst in den Formen und Farben irrealer Träume lebt, und so ist auch die künstlerische Handschrift Ben Shahns in ihrem linearen Ausdruck und den harten Farben, die diesen Ausdruck noch mehr betonen, der stärkste Gegensatz zur melodiösen Weichheit ¡von Chagalls Formen und Farben. Dabei ist bei beiden, bei aller ihrer Verschiedenheit die Graphik ein ganz wesentlicher Teil ihres Gesamtwerks, manchmals sogar bedeutender als ihre Maikunst, | und beide sind sehr bewusste Juden, bei denen jüdische Thematik von Anfang bis heute in ihrem Werk zu finden ist. 12 Randzeichnungen zu einer Haggada-Ausgabe waren (nach Soby, a.a.O., S. 6) der erste entschlossene Schritt Ben Shahns in der Richtung seines eigenen Kunststils, und immer wieder malte er Bilder juedischen Inhalts mit hebräischen Buchstaben: “Dritte Allegorie” (1955), “Drittes Alphabet“ (1957, Soby, S. 98 und 113) und vor allem “Shofar und Menorah” (1958, Soby, S. 116); da brennt eine Menorah, ein alter Jude im Talith bläst den Sßhofar, und die folgende, für Ben Shahns soziale Haltung charakteristischen Wor te des Propheten Maleachi, bilden einen wesentlichen Teil des Bildes (Mal., Kapitel 2, 10): “Ist nicht ein Vater uns allen? hat nicht Ein Gott uns geschaffen? weshalb verraten wir jederman seinen Bruder preiszugeben den Bund unserer Väter?”. (Uebersetzung Martin Buber) In der Graphik Ben Shahns finden wir noch häufiger eine Bildgestaltung aus den Buchstaben des hebräischen Alphabets (vgi. Soby a.a.O., Band 2, S. 80, 81), vor allem interessant ist “Das Alphabet der Schöpfung”. Die hebräischen Buchstaben mit englischem Text und Bildzeichnungen (Soby, Band 2, S. 83) erschienen 1954 und 1963, ferner 1955 (“Heute ist der Geburtstag der Welt”, eine Stelle aus dem Mittagsgebet am Neujahrstag) mit einem Schofarblaeser (Soby, S. 94) und “Gesetzestafeln mit Loewe (1956, Soby.. S. 120). Noch 1964 sind von dem Pariser Verlag “Trianon Press” die Ha.ggadah und das Buch Kohelet mit Illustrationen Ben Shahns publiziert worden. Trotz dieser starken Aktivität auf dem Gebiet des jüdischen Buches und der hebräischen Schrift hat man bei Ben Shahn nicht den Eindruck, dass jüdisches Kulturgut einen wirklich wesentlichen und lebendigen Teil seiner Kunst bildet. Trotz seiner sonst antiaesthetischen Haltung reizten den Lithographen in ihm ästhetisch die malerisch reizvollen hebräischen Buchs t n b e n mehr als der Inhalt des Textes; charakteristisch dafür ist der Schreibfehler in dem oben zitierten Bild “Heute ist der Geburtstag der Welt gj- KUNST UND LITERATUR Baruch Spinoza (1632 - 1677) Baruch Spinoza oder Spinosa stammte aus einer angesehenen Familie, die sich vor der Verfolgung der Inquisition aus Spanien nach den Niederlanden giefluechtet hatte. , In Amsterdam, damals die Stadt groesster juedischer Kultur, besuchte er das Lehrhaus ¡des Rabbiners Saul Mortera, wo er mit mehreren anderen Zeitgenossen wie Mose Sakkuto und anderen dem rabbinischen Studium oblag. Wahrscheinlich wurde , er auch dort in das Studium der juedischen Religions<philosophie eingefuehrt, durch die er die Werke und Lehrmeinungen von Maimonides, Levi ben Ge'rsön, Chisdai 'Crescas, aber auch die Anschauungen der Kabbala kennen lernte. Doch bald wurde seinem grossen Geiste die Hallen des Lehrhauses zu eng. Schon als ein Vierundzwanzig j a e h r i g e r wurde er ‘‘schrecklicher Irrtu emer’’ wegen aus der juedischen Gemeinschaft ausgestossen und durch den grossen Synagogenbann verflucht. Spinoza blieb seitdem ein einsamer Denker, der sich keiner religioesen Gemeinschaft anschloss. Dem Judentum, dessen offizielle Vertreter ihn wenig liebevoll behandelt hatten, stand er seit dieser Zeit kalt und abweisend gegenueber, was ihn doch nicht hinderte, dessen bedeutsamste Sehoepfungen bei dem Aufbau seines Systems zu Rate zu ziehen. Spinoza ist, wie wenige andere ein origineller Denker. Wenn man es trotzdem in dem er “Ilum’ statt “Olam” schreibt. Wie ¡bei Chagall finden wir auch bei Ben Shahn den Escapismus des Galuthjuden weg von der gegenwärtigen persönlichen, von ihm erlebten Judenfrage, bei ihm aber mit der Richtung in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit, die Sehnsucht nach einer besseren sozialen Welt, die Heilsbotschaft für alle Menschen, denen heute Unrecht geschehen ist und noch ge-, schiebt: Sacco und Vancetti (Soby, ¡Band 1, 33 und 39, Band 2, Bild 63), der Arbeiterführer Mooney (Band 1. S. 40 und 41), der Invalide aur der Bank (Band 1, S. 58 und 59), die Unberührbaren (Band 2, Bild 73), iNegermutter mit Kind (Band 2, Bild 118), und dabei schliesslich auch ein Jude, dem grosses Unrecht geschehen ist, nämlich der berühmte Physiker Dr. J. Robert Oppenheimer Band 2, S. 87). So ist denn die Flucht aus der gegenwärtigen eigenen und persönlichen Judenfrage auch in der von Chagall so verschiedenen Kunst B -n Shahns zu finden, aber wie gesagt, in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit (“M, BP) Von José Tichauer — und nicht ohne Erfolg — versucht hat, den Quellen seines Systems nachzuforschen und wenn man auf diesem Wege auch zu den juedischen Religionsphilosophen, ja sogar zu den Kabbalisten des Mittelalters gelangt ist, so raubt dieses doch nur wenig oder auch garnichts von der Originalitaet seines (Systems, das ja nicht fertig in die Welt gesprungen sondern als das Resultat eines vergleichend e n und abwaegenden Denkprozesses allmaehli c h entstanden ist. Es ist bereits gesagt ¡worden, dass Spinoza schon in seiner Jugend die religionsphilosophischen i Schriften, von Maimoni, Levi ben Gerson Chisdai Crescas und die exegetischen Werke von Abraham ibn Esra, Raschi, Kimchi ja sogar auch die kabbalistischen Abhandlungen von Abraham Herrera kannte. Und es ist ¡nachgewiesen worden, dass einzelne dieser Werke mehr oder minder bedeutenden Einfluss auf das Werden und Keimen, wie auf den Ausbau seiner philosophischen Weltanschauung geuebt haben. Man darf wohl annehmen, dass Spinoza in jungen Jahren in Unmut ueber die Verfolgungen der pfchbinen von Amsterdam alles, was nur irgendwie mit dem Judentum zusammenhing von sich gewiesen, und sich mit dem .rationalistischen Denken des Cartesius. befreundet hat. Und es ist mehr als eine geistreiche Vermutung, wenn man dann weiter das Heraustreten Spinoza’s aus dem cartosianischen Gedankenkreis an ein beruehmtes Wort dieses Philosophen von den drei Wundern, der Schoepfung aus Nichts, der Freiheit des menschlichen Willen und dem Gottmenschen angeknuepft hat, die diesem als gegebene Tatsachen erschienen, welche von der Spekulation nicht zu begreifen, sondern in ihrer vollen Wirklichkeit anzuerkennen seien. Von hier aus war der Rueckweg zu dem hebraeischen Denken ein gebahnter. Denn diesen Denkern erschienen selbst auch die beiden Wunder nur als Momente", die philosophisch zu ergruenden seien. Und so zeigen sich schon in seinen ersten philosophischen Abhandlungen Spuren jener Fortentwicklung des Goltesgedankens, wie ihn die Kabbala aus neuplatonischen Elementen heräusgebi 1 d e t hat. Wenn Spinoza Gott als das vollkommenste Wesen definierte, von welchem unendliche Eigenscha f t e n ausgesagt werden koemjen, deren jede in ihrer Art wieder vollkommen unendlich sei, so ist es unschwer, hierin dem Keim der juedischen Teosophie zu erkennen. Noch (Fortsetzung Seite 21)

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