Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVII (1965)
- Issue
- 10 (Octubre, 1965)
- Date
- 1965-10-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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OCTUBRE 1965 BOLETIN INFORMATIVO 19 HEINRICH STRAUSS: CHAGALL UND BEN SHAHN Gegenpole “Erlebter judenfra^e” in unserer Zeit Im folgenden analysieren wir im Werk dieser beiden grossen lebenden jüdischen Künstler die Problematik des emanzipierten Juden, die Kurt Blumenfeld im Titel seiner vor wenigen Jahren erschienenen Erinnerungen “Erlebte Judenfrage” genannt, aufgezeichnet hat, die aber schon 50 Jahre vorher Martin Buber in seinen “Drei Reden über das Judentum” umrissen hat, die viele Menschen unserer Generation zum Zionismus geführt haben. LITERATUR Warum sind Chagall und Ben Shahn Gegenpole? Beide sind bewusste Juden, die das jüdische Erbe noch heute in ihrer Kunst zum Ausdruck bringen,- beide sind als Kinder armer jüdischer Eltern im zaristischen Ansiedlungsrayon geboren (Chagall 1887 — nicht 1889. wie häufig in der Literatur angegeben — in Witebsk, Ben Shahn 1898 in Kowno), beide leben heute in der westlichen W el t, anerkannt und geehrt vom Wirtsvolke und in der internationalen Kunst, beide sind nicht nur Maler, sondern auch grosse Zeichner und Graphiker sowie 'bedeutende Buch-Illustratoren. Jeder von ihnen ist noch heute ein Suchender nach immer neuen Mitteln künstlerischen A u sdrucks, oft dabei im Streben nach echter Synthese zwischen [jüdischem Geistesierbe und moderner Kunst — warum also doch Gegenpole? Warum besteht eine solche Kluft zwischen der Kunst dieser beiden vom Beginn ihres Schaffens an bis zum heutigen Tage? Auf diese Frage eine Antwort zu finden, ist - heute eher möglich als vor wenigen Jahren, denn sowohl über (Chagall als auch über Ben Shahn ist in letzter Zeit wichtiges neues Material ver öffentlicht worden. Das Standardwerk über Chagall ist heute die grosse Biogra phie aus der Feder Franz Meyers, , seines Schwiegersohnes, des Direktors der Baseler Galerie, an der Ida, Chagalls Tochter aus erster Ehe, mitgearbeitet hat, und die vor allem für die Frühzeit wesentliche bisher unbekannte Einzelheiten bringt (1961 Im Verlage DuMont Schauberg in Köln erschienen). Es enthält fast 600, grossenteils farbige, Abbildungen und dazu noch einen Bildkatalog im kleinen Masstabe von mehr als 1000 Reproduktionen. Die i Darstellung endet etwa mit den Fenstern der Jerusalemer Hadassah-Synagoge, die in dem Buche zum Teil, leider nur einfarbig, widergeben sind. So ist es denn eine gute Ergänzung von Meyers Werk, dass jetzt im Freiburger Herder-Verlag ¡eine ISonderpublikation über die Fenster (mit dem Titel “Die Söhne Jacobs”) erschienen ist, mit einer Einleitung von Miriam Freund, der früheren Präsidentin der Hadassah. Die ausgezeichneten Farbtafeln der Fenster wurden unter der persönlichen Aufsicht Chagalls in Frankreich gedruckt. (Das Buch erschien auch in den Vereinigten Staaten bei McGrow Hill Inc. unter dem Titel “Jewels for a Crown”, und kartoniert in Frankreich beim Verlage André Säuret). Schliesslich sei noch auf eine kleine deutsche Monographie über Chagall im- Veriage C. Bertelsmann Lesering hingewiesen, die 34 Farbbilder und eine besonders gute Einleitung aus der Feder des .französischen Kunsthistoriker Marcel Brion enthält. Ueber Ben Shahn erschien jetzt das grosse Werk seines langjährigen Freundes und Biographen James Thrall Soby (1. Band Malerei, 2. Band Graphik, im Insel Verlag, Frankfurt, die englische Ausgabe 1957 in New York bei George Braziller Inc. publiziert). Der deutsche Graphik-Band enthält noch ein interessantes Vorwort von “Werner Haftmann, i der auch in seiner “Malerei im 20. Jahrhundert”’ über Ben Shahn geschrieben hat. Die Publikation des Inselverlages gibt in mehr als 200, teilweise mehrfarbigen, guten Reproduktionen ein umfassendes Bild vom Werke des Künstlers. Leider fehlen ausführliche Erklärungen zu den einzelnen Bildern, deren aktuelle Bedeutung grossenteils für den Nichtamerikaner unverständlich ist, der die Zeitgeschichte des Landes nicht genau kennt. Diese Feststellung i gilt noch mehr für die Bilder jüdischen Inhalts, bei denen vor allem die hebräischen Inschriften der Bilder mit Quellenangabe hätten übersetzt werden müssen. Gegen eine ,rein ästhetische Betrachtung seiner Werke, ohne Beruecksichtigung und Verständnis des aktuellen Themas, hätte sich Ben Shahn selbst am meisten gesträubt, da i sie seiner kuenstlerischen Absicht durchaus zuwiderläuft Sonst ist von Literatur über Ben Shahn noch das in der Reihe der “Penguin Modern Painters” schon 1947 erschienene Bändchen mit 32, zur Hälfte farbigen Abbildungen, ebenfalls eingeleitet von James Thrall Soby, zu empfehlen. KUENSTLERISCHE ENTWICKLUNG CHAGALLS In ihrer Jugend wurden diese beiden jüdischen Künstler entscheidend beeinflusst durch den Sozialismus, diese letzte “jüdisch-messianische Strömung”, wie Salman Shazar gegen Ende des Ersten Weltkrieges in seinem unvergesslichen Ber 1 i n e r Vortragszyklus den Sozialismus bezeichnet hatte. Da aber beginnt die schicksalsvolle Verschiedenheit in der Entwicklung. Chagalls künstle r is c h e Begabung war schon im der Kindheit erkannt und gepflegt worden,- man schickte ihn früh zur Ausbildung in Witebsk und später in St. Petersburg zu bedeutenden rus si sehen Künstlern und von dort mit einem Stipendium des jüdischen Duma - Abgeordneten Winawer in das Weltzentrum der Kunst, Paris, wo er sich vor dem Ersten Weltkriege, also im Alter von etwa 25 Jahren, eine . bedeutende Stellung in der j modernen Kunst errang und von bekannten Kritikern, wie Apollinaire und Herwarth Waiden, entsprechend anerkannt wurde. Bei einem Besuch in seiner Heimatstadt Witebsk, durch den Ausbruch des Weltkrieges in Russland zurückgehalten, wurde er in der Anfangszeit der bolschewistischen Herrschaft vom damaligen Volkskommisar Lunatscharski, der ihn von Paris her kannte, mit der verantwortlichen öffentlichen Stellung eines Kunstkommissars für den Bezirk Witebsk betraut. Ausser der Schaffung einer lokalen Kunstakademie versuchte Chagall damals, durch obrigkeitliche Bestimmungen modernen Kunstgeschmack in dieser provinziellen russischen Mittelstadt einzuführen; sogar die Plakate und Firmenschilder mussten auf obrigkeitliche Anordnung entsprechend erneuert werden. Er schrieb damals (im “Witebsky Listok” vom 7.11.1918): “Und glaubt mir, das verwandelte Arbeiter v o 1 k wird bereit sein, die Gipfel der Kultur und der Kunst zu erklimmen, die einige Völker in ihrer Zeit erreichten und von denen wir nur träumen können” (Meyer a. a. O., S. 269).; Diese Bestrebungen, eine Kunstreform durch behördlichen Zwang zur Durchführung zu bringen, scheiterten. “Warum ist die Kuh grün und fliegt das Pferd in den Himmel? Was hat das mit Marx und Lenin , zu tun?”, fragte das Volk (Meyer a. a. O., S. 266) und so gab Chagall seine Tätigkeit in Witebsk auf und siedelte im Mai 1920 nach Moskau über. Dort bot sich ihm zunächst ebenfalls ein grosses Wirkungsfeld. Zwar wurde er in Kunstkreisen nicht mehr so hoch geschätzt wie in den beiden ersten Jahren der Revolution,- Kandinskys abtrakter Stil und Malewitschs “Suprematismus” hatte n Chagalls träumerische Phantasien aus der Gunst des eina)ige(n damaligen Kunsjtfprotektors, des kommunistischen Staates, verdrängt; sie wurden dann allerdings ebenfalls — echte Künstler, die sie waren — bald darauf vom behördlich aufoktroyierten Kitsch, genannt “sozialistischer Realismus” ihrer massgebenden Position enthoben und gingen in die Emigration (wie Kandinsky nach Paris), fielen aber auch grossenteils “Reinigungen” Stalins zum Opfer (wie wahrscheinlich Malewitsch). Chagall fand damals in Moskau Anschluss an einen Kreis jüdischer Künstler, deren Bestreben es war, für die jüdische Volksgruppe in Russland eine jüdische Kunst zu schaffen im Rahmen des grossen russischen sozialistischen übernationalen Staa tenverbandes. (Schon 1908 hatte er ,in Winawers “Voshod” in St. Petersburg eine jüdische Gruppe mit aehnlichen Zielen der .Erneuerung jüdischer Volkskultur kennengelernt, Meyer a.a.O., S. 58). Aflisser IChagall gehörten diesem Moskauer jüdischen Künstlerkreise an Nathan Altmann, Jissachar Ribak, Elieser Lissitzki und der Theatermaler Jizchak Rabinowitz. Man wollte eine jüdische Kunst, anknüpfend an die damals in Russland noch sehr lebendige Volkstradition und Fol k 1 o r e, schaffen, in Zusammenarbeit mit dem Moskauer jiddischen Theater und der damals noch in Russland weilenden “Habimah”. In dieser Zeit schuf Chagall für das Moskauer ¡jiddische Theater die grossen Wandbilder und wirkte auch als Bühnengestalter. Der Eindruck seiner Entwürfe soll geradezu überwaeltigend gewesen sein. Dies besondere Talent für malerische Gestaltung des Theaters bewährte er dann (25 Jahre später in Amerika bei der Auffuehrung von Strawinskys “Feuervogel” und jetzt nach weiteren 20 Jahren bei der Erneuerung der Deckendekoration des Pariser Opernhauses (vgl. die Bilder in Life International” vom 30.11.64). An der jüdischen Galuth- Situation scheiterte dieser letzte Versuch der Schaffung einer jüdischen Kunst und Kultur in der Golah. Nicht Herren ihres eigenen Schicksals waren diese jüdischen Künstler, sie waren von der politischen Entwicklung in ihrer Umwelt abhängig. Aus dem Verbände freier Völker, von dem man im Anfänge der Revolution geträumt hat-' te, entwickelte sich der stalinistische Diktaturstaat, wie auf allen Gebieten des menschlichen Lebens auch auf dem der Kunst, wovon auch russische Kuenstler betroffen wurden. In dieser Atmosphaere kultureller Diktatur konnte sich der Versuch der Schaffung einer jüdischen Kunst nicht durchsetzen : Altmann wurde durch die neuere Entwicklung des sozialistischen Realismus in den Hintergrund gedrängt, Lissitzki starb 1941 in einem russischen Arbeitslager, ein Opfer der “Reinigungen” Stalins, Chagall siedelte 1922 (nach einem kurzen Aufenthalte in Berlin) ebenso wie Ribbak nach Paris über, und so endete dieser letzte Versuch der Schaffung einer juedischen Kunst in der Golah. < So kam denn Chagall wieder nach Paris, diesmal zu dauerndem Aufenthalt i n Frankreich. Auch damals fand seine inzwischen gereifte Kunst dort sogleich starken Widerhall, denn diese traumhaften Visionen mit ihren herrlichen Farben gehoertenzwar keiner der dort herrschenden Kuns t s t r ö~ mung völlig I an, befanden sich aber doch im Einklang mit der herrschenden unodA' teurrieallst!sichen Richtung. Für Chagalls künstlerische Persönlichkeit bedeutete aber dies Verlassen Russ lands einen entscheidenden Wendepunkt: gescheitert war der Versuch einer aktiven Mitarbeit als sozialistischer Künstler an der Schaffung einer modernen Kunst durch staatliche Mittel, umsonst ferner die Bemühung um Schaffung einer jüdischen Volkskunst in Russland im Rahmen ein er Gruppe gleichgestimmter jüdischer Künstler,- Russland und das jüdische Städtel wurden aus gegenwärtiger Wirklichkeit romantischer Traum der Vergangenheit — in verklärten Farben, wie i so häufig solche Erinnerungsbilder erscheinen. Franz Meyer verkennt die Bedeutung dieses Einschnitts in Chagalls Leben, wenn er schreibt: “Aber dieser Abschied bedeutete nicht innere Trennung. Noch Jahrzehn te später fühlte sich Chagall Russland und dem Boden so nah wie am Tage seiner Abreise. Fremd waren ihm die Kunst und die Kunstpolitik seiner Heimat geworden,- s i e zwangen ihn zur Uebersie dlung in den Westen” (a.a.O., S. 313). Chagall selbst war sich über diesen entscheidenden Einschnitt in seinem Leben nicht im klaren. Fünf Jahre später schenkte er seine 96 Radierungen zu den “Toten Seelen” Gogols der Moskauer Tretiakow-Galerie mit der folgenden Widmung: “Mit der ganzen Liebe eines russischen Malers für seine Heimat” (Meyer a.a.O., S. 365). Und 1943 gab er in Amerika der dort weilenden russischen Kulturdelegation mit zwei Bildern einen Brief an die russischen Freunde mit, in dem es heisst: “Meinem I Vate r 1 a n d, dem ich alles schulde, was ich seit 35 Jahren schuf und weiter schaffen werde... Ist es nicht mein Vaterland, das mir die Farben in die Hand gab? Sind es nicht die Stimmen meiner Eltern, die mir aus der Erde meiner Heimatstadt zurufen?” (Meyer, a.a.O., S. 441). Andererseits sagt aber Meyer selbst: “Mehr und mehr galt Chagall als einer der wesentlichsten Maler der “Ecole de Paris” und stell t e an internationalen Kollektivveranst/ajtunge n als franzoesischer Kueust ler aus” (Meyer a.a.O., S. 365). Inzwischen ist Chagall französischer Staatsbür g e r und wurde dort erst kürzlich durch eine Ordensverleihung geehrt. Die Beziehung zu Russland und seinem jüdischen Städtel hat sich aus konkreter Wirklichkeit in eine romantische Erinnerung verwandet, wobei diese romantischen Traumbilder im Zuge verwandter Stiineigungen in der “Ecole de Paris” Resonanz fanden und als eine interessante , folkloristische Nuance dieses internationalen Stils empfunden wurden. Es war das besondere Glück Chagall, dass er (Fortsetzung Seite 20)