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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1965-06-01 · 6 (Junio, 1965) · p. Seite 12

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVII (1965)
Issue
6 (Junio, 1965)
Date
1965-06-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 BOLETIN INFORMATIVO JUNIO 1965 JENSEITS DER QUAL Von Kurt Sehwerdhelm Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels fuer das Jahr 1965 ist der in Schweden lebenden juedischen Dichterin Nelly Sachs zuerkannt worden. Wenngleich Nelly Sachs auch in unserem Kreise keine Unbekannte ist und im “B. I.” schon des oefteren Aufsaetze ueber sie erschienen, scheint es uns dennoch angebracht, nachstehenden Artikel, der eine eingehende Analyse ihres dichterischen Schaffens bringt, zu veroeffentlichen. Wir verdanken ihn Veroeffentlichungen des Boersenblatts des Deutschen Buchhandels. Die Spur der jüdischen Dichtungen deutscher Sprache ist gezeichnet von Entfremdung, Qualen und Tod- Von den anderthalb Jahrhunderten ihrer eigentlichen Dauer laesst sich nur ein Jahrhundert rechnen, in dem ihr freiere Entfaltung gegönnt war. Und selbst dort noch war sie mehr oder minder angefoc hten, totgeschwiegen oder unterdrückt. In diesem einen Jahrhundert aber trat von Heine bis Werfel eine Schar bedeutender schöpferischer Begabungen hervor, die nicht nur das Bestehende bereichert, sondern neue Bezirke des Ausdrucks hinzugewonnen und das Bild unserer Poesie entscheidend veraendert haben. Diese Leistungen, dieser geistige Anteil war auch durch Gewalt nicht auszutilgen und sie werden auch künftig niemals zu leugnen sein. Die ungemein reiche und beiden Wesensarten förderliche Wechselbeziehung zwischen deutschem und jüdischem Geist gehört durch Taten einer unausdenkbaren Verblendung nun wohl für immer der Geschichte an. Wir sind es, die hier von einem selbstverschuldeten Verlust reden müssen. Für das Volk des bildlosen Glaubens an den einen Gott waren Gesetz und Hoffnung von seinen Anfaengen her an das Wort gebunden, an den Ruf jener verborgenen Stimme: Höre. Israel! Auch in der Folgezeit blieb das Wort bei diesem Volke. Wo es abfiel oder sündigte, tat es dies in Verehrung von Bildern oder in kultischem Vollzug; wo es ganz mit sich eins war, geschah es im Gesang, im Gebet und in der eifernden Rede der Propheten. Das Wort und nur dieses erschuf seine Wirklichkeit. Aus ihm wuchsen die Bilder, Bilder eines Hirtenvolkes zwischen Meer und Wüste, einer Landschaft voller Einsamkeit, in der das Ohr sich gewöhnt hat, noch die leisesten Laute wahrzunehmen. Dieses vorauszuschicken, scheint angebracht, um den Zugang zu dem Werk Nelly Sachs zu erleichtern. Man würde der Ausdrucksform ihrer Lyrik nicht gerecht, wenn man sie — wie es geschehen ist — als neo-expressionistisch oder symbolistisch be zeichnen wollte. Ihr dichterisches Schaffen stützt sich nicht auf poetologische Theorien und folgt nicht dem Vorbild irgendeiner “Schule”. Sie lebt, viel zu weit abseits von allen Diskussionsmöglichkeiten über Formfragen deut- Die Redaktion scher Literatur, in einer fremdsprachigen Umwelt; so muss sie ihre Fragen mit sich selbst austragen. Spaet erst, nach ihrem fünfzigsten Jahr, ist Nelly Sachs mit Veröffentlichungen hervorgetreten, damals, 1947, in der Zeit der tiefsten Verstörung der Beziehungen zwischen den Völkern. “In den Wohnungen des Todes'’ hiessen die Verse, in denen die aeusserste Schaendung des Menschenbildes in den Lagern nach dem Wort suchte, nicht so sehr nach einem Wort der Anklage als nach einem Ton der Klage. 1940 hatte sie nach einer Zeit quaelender Gefaehrdung, in letzter Minute, mit ihrer Mutter noch nach Stockholm emigrieren können. Schwedische Freunde, darunter Selma Lagerlöf, hatten ihr zu dieser Zuflucht verholfen. Aus Dankbarkeit gegenüber ihrem Gastland ging Nelly Sachs daran, Verse schwedischer Dichter, vor allem solche von Zeitgenossen, ins Deutsche zu übertragen, ohne jede noch so geringe Aussicht, jemals dafür einen Verlegei in Deutschland interessieren zu können. 1947 erschien diese Auswahl schwedischer Lyrik unter dem Titel “Von Welle und Granit'’ dann beim Aufbau- Verlag in Berlin. Sie bedeutet auch heute noch eine grundlegende A n t h o logie zum Verstaendnis der Gegenwartsdichtung des n o r dischen Landes. Der erste eigene grössere Gedichtband von Nelly Sachs erschien 1949 bei Bermann- F i s c her/Querido-Verlag in Amsterdam. “Sternverdunkelung“ — schon dieser Titel war Sinnzeichen für das Schicksal der Judenheit in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten. Die Dichterin ruft nicht, was begreiflich gewiesen waere, zur Vergeltung auf. Der Klang ihrer Verse ist nicht von Hassgefühlen getrübt. Ihr Schmerz ist über sich selbst hinausgewachsen; es ist die Klage, die aus der Ohmacht aller Kreatur kommt, die sich zum Geist hinsehnt. Sie weiss aus den Leiderfahrungen ihres Volkes in der Vergangenheit, dass die Rache nicht Amt des Menschen sein kann, wenn nicht neues Unheil heraufbeschworen werden soll. So schreibt sie dieses Vers- Buch aus der Absicht, “dass die Verfolgten' nicht Verfolger werden”. Doch nicht dazu, die Schuld der Mörder zu verkleinern oder zu. verwischen. In den Versen von Nelly Sachs “Und niemand weiss weiter’’ (1957) tritt der universelle Ausdruck eines Volksgeistes hervor in Anruf. Mahnung, Klage und Beschwörung —■ die Formel e i n es bildlosen Glaubens, dem das Wort Gefaess aller Bilder bedeutet. Ihre Ekstase ist der Entrückung jüdischer Mystik aehnlich, für die das Wort der dem Menschen mögliche Weg zu wortloser Vollkommenheit ist. So erscheint nicht wenig in der Metaphorik von Nelly Sachs dem Leser anfangs dunkel unvertraut und schwer zugaenglich. Doch dies nur solange, bis sich das an das Understatement h e u t i g er Verssprache gewöhnte Ohr eingehort hat in diese neue und unverbrauchte Diktion dieser Strophen. Von allen bis dahin in Buchform erschienenen Dichtungen der Nelly Sachs fand erstmals dieser Band weitreichende Beachtung. Es erschienen zahlreiche und ausführliche Besprechungen und und mehrfach Nachdrucke ihrer Lyrik. Rundfunksendungen machten auf die abseits Lebende und sich abseits Haltende aufmerksam. Der nun mit ihr von Deutschland aus einsetzende Briefwechsel förderte ein lange zurückgehaltenes, doch bereits in den vierziger Jahren entstandenes Versdrama zutage, ein Mysterienspiel vom Leiden des jüdischen Volkes mit dem Titel “Eli”. Es war in Schweden 1950 in einem Privatdruck von 200 Exemplaren erschienen, jedoch nie aufgeführt worden. 1958 nahmen es Sender der Bundesrepublik als Hörspiel in ihr Programm auf und erzielten damit eine starke Wirkung. Eine Bühnenauffühi'ung folgte. Um ciiese Zeit erschien auGh eine zweite Sammlung von U e b e rsetzungen der Dichterin aus dem Schwedischen “Aber auch diese Sonne ist heimatlos”, Sie wurde zum Anlass, dass Nelly Sachs 1958 von einem Kreis junger schwedischer Autoren den Lyrikpreis der Schwedischen Schriftstellervereinigung für ihre übersetzerischen Arbeiten erhielt. 1959 erschien neben einem weiteren Band mit Uebersetz u n ge n “Schattenfischer” der e i g e ne Gedichtband: “Flucht und Verwandlung”. Immer mehr hat sich in ihren Strophen der Ton der Trauer über das Schicksal ihres Volkes geweitet zu einer grossen menschheitlichen Klage, zum “Seufzen der Kreatur” im Stande ihrer Unvollkommenheit, wie es dann vollends der Sammelband ihres poetischen Werks: “Fahrt ins Staublose” von 1961 erkennen liess. Es ist ein kosmischer Schmerz, der den irdischen Zustand als ein Interim erkannt hat, als eine zeitweilige “Ruhe auf der Flucht” durch soviele Verwandlungen. Die Körperlichkeit kann nicht mehr mit Sorge erfüllen. Das “Schlafgewand Leib” wird eines Tages von uns abfallen: das dreimal in einem Gedicht wiederholte “Wie leicht wird Erde sein” ist Ausdruck solcher Hoffnung. Zehn Jahre zuvor hatte sie in einem der vollkommensten G e d i chte des Bandes “Sternverdunkelung” gefragt: Waelder der Traumgesichte - Was werdet ihr sein in Wahrheit nach unserem Tod? Was unmöglich schien bei dem Leidensursprung dieser Poesie, isi eingetreten: aus der ganz durchschrittenen Qual gewann die Dichtung von Neily Sachs einen ung e a h nten Grad sublimer Leichtigkeit. Die lastende Materie entstofflichte sich so weit, dass sie zu tönen begann: “aus zeitverfallendem Stern tönt Musik fürs Ohr. “Es ist nicht die Selbsttaeuschung flüchtiger Euphorie, sondern eine aus Schmerz gewonnene Gewissheit, die diesen Wandel bewirkte: “... deine Sprache ist schon da, wo aller Staub zu Ende ist”. Zum 20. Todestage von Bruno Frank DEM ANDENKEN EINES JUEDISCHEN DICHTERS . In Beverly-Hills (Kalifornien) starb vor nunmehr zwanzig Jahren, am 20. Juni 1945. der sehr bedeutende juedische Erzaehler und Dramatiker Bruno Frank. Wenige Tage zuvor, am 13. Juni, hatte er das 58. Lebensjahr vollendet. Die weltbewegenden Ereignisse jener Tage verhinderten vielleicht, dass der schwere Verlust, den die Welt der Literatur durch den Tod von Bruno Frank erlitten hatte, damals voll gewuerdigt worden ist. Umso mehr duerfte ein Wort des Gedenkens am Platze sein. In Stuttgart war Frank zur Welt gekommen, doch Muenchen wurde seine Residenz fuer den groessten Teil seines Verweilens in Deutschland, das er 1933 verliess, um einige Jahre in Salzburg zu verbringen, ehe er die Emigration ueber England nach Amerika antrat, wo er viele alte Freunde wiedertraf. Die Tatsache, dass er mit der Tochter der gefeierten juedisehen operettensaengerin Fritzi Massary verheiratet war, trug dazu bei, ihm denj e n i gen gesellschaftlichen Platz in neuen Lande zu sichern, der ihm gebuehrte. Besonders Thomas Mann war bis zuletzt in staendigem Kontakt mit dem juengeren Freunde; er hielt ihm auch eine ergreifende Gedaechtnisrede. Der Lyriker, Erzaehler und Dramatiker Bruno Frank ist produktiv und erfolgreich gewesen: “Aus der goldenen Schale”, eine Gedichtsammlung, hatte schon der 20 jaehrige erscheinen lassen, weitere Lyrik, “Die Schatten der Dinge” und “Requiem” sei hervorgehoben. “Die Narbe” und “Tage des Koenigs”, zwei seiner schoensten Novellen, machten Frank einem weiten Leserkreise bekannt. Sein grosser friederizianischer Roman “Baron Trenk”, 1927, wurde ein ganz grosser Publikumserfolg, ein “Bestseller”. Kurz darauf entstand das buehnenwirksame Drama “Zwoelftausend”, das Max Reinhardt an seinem Berliner “Deutschen Theater” sehr wirkungsvoll inszeniert hatte. Die dramatische Historie vom infamen Verkauf hessischer Untertanen an das Ausland wurde hier grossartig gestaltet. Dann kamen nacheinander zwei Komoedien heraus: “Die Perlenkomoedie” und “Sturm im Wasserglas”; besonders dieses feine und amuesante Lustspiel nahm seinen Weg ueber die meisten europaeischen Bu ebnen. Im Exil hatte Bruno Frank unermuedlich weiter ge arbeitet. Sein Roman “Cervantes”, die Schilderung vom leidvollen Leben dieses Dichters, wird zum Sinnbild des auch in Sklavenketten noch triumphierenden Geistes, und das Buch “Der Reisepass” ist eines der staerksten Anklagebuecher gegen Nazi-Deutschland geworden. Die “Politische Novelle” mit ihren Erinnerungen an Briand und Stresemann ist zum Versuch geworden, die deutsch-franzoesischen Gegensaetze von einst auf hoechster mensch- Von Curt Wilk lieber Ebene zu versoehnen, und “Der Magier” schildert einen Theatermann, der auf seinen Weltruhm verzichtet, um das Urspruen glich- Schoepferische wiederzufinden. Dagegen hat sein letztes Buch “Die Tochter”, trotz vieler guter Details des juedischen Milieus, in weichem es spielt, gerade die juedischen Leser allgemein nicht recht befriedigt. Der Wirrnis seiner Zeitepoche hatte Bruno Frank eine klare Haltung entgegengesetzt, die nur Vernunft und Menschenfreundlichkeit gelten liess. Der Echtheit seiner Gesinnung entsprach in der Sphaere der Kunst die Reinheit der Form. Auch in den kleinsten Nebenarbeiten gab es kein “Sichgehenlassen”. Stets ist es das starke moralische Pathos, das durch seine Schriften hindurchleuchtet, wohl am klarsten in der “Politischen Novelle”, die er um 1930 verfasst hatte. Diese “ebenso moralischtapfere und klarsichtige wie poetische Dichtung”, wie Thomas Mann sie nennt, war damals von einer einflussreichen liberalen Zeitung Deutschlands, welche dem wachsenden Nationalismus der Epoche bereits Rechnung trug, in sinnentstellender Weise verrissen worden, und es ist der Dichter und Freund Thomas Mann gewesen, der mit aller Entschiedenheit in einer oeffentlichen Entgegnung das Wesensbild und die aufrichtige Gesinnung, das “echte Deutschtum Franks” (Fortsetzung Seite 23)

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