Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVI (1964)
- Issue
- 8 (Agosto, 1964)
- Date
- 1964-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 BOLETIN INFORMATIVO AGOSTO 1964 50 JAHRE DANACH: Der 1. Weltkrieg und das juedische Volk In den letzten Julitagen des Jahres 1914, waehrend noch ueberall in Europa Millionen von Menschen bei strahlendem Sommerwetter am Meer und in den Bergen Erholung suchten, hatten sich die politischen Geschehnisse mit Blitzesschnelle ueberstuerzt. Anfang des Monats hatte der deutsche Kaiser leichtfertig, ohne Befragung des verantwortlichen Reichskanzlers, der verbuendeten oesterreichisch ungarischen Regierung Blankovollmacht in dem Sinne erteilt, dass sie mit Serbien, dem "Lande von Koenigsmoerdern”. nach Belieben verfahren duerfe. Der hohe Herr war dann auf die traditionelle Nordlandreise gegangen, was einen friedlichen Eindruck hervorrufen musste, waehrend die Generalstaebe in Berlin und Wien sich auf einen ‘"Zweifrontenkrieg” vorbereiteten, der allerdings nur fuer den aeussersten Fall vorgesehen war. Doch die Politiker in der "Wilhelmstrasse" und am "Ballhausplatz” schienen den Gang der Ereignisse nicht allzu tragisch zu nehmen. Am 31. Juli 1914 wurde zu Paris Jean Jaures ermordet, der Freund der arbeitenden Massen aller Laender, eine der wenigen Hoffnungen der friedliebenden Voelker, und mit dieser ruchlosen Tat hatte der Krieg schon begonnen, obwohl die offiziellen deutschen Kriegserklaerungen an Russland und Frankreich erst am Sonntag, den 2. August, erfolgten. An diesem Tage begingen die Juden in aller Welt ihren nationalen Unglueckstag, den Trauer — und Fasttag des 9. Aw. die Erinnerung an die zweimalige Tempelzerstoerung, und man gab verstaendlicherweise diesem Zusammentreffen spaeterhin eine symbolische Bedeutung. In Deutschland herrschte in jenen Tagen allgemeiner Jubel, Feststimmung, Kriegsbegeisterung, in Frankreich dagegen tiefe Bestuerzung. "‘Wenn die Blaetter fallen”, so konnte man hoeren, ‘‘sind wir wieder daheim, und nur einige weniger Optimistische vertroesteten das Volk auf Weihnachten, dem Feste des Friedens da man wiederum am haeusliehen Herde vereint sein werde”. Doch erst das fuenfte Weihnachtsfest sah die Reste der besiegten deutschen und oesterreichisch - ungarischen Armeen (die anderen “Verbuendeten”, wie z.B. Bulgarien, hatten schon frueher u m Waffenstillstand e rsucht) in der Heimat. Vier und einhalb Jahre lang hatten die Regierenden von Berlin und Wien die Voelker belogen. getaeuscht, irregefuehrt. Die frischen amerikanischen Truopen mit der damals neuen Waffe, den Tanks gaben den Ausschlag fuer den Endsieg der Entente. So, wie man einst nicht geglaubt hatte, dass Grossbritannien ein greifen wuerde, falls die belgische Neutralitaet verletzt werden sollte, hatte man die Amerikaner belaechelt, die “nicht schwimmen und nicht fliegen koennten”, und ihre Kriegserkiaerung durch den verbrecherischen “ u n b eschraenkten Unterseebootkrieg” herausgefordert. Der einer rechtzeitigen Verstaendigung nicht abgeneigte Reichskanzler von Betnmann- Hollweg, ein vornehmer, aber sehr schwacher, ehemaliger hoher Verwaltungsbeamter, war von der Obersten Heeresleitung im Jahre 1917 beseitigt und war durch noch willfaehrigere Politiker ersetzt worden. Der Ausbruch des Weltkrieges sah das juedische Volk in einer tragischen Situation: Juden standen gegen Juden an vielen Fronten. Die juedisch internationalen Organisationen der kriegsfuehrenden Laender mussten ihre Zusammenarbeit einstellen. Der Sitz der zionistischen Weltleitung, bis dahin in Berlin, war nach dem neutralen Kopenhagen verlegt worden. Die juedischen Buerger, entsprechend der Pflicht, dem Vaterlande zu dienen, ständen hinter ihren nichtjuedischen Landsleuten nicht z u r u e c k. Nicht nur i n Deutschland, auch im zaristischen Russland der Judenpogrome, eilten juedische Freiwillige zu den Fahnen und in Muenchen forderte der angesehene Rabbiner, Prof. Dr. Werner s.A., dass die deutschen Juden “noch mehr als ihre Pflicht” zu tun haetten eine aus der Kriegspsychose heraus erklaerliche, aber tief-bedauerliche Einstellung. Ueber die enormen Opfer an Gut und Blut, welche die juedische Bevoelkerung der Mittelmaechte gebracht hatte, ist oft geschrieben und gesprochen worden; die Zahl der Kriegsdekorierten, zu Offizieren Befoerderten, ist gross. Zu den ersten Toten auf der deutschen Seite gehoerten der juedische Reichstagsabgeordnete Dr. L u‘d wig Frank aus Mannheim, die grosse Zukunftshoffnung der Sozialdemokratie, ein Kriegsfreiwilliger, und der Berliner junge zionistische Rechtsanwalt Greiffenhagen. Doch war die Kaiserproklamation vom 1. August 1914 “ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche kein Hindernis dafuer dass im Jahre 1916 im deutschen Heere die beleidigende ‘Uudenzaeh 1 un g” durchgefuehrt wuerde, die erst auf energisches Eingreifen des Reichstagsabgeordneten Scheidemann abgeblasen worden ist. Auch der Aufruf Ludendorffs “An meine lieben Juden in Polen” war niemals ernst gemeint gewesen und die juedische Bevoelkerung im besetzten Gebiet des Ostens hatte ein sehr schweres Dasein, wenngleich jene Behandlung human genannt werden muss im Vergleich zu dem, was 25 Jahre spaeter von den Deutschen ueber die unglueckliche polnische Judenheit verhaengt worden ist. Die Alliierten hatten gesiegt, doch die juedischen Massen Osteuropas standen erst am Beginn einer neuen Leidenszeit. So mussten sie die milde Verwaltung Galiziens unter der Monarchie gegen die neuen polnischen Machthaber eintauschen, die sich mit Pogromen in Lem¬ Von Curi Wilk berg einfuehrten. Die Zahl der juedischen Abgeordneten im “Sejm” zu Warschau betrug nur ein Drittel derjenigen Zahl, die der juedischen Bevoelkerung als “nationaler Minde r h e i t” entsprochen haette. Dass die Abtrennung der Juden im neuen, kommunistischen, Russland von der juedischen Gesamtheit hinzukam, muss als die schwerwiegendste Konsequenz des 1. Weltkrieges fuer die juedische Welt angesehen werden. Die Judenheit Deutschlands, nach all den schweren Opfern, sollte nach Kriegsschluss eine furchtbare Enttaeuschung erleben: Es setzte ein gewalttaetiger Antisemitismus ein, der in Attentaten und Mordversuchen auf Rosa Luxemburg, Hugo Haase, Kurt Eisner, Gustav Landauer, Walther Rathenau und Maximilian Harden zum Ausbruch kam, um nur die wichtigsten Namen deutscher Juden zu nennen bezw. Menschen juedischer Abstammung. Vor den Augen der Staatsmaenner der ‘‘Weimarer Republik” wurde jene Giftsaat des Hasses ausgestreut, die im Jahre 1933 furchtbar aufging. Bemuehungen auf juedischer Seite zwischen 1919 und 1923, einen inner juedischen Zusammenschluss herbeizufuehren, scheiterten daran, dass fuehrende Persoenlichkeiten der damaligen deutschen Judenheit die heraufziehende Gefahren nicht erkannten. Man darf es als eine glueckliche Schicksalsfuegung betrachten, dass ein in England lebender ehemali - ger russischer Jude, Prof. Dr. Chaim Weizmann, damals noch nicht an fuehrender Stelle der zionistischen Weltbewegung, mit staatsmaennischem Weitblick erkannte, dass der Verlauf des Krieges nicht nur, frueher oder spaeter, den Sieg der Entente, sondern auch die Aufteilung des kaiserlich—tuerkischen Reiches, Deutschlands Verbündetem, der ueber Palaes t i n a herrschte, bringen wuerde. Weizmann”s Bemuehungen, unterstuetzt von hervorragenden Menschen wie Nahum Sokolow und Wladimir Jabotinsky, von einem sehr grossen Teil alteingesessener britischer Juden und. von vielen nicht juedischen Zionsfreunden, fuehrten bekanntlich zur historischen “Balfourdeklaration” von 1917 und zur Schaffung der “Juedischen Legion", die mit den siegreichen Truppen in das befreite ¡Jerusalem einzog Aus den Truemmern, die der Weltkrieg hinterliess, sind die Anfaenge der neuen “Juedischen Heimstaette” auf dem heiligem Boden von Erez Jisrael errichtet worden, und wenn der grosse englische Staatsmann Lord Robert Cecil spaeter einmal sagte, dass der Weltkrieg zwei positive Ergebnisse gezeigt habe, naemlich die Schaffung des “Voelkerbundes” und diejenige des juedischen Palaestina, so duerfte in diesem Worte eine, wenn auch selten ausgesprochene, Wahrheit verborgen liegen. Und vielleicht darf man noch die edle Foerderung erwaehnen, welche die Judenheit der neu-erstandenen tschechoslowakischen Republik in Maennern wie Masaryk und Benesch erfuhr, die, grosse Soehne ihres eigenen Volkes, die juedisch-nationalen Bestrebungen, wo immer sie es vermochten, von ganzem Herzen unterstuetzten. Zwar vermochte der Voelkerbund den Ausbruch eines zweiten Weltkrieges nicht zu verhindern, doch, was aus dem juedischen Volke geworden waere, wenn sich Erez Israel in den Jahren der Naziverfolgung nicht als eine wunderbare Realitaet erwiesen haette, dies vermag keine Phantasie sich vorzustellen. Der furchtbare Schlag, zu dem der Verbuendete der Nazibarbaren, der preussischdeutsche Militarismus vor jetzt fast 25 Jahren abermals ausholte, haette die Weltjudenheit noch weit mehr dezimiert, waere Palaestina nicht faehig gewesen, Hunderttausende Ueber lebender vor 1939 und nach 1946 aufzunehmen. Medinath Israel der juedische Staat, ist letzten Endes aus den Leiden, die mit dem ersten Weltkriege ihren Anfang genommen hatten, hervorgegangen als die staerkste Hoffnung fuer die Zukunft, als Symbol des Lebenswillens des alten Volkes, das stets in der Geschichte seine Feinde ueberdauerte. , Sorgenvolle Kongresstage vor 25 Jahren (21. Zionistenkongress zu Genf, 16.—-25. August 1939) Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde zu Genf in Anwesenheit von 529 Delegierten am 16. August der 21. Zionistische Weltkongress eroeffnet. Es war am Vorabend folgenschwerer Ereignisse, als sich Delegierte und Festgaeste im geschmueckten Stadttheater der internationalen Kongresstadt zusammenfanden. Stand man doch vor Schwierigkeiten erster Ordnung: Die zionistische und, man darf ohne Uebertreibung sagen, fast die ¡gesamte juedische Welt war in groesster Erregung ueber die britische Weissbuch-Politik und die sich hieraus ergebende fast voellige Einstellung der legalen Einwanderung nach Erez Israel. Andererseits wollte doch niemand den Anschein eines “Kampfes” gegen England auf sich nehmen angesichts bevorstehender internationaler Verwicklungen bei denen das juedische Volk nicht gegen Grossbritannien stehen koennte. Auf diesen Ton war Weidmanns grosse Kongressieroeffnungsrede abgestimmt und der Praesident der Zionistischen Weltorganisation brachte seine Anklagen gegen die Chamberlain-Regierung in gemaessigter Form vor; nach ihm gab Dr. Nahum Goldmann eine Uebersioht ueber die gesamtjuedische Lage. . Zum ersten Male waren die Eroeffnungsreden nicht in deutscher Sprache gehalten worden. Von den hebraeischen Einfuehrungsworten abgesehen, sprach Weizmann englisch, Goldmann franzoesisch. Der 21. Genfer Kongress stellte einen einzigen, leidenschaftlichen, Appell an das Weltgewissen dar, weil man ueber das traurige Fluechtlingspiroblem, das besonders die Judenheiten Deutschlands, Oesterreichs und der Tschechoslowakei betrag, zu sprechen und den Versuch zu unternehmen hatte. Erleichterungen herbeizufuehren. In einer besondersschwierigen Lage befand sich naturgemaess die Delegation aus Hitler-Deutschland, die jedes Wort, das einer der ihrigen dort 'sprach, sorgfaeltig erwaegen musste. Sie brachte klar zum Ausdruck, dass sie keine philantropische, sondern durchgreifende nationale Hilfe erwarte, dass sie trotz sechsjaehriger Auswanderungsbewegung ueber ein Menschenreservoir verfuege, das durchaus geeignet sei, den Aufbau von Palaestina mit physischen und geistigen Kraeften zu foerdern. Es war ein bedeutsamer Augenblick als Prof. ¡Dr. Weizmann sich gezwungen sah auf das 'bittere Unrecht hinzuweisen das dem juedischen Volke durch Sperre der Alijah und Unterbindung des Bodenkaufs in Erez Israel bereitet wurde. Freilich konnte der Praesident gleichzeitig auf die traditionelle Freundschaft der britischen Nation fuer die juedische Sache, auf die erprobte Treue eines ’ Joseph Ghamberlain, von Maennern wie Lord Balfour , Lloyd George und Winston Churchill aufmerksam machen, auf ein friedlich-gesinntes England, das durch den erwarteten Naziangriff auf Danzig und Polen bedroht sei. “Wir haben keinen Streit mit Grossbritannien”, fuehrte Weizmann aus, “wohl aiber mit denen, die fuer die gegenwaertige, uns feindlich-gesinnte, Palaestinapolitik verantwortlich sind”. Es folgten schoene und durchaus realistische Worte ueber die Moeglichkeiten juedisch-arabischer Verstaendigung und hinsichtlich gemeinsamer Anstrengungen zu ‘konstruktiver Aufbauarbeit. Der 21. Kongress hatte ein hohes Niveau und zeigte ein starkes moralis c h e s Verantwortungsbewusstsein. Doch vorzeitig, nach knapp zehn Tagen, gingen die Delegierten auseinander, vertrieben von den drohenden Gewitterwolken eines europaeischen Krieges. Es waren vor allem die Vertreter der pblnischen, deutschen und rumaenischen Zionisten, die ihrer “Heimat”, d.h. der Nazihoelle, entgegenstrebten. Wenige Tage spaeter, am 1. September, ueberfielen die Naziarmeen Polen, bombardierten Warschau, ver breiteten Grauen und Furcht und (Fortsetzung Seite 38)