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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1964-08-01 · 8 (Agosto, 1964) · p. [Seite]

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVI (1964)
Issue
8 (Agosto, 1964)
Date
1964-08-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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AGOSTO 1964 BOLETIN INFORMATIVO 5 DIE WELT HATTE KAPITULIERT Im August 1939 —vor nunmehr einem Vierteljahrhundert, fielen deutschen Truppen in Polen ein. Der zweite Weltkrieg hatte begonnen. Aber schon frueher, 1938, hatte sich gezeigt, dass die Tragoedie nicht mehr aufzuhalten war. Nachstehend bringen wir Auszuege aus einem in der “Council Correspondence” erschienenen Artikel von Robert Weltsch, in welchem er, unter dem Titel “Das tragische Jahr”, eine Analyse der Situation in den unheilsschwangeren Monaten dieses Jahres gibt. Die Redaktion Das e i g e n t lieh niederschmetternde Ereignis des Jahres 1938 war die ploetzliche Einsicht, dass die immer gehegte Hoffnung auf ein Eingreifen der sogenannten zivilisierten Welt ein leerer Wahn war. Die Welt hatte vor Hitler kapituliert. Sie hatte ihm sozusagen carte blanche gegeben. Es ist heute schwer zu rekonstruieren, in welchem Maasse diese Tatsache auf die Juden in Deutschland gewirkt hat. Man fuehlte sich voellig preisgegeben, trotz der moralisierenden Redensarten ausländischer Staatsmaenner, die nur noch unterstrichen, dass mit einem praktischen Eingreifen nicht zu rechnen war. Die internationale Lage von damals spiegelte die Machtprobleme wider. Einen Gegendruck gegen die Nazis konnten nur diejenigen ausueben, die selbst ueber Machtmittel verfuegten. Aber diese schwiegen, sow o h 1 i nnerhalb Deutschlands (die Armee) als auch ausserhalb. Ja wir wissen heute, dass der innere Widerstand gegen , das Hitler- Regime in dem verhaengnisvollen Jahrfuenft 1933-1938 —und sogar noch 1939— dadurch behindert war, dass er nicht mit Unterstuetzung des Auslandes , rechnen konnte. Aber ohne wirkliche Macht, und das heisst in diesem Fall militaerische Macht, war ein Aufbaeumen gegen das Regime aussichtslos, da ja intern der totalitaere Apparat alles beherrschte und Gegner zum Verschwinden bringen konnte, ohne dass die Oeffentlichkeit dessen gewahr wurde. “Sich wehren” konnten die Juden nicht, sie konnten nur an Hilfe appellieren. Nach 1938 wurde Hilfe gewaehrt, vor allem von England, das nach Muenchen seine Grenzen fuer Tschechen und Juden liberaler oeffnete als frueher. Seit 1938, seit der Kristallnacht, bestand der Schuldkomplex der christlichen Voelker, die nichts getan hatten, ,um die Flut des Nazismus aufzuhalten. Eine gute Illustration des Unverstaendnis mit dem die Welt dem Phaenomen Hitler gegenueberstand, gibt ein Buch von Eugen Spier (“Focus, a Footnote to the History of the thirties”) einem seit 1922 in England lebenden deutschen Juden, der, wie er 'berichtete, nach 1933 versuchte mit anderen zusammen die englische oeffentliche Meinung darueber aufzuklaeren, welche Weltgefahr Hitler darstellt. Spier betont stets, dass nicht um der Juden willen die Welt sich wehren sollte, sondern um der Gefaehrdung der fuer den Westen hoechsten moralischen und geistigen Werte, die von den Nazis brutal und zynisch niedergetreten wurden. Aber die Angst der friedliebenden Voelker vor dem Krieg war zu gross und ausserdem spielte die Selbstkritik der demokratischen Voelker mit, die die Schwaechen des eigenen Systems vor Augen sahen und daher eine gewisse Bewunderung fuer Hitler empfanden. Die Furcht vor einem alles zerstoerenden Krieg war zu gross und man wollte nicht glauben, dass es ein Monstrum wie Hitler wirklich geben koenne. Dazu kamen freilich eine Menge politischer —und sogar handelspolitischer Motive— vor allem Angst vor Russland und Angst die Geschaefte zu stoeren. All das fuehrte zu dem, was der Englaender “Wunsch-denken” nennt. 1938 — DER WENDE¬ PUNKT Das Jahr 1938 war ein Wendepunkt, aber auch seine Lehren genuegten nicht, ¡um den Menschen die Augen zu oeffnen. Mon kann verstehen, dass dem friedlichen englischen Volk das Herz brach, wenn ploetzlich hastig und fast panikartig Schuetzengraeben und Unterstaende im Hyde Park gebaut werden mussten, und es ist zwar eines Staatsmannes unwuerdig und politisch aufreizend, aber doch menschlich verstaendlich, wenn Neville Chamberlain am 27. September 1938 in seiner oft zitierten Rundfunkrede sagte: “Wie grauenhaft, wie phantastisch und unglaublich, , dass wir hier Graeben machen und Gasmasken anprobieren, wegen eines Streites in einem weit entfernten Lande, von dem wir nichts wissen” Natuerlich irrte Chamberlain, denn England als damals noch grosse Weltmacht konnte sich seiner Verpflichtungen nicht so leicht entledigen. Ausserdem war es Verstaendigen klar, dass der Angriff auf die Tschechoslowakei nur ein Vorspiel zum Angriff auf England war. Aber das eigene Volk den Schrecken eines Krieges, dessen Kosten und Opfer noch von 20 Jahren vorher in Erinnerung waren, auszusetzen, entschliesst man sich erst in bitterster Notwendigkeit. Als sich kein Arm ruehrte, waehrend die Nazis in Oesterreich einzogen, war das Schicksal Europas besiegelt. Die Tschechoslowakei, deren k u e nstliche Zusammensetzung aus drei oder vier einander feindlichen Nationalitaeten sich als Sehwaeche erwies, war nun umzingelt. Sie konnte nur auf Vertraege und Garantien bauen; aber da lauerte der Verrat, denn in den Herzen von Englaendern und Franzosen keimte jenes Gefuehl, das am besten durch die zitierten Worte Chamb erlains ausgedrueckt ist, die damals noch nicht offen gesprochen worden waren. EINE UNVERGESS¬ LICHE REISE Unvergesslich bleibt die Fahrt, die ich damals nach dem Osten antrat, im Maerz 1938, nur eine Woche nach der Eroberung Oesterreichs. Das polnische Schiff der Gdynia- Linie, z u diesem Zweck im Schwarzen Meer postiert, lud eine Reihe juedischer Gaeste zur hundertsten Fahrt von Konstanza nach Haifa ein, Um von Berlin nach Konstanza zu kommen, musste man Osteuropa durchqueren: Oberschlesien, Galizien, Polen, die Bukowina, Rumaenien. Dort lebten juedische Massen, zwar unter Druck, aber doch in vermeintlicher Sicherheit. Im Westen war dieser Landguertel fast unbekannt, nur einzelne Spezialisten wussten davon. Wir d a m a ls in Deutschland lebende hatten keine klare Vorstellung von dem Ausmass der westlichen Ignoranz ueber die tatsaechlichen Verhaeltnisse in dem Gebiet, das ein deutscher Schriftsteller, ich glaube es war der spaeter zu den Nazis uebergegangene Giselher Wirsing, mit dem Namen “Zwischeneuropa” belegte. In Rumaenien ereignete sich damals eine besonders charakteristische Episodie, die heute gewiss allgemein vergessen ist ausser natuerlich bei den damals rumaenisehen Juden. Im Dezember 1937 machte Koenig Karol den Dichter Goga, Fuehrer der radikal antisemitischen Partei zum Ministerpraesidenten. Dieser errichtete die Karikatur einer Hitler-Regierung ohne wirkliche Macht und ruinierte das Land in wenigen Tagen. Das Ausland wandte sich ab - man war viel mutiger gegenueber Goga als gegenueber Hitler - und nach 45 Tagen geschah dort das was viele in Deutschland und anderswo gemeint hatten, dass es 1933 mit Hitler geschehen wuerde: Goga hatte abgewirtschaftet. Am 10. Februar 1938 musste er zuruecktreten und der Koenig ergriff selber die Zuegel der Regierung. Die rumaenischen Juden konnten wieder frei atmen, aber sie hatten doch eine Lektion erhalten, sozusagen e i n en Schreckschuss. (In Berlin wurde damals die “Juedische Rundschau” verboten. Die Nazifc wuenschten keinen juedischen Kommentar zum Goga— Regime. Erst am 1. Maerz durfte sie wieder erscheinen; die Motive der in Berlin gegeneinander arbeitenden Nazi-Gruppen sind undurchsichtig, zwei Wochen vor dem. Anschluss wurde die “Juedische Rundschau” (Wieder erlaubt.) In Bukarest hatte ich damals die seltsame Erfahrung, dass die rumaenischen Juden die “Juedische Rundschau” als auch ein fuer sie massgebendes und fuehrendes Organ betrachteten — im Schicksalsjahr 1938, wo die Knebelung j u e discher Zeitungen in Berlin bereits sehr weit vorgeschritten war. Auch in juedischer Beziehung begann man, sich nach Berlin zu orientieren. Es war ein instinktives Gefuehl, dass, nach dem Anschluss, den Juden “Zwischen - Europas” nicht erspjart werden wuerde, das Schicksal der deutschen Juden zu teilen. Der “Anschluss” bedeutete auch eine definitive Wendung in der Judenpolitik. Der Versuch der deutschen Juden, in der Zwischenperiode 1933- 1938 eine konstruktive Loesung zu finden, teils durch Auswanderung, teils durch abge sonde rtes Gemeinschaftsleben in Deutschland, beruhte wenigsten teilweise auf der Ueberzeugung, oder doch Hoffnung, dass eines Tages normale Verhaeltnisse wiederkehren wuerden, vor allem durch das Eingreifen der “Welt”. Aber im Maerz 1938 ruehrte sich keine Hand, als Nazihorden in Wien alte Juden zwangen, auf dem Boden, liegend das Strassenpflaster zu putzen. Selbst fuer jemand, der fuenf Jahre unter Naziherrschaft gelebt hatte, war Wien 1938 ein fuerchterliches Erlebnis. Ich gelangte auf der Rueckreise aus Palaestina dorthin, kaum drei Monate nach dem Anschluss. Verglichen mit Wien erschien Berlin als ein Paradies. Von Wien nach Prag. Dort eine kuenstlich aufgepeitschte Zuversicht. “Die Welt wird es nicht zulassen”. Die Welt, wer war die Welt? Viele Juden in Prag lehnten es ab, ueber die Auswanderung auch pur zu reden. “Sollten die Nazis nach Prag kommen —was wir fuer ausgeschlossen halten, denn wir sind ja mit der Entente und mit Russland verbuendet —dann werden wir das Los der Tschechen teilen. Aber die Welt wird es nicht zulassen”. Heute wissen wir, dass die Juden nicht das Los der Tschechen teilten. Die Tschechen erlitten wohl Demuetigungen, aber sie wurden nicht verschleppt und konnten bis 1945 warten. Die Juden wurden erst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz verschleppt. Die Atmosphaere der Unwirklichkeit und Selbsttaeuschung die noch im Juni 1938 in Prag herrschte, muss einem rueckschauenden Betrachter nach 25 Jahren unverstellbar sein. All das ist unglaublich, wenn man es mit dem Masstab dessen misst, der die nachfolgende Zeit erlebt hat. DAS WIRKLICHE ENDE Hitler selbst hat anscheinend erst bei der Begegnung mit Neville Chamberlain in Godesberg und nachher in Muenchen erkannt, mit welchen Gegenspielern er es zu tun hat. Vielleicht wusste er auch nicht, dass andere Voelker den Krieg und die Rueckfuehrung in die Barbarei wirklich ehrlich verabscheuen. In Muenchen erkannte er, dass ihm nun alles erlaubt war. Es kam zwar schliesslich die Grenze, das “Bis hierher und nicht weiter”, das der arme, hilflose Schuschnigg vergeblich beschworen hatte. Aber zwischen Muenchen im September 1938 und dem Einzug in Prag im Maerz 1939 konnte er sich noch leisten, die Synagogen anzuzuenden. Im September 1939 hat man Danzig verteidigt, der Weltkrieg war da. Aber mit den Juden konnte Hitler machen, was er wollte. Daran hat der Ausbruch des Krieges nichts geaendert, vielmehr die Lage unsagbar verschlimmert. Kurz vor der sogenannten Kristallnacht mussten die Juden noch den Hohn und die Demuetigung der Konferenz von Evian ueber sich ergehen lassen. Die dort versammelten Vertreter der Kulturstaaten, viele mit Ministerrang, unter Vorsitz von Myron Taylor, dem Freund Praesident R o o sevelts und spaeteren amerikanischen V e r t reter beim Vatikan verkuendeten, dass sie ihre eigenen Einwanderungsgesetze nicht aendern koennten. Alle Tore blieben verschlossen. England war, wie schon erwaehnt, grosszuegig in der Aufnahme von F1 u e c h tlingen nach Muenchen. Aber in ihrer Mehrheit waren die Juden “Grossdeutschlands” nun den Nazis auf Gedeih und Verderb preisgegeben. Diese Situation feierten die deutschen Machthaber mit den Schandtaten des 10. November 1938. Man verbrannte, zerstoerte, mordete auch gelegentlich und schleppte alle Juden ohne Unterschied ins Konzentrationslager. Das war das wirkliche Ende. Alle Illusionen der Jahre 1933-1938 waren nun zerstoben. Die Auswanderung wandelte sich jetzt in Massenflucht. Wem es gelang in dem knappen Jahr zu entkommen, das noch bis zum Krieg verblieb, konnte das nackte Leben retten. Manchen gelang es noch spaeter; durch illegale Alijah oder nach Shanghai oder anderen Laendern. RUECKBESINNUNG War es nun falsch, was wir 1933-1933 zu tun versucht haben? Bedeutet die Kristallnacht die Widerlegung der Ideen eines geistigen Widerstandes wie wir ihn versucht haben? —Das sind die Gewissensfragen, mit denen unsere e i g ene rueckschauende G e Schichtsbetrachtung unweigerlich verwoben ist. Wer gemeint hatte, das eine ordnungsaehnliche Loesung der deutschen Judenfrage moeglich sein wuerde, und dass “die Welt” Ausschreitungen und Rechtsverletzungen ueber ein gewisses Mass hinaus nicht zulassen wird, hat geirrt. Viele haben geirrt in jener Zeit, nicht nur Juden. Am schlimmsten sind die Irrtuemer jener, die die Macht hatten die Entwicklung aufzuhalten, die die Juden nicht besassen. Aber auch diese waren von Illusionen und von mangelnder Phantasie umdunkelt, auch sie rechneten anscheinend auf Wunder, d. h. auf das Wunder, dass normale Begriffe von Recht und Moral in Deutschland wiederkehren wuerden, denn man glaubte doch an die Stabilitaet der Zivilisation. Vielleicht darf man trotzdem sagen, dass es richtig war, 1933 die Juden vor Panik und Verzweiflung zu bewahren, und sie zu eigenem Handeln im Rahmen der Moeglichkeiten zu ermuntern, d. h. also auch den Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen sie organisatorisch bestehen konnten. Vielleicht gingen wir damals in der Abschaetzung der seelischen Kraefte zu weit, die jener Trotz-Nationalismus, oft verbunden mit einer Trotz-Religiositaet erzeugen konnte. Es waren oft nur Scheinwerte, es ging nicht tief. Wir haben Bibelsprüche und Worte der Propheten zu journalistischen Zwecken missbraucht. Wir haben vieles uebertrieben, vieles falsch eingeschaetzt. Aber auch der objektive Betrachter muss zugeben, dass die Bemuehungen der Jahre 1933-1938 nicht vergeblich gewesen sind. Sie haben mehr bewirkt im gesamt juedischen Bewusstsein, sogar ausserhalb Deutschlands, als sich aeusserlich nachweisen laesst. Fuer Palaestina waren diese Jahre eine gute Vorbereitung; wir sehen das erst wenn wir vergleichen, wie die Ankunft seelisch voellig unvorbereiteter Fluechtlinge sich ausgewirkt hat. Doch auch in anderen Laendern haben die Menschen, die diese Jahre miteinander erlebt haben, eine unverwischbare Gemeinsamkeit erhalten.

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