Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1963)
- Date
- 1963-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/8553624-8558686-9194545--4030-8558991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NOVIEMBRE 1963 BOLETIN INFORMATIVO Zum 25. Jahrestag der November - Pogrome TANZ AUF DEM VULKAN Von Herbert Freeden Am 10. November jaehrt sich, zum 25. Male die “Kristallnacht”. Wir bringen hier eine wenig bekannte Episode aus jenen Tagen —ueber die merkwuerdige Rolle, die einem Theater dabei zufiel, dem Theater des “Juedischen Kulturbunds” in Berlin. Es war der 8. November 1938. Obwohl Gaerten und Baeume im Winter standen lag so etwas wie zweiter Herbst ueber der Stadt. Die Luft war weich. Im Buero des Theaters in der Kommandantenstrasse, im Suedosten Berlins, sass der Intendant. Sein Gesicht war gruen, als ob er eben einen seiner Gallenanfaelle ueberstanden haette. “Haben Sie die Morgenblaetter gelesen?”, fragte er d'en Oberspielleiter, der nervoes auf den Schreibtisch trommelte. Der Regisseur hatte seine Antwort bereit. “Als die “Titanic” unterging, spielte die Bordkapelle bis zum letzten Augenblick, um eine Panik zu vermeiden. Alle Musikanten sind ersoffen, alle. Wir haben das Privileg zum Totentanz 1938 aufzuspielen”. Der, Inten dant nickte, mehr aus Hoeflichkeit aJs aus Ueberzeugung. Er sass gruen in seinem Stuhl und schien mit seiner Galle beschaeftigt. “Die Gesamtheit der Juden wird fuer das Pariser Attentat verantwortlich gemacht”, fuhr er fort, “und das deutsche Judentum insbesondere”. Der andere stand auf. “Das ist purer Unsinn”, konstatierte er. “Der Taeter ist doch Pole, nicht wahr? Ich fuehle keine Verantwortung fuer einen jugend liehen Heissporn in Paris, der auf einen bis dato unbekannten Legationsrat der deutschen Botschaft schiesst. Ich muss jetzt hinunter auf die Probe”. “Der Schuss ist auf ein Stichwort abgefeuert worden, das wir noch nicht kennen”, sagte der Intendant statt einer Antwort. “Es riecht nach einem neuen Reichstagsbrand’. Der Regisseur stutzte einen Augenblick. “Ich beschaeftige mich nicht mit Politik. Meine Aufgabe ist, die Premiere des schottischen Studentenstuecks “R ege n und Wind” am 10. November herauszubringen”, sagte er, schloss die Tuer hinter sich und schritt die Treppe hinunter zur Buehne, ein wenig steifer und gerechter als gewoehnlich. der einzige Passant in einem Strassentumult, der unbeirt seinen Weg weiterging. Auf der Buehne war es still. Schauspieler, Beleuchter, Garderobiers und Arbeiter standen in einer Gruppe —sie schrieen nicht, sie lachten nicht, sie standen gedraengt wie Tiere im Gewitter und fluesterten. Ihre bunten Stimmen, die sonst die Buehne bevoelkerten, waren fahl geworden. “Herr Inspizient, laeuten Sie!” Der Regisseur klatschte in die. Haende.- “Meine Damen und Herren, Probe! Warum ist die Souffleuse nicht an ihrem Platz? Vorhang herunter, wir proben heute mit Vorhang” Seine Geschaeftigkeit fand keinen Widerhall. Die anderen standen immer noch stumm und zusammengedraengt. Der Inspizient war es. der fuer alle fragte: “Proben wir denn heute, Herr Oberspielleiter?”. Die Stimme des Regisseurs kulminierte: “l.Akt, 1.Szene, Buehne frei! Sorgen Sie dafuer, dass die Buehne frei wird, Herr Inspizient” Er lief ueber den Laufsteg ins Parkett hinein und setzte sich in eine der vordersten Reihen. Die Gruppe teilte sich langsam. Der Vorhang senkte sich. In das Sinken des Vorhangs hinein rief er noch: “Glauben Sie, weil einem Jungen in Paris das Temperament durchgegangen ist, stellen wir hier unsere Arbeit ein?”. Mit hochrotem Kopf kam die Souffleuse auf ihn zu. “Herr Oberspielleiter, Sie haben mir vorhin vorgeworfen, dass ich nicht im Souffleurkasten war. In 26 Jahren bin ich nicht ein einziges .Mal zu spaet auf eine Probe gekommen, bis auf eine Ausnahme, das war im Kapo -Puts,h 1921, als Generalstreik war und ich von Steglitz zu Fuss gehen musste. Aber der Inspizient sagte, und all die anderen. ..” “Wir sind halt alle etwas nervoes in diesen Tagen, nicht wahr”, beruhigte sie der Regisseur mit Engelsstimme, “und unter alten Kollegen bedeutet doch so ein kleines G e p 1 a e n kel nichts”. Und klopfte ihr vertraulich auf die Schulter, dass sie beglueckt davonlief. Der Gong toente. Der Vorhang hob sich. Der Regisseur sagte laut die Szenerie vor sich her, um die Dekoration nochmals zu ueberpruefen. “Der Salon einer Pension ln einer kleinen Universitaetsstadt in Schottland. Es ist Abend. Die Buehne leer. Nur im Kamin brennt ein Feuer, dessen Schein auf die Tuer faellt. Die Wirtin kommt herein. Auftritt. Auftritt! Ja, wo steckt denn Frau — Inspizient. Herr Inspizient!”. Der Inspizient kam atemlos auf die Szene. “Herr Oberspielleiter, bitte sofort ans Telefon. Herr Intendant, ganz dringend”. “Was ist denn schon wieder?” Sagen Sie ihm ich habe jetzt Probe, ich bitte, auf meinen Proben nicht gestoert zu werden”. Dann stand er aber doch auf “Vor lauter Verwaltungsarbeit kommt man nicht zum Spielen”, murmelte er im Gehen. Die Szene stand noch immer im Halbdunkel des beginnenden A u f t ritts. Der Scheinwerfer, der auf dem Kamin lag, gab ein rotes, flackerndes Licht. Der Regisseur war bald wieder zurueck. Er ging langsam, und seine Stimme war garnicht mehr toenend. als er sagte: “Aufhoeren. Das Ministerium hat soeben das Theater geschlossen. Gehen Sie bitte nach Hause”, Niemand antwortete. Niemand bewegte sich. Nur das Feuer des Kamins zeichnet« Schatten an die Wand. In einer jungenhaften Anwandlung fuegte er hinzu, g 1 e ichsam entschuldigend: “Wir haben hier bis zum letzten Augenblick unsere Pflicht getan. Es ist nicht unseie Schuld, wenn wir nicht weiter koennen. Gehen Sie bitte alle nach Hause”. Der Scheinwerfer ueber dem schottischen Kamin erloeschte und das nuechterne Probenlicht floss ueber di;* Buehne. Ein paar scharten sich um den Regisseur. Er sah muede und alt aus, als er sagte: “Sie werden alle verstaendigt, sobald wir etwas erfahren. Ich muss jetzt hinauf ins Buero. Ploetzlich liefen alle durcheinander — Buehnenpersonal und Sekretaerinnen des Bueros, Kellner der Kantine und Statisten, es war, als ob in dem Augenblick, da der Regisseur aus dem Zentrum trat, der Planet Theater aus seiner Bahn geschleudert waere Auf der Treppe zum Buero holte ich ihn ein. “Herr Oberspielleiter”, begann ich. “schlafen Sie die naechsten Naechte nicht zu Hause”. “Lieber Freund”, antwortete er und sah mir voll in die Augen, "wenn sie mich suchen,' sollen sie mich finden. Ich stand zwei Jahre lang vor Verdun und liess meine Truppe nur, als ich verschuettet wurde. Ich fuerchte mich nicht vor Deutschland”. Er eilte nach oben. Langsam ging ich dem Ausgang zu. Als ich an der Loge des Buehnenportiers vorbeikam, war die Fensterhoehle leer wie ein ausgeschlagenes Auge. Zum ersten Mal war das gruene Licht erloschen. In der Nacht vom 9. zum 10. November geschah es. Nach ein Uhr sammelten sich vor den Kneipen, in denen Trauerfeiern fuer den inzwischen verstorbenen Legationsrat Herrn von Rath abgehalten .wurden, kleine Trupps von uniformierten SA-Leuten, planvoll uebj * die Stadtbezirke verteilt. Jeder der Truppfuehrer hatte ein Verzeichnis der juedischen Haeuser. Gemhacfte und triebe seines Distrikts. Zwischen 1 Uhr nachts und '4 Uhr morgen, als die Strassen leer waren und alles schlief, “tobte sich die kochende Volksseele aus”, wie es in den Presseberichten des naechsten Tages hiess. Dann kam die Meldung durch: die Synagogen brennen!. Die Synagogen brannten. Wie ein Fanal stieg ihre Feuersaeule auf, in den Staedten und Doerfern, von Oesterreich hinauf bis in die friesischen Nordseeinseln — die Synagogen brannten, und auf 48 Stunden blauste eine Orgie der Zerstoerung an Leib und Gut ueber das Land hinweg. Am 12. November braente die Presse einen ministeriellen Erlass, der Juden verbot, ein oeffentliches Theater, Kino, Konzert oder Kabarett zu besuchen. Einen Tag spaeter liess der Intendant des Juedischen Theaters seine Mitarbeiter, soweit) er sie erreichen konnte, fuer Montag, den 14. November. 10 Uhr vormittags, in das Theater - buero bitten. Es war ein klarer, durchsichtiger Morgen. Die Kommandantenstrasse hallte vom Laerm der Autobusse und Strassenbahnen wider. Der Buehneneingang des Theaters war verschlossen. Nur eine kleine Pforte, die vom Hof aus auf eine Wendeltreppe fuehrte, war oifen. Aber das Theater war unangetastet geblieben. Im Inten dantenzimmer sassen Schauspieler und Be- 1 e u c hter, Buehnenarbeiter und Bueropersonal, der Requisiteur und die Souffleuse —da schlug es 10 Uhr. Mit einem Mal wurde alles still. Deutlich, grauenhaft deutlich wurde man sich derer bewusst, die fehlten— der Oberspielleiter und viele andere. Konzentrationslager? Der Intendant n i c k te, “Meine Damen und Herren”, sagte er dann mit mueder Stimme, “ich bin Samstag auf hoechsten Befehl aufs Propagandaministerium gerufen worden. Der Minister wuenscht. dass das juedische Theater wieder spielt — und zwar sofort”. Der Rauch stieg noch von den Synagogen, die Truemmer der Existenzen lagen aut den Strassen, vierzigtausend Maenner waren in die Laeger verschleppt-Vorhang auf, die Juden sollen Theater spielen! Eine Welle der Eihpoerung ging durch die kleine Versammlung. “Meine Damen und Herren”, suchte der Intendant die Stimmen einzufangen “ich entgegnete, dass wir kein Geld mehr haben, weil unser Publikum verhaftet ist —eine Handbewegung deutete an, dass das Ministerium gewillt ist, uns zu “subventionieren”, naemlich mit einer neuen juedischen Millionenbusse. Ich sagte, dass unser Betrieb nicht weitergefuehrt werden kann, solange unsere Mitarbeiter in den Laegern sind. Meine Damen und Herren”, schloss der Intendant mit erhobener Stimme, “das Ministerium hat zugesagt, Reklamationen von unserer Seite stattzugeben, und sofortige Enthaftungsantraege zu stellen”. Durften wir an diesem Weg vorbei? Keine Farce war zu grotesk, wenn wir mit ihr unsere Kollegen loskaufen konnten! Ploetzlich sprach jemand, der Bonvivant: “Wir koernen uns nicht so erniedrigen und in diesem 'Augenblick spielen, weil die Gestapo es befiehlt. Wir machen uns damit zu ihren Buetteln” “Ich glaube, wir sollten unser Prestige nicht hoeher werten als das Leben unserer Kollegen”, meinte der Inspizient nachdenklich und putzte) seine Brille. “Es mar sein, dass di® Welt uns fuer Buettel der Gestapo baelt. Aber die Welt hat kein Recht, ueber uns zu urteilen. Die Opfer , in den Laegern sind nicht nur Opfer des Terrors — sie sind Opfer einer Politik. die diesen Terror duldete und ermutigte” ■''“Glauben Sie wirklich, diese Schau sogenannter Humanitaet, den Juden ein eigenes Theater zu gestatten, wird im Qualm der tausend Brandstiftungen s i c h t b ar werden, wird den Leichengestank vergessen machen, der aus den Laegern dringt", fragte der Dramaturg, ein alter Berliner Theatermann. “Im allegorischen Sinne hat Kunst seit je Menschen befreit. “In Tyrranos” ist das Motto aller echten Kunst. Hier bei uns wird Kunst nicht seelisch und sittlich, sondern physisch Menschen frei machen. Im roemischen Zirkus kaempften die Gladiatoren um ihr Leben. In unserem Zirkus kaempfen wir fuer das Leben unserer Freunde. Befreien: das ist der Sinn aller Circenses”. Blieb nur noch die Wahl des Eroeffnungsstueckes. Jemand schlug “Charleys Tante” vor, vielleicht wuerde so der Widersinn unserer Situation eklatant werden. Aber eine solche Provokation waere nicht unbeantwortet geblieben. Ein anderer Vorschlag ging dahin, ein Stuecs zu waehlen. das dem “Ernst der Lage” entspraeche. Kein Stueck konnte auch nur im mindesten der tragischen Komoedie gerecht werden, in der wir die dramatis personae waren. Schliesslich einigte man sich, mit den Proben fortzufahren, die so abrupt abgebrochen waren, und zwar fuer das schottische Studentenstueck “Regen und Wind”. Natuerlich fragte man im Fluesterton, was die Regierung veranlasst haette, von allen juedischen Institutionen und Organisationen gerade das Theater ds Juedischen Kulturbunds wieder zu erlauben. Vielleicht war dafuer gar kein politischer Grund massgebend, sondern nur die Tatsache, dass es eine Abteilung im Ministerium gab, die sich ausschliesslich mit diesem Theater befasste ein aufgeblasener Organismus. der zum Selbstzweck geworden war und sein raison d’etre nicht verlieren wollte — aber man kann nicht mehr als die Motive raten. Die Premiere von “Regen und Wind” hat nicht seinesgleichen, selbst nicht in den bewegten Annalen der Theatergeschichte. Das grosse Halbrund des Parketts und Ranges strahlte im alten Glanz. Die Kronen an der Decke leuchteten auf, und Bill-teusen in schmucken Uniformen standen vor den Portalen und auf den roten Teppichen, die zu den Logen fuehrten. Zu Hause warteten Frauen auf eine Nachricht von ihren verschleppten Maennern und Soehnen; zu Hause sassen Menschen auf eien Truemmern ihrer Existenz; und hier im juedischen Theater gingen die Lichter wieder an. Die Routine des Betriebes liess kaum einen Unterschied gegenueber einer “normalen" Vorstellung erkennen. Geschaoftjg liefen die Garderobiers hin und her und vor ihren Spiegeln schminkten sich die Spieler. Trotzdem war etwas da, das eine unheimliche Spannung verriet —die Stille in den sonst so lauten Ankleideraeumen. Niemand lachte, niemand schimpfte. Hatte jemand etwas zu sagen, sprach er im Fluesterton. Um 7 Uhr 25 er- (Fortsetzung Seite 6)