Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 8 (Agosto, 1963)
- Date
- 1963-08-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 AGOSTO 1963 BOLETIN INFORMATIVO A Unsere Gemeinde gestern und morgen Von Rabbiner Ekon I. Loewenstein Wir feiern in diesen Tagen 25 Jahre des Bestehens unserer Gemeinde, der Sociedad Cultural Israelita B’ne Jisroel. Im Leben eines Menschen sind 25 Jahre ein langer Zeitraum. Viele von denen, die damals den Grundstein gelegt haben, sind heute nicht mehr mit uns. Auch an uns selbst sind diese Jahre nicht spurlos voruebergegangen. Aber fuer eine Institution —und darueber hinaus noch eine juedische Gemeinde— ist dies nur ein kurzer Zeitabschnitt Und doch sind wir uns bewusst, an einem entscheidenden Punkt unserer Entwicklung zu stehen. In diesen 25 Jahren ist eine neue Generation herangewachsen, die unter anderen Einfluessen heranwaechst wie wir, die in Europa geboren sind. Die Existenzberechtigung unserer Gemeinde ergab sich vor 25 Jahren aus' der Tatsache, dass wir Inmigranten waren, Juden, die unter tragischen Umstaenden Laender verlassen mussten, in denen sie sich zu Hause gefuehlt hatten, suchten voller Dankbarkeit eine neue seelische Heimat. Die Welt, ln die wir uns einzuordnen hatten, war uns unbekannt. Damals wurde die Gemeinde “Chewra” genannt. Darin ist noch heute etwas von der menschlichen Naehe zu spueren, die jene damals zusammenschloss. die die noch kleine juedische Gemeinschaft aufbauten. Diese Chewra und spaetere S.C.I. B’ne Jisroel wurde bewusst auf den Truemmern eines einstmals grossen Zweiges des juedischen Volkes errichtet. Wir kamen in der Ueberzeugung, das's wir die historische Verpflich t u n g haben, die Geschichte des Judentums in Mitteleuropa und besonders in Deutschland zu bewahren und fortzusetzen. Wir waren stolz auf diese Vergangenheit. Wir wollten auch auf diesem, fuer die juedische Geschichte neuentdeckten Konti n e n t, den durch die Jahrhunderte bewaehrten Lebensw i 11 e n unseres Volkes bezeugen. Joachim Prinz hat im 1. Band des Jahrbuchs des Leo Baeck—Instituts darauf hingewiesen, dass man die juedische Geschichte auch unter dem Titel “schoepferische Katastrophen” schreiben kann. Jede Epoche der Verfolgung brachte Zerstoerung mit sich, zeigt aber aucn neue schoepferische Kraefte. Die mystischen Bewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts haben eine Beziehung zu dem Blutbad von 1648 (Chmelnitzky). Die Bewegung der praktischen Kabala kann auf die Vertreibung der Juden aus Spanien zurueckgefuehrt werden, Chibbat Zion (Zionsliebe) und die zionistische Bewegung sind Antworten auf die russischen Verfolgungen vor und nach Kischinev. Juedische Geschichte ist eben nicht nur Leidensgeschichte. Sie ist auch die der schoepferischen Antwort. Es geht in ihr nicht nur darum, die Katastrophen zu ueberleben, sondern auch neue Wege zu finden. In dieser heroischen Reaktion liegt der Genius unseres Volkes von Mizrajim bis Hitler. Hat auch unsere Generation eine “schoepferische Antwort gegeben? Wird unser Werk auch unter diesem Titel seinen Platz in den Geschichtsbuechern finden ICoennen? Naturgemaess kann darauf heute noch keine Antwort gegeben werden. Wir stehen den Ereignissen noch zu nahe. Sie haengt davon ab, ob es uns gelingt, unsere Gemeinden und Institutionen ueber unsere eigene Generation hinaus festen Fuss fassen zu lassen. Sie tragen noch den Stempel des Geschlechts derer, die in Europa geboren sind. In Sprache, Organisationsaufbau und in der Problematik, die uns bewegt, spiegelt sich noch der Ursprung wieder. Die Generation derer, die nunmehr die aeltere ist, haengt mit natuerlicher Liebe an diesen Gemeinden und Institutionen, die vor 25 Jahren von ihr mit persoenlicher Hingabe aufgebauit worden sind. Aber inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen. Sie hat zu den spezifischen Werten, die unsere Gemeinde verkoerpern, keine starke innere Beziehung mehr. Namen, die wir -mit Ehrfurcht aussprechen, Begriffe, die uns' alltaeglich sind, sind ihr fremd. Das mag fuer viele von uns schmerzlich sein. Aber wir duerfen ueber diesen Tatbestand nicht einfach hinweggehen. Das ist nicht nur ein sprachliches Problem obwohl auch diese Frage nicht leicht zu loesen ist. Dabei spielen Generationsprobleme und Sentiments eine Rolle. Unsere Jugend waechst nicht mehr als zentraleuropaeische oder gar deutsch]uedische Jugend auf. Sie spricht, fuehlt und denkt im Rahmen der Gesamtheit. Zwischen ihr und der Jugend der anderen Sektoren unserer Kollektivitaet gibt es keine Differenzen. Es wird uns nur dann gelingen, den Bestand unserer Gemeinden ueber unsere Generation hinaus zu sichern, wenn diese in Sprache und Geist Teile des Gesamtjudentums werden. Sie muessen ihre Funktion innerhalb des lateinamerikanischen Judentums finden. Gemeinden sind keine Institutionen, die der Erinnerung gewidmet sind, so wertvoll und anheimelnd sie auch sein mag. Wir mues- . ™ gratulieren herzlichst zum 25 jaehrigen Jubilaeum der B'ne Jisroel. sen den Weg finden, der ueber unsere Generation hinausfuehrt. Wir leben nicht mehr im 16. Jahrhundert. Damals war es den aus Spanien vertriebenen Juden moeglich, das sefardische Judentum als eine in sich geschlossene, geschichtliche Groesse zu schaffen. In jenen Jahrhunderten war Volkskultur ein bestimmender und bewahrender Faktor. Wir leben in einer Zeit der Verschmelzung und des Ausgleichs der Verschiedenheiten. Fuer die Jugend ist die Tatsache, dass wir aus verschiedenen Teilen Europas herkommen, kein Grund fuer die Zersplitterung der Kollektivitaet. Die Aufrechterhaltung eines spezifischen Kultus in einer Sprache, die nicht die ihre ist, und die P f 1 ege , mitteleuropaeischer Kulturauffassung sind nicht ihre Probleme. Wir muessen uns der Tatsache bewusst sein, dass die Zugehoerigkeit zu einer Gemeinde in diesen Laendern ■—im Gegensatz zu unseren Herkunftslaendern— freiwillig ist. Sie werden darum nur dann Bestand haben, wenn es' uns gelingt, die Jugend zu erfassen und sie zu aktivieren. Sie muss ihren geistigen und sprachlichen Ort in unserer Mitte finden. Heute verstehe ich, warum das nordamerikanische Judentum die “Congregation” entwickelt hat. Sie bemueht sich, Maenner, Frauen und Jugendliche in gleicher Weise zur Arbeit heranzuziehen. Wir kamen noch mit einem fuer uns charakteristischen Gemeindebewusstsein. Unabhaengig von unserer religioesen nationalen juedischen Auffassung war es Selbstverstaendliche Pflicht eine Juden, sich einer Gemeinde anzuschliessen. Diese Selbstverstaendlichkeit des G emeindebewus'stseins geht mehr und mehr Verloren. An ihre Stelle muss die dynamische Gemeinde treten, die durch die Weite und Fuelle ihrer Aktivitaet die Mitglieder an sich zieht. Was fuer ein juedischen Leben fanden wir vor 25 Jahren vor? Auf diesem Kontinent kannten die meisten auf religioesem Gebiet nur jene tragische Alternative, die die juedische Tradition weitgehendst gefaehrdet hat: Alles oder nichts! Religioeses Leben besch:raenkte sich, soweit es ueberhaupt sichtbar wurde, auf gewisse bedeutende Augenblicke im Leben der Individuen. Der Zionismus und die nationaljuedische Zugehoerigkeit haben die Juden ohne Zweifel fuer das juedische Volk gerettet. Wir selbst hingegen kamen in der Mehrheit mit keiner sehr bewusst national—juedischen und zionistischen Ueberzeugung. Aber in den schmerzlichen Jahren der Katastrophe sind auch wir ein integrierender Bestandteil des juedischen Volkes und seiner zionistischen Aspirationen geworden. Medinat Israel ist ein Teil unseres eigenen Lebens. Aber wir erkennen, dass juedischer Nationalismus allein auf die Dauer nicht in der Lage ist, juedisches Leben aus'serhalb Israels zu erhalten, . zumal Wmm ■&&0ÍV i „ WWW ■Mm. ■;wSS:: HP Rabbiner Egon dann, wenn er sich nur in gelegentlichen Respektbezeugungen und unverpflichtenden Gefuehlen ausdrueckt. Unsere Generation, die noch unter dem Eindruck der Schoc kwirkungen einer schweren Zeit lebt, kann sich damit als Juden erhalten. Wird dies fuer spaetere Generationen ausreichen? Oder wird fuer sie Medinat Israel zu einem fernen Land im Nahen Orient werden. Das Charakteristikum uns e r e r Gemeinden ist heute die Synthese zwischen religioesem und nationalem Judentum. Das ist ihr Ort unter den juedischen Institutionen auf diesem Kontinent. Sie muessen wir unserer Jugend nahe bringen. In ihrer Sprache und in ihrem Geist. Wir feiern das 25. Jubilaeum unserer Gemeinde in voller religioeser und nationaler Aktivitaet. In solchen Tagen sind wir der Bestimmung besonders dankbar, die uns in den Jahren der Katastrophe die Kraft zum Wiederaufbau gewaehrt hat. Aber wir wissen auch, dass uns noch schwere Jahre der Sicherung des Fortbestandes bevorstehen. Wir hoffen, dass wir dieses neue Kapitel unserer Geschichte immer in demokratischer Freiheit schreiben koennen. Aber erst in den kommenden Jahren wird es' sich entscheiden, ob die Katastrophe unserer Zeit auch in unserer Generation schoepf erisch war. Haben wir nur fuer das Geschlecht derer aufgebaut, die in schweren Tagen eine neue seelische und geistige Heimat suchten? Hat unser Werk ueber unser Geschlecht hinaus Bestand? Noch haengt die Antwort weitge- I. Loewenstein hendst von uns selbst ab. Es muss uns' gelingen, unserer Jugend das Erbe in ihrem Geist und in ihrer Sprache zu uebergeben. sie muss durch die Kraft der Dynamik die von der Gemeinde ausgeht, zu ihren kuenftigen Traegern werden koennen. Es gibt leichte Zeiten und schwere, gestaltende Zeiten in der Geschichte. Uns ist es bestimmt, in eine schwere Zeit hineingestellt worden zu sein, die uns verantwortungsvolle, juedische Aufgaben auferlegt. Ich hoffe, wir finden die richtige Antwort, die einer;“schoepferischen Katastrophe” wuerdig ist. Worauf es anko m m t, scheint mir das Wort eines Rabbis zum Ausdruck zu bringen; Warum werden in den Pirke Awot die Juenger Abrahams und die Juenger Bileams einander gegenuebergestellt? Warum nicht Abraham und Bileam selbst? Weil der Gegensatz erst in den Juengern sichtbar wurde. In ihnen selbst war er noch tief verborgen und im Aeusseren nicht erkennbar. Beide trugen schoene Getvaender. Beide gabten vor, dem Hoechsten zu dienen. Erst in ihren Werken und in ihren Juengern tat sich ihr wahres Wesen kund. So wuensche ich unserer Sociedad Cultural Israelita “B’ne Jisroel’, die ein Teil des Gesamtjudentums dieses Kontinents ist, dass es uns bestimmt sei, in unseren Werken und in unserer Jugend die schoepferische Antwort unserer Generation wiederfinden zu koennen. Das Werk unserer Haende und unseres Geistes sei ueber unser Geschlecht hinaus gesegnet. 2 1734