Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 8 (Agosto, 1963)
- Date
- 1963-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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AGOSTO 1963 BOLETIN INFORMATIVO DER GEMEINDEBUND Von Dr. Benno Kiwi 5 I Die vorliegende Nummer des Mitteilungsblattes erzaehlt von der Entstehung und der Entwicklung unserer Gemeinde in den 25 Jahren ihrer Existenz. Mich hat man damit betraut, ueber die vorhergehenden Jahre zu berichten, genauer gesagt, ueber die Zeit von der Ankunft der ersten Einwanderer aus Deutschland nach 1933, bis zur 'Gemeindegruendung. Diese Gruendung, mit der ich beginne, obwohl mein Bericht zeitlich mit ihr zu enden hat, gebe ich am besten mit den Worten unserer verdienstvollen ersten Gemeindedirektors, Dr. Max Gruenbaum, wieder. Ich habe sie in der Septembernummer 1941 des Mitteilungsblattes gefunden. Sie lauten: “Vor mir liegen die Akten vergangener Jahre, Ein Protokoll besagt, dass sich am 8. Mai 1938 im Bureau der Hicem eine Gruppe verantwortungsbewusster ¡Maenner zusammenfand, um eine Chewrä ins Leben zu rufen. Einem kurzen Provisorium folgte bereits am 27. Juni 1938 die Gruendungsvereammlung der” Chewra Kultus und Bestattungsgemeinschaft”. Aus dem Protokoll geht hervor, dass die Versammlung im Café ‘‘Tabú”, Estado 357, stattfand, dass etwa 100 Personen an ihr teilnahmen und dass' der vorgelegte Satzungsentwurf einstimmig ang e n o m m en wurde”. Das Café Tabú, das einer Frau Zavelev gehoerte, befand sich im ersten Stock (zu deutsch: segundo piso) der heutigen Casa de Cristal in der Estado. Aus' der Zeit vorher habe ich im Archiv der Gemeinde 2 Mappen gefunden, die auf ihrem Ruekken das Wort Gemeindebund tragen. Sie enthalten 7 in den Monaten November 1936 bis Mai 1937 erschienene Mitteilungsblaetter, eine Anzahl von Rundschreiben und viele Kassenbelege. Diese Unterlagen geben einige Anhaltspunkte fuer das, was ich erzaehlen soll. Wie aber das' Leben unserer Emigrantengruppe in jenen ersten Jahren wirklich verlief, wie die Atmosphaere war, in der es sich abspielte, dafuer bin ich im wesentlichen auf meine Erinnerung angewiesen. Da jedoch bekanntlich das Gedaechtnis mit zunehmendem Alter im gleichen Masse abnimmt wie der Verstand waechst, befinde ich mich in einer schwierigen Situation. Sie bringt allerdings das Gute mit sich, dass nach einer alten Erfahrung das Erfreuliche lange im Gedaechtnis haften bleibt, waehrend man das Unangenehme schnell vergisst. Wenn ich also auch unerfreuliche Dinge zu erzaehlen habe, muss' es damals schon sehr hoch hergegangen sein. Im Dezember 1934, als ich ln Santiago ankam, gab es bereits einen “Gemeindebund deutschsprechender Juden in Chile”, der etwa 60 Mitglieder zaehlte. Den ersten Anstoss hatte “Der vorbereitende Ausschuss eines deutsch— juedischen Gottesdien s t e s fuer die Hohen Feiertage” mit einem Rundschreiben vom 26. Juli 1934 gegeben, das von Armando Davidovits, Leon Rosenthal und Dr. Hugo Hochschild unterzeichnet war. Dieser Gottesdienst fand in der Wohnung von Herrn Davidovits in der calle Central, heute Philips, unter zahlreicher Beteiligung statt. Die Chewra Kedischa hatte fuer ihn eine Thorarolle leihweise zur Verfuegung gestellt. Fast zur gleichen Zeit bemuehte sich ein “Vorbereitender Ausschuss' zur Gruendung einer Interess engemeinschaft deutschsprechender Juden in Chile” mit einem Brief vom 1. August 1934, einen kulturellen und geselligen 'Zusammenschluss zustandezubringen, da “keine juedische Gemeinde existiere und keine Koerperschaft. welche die Interessen deutschsprechender Juden wahrnehme”. Dieser Brief traegt die Unterschrift der Herren Nathan Gerstner und Heinz Gotthilf. Der Erfolg der Gottesdienste zu den Hohen Feiertagen verstaerkte den Wunsch nach engem Zusammenschluss ausserordentlich. Mitte Oktober und Ende November wurden zwei neue Rundschreiben verschickt, die zum Eintritt in eine Gemeinschaft aufforderten, diesmal unterzeichnet von Leon Rosenthal, Herta Tichauer, Pablo Levy José Kornis, Dr. Hugo Hochschild und Nathan Gerstner Ende Dezember fand dann die Konstituierung des Gemeindebundes statt. Pablo Levy wurde zum ersten Praesidenten gewaehlt. Pablo Levy war ein deutscher Jude, aber kein Emigrant. Damals ein Sechziger lebte er schon laengere Zeit in Santiago, wohin er aus Guatemala gekommen war. Er war der erste aus unserem Kreise, den wir im April 1938 auf dem Friedhof Conchali zur ewigen Ruhe geleiteten. Das Versammlungslokal des Bundes war in der ersten Zeit der Circulo Israelita in Serrano. Das Direktorium des Circulo hatte uns auf unser Ansuchen sofort ein Zimmer unentgeltlich zur Verfuegung gestellt. Ende Januar 1935 fand in der Bibliothek des Circulo bereits die erste Kulturveranstaltung des neuen Bundes statt. Anfang April 1935 siedelte der Bund mit seinem Lokal in die Catedral 1279 und in der zweiten Haelfte des Jahres in die Raeume der A.J.I. Nataniel 219. Dort fand am 26.Dezember 1935 die zweite Generalversammlung statt, in der Leon Rosenthal, der von Anfang an die treibende Kraft fuer den Zusammenschluss der deutschen Juden gewesen war, zum Praesidenten gewaehlt wurde, Er musste leider im Juni 1936 dieses Amt aus gesundheitlichen Gruenden niederlegen. Eine dritte Generalversammlung waehlte am 26. Oktober ein neues Direktorium, dem die Herren Kiwi, Hirschberg, Willy Levy, Recher, Rothschild und Wolf angehoerten. Der Vorstand hatte inzwischen eifrig an einem verbesserten Statut gearbeitet, das in einer auf den 30. November 1936 angesetzten ausserordentlichen Generalversammlung angen o m m e n werden sollte. Es muss jedoch in diesen Wochen zu schrecklichen Auseinandersetzungen im Schosse unserer Gemeinschaft geko m m e n sein. Mein Gedaechtnis erlaubt mir nicht, mich za erinnern, worauf sie eigentlich beruhten. Jedenfalls gab der Vorstand in der Versammlung vom 30. November eine Erklaerung ab, die laut Mitteilungsblatt N.o 2 mit den Worten schliesst: Es sei ihm nicht zuzumuten, ein Werk mit seinem Namen zu decken, das von vornherein zur Aussichtslosigkeit verurteilt sei. Er trete deshalb zurueck. Von diesem Tage ab verliess der Gemeindebund die ruhigen Gewaesser ein e r konstitutionellen Demokratie ■ und wurde ein Spielball stuermischer Wellen. Eine neue Generalversammlung, die am 18. Januar 1937 zusammentrat, musste um 1 Uhr nachts ergebnislos abgebrochen werden, ohne dass eg ueberhaupt zu einer Neuwahl gekommen waere. Es wurde nunmehr in den Raeumen der Hicem, Merced 568, in denen sich jetzt das Bureau des Bundes befand, diktatorisch regiert wie meist auch sonst in Lateinamerika. Es gab einen kommissarischen Kassenwart, einen kommissarischen Beauftragten fuer die Erteilung des Religionsunterrichtes, einen, kommissarischen Vertret e r bei den Comités, einen kommissarischen Rechnungspruefer, einen kommissarischen Schriftfuehrer, einen kommissarischen Beauftragten fuer das' Mitteilungsblatt. Im Mitteilungsblatt N.o 7 vom Mai 1937, dem letzten, das erschien, gab es eine Bekanntmachung N.o 1 und eine N.o 2, von kommissarischen Vorstand gezeichnet, die ein wenig an Papens. beruechtigte Notverordnungen erinnern. Im Maerz hatten wir bereits dem Magen David den Rezess unseres Bundes fuer die naechsten 6 Monate angezeigt. Im Mai war das ofizielle Leben des Gemeindebundes beendet. Es sollte erst wieder ein Jahr spaeter mit der Gruendung der “Chewra” aufleben. Obwohl die Organisation selbst Schiff bruch erlitt, blieben ihre wesentlichen Funktionen weiter bestehen, vor allem die religioesen. Die oben erwaehnte “Notverordnung” N.o 1, brachte im Rahmen der beabsichtigten Satzungsaenderung die Umwandlung des Namens Gemeindebund in “Betgemeinde nach deutschem Ritus”. In dem Leitartikel des letzten Gemeindeblattes (Mai 1937) ist ausgefuehrt, dass trotz aller Schwierigkeiten das Gebet in den Mittelpunkt gestellt werden sollte. Das Bestreben ging dahin, die religioesen Funktionen - aus dem Streit der Meinungen herauszuhalten. Von Anfang an war es eine der Hauptsorgen der Leiter des Gemeindebundes' gewesen, das religioese Leben der Einwanderer zu aktivieren. So gab es bereits 1934 und 1935 zu den hohen Feiertagen Gottesdienste i m Hause von Armando Davidovits. 1936 stellte uns die “Asociación de los Amigos de México” ihren Salon in der Nataniel 117 fuer die Hohen Feiertage unentgeltlich zur Verfuegung. Dieser Saal fasste etwa 200 Personen und war bis auf den letzten Platz gefuellt. Die Teilnahme am Gottesdienst war frei. Die Unkosten wurden durch freiwillige Spenden gedeckt. Zu diesen Gottesdiensten kamen auch die meisten schon viele Jahre in Chile ansaessigen Juden, die sicherlich lange Zeit an einem Gottesdienst nach unserem Ritus nicht teilgenommen hatten. Ihre Anwesenheit bedeutete fuer uns eine besondere Anerkennung. Ob nach frankfurter oder breslauer Ritus gebetet weiden sollte, war von Anfang an Gegenstand lebhafter Diskussion. Jeder der damals ehrenamtlich taetigen Vorbeter suchte seine Tradition durchzusetzen. Schliessli c h trug Breslau den Sieg davon. Von Januar 1936 an hielt der Gemeindebund zu allen Festen und regelmaessig Freitag abends Gottesdienste ab. Zunaechst im Círculo, dann bei den Sefarden. Wir erhielten aus Deutschland zwei Thorarollen, die Neuankoem m 1 i n g e mitbrachen. Fuer die Feiertage liessen wir uns Predigten schicken, die verlesen wurden. Ende Dezember 1934 fand die erste Trauung unserer Gruppe im Photoatelier von Nathan Gerstner statt. Dieses Atelier befand sich an der Ecke, die von der Ahumada und Nueva York gebildet wird. Dort fanden sich an einem Abend gegen 10 Uhr etwa 40 Mitglieder des Gemeindebundes zusam men. Die Chupa bestand aus einem Tallis, von 4 Maennern gehalten. Leon Rosenthai hielt die Traurede, Adolf Tichauer, ein Bruder unseres spaeteren Kantors, sang die Traugebete. Eine zweite Trauung wurde einige Wochen spaeter in der Wohnung des Herrn Davidovits vollzogen. Fuer die ersten Bar- Mitzwot bekamen wir den Tempel der Sefarden in der Sta. Isabel. In dem Saale Sta. Isabel fanden auch die meisten Gemelndebaelle und groesseren Veranstaltungen wie Chanukafeste und Purimfeiern statt. Das gesellige Leben des Gemeindebundes war viel intensiver als heute. Zu einem Purim— oder Simchat- Thora-Ball kamen alle, die zu uns gehoerten und viele Gaeste. Unsere geselligen Veranstaltungen hatten den Ruf, unterhaltsam und kurzweilig zu sein. Es gab in diesen Jahren fuer die Mitglieder des Gemeindebundes drei Treffpunkte. Das Photoatelier d’Ora von Gerstner ist bereits erwaehnt worden. Man kam da zwangslos zum Meinungsaustausch vorbei und besprach, was man fuer wichtig hielt. Der. zweite Treffpunkt lag in der Merced Ecke Mc. Iver, wo Franz Tichauer eine Konfektionsfabrik betrieb. Seine Frau Herta war die Schriftfuehrerin des Gemeindebundes seit seiner Gruendung. Hier bekam man Fingerzeige, was man beginnen koenne und wie man es anzufangen habe. Diese Tips waren nuetzüch, weil sie von Einwanderern kamen, die beruflich bereits eingeordnet und mit Handel und Industrie in Kontakt waren. Aus den Unterhaltungen in der Merced ist die erste Idee fuer so manche gute Existenz entstanden. In den Fabrikraeumen konnte man auch Sonntag vormittags an spanischen Stunden mit deutschen Erklaerungen teilnehmen. Ein weiterer spanischer Kurs stand den Neueingewanderten im Circulo zur Verfuegung. Er war von der Hicem eingerichtet und hatte einen Lehrer, der kein Wort deutsch verstand. Der dritte Treffpunkt, obligat fuer jeden Neuankoemmling, befand sich in der zweiten Cuadra der Bandera. Dort hatte in den Oficinas der Versicherungsgesell schaft “Transandina” Leon Rosenthal sein Arbeitsbereich. Hier konnte man das Allerneuste aus der Gemeinde erfahren, hier wurden Pensionen und Wohnungen nachgewiesen, wurden Projekte geprueft, hier hoérte man die letzten Copuchas, hier lernte man die am Tage vorher Eingetroffenen kennen oder zumindest ihre Namen. Denn die Taetigkeit Leon Rosenthals brachte es mit sich, dass er beruflich fast jede Woche nach Valparaiso reisen musste. Er richtete das dann immer so ein, dass er bei der Ankunft der Dampfer im Hafen die neuangekommenen Emigranten empfing und betreute. Mit seiner Kreissaege und dem Spazierstock war er schon vom Schiff aus unverkennbar und einmalig. Zu seiner Betreuung, die er auch als technischer Sekretaer des Hilfscomités fuer juedische Einwanderer aus Deutsch- 1 a n d ausuebte, gehoerte meist ein umfangreiches Fruehstueck, ,in einem guten Valparaisoer Hotel serviert, das nach der langen Seereise fuer viele eine wahre Wohltat darstellte. Das soeben envaehnte Hilfscomité ist aus unserer Einwanderung nach Chile gar nicht wegzudenken. Es war fuer die Bildung unserer Gemeinde von groesster Bedeutung. Es hat den Einwanderern die ersten Wege geebnet, hat fuer alle die gesorgt, die ohne Mittel ankamen, hat sich bemueht, die von ihm Betreuten in den Arbeitsprozess einzuordnen und hat denen, die selbstaendige Existenzen aufbauen wollten, mit seiner grossen Erfahrung zur Seite gestanden. Denn ihm gehoerten deutsche Juden an, die seit langem ln Chile beheimatet waren und sich in der chilenischen Wirtschaft zum grossen Teil bedeutende Positionen geschaffen hatten. Das Comité bildete sich bereits im Maerz 1933. Es setzte sich zusammen aus den Herren Ernesto Goldschmidt, José Levy, Juan Silberberg, Sali Hochschild, Mauricio Spies, Bernardo Pincus, Siegfried Vogel, Dr. Oscar Koref, Dr Aron Joel. (Fortsetzung Seite 40)