Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 6 (Junio, 1963)
- Date
- 1963-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNIO 1963 BOLETIN INFORMATIVO 9 WIR ENTNEHMEN DER "ZEIT” DIE UNBELIEBTEN PROZESSE Koennen wir uns mit den Moerdern versoehnen? In Koblenz geht der Heuser-Prozess zu Ende. I n Frankfurt erhob die Staatsanwaltschaft Anklage g egen den letzten Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, Richard Baer, seine Adjutanten Robert Mulka und Karl Hoecker sowie 21 weitere Angehoerige des' Lagerpersonals von Auschwitz. Kurz zuvor war auch Anklage erhoben worden gegen Herman Krumey und Otto (Hunsehe, zwei Mitarbeiter Eichmanns. In allen drei Prozessen steht Massenmord zur Aburteilung, Mord an Hunderttausenden von Juden. Der Auschwitz-Prozess wird der groesste Kriegsverbrecher-Prozess vor einem deutschen Gericht seit 1945 sein. In Limburg an der Lahn beginnt demnaechst der Prozess gegen den Euthanasie- Organisator Professor Heyde — wegen vielfachen Mordes an Wehrlosen. In Flensburg, wo sich Heyde unter falschem Namen verborgen hatte, wurde vor einige Monaten Martin Fellenz verurteilt — wegen Beihilfe zum Mord. In Bonn fand der Prozess gegen zwoelf Maenner statt, die im Vernichtungslager Kulmhof das Geschaeft des Todes betrieben haben. Das sind nur einige Beispiele fuer die vielen Prozesse gegen NS-Gewaltverbrecher, die wir derzeit erleben. Jedermann weiss, dass diese Prozesse im Volke unbeliebt Sind, dass ein grosser Teil der Deutschen “die Dinge ruhen lassen” möchte. Im Ausland traegt uns dies'e Einstellung bittere Kritik ein; Fremde können nicht verstehen, dass wir uns mit den NS-Verbrechern “arrangieren” wollen, sie sehen in dieser Abwehrstimmung nur böswillige Verstocktheit und Neonazismus. MOERDER UND BELASTETE < Tatsaechlich entspringt der Ruf nach Ruhe oft moralisch fragwürdigen Motiven —- falsch verstandener Kameradschaft, der; Angst, “das eigene Nest zu beschmutzen”, manchmal auch der Geistesverwandtschaft mit den Taetern. Aber es setzen sich haeu. fig auch solche Menschen dafuer ein, mit den Taetern Frieden zu schliessen, die gegen den nazistischen Bazillus immun geworden sind und die “nationale Ehre” nicht über alles setzen. Sie denken an die eigene Verstrickung, an die Daemonen, die auch über den braven Mann Gewalt gewannen; sie meinen, dass man heute nicht mehr gerecht über jene Jahre urteilen koenne, weil man, allzu leicht den fuerchterlichen Druck des' totalitaeren Regimes vergesse, und verweisen auf die Parallele des Ulbricht- Staates. Dabei hatten nur wenige Deutsche Anlass, sich mit den jetzt noch angeklagten NS-Verbrechern solidarisch zu fühlen. Die — bewusste oder unbewusste — Solidaritaet wird manchmal erst dadurch erzeugt, dass man Verbrecher und kleinere Sünder in einen Topf wirft, dass man im Eifer einer zweiten Entnazifizierung rechtliche und moralisch-politische Schuld verwechsele. “Ich halte Globke für den Anfang allen Uebels”, sagte der zweite Mann der Berliner SPD, Willy Brandts Stellvertreter und praesumptiver Nachfolger Kurt Mattick, in der vorigen Woche bei einer Diskussion über das Thema “18 Jahre danach — noch immer Prozesse gegen NS-;Gewaltverbrecher?” Eine Frau aus dem Publikum verstieg sich spaeter gar dazu, den Namen Strauss in die Debatte zu werfen. So kommen wir keinen Schritt weiter; so ahmen wir nur nach, was uns die Propagandisten von der SED vormachen. Es ist eine Diffamierung, wenn man Franz-Josef Strauss in diesen Zusammenhang bringt. Der Fall Globke liegt anders als der Fall Schlegelberger; auch Eichmann, Fellenz, Heyde und Heuser sind nicht in genau derselben Weise schuldig. Man kann nicht “NS-Richter” und “SS-Schergen” ohne weiteres über leinen Kamm ¡scheren. Unser Rechtsstaat verlangt, dass die Schuld in jedem einzelnen Fall gewogen wird. Und so widersprach an jenem Abend in der Kongresshalle Kuiturse n a t o r Adolf Arndt senem Parteifreund Mattick. Arndt zieht eine Grenze; i Nicht darum gehe es heute, eine zweite Entnazifizierung zu beginnen, nicht darum festzustellen, ob einer “belastet” ist oder nicht, sondern diese Prozesse dienten einzig und allein dazu, aufzuklaeren, ob einer ein Moerder war oder nicht: “Wir sollten ¡die Moer. der von den Belasteten scheiden”. Die Gerichte behandeln heute nur noch Faelle von Mord, weil alles andere verjaehrt ist. Die “Belasteten” aber sind nur ein politisches’ und moralisches Problem. Man muss es immer wieder sagen, welche grauenhaften Verbrechen in den umstrittenen Prozessen abgeurteilt werden. Faelle, wie diese; Ein Gendarmeriebeamter im Generalgouvernement ermordete ohne Befehl jahrelang unzaehlige Juden. “Die Brut muss weg!” sagte er zu seinen Untergebenen. Ein Gestapo-Offizier der vom ersten bis zum letzten Kriegstag fuer Sonder- ,a,ufgaben” abges'tellt war, lührte um seiner Karriere willen jeden, aber auch jeden Auftrag aus. Seine Spezialtaet waren Genickschuesse. En SA-Sturmbannfuehrer liess Juden massenweise vom Fieseler-Storch aus erschlossen; dabei kamen an einem Ort und Tag zwischen 10.000 und 30.000 Menschen um. Er befolgte alle Befehle, um seinen Posten weit hinter der Front zu behalten. In einem Vernichtungslager genügten 30 SS- Leute und 100 auslaendische “Hilfswillige”, um taeglich bis zu 10.000 Menschen zu vergasen. Im Wohnzimmer des früheren Lagerleiters fand man ein Photoalbum mit Aufnahmen aus jener j Zeit, darunter Bildern von Massengraebern. Das Album v/ar überschrieben mit “Die schönsten Jahre meines Lebens”. Darf man solche Menschen, wenn ihre Taten bewiesen sind, vor der Schaerjfe des Gesetzes bewahren? Die Empfehlung “die Dinge ruhen zu lassen, ist juristisch nicht brauchbar; der Hamburger Senator Kramer (früher iGeneraistaatsanwalt der Hansestadt) wies darauf hin, das die Staatsanwaltschaft nach dem Legalitaetsprinzip zur Strafverfolgung verpflichtet ist. Jene aber, die den Taetern Mlde wünschen, scheuen ¿ich, das einzig legale Mittel zu diesem Zweck vorzuschlagen: leine Amnestie. Sie sehen es lieber, , wenn die Gerichte wegen Beweisschwierigkeiten (wie bei Dusenschoen) oder Befehlsnotstand (wie bei Leibbrand) freisprechen — oder nur wegen Beihilfe milde bestrafen. GNADE FUER DIE MOERDER Auch die Vorstellung, die NSKVerbrechen seien “politische” Morde und daher milder tzu bestrafen, ist falsch, und zwar in doppelter Beziehung. Dazu Senator Arndt: “An Greisen, an Frauen, an schwänge r e n Frauen, an Kindern, an Saeuglingen, an Geisteskranken kann man nicht politischen Mord begehen. Und wo steht denn geschrieben — in einem Gesetz, in einer Morallehre —, dass angeblich politischer Mord weniger schimpflich sein sollte? Eine solche Auffassung verletze den Gleichheitssatz; in ihr zeige sich eine Verwuestung des Rechtsgefuehls in unserem Volke. Ein Vorschlag, die NS— Moerder zu amnestieren haette keine Aussicht auf Erfolg. Der Bundestag hat schon viele Taten aus der NS-Ver gangenheit amnestiert. ‘‘Die grosse Grenze liegt bei Mord”, sagte Arndt. “Amnestie heisst innerlich Frieden miteinander machen Aber eine Versoehnung mit Moerdern wäre eine Kriegserklaerung an das Recht und eine erneute Ermordung der Toten, die unter, ihren Haenden ¡gestorben sind”. Also gibt es keine Gnade für jene Mörder? Die Theologen sagen: “Bei Gott ist auch die Versoehnung mit Moerdern moeglich. Aber fuer die Justiz gilt: “Gnade kann nicht ueber ein mildes Urteil gewaehrt werden, sondern nur dann, wenn vorher Recht gesprochen ist”. Senator Arndt formulierte so: “Der Richter kann nicht das Recht unter den Tisch fallen lassen mit der Bemaentelung, es sei Vergebung”. GERHARD KLUGE VOLKSBIBLIOTHEK DER WIZO Von MARGARETE TURNOWSKY-PINNER Hebraeisch, Englisch, Franzoesisch, Deutsch, dazu Ungarisch, Rumaenisch Bulgarisch, Polnisch, Tschechisch, Russisch, Jiddisch — wer zaehlt all die Sprachen unseres Lebens auf! Wenn ßiedlerfrauen oder auch Staedter nach einem schweren Arbeitstage, wenn alte Menschen sich bei Lektüre entspannen, vom Alltag loesen wollen, müssen sie ein Buch in ihrer Muttersprache lesen, oder doch in einer Sprache, die jsie mühelos verstehen. Wo aber findet eine Frau, die bei der Auswanderung nur das I Allernotwendigste mitnehmen durfte, Bücher in ihrer Sprache — nicht irgendeinen zerlesenen alten Band, den sie in ihren Kindertagen liebte, aber jetzt vielleicht belaechelt? Sie hat von diesem oder jenem guten neuen Buch gehoert, über das ihre Bekannten sprachen Ihr ist es unerreichbar. Aber nicht nur ihr, der Neueingewanderten. Da sind z.B. die alten Siedler aus Deutschland in einem abgelegenen Dorf. Nach langen harten Jahren des Wirtsehaftsaufbaus haetten sie jetzt ein wenig Müsse, sehnen sich nach Büchern, Als sie kamen, brachten sie einige Klassiker mit. Was sie inzwischen kauften oder geschenkt 1 bekamen, ist Zufaelliges. Sie wünschen,.- gut beraten zu werden, um Bücher leihen zu koennen Aber es gibt in ihrem Ort keine Leihbibliothek. In den groesseren Staedten ist es selbstredend besser, Aber gut geleitete, gut versehene Volksbib liotheken und Bibliothekare, die faehig und ernsthaft bemüht sind, dem Suchenden das Buch zu empfehlen, das er gerade braucht, sind auch dort sehr selten, und die von Privaten geführten Leihbibliotheken sind meist auf einen bestimmten Sprach— und Kulturkreis beschraenkt. Gibt es nun das, was not tut, eine Volksbibliothek in vielen Sprachen mit Bibliothekaren, die sich die Mühe machen, den Buchbestand laufend ¡durch das neu erscheinende Wertvolle zu ergaenzen, es selbst zu lesen, dem Wesen und der Stimmung der Leser nachzuforscher und so das richtige Buch dem richtigen Leser zu geben? Und vor allem: gibt es dies als “Wanderbibliothek”, die in die Doerfer und die Staedtchen der Entwicklungsgebiete gute Bücher bringt? Betty Frank, eine in Deutschland ausgebildete Bibliothekarin, die mit Freude und Erfolg an der Stadtbibliothek in Frankfurt a/Main gearbeitet hatte, war in der Nazi-Zeit nach Palaestina gekommen, Sie musste sich, wie so ¡viele Fachkraefte der fünften Alija, durch Jaendliche und haeusliche Arbeit erhalten. Sebald ihr aber die Moeglichkeit gegeben war, nachte sie den Weg zu dem Beruf zurück, den sie erlernt« hatte, und in denn sie Vielen nützen konnte. Die Wizo nahm ihr Anerbieten an. Es gab in einem winzigen Zimmer, das ¡man ihr einraeumte, einen ungeordneten Haufen alter Bücher, von dem nur Weniges brauchbar war. So begann die Arbeit. Langsam wurde das noch immer viel zu geringe Budget für Bücherankauf gesteigert, wurden drei für diesen Dienst nachgeschulte Fachkraefte als beamtete Mitarbeiter eingestellt, fand sich ein Kreis von freiwilligen Helfern, konnte die Bibliotek in ein Holzhaus im Garten der WIZO-Büros in Tel-Aviv verlegt werden. Zuerst wurde versucht, Orte im Scharon, im Emek- Chefer und im Landessüden (der Nordbezirk konnte bis heute nicht eingeschlossen werden) , in denen es ,WiXO- Gruppen gibt, durch Postbeschickung mit Büchern za versorgen, Alle zwei Wochen sandte die Zentralbibliothek des Scherut-Hassefer sorgfaeltig zusammengesbeHte Buchpakete an eine Chawera, die den Verleihdienst in ihrer Gruppe auf sich nahm. Diese iPost-Belief erung wurde in etwa 15 Ortschaften beibehaiten. Aber die Leserzahl schnellte in die Hoehe, stieg z.B. in Kirjat-Gat von 14 auf 90, als die iWIZO durch ihre englische Foederation (die schon früher die Barakke geschenkt hatte) einen Autobus als “fahrende Bibliothek” erhielt. Viermal in jeder Woche faehrt dieser Bibliothekswagen jetzt ins Land hinaus, sorgfaeltig mit der sprachlich und inhaltlich passenden Auswahl an Leihbüchern ausgestattet, begleitet von einer der beiden beamteten Bibliothekarin-- nen, wobei der Chauff;ur bei der Rücknahme verliehener Bücher hilft. Zweiwoechentlich zu festgelegter Stunde kommt der Bücherwagen in den Ort. Die Leser — Frauen, aber auch Maenner und Kinder — finden in der fahrenden Bibliothek die durch farbige Umschlaege klar geordneten Bücher, die sie wünschen, bestellen Neues nach einer lüste, werden, wenn sie schwankend sind, von der Bibliothekarin beraten. Drei bis sechs Orte koennen von dem Wagen bei jeder Ausfahrt besucht werden, insgesamt bisher ca 30 Plaetze, zu denen in den naechsten Monaten 12 weitere kommen werden. Manche Namen sind darunter, die in der Geschichte der mitteleuropaeischen Ansiedler eine Rolle spielen: Basra, Bnej Zion, Tel Mond, Kfar Mordecbai, Ramat Hadar usw. Neben dem fahrenden Bibliothekdienst und der Post- (FcrtSetzung Seite 25)