Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 6 (Junio, 1963)
- Date
- 1963-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNIO 1963 7 BOLETIN INFORMATIVO DIE SCHULDFRAGE “Was die Schuld am 2. Weltkrieg anbelangt, so ist dies kein Problem” schrieb Golo Mann in seinem Werk Deutsche Ges'chichte 1910 — 1945. “Selbst ehemalige Mitglieder der deutschen Regierung wie Schacht und Paßen geben in ihren Memoiren zu, dass' Deutschland allein fuer den Ausbruch des Krieges verantwortlich ist”. Diese Erkenntnis, so , meinte Mann, hat uns jetzt die Sache viel leichter gemacht, als nach dem ersten Weltkrieg und hat uns das wissenschaftliche und scheinwissenschaftliche Gezaenke um die Verantwortung erspart, welches die Zeit nach 1918 vergiftete. Dies war jedoch von Golo Mann zu frueh geschrieben worden. Denn in den letzten Jahren sind eine Anzahl deutsche und nichtdeutsche Buecher veroeffentlicht worden, in denen die Frage nach der Verantwortlichkeit fuer den Ausbruch des; Zweiten Weltkrieges in einer Form beantwortet wurde, wie man es nicht fuer moeglich halten sollte. Dieser Revisionismus ist erstaunlicherweise nur zum Teil eine Angelegenheit der deutschen Historiker. Will man die Quellen feststellen, dann trifft man zu allererst auf Taylors Buch “Die Urspruenge des Zweiten Weltkrieges”. Man trifft weiter auf das kuerzlich erschienene Werk des Amerikaners Hoggan “Der erzwungene Krieg” und man trifft zum dritten auf die bekannte “Deutsche National— und Soldatenzeitung”, ein hoechst bedenkliches Wochenblatt, in dem jede Woche aufs Neue sehr einseifige “Kriegsschuldforscher” gegen die “Alleinschuldthese” zu Felde ziehen. Haette die Sudetenkrise nicht zum Kriege gefuehrt, wenn sie nicht in Muenchen ihre Loesung gefunden haette? Bejaht man fuer einen Augenblick diese Frage, dann kann man unterstellen, dass des “Fuehrers” Talent, seine Gegner von der Berechtigung seiner Forderungen zu ueberzeugen, diese Gegner davon abgehalten hat, den Krieg zu entfesseln. Das aber bedeutet, dass man nicht Chamberlain, sondern dem Fuehrer als dem Friedensengel haette zujubeln muessen. Auf diesem Niveau bewegt sich der moderne Revisionismus Stil Taylor und Hoggan. Es ist wenig Phantasie noetig, um zu begreifen, welche Moeglichkeiten sich fuer einen Historiker ergeben, d :r aie Quellen geschickt auswaehlt und den Tatsachen eine andere Bedeutung zuerkennt, als es bisher geschehen iät. Taylor’s Ausgangspunkt ist einfach: Der Fuehrer wollte nichts anderes, als Deutschland aus den Ketten von Versailles zu befreien. Die Tatsache, dass der Fuehrer immer wieder erklaert hat •—angefangen von “MEIN KAMPF” bis zum Testament im Berliner Bunker am Vorabend des Untergangs im Jahre 1945—, das's sein Ziel nicht revisionistischer, sondern imperialistischer Natur war, entgeht Taylor nicht. Aber er bagatellisiert diese Aeusserungen auf eine unbegreifliche Weise. Die Lebensraumtraeume nennt er “Tagtraeume”, Generalis i erungen eines ungeschulten Verstandes, “Dogmen”, die das Echo waren von dem Ge. schwaetz in jedem deutschen und oesterreichischen Café. Der Fuehrer machte keine Eroberungsplaene, er ging vielmehr davon aus, dass andere fuer die Gelegenheiten sorgen wuerden, die er dann wahrnehmen wuerde. Der Mann, der eigentlich die Schuld traegt fuer den. Ausbruch des Krieges, muss demzufolge derjenige sein, der dem Fuehrer die guten Gelegenheiten bereit ste lite. Chamberlain ist nach Tayior’s Worten der “bestgeeignete Kandidat”. Damit verglichen hat Hoggan groessere Praetentionen. ' Der Amerikaner will endlich die lang unterdrueckte Wahrheit durch eine “den Tatsachen gerecht werdende” historische Untersuchung an den Mann bringen. Hoggan hat eine Lawine von Material verarbeitet, aber gebraucht Methoden, die man Taylor nicht vorwerfen kann. Er zitiert verkehrt, veraendert die chronologische Reihenfolge, wodurch er Ursache und Folge umdrehen kann, und nimmt Saetze auf eine mehr als unverantwortliche Weise aus dem Zusammenhang. Zu wel- 1 ehern Schluss kommt nun der Amerikaner? England, s o lehrt Hoggan, hat Deutschland den Krieg aufgezwungen. Der grosse Schuldige; heist Halifax. Sein Ziel war j die Vernichtung Deutsch- I lands. Er war der geschworene Todfeind des deutschen Volkes und Staates. Jahrelang hat dieser Mann gestichelt und intrigiert, um den Krieg gegen Deutschland zu entfesseln. Dies war keine leichte Aufgabe. Denn der : Fuehrer, so stellt Hoggan mehrmals fest, war ein Mann der Frieden, ja selbst Freundschaft mit England i wuenschte. Hierdurch sah I sich Halifax gezwungen - dieser “scheinheilig selbstgerechteste Diplomat den die Welt je gesehen hat”—, eine politische Hintertuer zu suchen, durch die-er den Krieg nach Deutschland einschmugi geln konnte. Der gewiegte Diplomat fand die Hintertuer in dem “beschraenkten und massvollen Programm der Gebietsrevisionen”, mit dem der Fuehrer das' Unrecht von Versailles (die deutsche Ostgrenze) beseitigen wollte. Er verbuendete sich mit Beck, dem polnischen Aussenminister, veranlasste die Polen, keinen Daumenbreit zurueckzugeben und gab weitreichende Garantieen. Und so zwangen diese beiden Herren, Halifax durch geschickte diplomatische Manoever, Beck durch seine unvorstellbaren Provokationen dem Fuehrer; den Krieg auf. “Der erzwungene Krieg”. Quod erat demostrandum. Hoggan hat auf eine groebere, eindringlichere Weise; als Taylor die Schuldfrage 1 gestellt, Und diese beantwortet er auf eine Weise, die bis jetzt einfach fuer undenkbar gehalten wurde und die aus historischen Gruenden auch; unmoeglich ist. Nicht allein i in Amerika, auch in Deutsch- 1 land sind alle Historiker von Namen soweit wie moeglich von Hoggan abgerueckt. Vom wissenschaf fliehen Standpunkt aus kann man daher dieses Buch unbeachtet lass'en. Aber ist damit alles gesagt, wenn es sich i um eine Materie handelt, die auch andere als wissenschaftliche Seiten hat? Denn die G e s c h i c htsschreibung ist nicht allein eine Wissenschaft sie ist auch eine Waffe. Sie ist, um Taylors Worte in einem anderen Sinn zu gebrauchen, auch die Grundlage fuer das Ges'chwaetz in den deutschen und oesterreichischen Cafés und darum nicht ungefaehrlich. Haben uns die Geschehnisse in Deutschland zwischen 1933 und 1945 nicht gelehrt, wie sehr das Stammtischgeschwaetz im schmutzigen Muenchener Bierkeller v.eber Rasse und Lebensraum, Antisemitismus und Herretivolk diese Ideen in die Welt der grossen Politik bringen konnte und wie dann ein gewaltiger Weltbrand daraus entstanden ist? Die Historiker koennen in ihren Fachzeitungen mit beschraenkter Auflage noch so genau anzeigen, wann und wo Hoggan irrt, abstossend irrt, dumm und mehr als unzuverlaessig ist — Hoggans Buch selber; ist ein Schlager, ein Bestsei-; , 1er geworden, hat in kurzer ■ i Zeit mehr als vier Auflagen i hinter sich, dies trotz der 900 Seiten und , dem entsprechenden Preis von 48 Mark, den man dafuer zahlen muss. . Kein Wunder eigentlich - ■ muss ein amerikanischer Gelehrter, der erklaert, dass' die Kriegsteufel in London und die Friedenstauben in Berlin! sassen, nicht ein Kronzeuge : sein fuer all die -Deutschen, ' die diese Ideen seit 1939 verfochten haben, ein Erloeser aus dem Interregnum der : Selbstbesch u 1 d i g u n g? So formt sich ein Teil der heutigen Generation ein Bild von l der juengsten Deutschen Ge-! schichte, ein Bild, dass die Soehne nicht aus eigener Erfahrung korrigieren koennen, das aber vielen Vaetern aus den verschiedensten Gruenden nicht schlecht zurecht kommt. Es ist dies dann eine neue Phase, ein neues Segment von der “Bewaeltigung der deutschen Vergangenheit”, aber doch wohl in einer ganz anderen Richtung, als Historiker wie Meinecke, Mann, Ritter und Rothfels gemeint hatten. In diesem Lichte gesehen ist “Der erzwungene Krieg” ein mehr als' peinliches Buch. Und man kann einem der Rezensenten — in der “Stuttgarter Zeitung” — nicht Unrecht geben, wenn er erklaert: Dies Buch ist vor allem fuer die juengere Generation eine grosse Gefahr. (“Algemeen Handelsblad” - Amsterdam) Gedanken zwischen 2 und 3 Zwei Stunden Verspaetung wurden durch den Lautsprecher fuer das erwartete Flugzeug angesagt. Zu wenig Zeit, um noch einmal nach Hause zu fahren, zu viel fuer die in einem solchen Falle normale Ungeduld. Das Publikum verlief sich langsam, zum groessten Teil in das Restaurant. Es war frueh am Morgen; die kuehle Terrasse gefiel mir besser, als das schon dicht verraeucherte Lokal. Bequem an die Balustrade gelehnt, liess ich das immer wieder faszinierende Bild des gewaltigen Gebirges, des aufsteigenden Tageslichtes, des ganzen schoenen Panoramas auf mich einwirken. Jemand stellte sich neben mich, beruehrte, nach laengerem Beobachten, leise meine Hand. Ein aelterer, sauber und e i n f a ch gekleideter Mann gruesste hoeflich und bat um Entschuldigung, mich gestoert zu haben. “Se¬ ñora”, sagte er ruhig, “bitte wuerden Sie mir sagen, was diese Muenze, die Sie an Ihrem Armband tragen bedeutet, und wen sie darstellt?”. Ich erzaehlte dem hoeflichen Frager die Leidensgeschichte der Anne Frank, die er mit gescheit formulierten Zwischenfragen interessiert erforschte. Dann erzaehlte er mir von sich und seinem Leben. Dies ist, was er sagte: “Ich heisse Juan Moreno Gálvez, bin Arbeiter in der Maestranza San Bernardo und verbringe augenblicklich meine Ferien. Meine Frau ist vor fuenf Jahren gestorben; sie war eine gute brave Frau und sie fehlt mir sehr. Meine drei Kinder, zwei Toechter und ein Sohn, sind verheiratet. Es geht ihnen recht gut, sie arbeiten alle, haben eigene h u e b sehe Wohnungen, aber leider keine Kinder. Alle Drei wollen mich bei sich haben. Ich moechte aber nicht in Abhaengigkeit geraten und wohne lieber alleine in meinen zwei Stuben, die mir eine Nachbarin sauber haelt. Mein Verdienst reicht aus fuer meine bescheidenen Ansprueche, ich kann sogar noch etwas sparen fuer mein , Alter oder fuer meine Kinder, falls sie etwas brauchen. Frueher fuhr ich in meinen i Ferien mit meiner Frau zu : einem Freund nach Cartage- , na; er vermietete uns hinter ' seiner Tankstelle ein kleines Zimmerchen. Das war ja ganz nett, aber auf die Dauer; doch recht langweilig. Deshalb habe ich mich dieses Jahr entschlossen, einmal die grosse Welt kennen zu lernen und zu reisen. “Auf meine Frage, ob er nord- oder suedwaerts fliegen wolle, antwortete er seelenruhig: “Gestern war ich in Nora- Amerika und heute, an meinem letzten Ferientag, will ' ich nach Europa fliegen”. Mein sprachloses Erstaunen - beantwortete er mit leisem; Lachen. “Señora, man kann i auch reisen, ohne sich fortj zubewegen. Und das tue ich nun seit acht Tagen”. Wie weggewischt entschwand vor j meinen Augen das Flugfeld die Berge, ja, der ganze amerikanische Kontinent und vor mir lag der kleine, bescheidene Bahnsteig meines Geburtsortes in Deutschland. Vorueber braust der D-Zug, mit verschwommenen Gesichtern an den Fenstern und dem sagenhaft angestaunten Speisewagen. Gebannt, mit brennenden Augen sieht man dem roten Schlusslicht nach und Fani tasie und Sehnsucht laesst! uns Kinder die Fahrt in die ' Welt, in nur geahnte Pracht- ‘ Staedte, in Steppen und! Wuesten, in Gebirge und an; den Meeres-Strand in traumhafter Folge erleben. Die Welt war zu uns gekommen, 1 wir brauchten sie nicht zu j suchen. Die eigene Vorstellungskraft und Begabung hatte uns auf Reisen gefuehrt, hatte die Wanderlust und Neugierde gedaempft — oder aber angeregt und angespeichert, bis zu ihrer wirklichen Erfuellung. Bahnhoefe sind eng geworden, altmodisch und weite-beschraenkt. Beso nders hier in unserem schmalen und langgezogenen Land. Die Endstationen sind keine Fantasie-Gebilde und das Reisepublikum keine Anregung fuer Zauber-Gegenden. Der Flugplatz ist heute das grosse Tor zur Welt, mit Fremdsprachen-Gewirr, anderen Menschentypen in differenzierter Kleidung, mit lebhaftem Betrieb und abwechslungsreicher Bewegung. Hier ist der Fantasie des Traum-R eisenden keine Grenze gesetzt; die grosszuegige Weite des Himmels oeffnet Tuer und Tor dem Flug in die Wunsch-Welt, in’s Maerchen, in unerfuellbare Sehnsuechte. Acht herrliche und erfuellte Tage hatte Juan Moreno vom fruehen Morgen bis abends spaet auf Traum- Reisen zugebracht, mit bescheidenem Gepaeck von einigen belegten Broten, dem Luxus einer Flasche Bier, mit offenen Augen und frohem Herzen. Die Angestellten des Flugplatzes kannten den taeglichen Gast schon, zeigten ihm gerne, um was er hoeflich und mit Takt bat, gruessten ihn als Freund und hatten ihre Freude an dem interessierten Menschen. Er durfte eines der grossen Flugzeuge und sogar einen Helikopter besichtigen und war einmal von einem Mechaniker zu einem Proberundflug mitgenommen worden. Das war der Hoehepunkt seiner Ferienzeit. Wie ein versierter Fachmann sprach er zu mir von D u e s e n m aschinen, Luftdruckkabinen, von Radar oder Steuerfaehigkeit. Er wusste durch eigene Beobachtung in wieviel Sekunden bei verschiedenen Flugzeug-Typen die Raeder eingezogen werden, beurteilte L a n d u ngsmanoever und wusste ueber Fluegelspannweiten Bescheid. Reizend und humorvoll war seuie Kritik der Reisenden, ob ankommend oder nervoes abfliegend'. Sein vorsichtiges Raten, wohin sie reisen, woher sie kommen, welchen Beruf sie ausueben, was sie in ihrem Gepaeck mitfuehren, sogar, wem welcher Koffer gehoeren moege, war aeusserst amuesant und Beweis seiner Naturintelligenz und ausgezeichneten Beobachtungsgabe. Die Wartezeit verflog rasch bei dieser heiteren Unterhaltung, an der ich meine helle Freude hatte. Zum Abschluss lud mich Don Juan hoeflich zu einer Tasse Café ein, die ich gerne akzeptierte. Am naechsten Tag schickte ich an seine Adresse Jules Verne’s “Reise uin die Welt” und Heyerdahl’s “Kontiki”, eingepackt in eint kleine Reisetasche der K. L. M., auf die ich Bilder aus aller Welt geklebt hatte. K. . G.