Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 2 (Febrero, 1963)
- Date
- 1963-02-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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FEBRERO 1963 BOLETIN INFORMATIVO 7 KARL JASPERS EIN WORT DES DANKES AN SEINEM 80. GEBURTSTAG Fuer einen jeden von uns gibt es Menschen, mit denen wir ¡uns in besonderer Dankbarkeit verbunden fuehlen. Nicht nur mit Eltern und Verwandten, mit welchen uns besondere, intimste Bande verknuepfen, sondern auch mit denjenigen Persoenlichkeiten, die durch ihr Werk, die durch ihr Beispiel unser Leben, unser Weltbild entscheidend beeinflusst und geformt haben. Eine solche Persoenlichkeit ist fuer den Verfasser dieser Zeilen Karl Jaspers, der am 23. Februar seinen 80. Geburtstag begehen wird. Wenn ich meinen Dank mit diesem Aufsatz in die Oef fentlichkeit trage, so ist es, weil ich die Gewissheit habe, dass wir alle eine Dankesschuld diesem Manne gegenueber haben, der in den Tagen der tiefsten Erniedrigung der Brutalisierung und der Vermassung, der in den Jahren, als der Zusammenbruch des Gebaeudes unserer Zivilisation zum ersten Mal allen offenbar wurde, seinen geraden Weg ging, nur dem Gewissen folgend, weder auf die Drohungen seiner Feinde noch auf die Warnungen seiner Freunde achtend, wenn es um das Absolute, um die Wahrheit, um die Menschlichkeit ging.; Fuer mich war die Begegnung mit der Jasperschen Philosophie ein, vielleicht das, entscheidende geistige Erlebnis. Aber nicht davon will ich aussagen, nicht von Jaspers dem Philosophen, sondern von Jaspers dem Menschen will ich schreiben. Die Wuerdigung seines philosophischen Schaffens soll Berufeneren ueb erlassen bleiben. Karl Jaspers kommt von der Medizin. Als Arzt hat er den Menschen kennen gelernt und dieses Wissen um Leiden und Schwaechen, um psychologische und um physiologische Vor.gaenge h a t sein Denken und sein Wissen zutiefst ¡beeinflusst. Vielleicht liegt hier ein Grund dafuer, dass er sich nicht darauf beschraenkt hat, Weisheit zu lehren, sondern sie zu leben, .und von uns verlangt, dass wir seinem Beispiel folgen, dass wir dem als Unphilosophisch — und das ist fuer Jaspers identisch mit Unmenschlich — einmal Erkannten entgegentreten, dass wir unsere Pflicht als Menschen erfuellen. Jaspers ist ein Philosoph, der Forderungen stellt. Er ist die bejahendste, die positivste Personifikation Kierkegaardschen Existenzialismus Er hat erreicht — von Erkenntnis zu Erkenntnis fortschreitend — sich zu hoechsten Existenzebenen emporzu - schwingen, nicht in vager Spekulation, sondern in taetiger Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen. Als der Nazismus ueber Deutschland hereinbrach, als Husserl verschwinden musste, a 1 s Heidegger sich den braunen Bataillonen, deren Weg er vorbereiten half, anschloss, als das Undenkbare, das nie fuer moeglich gehaltene wahr wurde, als ¡Studenten deutscher Universitaeten, angefuehrt von ihren Professoren, Buecher den Flammen uebergaben, nicht etwa im vielleicht noch zu entschuldigenden heiligen Eifer eines "Auto da fes” — eines Glaubensaktes, sondern im Delirium des Nihilismus, als die deutschen Hochschulen aus Hochburgen des Geistes zu Kerkern des Intellektes wurden, da verstummte die Stimme Karl Jaspers und erst nach dem Krieg konnte er, gemeinsam mit Alfred Weber, der Universitaet Heidelberg den Geist zurueckgeben, den sie einst besessen hatte. Dort erhob er seine Stimme, stellte die grosse Frage nach der ¡Schuld, rief auf zum Kampf gegen die Unmenschlichkeit, er, der Berufensten einer. 1948 erreichte ihn ein Ruf der Universitaet Basel, der Stadt, die schon einmal das Refugium des Humanismus gewesen war, damals, als die Nacht der Reformationswirren Europa verfinsterte. Er ist in all den Jahren nicht muede geworden, unseren Kampf zu kaempfen: “Im Zeitalter der Atombombe ¡und des Ringens zweier ¡Maechtegruppen um die Weltherrschaft, von denen eine, bei allen Vorbehalten die wir ihr gegenueber aeussern moegen, auf den Grundlagen westlicher Demokratie beruht, waehrend die andere einen auf hoechste Vollendung gefuehrten Totalitarismus repraesentiert, ist das Prinzip der Nichtintervention eine Fiktion. Nichtintervention und Toleranz sind “Gentlemen- Agreements”, Abkommen unter Maechten, sich nicht in interne Vorgaengen im Hause des anderen zu mischen, vorausgesetzt, dass beim Partner das Spiel nach den gleichen Spielregeln wie bei einem selbst gespielt wird. Ist dies aber nicht der Fall, bereitet ein Partner in seinem Hause ein Verbrechen vor, so ist Nichtintervention nicht nur moralische Feigheit, sondern Selbstmord. Friede, Ruhe, Anstand wer- ||*i||I|| wm PW Ifltl Hi» Karl Jaspers den erst dann moeglich sein, wenn jedes Land weiss, dass seiner Souveraenitaet Grenzen gesetzt sind und dass Verletzungen der elementarsten Menschenrechte und des friedlichen Zusammenlebens automatisch die Intervention derjenigen Maechte nach sich ziehen wird, fuer die Anstand Freiheit und Menschenwürde mehr bedeuten als blosse Floskeln”. Diese, in seinem Buch “Die Atombombe und das Schicksal der Menschheit “enthaltenen Saetze, zeigen uns Karl Jaspers, den Menschen, den Kaempfer. Karl Jaspers ist unbequem, er fordert viel, vielleicht zu viel, gerade von denen, fuer die er eintritt. Nur so koennen wir den tiefen Sinn seiner, der Zeitschrift “Der Monat” gegenueber gemachten Aeusserungen zum Eichmann-Prozess verstehen. “Wenn Staaten solche Verbrechen verueben duerfen, dann wuerde die Menschheit zugrunde gehen. Wie in einem einzelnen Staat der Mord an einem Menschen dgs allgemeine Interesse betrifft, weil, wenn solche Morde stattfinden, der Staat nicht mehr bestehen kann und alle bedroht sind, so betrifft in diesem Falle der Mord an einen Menschengruppe — die Juden — die ganze Menschheit. Hier geschah in unserer Zeit etwas Neues, Erstmail, ges. Der ganzen Welt muss es zum vollen Bewustsein kommen. was es ist, das da geschehen ist. Und darin, so meine ich, liegt das Menschheitsinteresse am Falle Eichmann”. Es zeigte sich, dass die Menschheit nicht das Interesse nahm, das er erwartet hatte und welches — vielleicht —, wie Jas-ners hoffte, den Staat Israel von der Pflicht entbunden haette, Eichmann zu richten. Jaspers verbreitet Unruhe. Nicht eine Unruhe durch aufsehenerregende Demonstrationen wie Bertrand Rüssel der seine Buecher verlaesst und, weil er fuer das Ueberleben der Menschheit fuerchtet dafuer eintritt, dem Uebel gewalt — und widerstandslos entgegenzutreten, sondern weil er verlangt, dass wir unser Leben philosophisch fuehren, dass wir uns dem stellen, was wir sind. Aus dieser, fuer ihn verbindlichen Haltung stammen seine Aufsaetze zur “Wiedervereinigung Deutschlands”, die vieles aufwuehlten, was I unter dem Konformismus des Wirtschaftswunderst a a t e s schwelte, die an den behuetetsten Tabus der Bundesrepublik ruettelten: “Aber auch die Vorstellung der territorialen Einheit, die nur an die Einheit des deutschen Staates denkt, ist eine, die erst mit dem Bismarkreich wirklich wurde... Diese Einpraegung gemessen an der gesamtdeutschen Geschichte ist etwas Voruebergehendes, ist vielleicht nueckgaen gig zu machen notwendig... Die Besinnung verlangt die Anerkennung der Folgen eines Krieges, fuer dessen Anzettelung durch den Hitler- Staat und Durchfuehrung durch die Generaele, wir, die Buerger des Staates, der dieses tat, haften. Nach dem verbrecherischen Unrecht der Herauffuehrung dieser Weltkatastrcphe, die wir nicht, vor allem nicht vor 1933 mit allen Kraeften verhindert haben, sind wir, die wir zwar mit dem Hitlerstaat nichts Boeses getan, vielleicht selber zu den Verfolgten gehoerten, nich moralisch schuldig. muessen aber politisch mithaften. Haftung ist nicht Schuld. Ertragen der Folgen ist nicht Strafe. Man kann sich nicht euf ein Recht berufen, das sich von etwas ableitet, das durch solchen Krieg unwiderruflich zerstoert ist... Nicht also ist es “moralische Forderung an die Welt”, Hilfe zur Wiederherstellung der politischen Einheit mit den Grenzen des Bismarkstaates zu begehren. Das Dagewesene dieses Staates begruendet nach dem, was geschehen ist. kein moralisches Recht auf ihn... Fuer die Zukunft steht fest: Unter friedlichen Bedingungen ist die Freiheit der Ostdeutschen zunaechst nur zu erreichen unter Verzicht auf Wiedervereinigung... Der Kampf in der Oeffentliohkeit um die Freiheit der Selbstbestimmunff ist sauberer als der um Wiedervereinigung und auf d i e Dauer aussichtsreicher. Die Freiheit ohne Wiedervereinigung hat die groessere Chance...”. (“Die Zeit”). So sehen wir Jaspers, aus der Tiefe seines Geistes schoepfend, zu den Fragen des Tages Stellung nehmen. Er weicht ihnen nicht aus, er zieht sich in keinen Elfenbeinturm zurueck. Aber er sieht sie aus einer Perspektive, die weit ueber den Tag reicht, die begruendet ist im Ringen um die Erkenntnis der einen Menschheitsgeschichte: “Die Einheit der Geschichte wird als Einsgewordensein der Menschheit nie vollendet sein. Die Geschichte liegt zwischen Ursprung und Ziel, in ihr wirkt die Idee der Einheit. Der Mensch geht seinen grossen Weg der Geschichte, aber schliesst ihn nicht ab in einem verwirklichten Endziel. Die Einheit der Menschheit ist vielmehr die Grenze der Geschichte. Das heisst: Die erreichte, vollendete Einheit waere das Ende der Geschichte. Geschichte bleibt die Bewegung unter Fuehrung von Einheit mit Vorstellungen und Gedanken von Einheit... ... Nicht einmal klar und widerspruchslos laesst sich eine vollendete Einheit auch nur im Ideal entwerfen. Die Einheit kann nicht verwirklicht werden, weder als der komplette Mensch, noch als die richtige Welteinheit, noch als das endgueltig durchdringende und offene gegenseitige Verstehen und Einverstaendnis. Das eine ist vielmehr der unendlich ferne Bezugspunkt, der Ursprung und Ziel zugleich ist; es ist das Eine der Transzendenz. So erhebt sich die tiefste Einheit in eine unsichtbare Religion. In das Reich der Geister die sich begegnen und zueinander gehoeren, das verborgene Reich der Offenheit des Seins in der Eintracht der Seelen. Geschichtlich aber bleibt die Bewegung, die immer zwischen Anfang und Ende, nie erreicht oder auch immer ist, was sie eigentlich bedeutet”. (“Von Ursprung und Ziel der Geschichte”). In einer Rede, anlaesslich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1958, sagte er: “Kein aeusserer Friede ist ohne den inneren Frieden der Menschheit zu halten. Friede ist allein durch Freiheit. Freiheit ist allein durch Wahrheit... Die Voraussetzung des Friedens ist die Mitverantwortung eines jeden durch die Weise seines Lebens in Wahrheit und Freiheit. Die Frage des Friedens ist nicht zuerst eine Frage an die Welt, sondern fuer jeden an sich selbst” Wenn wir nun, an seinem 80. Geburtstag das Leben Karl Jaspers ueberschauen, erkennen wir, dass diese Worte ihn selbst kennzeichnen. Er zeigt den Weg zum Frieden, denn er hat den inneren Frieden, errungen durch die Wahrheit, auf der die Freiheit ruht. Moege es ihm noch viele Jahre vergoennt sein, fuer den Frieden in der Freiheit durch die Wahrheit wirken zu koennen. Hans Engel Gefaengnis fuer Hitlergruss Ein israelisches Gericht hat den 18 Jahre alten deutschen Seemann Manfred Goytlicher zu vier Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe van 2000 israelischen Pfund (rund 2660 Mark) verurteilt. Der Jugendliche hatte auf einer Polizeistation, zu der er nach eirtem Streit mit einem Taxifahrer gebracht wurde, beleidigende Äusserungen getan und mit 'Heil Hitler" gegrüsst. Vor Gericht bereute er seine Tat. In Cureghem-Anderlecht (Belgien) wird im Fruehling 1964 ein Denkmal erreichtet, dass an die 25.000 juedischen Männer, Frauen und Kinder erinnern soll, welche zwischen dem August 1942 und dem letzten Juli 1944 in die Lager von Maidanek, Treblinka und Auschwitz deportiert worden sind. Damals wurden 10.832 Männer, 9.987 Frauen und 4.363 Kinder deportiert. von denen hur 1.196 Personen ueberlebten, unter ihnen 39 Kinder (N. Z. Z.)