Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 1 (Enero, 1963)
- Date
- 1963-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ENERO 1963 BOLETIN INFORMATIVO 9 ZUR FRAGE DER JUEDISCHEN ERZIEHUNG Von Ruben Katz/ (Vize-Praesident des Vaad Hajinuj) Erziehung ist seit langer Zeit ein wuerdiger Zweig der Wissenschaft geworden, .ein Gebiet von Spezialisten mit wissenschaftlich erprobten Methoden und experimentaler Erfahrung. Wenn ich es mir trotzdem erlaube, zu einigen Fragen der allgemeinen und juedischen Erziehung Stellung zu nehmen, dann geschieht das nicht mit den Anspruechen des Kenners, sondern als einer der vielen Vaeter, die um das Morgen ihrer Kinder beunruhigt sind und als Jude, der um die Zukunft seines Volkes besorgt ist. Das Elternhaus Wir Eltern sollten eigentlich die natuerlichen Verbuendeten des Lehrers sein. Im Elternhause soll doch das Kind das erste Zentrum seiner moralischen Formierung finden. Hier —im Rahmen der Familie— sollte es ein lebendiges, unmittelbares und dauerndes Beispiel von menschlichem Zusammenleben finden, das auf Liebe, gegenseitiger Toleranz und Verstaendnis auf gebaut ist. Wir bilden eben die nahe Realitaet, die das Kind umj gibt. Wir sind die ersten! Lehrer, die ihm durch unsere! Lebensweise, durch unser | Benehmen und durch unsere \ persoenliche Art den Anfangsunterricht erteilen. Aber die hohen Ziele, die wir uns setzen, bleiben oft nur fromme Wuensc.he. Es ist allgemein bekannt, dass die Eltern heutzutage vielen ihrer elementaren Erziehungspflichten nicht nachkommen. Die Zersetzung der engen Familienbande ist keine Einzelerscheinung unserer Epoche- Wir wohnen ein e r allgemeinen Schwaecliung der moralischen Werte bei und als Folge derselben erfuellt ein bedeutender Teil der Eltern nicht seine elementaren Pflichten. In entscheidenden M o m enten greift unsere Autoritaet nicht ein und sehr oft fehlt es uns an einer eigenen moralischen und g e i s t ig en Orientierung. Durch die praktische Erfahrung in unserer Schule sind wir imstande zu ermessen, wie schaedlich die passive und gleichgueltige Stellung der Eltern sein kann; ebenso negativ kann sich eine uebertriebene und unzeitgemaesse Inte rvention der Eltern auswirken, falls diese nicht der Ausdruck einer engen Zusammenarbeit mit der Schule und eines festen Vertrauens in ihren ¡Lehrkoerper sein soll. Wir koennen daher die Erj Ziehung unserer Kinder die-! sc<n Zufaellen nicht ueber- ' lassen und muessen mit [ dauernden Faktoren und: einer systematischen Einwirkung rechnen koennen. Lehrer und Erzieher Aus diesem Grunde steht es heute ausser Zweifel, dass d i e fortschreitende. Entwicklung der Erziehungswissenschaft die steigende Tendenz aufweist, das Elternhaus durch die Schule zu ergaenzen und dieser eine immer wichtigere Rolle im Prozesse der Erziehungsarbeit zu uebertragen. So kommt es, dass eine Armee von Spezialisten —groesseren und kleineren Formates— eine beinahe unumschraen kte (Macht! ueber das Kind erhaelt, das i sie nach eigenem Wissen! und Gewissen formen darf. | Wenn nun diese Fachleute j die genuegenden Kenntnisse, j Faehigkeiten, oder das Bej wusstsein der Wichtigkeit! ihrer Mission nicht besitzen, i dann beschraenkt sich ihre j Taetigkeit auf das enge Ge- I biet eines bestimmten Faches oder eines bestimmten Lehr gegenständes; sie bereichern dann —im besten Falle— nur das Wissen des Schuelers, sie geben ihm eine gewisse Bildung, oder besser gesagt eine gewisse Vorbereitung, die ihn spaeter fuer eine hoehere Bildung zugaenglich und empfaenglich macht. Diese Fachleute werden meistens nur zu Lehrern, sie sind aber selten in der Lage, sich zu einer hoeheren Rolle emporzuschwingen, zu der Rolle von Erziehern. Sie erreichen es nur, den Wissenshorizont des jungen Menschen zu erweitern, aber es gelingt ihnen nicht, tiefer, in das Reich "des Eindruckes oder gar des Gefuehles einzudringen. Das Bestreben des wirklich e n Erziehers hingegen geht viel weiter darueber hinaus. Der wirkliche Erzieher macht den Schueler mit den bestehenden K u 1 turwerten der Gesellschaft bekannt, er macht ihn fuer diese Werte zugaenglich und bringt ihn dahin, sie in sich aufzunehmen. Zu diesem Zwecke begnuegt , ßich der Erzieher nicht damit, einzig und allein auf die Intelligenz des Kindes zu wirken, sondern er bestrebt sich, auf zarte und geschickte Weise in sein Gefuehlsleben einzudringen und die Entwicklungsrichtung desselben zu beeinflussen. Er weckt und stimuliert in der jungen Seele die edlen Empfindungen, e r kultiviert in ihr das Gefuehl fuer das Schoene, die Achtung vor der Wahrheit, die Begeisterung fuer das Gerechte, das Verstaendnis und das Mitleid fuer das Schwache und Hilflose. Aber damit selbst gibt sich der wirkliche Erzieher auch nicht zufrieden, sondern er geht viel weiter und setzt sich noch hoehere Ziele. Der junge Mensch soll naemlich nicht nur das existierende Kulturvermoegen in sich absorbieren, vielm elir soll man seine eigene Persoenlichkeit so formieren, auf das er einst selbst Kulturwerte schaffen kann, falls er Faehigkeiten und Berufung hierfuer besitzt. Alle seine hoeheren Neigungen sollen geprueft und gefoerdert werden, es soll in ihm der Wunsch geweckt und gepflegt werden, bei der Umwelt nicht nur zu fordern und zu nehmen, sondern vielmehr fuer seine Umgebung zu schaffen und ihr etwas von sich zu geben. Der junge Mensch soll ein zukünftiges wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden, mit ernstem Wissen ausgestattet, im Geiste moralischer Werte erzogen und von edlen Gefuehlen beseelt. Die juedische Erziehung Wenn nun die Erziehungsarbeit im Allgemeinen schon an sich vor schweren Aufgaben steht, so ist das spezifische Problem der juedischen Erziehung um so komplizierter und vielseitiger. Und wenn ich dieses Problem beruehre, dann denke ich nicht an das juedische Kind in Israel —wo doch die Erziehungsarbeit als gleichgeartete vor den gleichen allgemeinen Problemen steht— vielmehr beziehe ich mich auf die Frage der Erziehung des juedischen Kindes in der Diaspora. Dies ist ein Gebiet, das in sich ein ganzes Konglomerat von Problemen sui generis birgt und somit auch eine besondere Betrachtung erfordert. Was wollen wir eigentlich mit der juedischen Erziehung im Galuth? Welche sind ihre Ziele und welche die Wege, um sie zu erreichen? Obzwar juedische Eltern in der Diaspora bestimmt danach streben, ihre Kinder zu moralischen und vollkommenen Menschen heranwachsen zu sehen, ist dies aber bei weitem nicht ihr einziges Ziel; juedische Eltern sind naemlich gleichzeitig auch vom heissen Wunsche beseelt, aus ihren Kindern gute Juden zu machen, treue Soehne und Toechter ihres Volkes. Sie wuenschen es bestimmt, ihre Kinder moegen wertvolle Mitglieder j der Umgebung sein in der sie leben, ihre Sprache beherrschen, ihre Kulturwerte schaetzen und zu ihrem Fortschritte beitragen; aber zur selben Zeit sollen sie auch unsere Sprache beherrschen, unsere Schaffungen kennen und achten, das eigene Volk und Land tief lieben und sich fuer sein Schicksal mitverantwortlich fuehlen. Ungeteilte Persoenlichkeit j —trotz Dualismus ' Und hier beginnt das Schwierige und Eigenartige unseres Erziehungsproblems. Einerseits streben wir danach unsere Kinder alles Schoene, alles Gute und Wertvolle ihrer Umgebung in sich aufnehmen zu lassen, andererseits ist es unser Wunsch unsere Jugend moege den lockenden Sirenengesaengen der Assimilation nicht nachgeben, ihnen widerstehen. Das heisst mit anderen Worten, dass die Persoenlichkeit des juedischen jungen Menschen in einem solchen Sinne formiert werden soll, auf dass er die ihn umge-; bende kulturelle Wirklichj keit verstehen und absorbie-! ren kann und gleichzeitig die noetige Widerstandskraft besitzen soll, um seine eigene geistige und seelische Selbstaendigkeit zu wahren. Der junge Mensch soll also in einem Dualismus von Kulturen erzogen werden und sich dabei zu einer ungeteilten Persoenlichkeit entwikkeln, die ihr inneres Gleichgewicht zu behalten vermag! Seine juedische Persoenlichkeit soll so entwickelt und gepflegt werden, dass er freiwillig, mit Liebe und Verstaendnis die schwere Last auf sich nehmen soll, beide Kulturen in sich aufzunehmen und fuer beide den gehoerigen Platz in seinem geistigen und seelischen Leben einzuraeumen. Wenn wir dieses Ziel erreichen sollten, dann haben wir nicht nur eines unserer vitalen nationalen Probleme geloest, sondern wir wuerden einen ganz besonderen Sieg errungen haben in idem grossen Kampfe gegen die geistige Krisis der Jugend unserer Zeit. Gelingt es uns naemlich, in unserer Jugend die Begeisterung fuer unsere nationale Wiedergeburt und fuer das gigantische nationale Aufbauwerk zu entfachen, so haben wir sie der sie umgebenden kleinen Welt des materialistischen Strebens entrissen und sie der Welt des Glaubens, des Ideals und der edlen Bestrebung eingegliedert. Gelingt es uns. unsere Kinder mit den geistigen Werten unseres Volkes bekannt zu machen, dann werden sie sich ihres Volkes und seiner Schaffungen ruehmen und werdt\i sich der Zugehoerigkeit zum juedischen Volke freuen. Tun wir das aber nicht, so werden sie die grossen Werte ihres Volkes Weder kennen noch schaetzen, werden mit der Zeit ihrem eigenen Volke fremd ¡gegenueberstehen, werden ihre juedische Abstammung als unglücklichen biologischen Zufall betrachten und eines Tages fuer ihr Volk verloren gehen. Mehr als eine nationale Pflicht Durch juedische Erziehung erfuellen wir also heute nicht nur eine nationale Pflicht, Indem wir unseren Kinder den Genius unseres Volkes offenbaren, gewinnen wir sie gleichzeitig fuer alle jene geistig — moralischen Ewigkeitswerte, d i e unser Volk geschaffen und die seit Langem dem universalen Kulturvermoegen der Menschheit einverleibt wurden. Einer Welt der betaeubenden Hast, des materiellen Strebertums und des engen Egoismus, einer Welt voll uebermaessiger V e r h errlichung der physischen Kraft und der Gewalt, einer W«lt der Ideallosigkeit und dfer Leichtfertigkeit, muessen wir die grossen und ewigen Ideale gegenueberstellen, die unser Volk der Menschheit geschenkt: Die tiefe Achtung und Liebe zum Mitmenschen, den Abscheu vor der brutalen Gewalt, die Verehrung des Buches und jeder geistigen Schaffung, den prophetischen Traum find die Sehnsucht nach einer Welt des Friedens, der Gerechtigkeit und der Naechstenliebe. Wie erreichen wir nun dieses komplizierte paedagogische Ziel und wie werden wir gleichzeitig unseren juedisch -nationalen Erfordernissen gerecht? Wie unsere Jugend dem einseitigen und totalen Einflüsse ihrer Umgebung entreissen und sie fuer unsere Werte zugaenglich machen? Es waere bestimmt ideal, wenn hier die Eltern die ihnen zukommende Rolle richtig erfassen und ihre Pflicht erfuellen wuerden. Es waere gewiss erwuenscht, das Elternhaus waere eine Mauer gegen fremden Einfluss, ein j Bollwerk juedischer Traditio-! nan und Braeuche, juedi-; scher Symbole und juedischer geistiger Werte. Wenn juedische Vaeter und Muetter wirklich imstande waeren, sich richtig an der Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen, dann waeren sie die idealen und siaerksten Traeger derselben- Sie stehen doch dem Kinde am naechsten, sie koennen das Kind gewisse Le. bepsformen lehren und leben lassen, sie koennen und sollen das kleine und intime Territorium des Elternhauses konsequent zu einem Ersatz fuer das weite und vermisste Vaterland verwandeln. Hier sollten den Kindern die Kiaenge beider, oder zumindest einer Sprache unseres Volkes heimisch werden, hier sollten ihnen das Wort, der Witz, das Lied, die Empfindungen und die Eigenart ihres Volkes vertraut werden, hier koennte das Judesein von einer Abstraktion zur teilweisen '.viriilichkeit werden. Leider duerfen wir aber die Augen vor der Realitaet nicht schliessen, Wir wissen gut, dass die Mehrheit der Eltern dieser grossen paedagogischen und nationalen Aufgabe nicht gewachsen ist. Es fehlt ihnen oft nicht nur die noetige Bildung, sondern das Rueckgrat eines eigenen Glaubens, einer eigenen Weltanschauung, fester moralischer Prinzipien, die sie bestrebt waeren ihren Kindern zu ueberliefern. Sie besitzen weder das Ohr, um den geschichtlichen Ruf des Momentes zu hoeren, noch die seelischen und geistigen Vorbedingungen, um ihn zu verstehen. Und so bringt uns diese bedauernswerte Ohnmacht der einen, die Fahrlaessigkeit und Pflichtlosigkeit der anderen zu der natuerlichen Schlussfolgerung, dass nur die juedische Schule dazu berufen ist, die entscheidende Rolle in der Loesung unseres komplizierten Erziehungsproblems zu uebernehmen. Die Rolle der Schule Die juedische Schule ist vor allem der sicherste Hort, wo das Kind wegen seiner Abstammung keinen Demuetigungen und Beleidigungen, die seine zarte Seele verwunden koennen, ausgesetzt ist. Die Schule soll nicht nur ihr Lehrprogramm erfuellen, sie muss gleichzeitig das ohnmaechtige und —oft— leider unwissende und p f 1 i chtlose Elternhaus ergaenzen. Vor allem soll das Kind hier zumindest eine unserer Sprachen gruendlich erlernen. Dies ist eine Bedingung sine qua non, die jedes juedische Kind und jeder Schueler unserer Schule erfuellen ,muss. Die Sprache bildet ein unendlich wertvolles Instrument, das dem Kinde die Moeglichkeit geben wird, sich einmal in Israel leicht einzuordnen und das Leben wie auch das Werk seines Volkes mitzuerleben. Wird aber der junge Mensch hier bleiben, so gibt uns die Kenntnis der Sprache die Gewaehr, dass er sich jederzeit mit seinem (Fortsetzung Seite 27)