Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1962)
- Date
- 1962-12-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 BOLETIN INFORMATIVO Diciembre 1962 JUEDISCH - DEUTSCHE VERGANGENHEIT Von VIKTOR KELLNER Das Problem, das uns hier wieder einmal beschaeftigen soll, bildet den Sonderfall eines der Grundprobleme jüdischer Existenz in der Diaspora, das so alt ist wie sie selbst und fortbestehen wird solange Juden zerstreut in der Welt leben. Ob es sich nun um die — immer zeitweilige — Symbiose von Juden mit Griechen, mit Arabern, mit Deutschen oder mit anderen Voelkern handelt, es ist trotz aller Andersheiten immer wieder das Gleiche; auf ein enges Zusammen leben im selben Raum, auf ein nicht unumstrittenes und von beiden Seiten oft negativ bewertetes Zusammenwirken folgt unvermeidlich die Abloesung, die Losloesung der jüdischen Volksgruppe, meist begleitet von einer tieferen Besinnung auf jüdische Art und juedisches Wesen, und dann wieder neue Annaeherung an ein anderes Volk, die im Laufe der Zeit zu mannigfacher Verknüpfung, ja zu teilweiser Verschmelz u n g führt, bis auch hier wieder im Gefolge geschichtlicher Umwaelzungen die Losloesung erfolgt., Jüdisch-deutsche Vergangenheit; ein jedes dieser drei Worte darf besondere Betrachtung beanspruchen. Jüdisch: seit der Emanzipation war das Jüdische im deutschen Lebensbere ich staendigem Substanzverlust ausgesetzt, und an die Stel le verpflichtenden Lebens einer geschlossenen Gemeinschaft trat immer mehr abgeblasstes Bewusstsein von Einzelnen, die sich vom Zentrum jüdischen Lebens zur Peripherie hin entfernten, Deutsch; deutsche Lebensinhalte wurden übermaechtig und draengten die juedischen immer weiter zurueck. Die juedische Form des Erlebens, mochte sie auch innerhalb des jüdischen Lagers und ausserhalb seiner als ursprünglich und primar empfunden werden, konnte, da ihr kein jüdischer Inhalt mehr entsprach, nur noch Objekt theoretischer Betrachtung und abstrakter Wertung sein. Die lebensmaessige Einheit von Innen und Aussen war verloren gegangen. — Der Bindestrich, den wir zwischen “deutsch” und “jüdisch” setzen, besagt, dass hier ein neues Gebilde entstanden war, das an beiden Lebens und Geistberei chen gleichermassen Anteil hatte und sich doch beiden gleichermassen versagte. Es war eine neue, schwer zu definierende Synthese entstanden, welche ein jedes der beiden Glieder modifizierte und qualifizierte. Es herrschte eine Spannung, die je nach dem Standort des Betrachters als frucht- oder als verderblich empfunden. wurde. Sie war immer vorhanden, mochte man auch immer wieder versuchen, sie zu verschleiern oder zu verleugnen. Sie liess Mehrheit und Minderheit n i e m a 1s voellig zur Ruhe kommen, bis sie sich zuletzt in jenem Unheil entlud, das ihr aeusserlich ein Ende setzte. Doch gab sich in jener Spannung nicht -nur ein tiefer Wesenskontrast kund .sondern auch bei aller Gegensaetzlichkeit oft eine Sympathie, die die Annaeherung foerderte und zu weitgehender Angleichung führte. Solche Tendenz musste sich auf die Dauer auf das Judentum : destruktiv auswirken. Dabei War der Einfluss des jüdisch-deutschen Elements nach aussen sehr betraechtlich. Die Juden gaben nicht weniger als sie empfingen, und ihre Symbiose mit den Deutschen gehoert so auch der deutschen Geistesgeschichte an. Vergangenheit: hier, gerade beim Begriff der Vergangenheit, setzt paradoxer Weise das aktuelle Problem der ehemals deutschen Juden ein. Kommen doch Prozesse, die sich im Seelisch-Geistigen vollziehen, niemals zu voelligem Abschluss wie etwa mechanische Vorgaenge, die nach physikalischen Gesetzen ablaufen. Das gewaltsame Ende der aeusseren Symbiose bedeutet nicht auch automatisch ein voelliges Aufhoeren der inneren Beziehung. Die Vergangenheit ist wohl abgeschlossen, aber nicht abgetan, und unter der Asche von Trümmern eines Weltbrandes glimmen die Kohlen des inneren Lebens von einst. Kein Gebot von aussen und kein Willensakt vermochte die Vergangenheit in Erinnerung und Bewusstein auszuloeschen, so sehr auch der neue Lebensanfang, der uns in Israel beschieden ist, auf sie abfaerbt und die innere Beziehung zu ihr verwandelt. Von diesem Lebensanfang und von all dem, wozu er vepflichtet, soll diesmal nicht die Rede sein. Es soll nur von der Vergangenheit gesprochen werden und von verschiedenen Verhaltungsweisen, die ihr gegenüber bestehen koennen. Die durch den Aufstieg des Nationalsozialismus zum Abschluss gebrachte Zeitperiode ist weitgehend Gegen stand historischer und geistesgeschichtlic her F o r. schung geworden. Diese Forschung hat sich im Leo Baeck Institut ein wertvolles Instrument geschaffen. Die Publikationen dieses Insti. tuts geben Kunde von einem Geschehen, das in seinem Raume zu jaehem Abschluss kam. Nun wird das, was einst vibrierendes Leben w a r, durch die geschichtliche Betrachtung in Wissen verwandelt, und auch der lebendigste Bericht über die Vergangenheit ist bestenfalls Denkmal und Mahnung und nur ganz selten, wenn überhaupt, vermag die Vertiefung in Gewesenes indem sie die Wurzeln gegenwaerligen Geschehens blosslegt, den Nachlebenden Richtung zu weisen. So wertvoll darum diese Forschung fuer Menchen sein mag, deren per. soenliches Leben mit einem historisch gewordenen Geschehen unloesbar verbunden ist, so kann sie schon der nachfolgenden Generati o n gefühls und lebensmaessig nur wenig bedeuten. Zweitens: wir versuchen, so gut wir es vermoegen, unter den neuen Bedingungen die Kulturwerte unseres früheren Lebensbereiches zu erhalten und zu pflegen Sol- , ches Streben und solches Tun ist in gewissen Grenzen durchaus legitim. Kann man doch sich selbst und sein inneres Leben nicht gewalt. sam und von heute auf morgen umstellen. Die wahre Umstellung vermag nur ganz allmaehlich zu reifen, wenngleich das werdende Neue, in das wir schicksalsmaessig hineingestellt wurden, uns heute schon in immer steigendem Masse anfordert und beansprucht. Was die Wahrung der Werte der Vergangenheit angeht, so muss man sich stets ¡dessen bewusst bleiben, dass die Lebensgefüge, in denen wir sie versuchen, grundverschieden sind von den alten durch die , Katastrophe zertrümmerten Gefügen. Wir finden uns da in einer Art von Inseldasein, das in etwa einer Generation zum Abschluss kommen muss. Die historische Erfahrung lehrt, dass jedes solches Festhalten am Alten, so bedeutsam es auch für das nersoenliche Leben des Einzelnen und das Leben seiner Gruppe sein mag, nur ein. Uebergang ist, unr dass jede Sonderexistenz nur episodischen Charakter traegt. Die' Waelle, die man aufrichtet, sind, von der Geschichte her gesehen, zeitgebundene Palliative, die die Verschmelzung der Volksteile nur zu hemmen, nicht aufzuhalten vermoegen Aber wie so viele Hemmungen wirkt sich auch diese zum Segen aus. Durch das Festhalten am Alten wird manches Wertvolle in die neue Gesellschaft hineingerettet, waehrend vorzeitige Anpassung an ein Mischge.. bilde, in dem widerstrebende Tendenzen miteinander ringen, den Verlust kultureller Substanz bedeuten würde. Das darf aber nicht darüber hinwegtaeuschen, dass es Rueckzugsgefechte sind, die die mitteleuropaeische Gruppe führt, und das vorauszusehende nummerische Uebergewicht der orientalischen Einwanderung laesst noch ganz andere, viel extremere Entwicklungen erwarten. Merkwürdig, wie sich in Israel das, was in den letzten 150 Jahren im mitteleuropaeischen Judentum vor sich gegangen ist, in umgekehrter Richtung vollzieht. Hatte dort die jüdische Minoritäet gegen die fortschreitende Assimilation gegen S die Verschmelzung mit der nicht jüdischen Majoritaet Waelle religioeser kul tureller und sozialer Art aufgerichtet, so verteidigt hier eine wesentlich europaeisch-humanistisch orientierte Minderheit die letzten Bollwerke ihrer besonderen Kultur gegen den Ansturm einer neuen Welt, in der gegenwaertig das Religionstraditionelle durch das Staatlichnationales zurue ckgedraengt erscheint und die neue hebraeische Schoepfung wohl im Sprachlichen aber kaum mehr im Glaubensmae sigen an die alte jüdische Kultur anknuepft. Und so wie wir uns einst der nichtjüdischen Umwelt weitgehend angeglichen haben, so wird sich in nicht allzu ferner Zeit das mitteleuropaeische Element an das neue Volkswesen assimilieren, ja in ihm auf gehen. (Wer es für seine Person nicht wahrhaben will, der spuert doch an Kndern und Enkeln, wie sich die Welt um ihn herum veraendert Aber auch an ihm selbst haben sich entscheidende Aenderungen vollzogen. Das kommt ihm zum Bewusstsein, wenn er etwa Freunden und Verwandten begegnet, die im Auslande leben. Es bedarf bei den aelteren Menschen, die vorwiegend im Vergangenen leben, eines hohen Grades von Elastizitaet, damit sie bei der neuen Entwicklung seelisch und bildungsmaessig einigermassen mitkommen. D i e jüngere Generation, deren Bindung ans Alte g eschwaecht ist, strebt ohne Hemmung zum Neuen hin und gewinnt an Lebendigkeit und an Aktivitaet, was sie an kultureller Substanz eingebüsst hat. Bedeutsamer als alles, was wir organisatorisch versuchen, um die Kontinuitaet des geistigen Lebens zu wahren, ist das, was als unverlierbares Gut in der Erinnerung lebt, und das, was in unser Wesen eingegangen ist, als Gesinnung, als Wesensrichtung. Aber wir koennen und dürfen nicht stehenbleiben, Neue Wegrichtungen, neue Wertungen bahnen sich unvermutet auch bei denen an, die versuchen, sich gegen das Neue abzugrenzen, ja abzuschliessen. Die Menschen, von denen bisher die Rede war, haben vielfach hohe Kultur, deren Wurzeln tief in die Vergangenheit zurückreichen Wahre Kultur kann nicht ohne Wirkung bleiben, und so beeinflussen diese Menschen nicht nur ihre naehere Umgebung, sondern auch indirekt das werdende Volksganze. Negativ zu werten sind dem gegenüber jene Typen, die sich in allen Einwanderergruppen finden, welche in der Mitte stehen geblieben sind, solche, die weder die alte Kultur besitzen, noch auch an der neuen teilhaben, Menschen ohne Sprache, bar aller geistigen Interessen, in keiner Weise aufgeschlossen fuer jüdischen und allgemein menschlichen Wert, Menschen, die sich in einem geistigen Vakuum bewegen, zwischen einem Nicht-mehr u. einem Noch-nicht. Sie sind es vor allem, die die neue Volksgemeinschaft kulturell gefaehrden. Es hat manchmal den Anschein, als müssten wir durch eine neue Wüste hindurchgehen, bevor wir einer wahren Neuschoepfung teilhaftig werden. Levantinismus, Karrierismu s. Materialismus der verschie. densten Art sind die Signatur jener Menschen. Dazu kommt noch eine peinliche Ueberheblichkeit, ein Po. chen auf die eigene hoehere “Kultur” ein Schlechtmachen des Anderen, das mit wahrer Kultur nichts gemein hat. Wer Kultur hat. ist tolerant, auch wenn er fordert. Er sieht das Gut; auch beim Andern. Er weiss. dass nur im Zusammenwir ken aller das ersehnte Neue erstehen kann, das so hoffen wir, in einer heute nichi, vorstellbaren Synthese neben manch anderem wertvollen auch unser eigenes Kulturgut, wenngleich ver. wandelt, in sich enthalten wird. (“M. B.”> Eigene Fabrikation in feiner Unterwaesehe Morgenroecke in Perlon, Baumwolle Wolle. 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