Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1962)
- Date
- 1962-12-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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«WMhi Diciembre 1962 BOLETIN INFORMATIVO 11 EINE DEUTSCHE STIMME ZUR FIBEL FUER ALTE UND NEUE NAZIS VON EINEM AMERIKANISCHEN HISTORIKER, DER AUSZOG, HITLER ZUM FRIEDENSENGEL ZU MACHEN Von GOTTHARD JASPER Seit ein paar Monaten geht durch die Reihen alter und neuer Nazis ein Raunen. Eine Welle apologetischer und verharmlosender Bücher über Hitler und den Nationalsozialismus laesst sie Morg e n 1 u f t wittern: Endlich scheint die “langunterdrückte Wahrheit” über den Kriegsausbruch und seine Urheber an den Tag zu kommen und die “Propagandaiüge” von der deutschen Alleinschuld hinweggfegt zu werden. Befreit atmet manch einer auf, denn jetzt laesst sich in “wissenschaftlichen” Werken nachlesen, dass alles doch garnicht so schlimm gewesen sei, Hitler im Grunde nur Gutes tun und den Frieden wahren wollte waehrend die Englaender und Amerikaner zumindest ebensoviel, wenn nicht sogar die Hauptschuld am Zweiten Weltkrieg trügen. Diese neue Botschaft verdankt man vor allem dem umfangreichen Werk , von David L. Hoggan: “Der erzwungene Krieg. Die Ursachen und Urheber des II. Weltkrieges. Veröffentlichungen des Instituts für deuts c h e Nachkriegsgeschichte Bd. 1. Herausgegeben von Dr. habil. Herbert Grabert. Verlag der Deutschen Hochschullehrer-Zeitung. Tübingen 1961”. Dass der bislang völlig unbekannte Verfasser ein amerikanischer Historiker ist, erhöht natürlich den “Wert” des Buches und laesst manche Leser um so leichter auf die ebenso verführerischen wie unhaltbaren Thesen hereinfallen. Ausserdem macht die Masse der Fussnoten und der Umfang des Literaturverzeichnisses glauben, dass hier wirklich mit wissenschaftlicher Akribie und Sorgfalt gearbeitet worden waere. Kenner freilich werden angesicht des Herausgebers und des Verlages sehr skeptisch. Herbert Grabert wurde am 30. April 1960 wegen seiner neonazistischen Schrift “Volk j ohne Führung” vom Bundes -1 gerichtshof zu neun Mona-! ten Gefaengnis mit dreijaehi riger Bewaehrung verurteilt.! Er ist Herausgeber der Deutschen Hochschullehrer-Zeitung, die sich an die nicht wieder im Hochschuldienst verwen deten ehemaligen oder immer noch braunen Dozenten wendet. Mit Organen amtierender Hochschullehrer haben diese Zeitung und dieser Verlag ebensowenig zu tun wie das Institut für deutsche Nachkriegsgc schichte mit dem Institut für Zeitgeschichte in München. Die Namen sind gut gewaehlt, , um wissenschaftsglaeubige Leser irrezuführen. Weniger geschickt ist es allerdings, dass Grabert auf dem Schutzumschlag eine Empfehlung Hoggans aus der Feder , von Professor Backhaus abdruckt —denn es gibt immerhin Leute, die wissen, dass “Backhaus” ein Pseudonym des Herausgebers Grabert ist. Peinlich ist es auch, dass einer der im Vorwort als entscheidender Helfer zitierten amerikanischen Professoren inzwischen entschieden bestritten hat, die Einwilligung zur Nennung seines Namen gegeben zu haben. * Man kann freilich bei der Bewertung des Hogganschen Buches —das in Amerika keinen Verleger fand— diese merkwürdigen Publikationsmethoden , ausser “Betracht lassen, denn der wissenschaftliche Stil des Inhalts entsprich durchaus der auf Bluff gestellten aeusseren Aufmachung. Die Grundthese ist höchst einfach: Hitler war Hoggans Ansicht nach ein reiner Friedensengel, dem es nur um friedliche Revision des Versailler Vertrages und den Schutz Europas vor dem Bolschewismus ging. Der Kriegstreiber war —so die These— der englische Aussenminister Halifax, Hoggan haelt ihn für den “selbstsichersten, rücksichtslosesten, klügsten , und .scheinheilig-selbstgerechte- I sten (Diplomaten, den die; Welt je gesehen hat”. Er macht ihn geradezu zu einer Personafikation des “perfiden Albion”. Das Werkzeug der britischen Aussenpolitik war der polnische Aussenminister Beck, der, weil er angeblich über die englische Kriegspolitik informiert ,wal', alle Werbungen Hitlers um Zusammenarbeit ausschlug und es statt dessen über Danzig zum Krieg kommen liess. Bei seinen Bemühum gen, den Krieg auszulösen, habe Halifax ferner Unterstützung erfahren von Roosevelt und von der deutschen Opposition, über die Hoggan nur abschaetzig und im Stil der NS-Propaganda zu berichten weiss. Hoggan kommt zu seinen B e h auptungen keineswegs auf Grund neuen Quellenmaterials. Er stützt sich bei seiner Darstellung, die sich ausschliesslich auf die Aussenpolitik vor allem der Jahre 1938/39 beschraenkt, auf die allgemein bekannten amtlichen Aktenpublikationen sowie auf umfangreiche Sekundaer- und Memoirenliteratur, freilich oft recht fragwürdiger Observanz. Prüft man die neue These an den Quellen nach, dann macht man erstaunliche Entdekkungen. Hoggan kommt zu seiner Auffassung durch einseitige Quellenauswahl und willkürliche Quelleninterpretation, durch Verdrehungen und Verfaelschungen — jä, er bringt sogar die Chronologie durcheinander. Dafür nur ein paar Beispiele: Halifax soll schon 1936 beschlossen habe n, dass gegen Deutschland Krieg, geführt werden müsse. Hoggan leitet das aus einer Passage in den Memoiren des britischen Aussenminister ab, in der dieser —1956— im Rückblick gegen die Kritik an seiner Politik Das bekannte RESTAURANT BELLEVUE (im Edificio Astor Kino) Huérfanos 886 Fono 392034 Piso 12 empfiehlt seine erstklassige Kueche, sowie seine gemuetlichen und eleganten Raeume, auch fuer Festlichkeiten RADIOS alle Modelle Plattenspieler Transistor Radios Schweizer Uhren HARRY TODTENKOPF AHUMADA 312 OFICINA 625 — Fono 63034 An Gemeindemitglieder besonders günstige Preise und Bedingungen des Jahres 1938 einwandte, dass der entscheidende Moment für einen energischen Widerstand gegen Hitler schon 1936 von seinen Vorgaengern verpasst worden waere. Wörtlich heisst es dann: “So that moment which, I wouid gruess, offered the last effective chance of securing peace without war, went by”. Daraus kann nur böswilliger Hass einen Kriegsbeschluss machen. Ohne jeden Anhalt in den Quellen dichtet der Autor Halifax weiterhin die “unglaublichsten Intrigen der neuzeitlichen Diplomatie” an und bezichtigt ihn, noch in den letzten Friedenstagen die deutsche Regierung betrogen zu haben, als er sie —nach Hoggans Version— wider besseres Wissen von der polnischen Verh a n d 1 u ngsbereitschaft in Kenntnis setzte. Tatsaechlich aber lag eine ausdrückliche Ermaechtigung aus Warscha# vor, die polnische Bereitschaft nach Berlin zu melden. Das geht aus einem Telegramm des britischen Botschafters in Warschau und aus zwei Briefen des polnischen Aussenminister an seine Botschafter in Paris und London eindeutig h e r v or. Diese Dokumente unterschlaegt Hoggan freilich. So wird nicht Halifax als Betrüger entlarvt —Hoggan selbst offenbart sich als der Betrüger. Wie der britische Aussenminister in unertraeglicher Schwär zweissmalerei zum H a u p tkriegsverbrecher gestempelt wird, so wird andererseits Hitler als der geduldige Friedenspolitiker hingestellt. Alle geheimen und öffentlichen Aeusserungen des “Führers” in denen dieser seinen unbedingten Willen zur Expansion in den Osten, zur Eroberung von Lebensraum, bekundete, werden e i n f ach als Faelschungen deklariert —oder aber einfach ignoriert. Die öffentlic h en Friedensbeteuerungen nimmt Hoggan statt dessen für bare Münze. Er interpretiert die nationalsozialistische Aussenpolitik in Anlehnung an die (hinreichend widerlegten) Memorien Ribbentrops, an deren Fehlern und Verzerrungen er festhaelt, obwohl die auch in seinem Literaturverzeichnis angegebenen Quellen den Sachverhalt laengst richtiggestellt haben. Wie Ribbentrop schreibt Hoggan etwa, dass Hitler am 2. September 1939 die italien i s c hen Vermittlungsvorschlaege vorbeihaltlos angenommen haette und bereitgewesen sei, den Kampf bis zum naechsten Mittag einzustellen. In den Telegrammen des italienischen Botschafters, auf die sich Hoggan dabei beruft, berichtet dieser jedoch nur, Hitler habe ihm sagen lassen, dass er die Vorschlaege erwaegen und seine e n d g ü 1 tige Antwort am naechsten Morgen oder Mittag erteilen werde. Das bedeutet höchstens, dass Hitler sich alle Wege offenhielt und auf Zeitgewinn a r b e itete. Von Bereitschaft zu sofortigem Verhandeln oder zur Kampfeinstellung konnte gar keine Rede sein. Es Hessen sich leicht Dutzende aehnlicher Beispiele anführen. Wer so mit den Quellen umspringt, dem faellt es nicht schwer, Hitlers Aussenpolitik ,die vom Glauben an die Sendung der Herrenrasse bestimmt war. zur gesamteuropaeischen Schutzpolitik gegen den Bolschewismus umzustilisieren. Die englische Konzessions- und Revisionsbereitschaf wandelt sich dann in das alte Klischee von der Einkreisungs¬ und Erdrosselungspolitik. Der Einmarsch in Prag im Maerz 1939 wird zur rechtlich abgesiche rten '‘Befriedungsaktion”, obwohl es sich dabei doch um die endgültige Demaskierung des nationalsozialistisc hen Imperialismus gehandelt hat. Hitler war es, daran wird auch Hoggan nicht rütteln können, der wenig spaeter mit dem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg erzwungen hat, indem er England und Frankreich vor die Alternative stellte, den Kampf aufzunehmen oder aber völlig zu kapitulieren. Wer es ernst meint mit der Erforschung der Kriegsursachen, der wird das Hoggansche Buch getrost ungelesen beiseitelegen können. Dennoch muss man diese Publikation zur Kenntnis nehmen —eben weil sie in gewissen Kreisen der Bundesrepublik so bereitwillig aufgenommen wird. Auch hört man schon, dass Hoggan im kommenden Winter eine Vortragsreise durch deutsche Universitaets staedte plant. Rechtsextreme Studentengruppen und Soldatenverbaende werden als rührige Organisatoren sicher hinreichend zur Verfügung stehen. In Heidelberg hat sich schon ein “Diskussionskreis Kriegs Ursachen — Kriegsschuld” gebildet, bei dessen erster öffentlicher V e r anstaltung Andersdenkende heftig angepöbelt wurden. Auch mehren sich die Faelle, in denen Hoggans Buch an Lehrer oder Gymsialdirektoren geschickt wurde mit der Aufforderung, den G e s c hichtsunterricht hinfort danach zu gestalten. Wer es aber wagt, Hoggans scheinwissenschaftliches Kartenhaus durch wissenschattliehe Kritik zum Einstürzen zu bringen, der sieht sich bald heftigsten Angriffen ausgesetzt, angefangen , von der Unterstellung, er treibe weisungsgebundene Pro paganda im Dienste der Allierten bis hin zu dem ach so bekannten Vorwurf, er beschmutze das eigene Nest. So erweist sich die Aufnahme des Hogganschen Buches als ein feines Indiz für mancherlei verdraengte Komplexe und weitverbreitete Ressentiments. Ein starkes Bedürfnis nach Apologie kommt dabei ebenso zum Ausdruck wie eine grosse Anfaelligkeit kritiklos jede noch so fragwürdige Entlastung anzunehmen — besonders wenn sie von aussen kommt. Darum verdient dies Buch Interesse, auch wenn es nur — oder gerad e weil es nur den Ansprüchen der Halbgebildeten unter den Unbelehrbaren genügen kann. (“Die Zeit”)