Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1962)
- Date
- 1962-12-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8553624-8558349-9194521--3692-8558664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Diciembre 1962 BOLETIN INFORMATIVO 5 NEUE WELT (FORTSETZUNG VON SEITE B) alle zusammenrufen und ihnen das letzte Abendmahl spenden. Der protestantische Pastor war bereit, aus den Worten der Heiligen Schrift Trost und Staerkung fuer seine Gemeinde zu erfahren. Der Rabbiner antwortete: “ich werde meine Gemeinde um mich sammeln und wir werden lernen, unter Wasser zu leben”. Wir Juden haben gelernt, unter Wasser und unter allen Bedingungen zu leben. “Neue Welt” heisst fuer uns erfreulicherweise die Existenz von Medinat Israel. Der Staat Israel wird bald fuenfzehn Jahre alt sein. Wir brauchen j an dieser Stelle nicht zu un-! terstreichen, was uns in unj serem eigenen Leben das Dai sein, die Wirklichkeit von1 Medinat Israel bedeutet. Wir wollen aber in aller Ehrlichkeit jetzt nach fuenfzehn Jahren etwas feststellen, wir freuen uns mit Medinat Israel, wir sind stolz auf seine Menschen, auf seine Errungenschaften. Jedem von uns hat es ein neues Rueckgrad gegeben. Wir gehen aufrechter. Jedem hat es einen neuen Auftrieb gegeben. Wir sind dankbar dem Geschick i Und den Menschen, die sich als wuerdige Instrumente des Geschicks bewaehrt haben. Und dabei bleibt es. Zum allergroessten Teil sind die Juden der ganzen Welt nicht nach Israel gegangen, wir machen Turismus dorthin. Wir schicken auch — bisher noch verhaeltnismaessig wenige — unsere Kinder fuer eine gewisse Zeit dorthin, aber dann gehen wir wieder zurueck und leben dort weiter, wo bisher wir gelebt haben und wie wir bisher gelebt haben. Es entwickelte sich in diesen Jahren eine Art KO¬ EXISTENZ zwischen den Juden in der Welt und den Juden in Medinat Israel, bruederlich verbunden, einer neben dem anderen, jeder sein Schicksal lebend. Ko- Existenz! Und dies aenderte sich ploetzlich. Vor wenigen Wochen. Aus der Koexistenz wurde eine PRO-EXISTENZ. In dem Augenblick, wo neue Verfolgung ueber uns hereinzubrechen drohte, in dem Augenblick, in dem wir wieder Opfer von Erschuetterungen zu werden fuerchteten, aenderte sich unser Verhältnis zu Israel, ohne Ruecksicht auf die juedischpolitische Einstellung eines Jeden. In der Stunde, da wir fuerchteten, . noch einmal Wanderer werden zu muessen, war fuer alle das naechstliegende Ziel Israel. Nicht wenige gab es, die im stillen dachten: “Und dies ist doch die Endstation!”. Andere schauten nach ihren irgendwo verstauten Koffern und lasen darauf: “Destination Tel Aviv”. Wir alle begriffen in dieser Lage ganz besonders die Bedeutung der Existenz von Medinat Israel. Wir alle dachten daran, was es uns bedeutet haette, wenn vor dreissig Jahren Medinat Israel bestanden haette, wir verstanden das Wort, das einmal gepraegt wurde: “Heim ist dort, wo man Dich jederzeit herein lassen muss. Heim ist dort wo man Dir niemals den Riegel vorschieben kann”. Wir waren dankbar, wir sind dankbar, wir haben ein Heim und niemand in der Welt, kein anderes Volk, keine andere Regierung wird uns das jemals falsch auslegen koennen. Wir leben in der Generation, der nach der fuerchterlichsten Zers toerung das Glueek zu teil wurde ,ein neues Heim erstehen zu sehen. Wir wissen, dass dieses Glueek verdient, erhalten .immer wieder erarbeitet werden muss. Pro-Existenz heisst, leben einer fuer den Anderen. Das gilt fuer uns, das gilt fuer die kommende Generation. Das hat nichts zu tun mit Zionismus, mit Politik, mit Schlagworten. Das ist juedische existenzielle Wirklichkeit. Das ist juedischer Existenzialismus angesichts von Medinat Israel und fuer Medinat Israel. Das heisst ein konkretes und spezialisiertes Programm fuer das Verbuhdensein mit Medinat Israel, fuer die Erziehung unserer Kinder, fuer die Gestaltung unser aller Plaene, fuer Verbreitung und Vertiefung von Ivrit. All dies spezielle Aufgaben, die aus unserer PRO-EXISTENZ mit Medinat Israel erwachsen. “Neue Welt” heisst weiterhin die geistige Welt, in der wir leben. All das, was wir bisher als neue Welt aufgezeichnet haben, ist uns in irgendeiner Weise bekannt, beschaeftigt uns tagtaeglich. Ich fuerchte aber, dass dieser dritte Aspekt, die geistige neue Welt uns viel weniger bewegt, obwohl dies von so entscheidender Bedeutung fuer die Erhaltung unseres Judentums ist. Oft sage ich mir, dass wir gar nicht wissen, wie weit entfernt, wie unendlich weit entfernt von unserer Welt die geistige Welt der neuen Generation ist. Wir sind als Mitglieder von Religionsgemeinden a u sgewandert und haben hier wieder Religionsgemeinden aufgebaut. Meine Gemeinde nennt sich ausdruecklich “Associacao Religiosa Israelita do Río de Janeiro”. Wir alle haben innerhalb unserer Yishuvim diese fuer uns charakteristische Auf gäbe, Religionsgemeinden zu sein. Wie steht es nun aber in Wirklichkeit um die Religion in unseren Gemeinden? Wie steht es nicht nur um Besuch der Synagogen, um die Beteiligung an der einen oder anderen Veranstaltung? Wie steht es um die wirkliche innere Beziehung unserer Menschen zu Religiositaet, zu einem religioesen Weltbild? Wir muessen uns darueber klar sein: die Zukunft des Judentums auf diesem Kontinent, in der ganzen Welt ist nicht , nur von politischen, sozialen und wirtschaftlicheil Forderungen bedroht. Sie ist vielmehr durch geistige Faktoren gefaehrdet, durch Indifferenz o d er Assimilation, durch Fremdheit dem Geistigen gegenueber. Wir wissen, um die Auseinandersetzung, die heute noetig ist fuer jeden einzelnen von uns. Auseinandersetzung mit Wissenschaft, Technik und deren Weltbild; mit sozialistischen Orientierungen; mit Gleichgueltigkeit und Verzweiflung, die in Wirklichkeit vielfach hinter manchem uns unverstaendlichen Verhalten der Jugend stehen. Darum geht es; der neuen Generation das Bewusstsein zu geben, dass das Judentum in der Lage ist, die Antwort zu geben, die der Mensch von heute sucht und die geistig seelischen Werte zu vermitteln, deren die leeren einsamen Seelen beduerfen. Nicht mit einfachen Analysen werden wir dieser Aufgabe gerecht, ganz gewiss nicht damit, dass wir die Jugend als unreligioes, uninteressiert stempeln, was dazu noetig ist, ist Vision und Mut. Vision fuer ¡die geistigen, seelischen Beduerfnisse dieser Zeit und Mut, unsere alten Werte so zu interpretieren, dass sie der neuen Zeit gerecht werden. Miteinem fuer Kinder und Kindergarten adaptierten Judentum allein werden wir nicht zurecht kommen. Kein Judentum nur fuer Kinder sondern fuer Erwachsene, fuer reife, fuer erwachsene kaempfende Menschen. Wir sind in der Situation von Jacob Ovinu. So lange er ¿nur seines Weges ging, war er Jacob, erst nachdem er mit dem Engel rang, wurde er Israel. Wenn wir nur unseres Weges als Volk unter Voelkern ziehen wollen, sei es hier, sei es im Staate Israel, I bleiben wir nur Jacob; nur I wenn wir mit all dem ringen, i womit die Seele des. Menschen von heute ringen muss, werden wir Israel. Diese Aufgabe ist , uns auferlegt als Vaeter und Erzieher, als verantwortliche Leiter der Jugend unserer Gemeinden. Es genuegt nicht, die Frage zu beantworten, wer ist Jude. Die Frage, die alle stellen, aber besonders die jungen Menschen lautet: warum bin ich Jude, wofuer bin ich Jude? Von selbst draengt sich uns die alte, die klassische Antwort des Jona auf. Er gab nicht nur zur Antwort: “Ich bin ein Hebraeer”, sondern er fuegte dem hinzu: “und den Herrn des Himmels fuerchte ich”. Helfen wir unserer Jugend dazu, dass sie nicht nur die Antwort vermag: IVRI ONAUCHI Ich bin Jude .sondern dass sie, jeder auf seine Weise und aus seiner Situation heraus dazu sage: “Und den Herrn des Himmels fuerchte ich”. Ich glaube an Gott, ich glaube an Werte, ewige Werte. Ich erkenne Ideale an. Es ist wichtig, wieviel einer vom Judentum haelt, aber viel wichtiger ist, was ihn am Judentum haelt. Lassen Sie mich noch einen letzten, einen persoenlichen Aspekt unserer neuen Welt hinzufuegen. Wir sind alle dreissig Jahre aelter geworden. Das ist ein persoenlicher Aspekt, aber ein sehr wesentlicher. Das Erbe, das wir mitbrachten, das Werk, das wir aufbauten, geht auf die neue Generation ueber. Viele, die mit uns gekommen und gearbeitet haben, sind nicht mehr dabei. Wir haben heute wiederholt eines unserer Besten gedacht, den wir im Laufe dieses Jahres verloren haben, den verstorbenen Presidenten der “B’ne Jisroel” de Santiago de Chile, Dr. Siegfried Landau. Wieviele solcher Maenner haben wir, wieviele bleiben uns? ¡«S5KWSSS IM ~ i * « •‘.V.'.V.»AVmK®VAV.V *? ¡ x Eroeffr^ung der 4. Centratagung in Santiago Wir sollen diese Feststellung in aller Ruhe vollziehen. Wir hoffen, dass uns allen es noch viele Jahre moeglich j sein wird, mit zu arbeiten und mit zu bauen. Es gehoert aber mit in diesen Ueberblick, dass /wir uns der Bedeutung des Generationswechsels voll bewusst werden und all dessen, was sich fuer uns daraus ergibt. Fragen wir uns doch tagtaeglich: haben wir Nachfolger, haben wir Garanten fuer die Zukunft? Das bezieht sich natuerlich in erster Linie darauf: haben wir Rabbiner, Lehrer, Religionslehrer, Gemeindebeamte? ■ Haben wir aber auch in unseren ehrenamtlichen Gremien Maenner und Frauen, junge Leute ,die weiter bauen und weiter arbeiten? Dies bedeutet, dass die Sprache, in der ich jetzt zu Ihnen spreche, ersetzt werden muss durch die Sprache der neuen Generation. Lasst sie in der neuen Sprache sprechen, wenn nur aus ihr der alte Geist spricht! Lasst uns hier vor allem* der beiden grossartigen Leistungen der CENTRA in Dankbarkeit und Anerkennung gerecht werden, , die mehr als alles die Zukunft juedischen Lebens auf diesem Kontinent sichern; der Ausbau der Jugendarbeit, in der “Front” unserer Jugend der “Jasit” und die Errichtung des Rabbinerseminars in Buenos Aires. Sie stellen zwei Errungenschaften dar, die keine andere Arbeitsgruppe auf diesem Kontinent aufweisen kann. Der Gedanke an die Weiterfuehrung unserer Arbeit bringt uns die Notwendigkeit zu Bewusstsein, immer mehr ueber unseren eigenen kleinen Kreis hinaus zu wachsen. In all diesen Jahren sind alle unsere Gemeinden wesentliche Bestandteile unserer Yishuvim geworden. Ohne unbescheiden zu sein, duerfen wir sagen, dass unsere Brueder und Schwestern um uns verstanden haben, dass das, was wir in unseren Gemeinden verwirklichen, ihnen allen von Bedeutung sein kann: Juedische Gemeinden in der Fuelle ihrer Arbeitsgebiete treu der Tradition und den Notwendigkeiten einer neuen Zeit gerecht werdend. Es finden Juden aus allen Kreisen den Weg zu uns, zu unserer Form juedischer Erziehung, zu unserer Jugendarbeit. Dies ist der Weg in die Zukunft.; Wir kommen aus einer bej stimmten Gruppe, wir gehen : hinein ins Gesamtjudentum, j in unsere Jishuvim, ins juedische Volk. Wir sind dreissig Jahre aeli ter. Das bedeutet fuer jeden Einzelnen von uns, dass wir in die Phase des Lebens gekommen sind, in der Aelterwerden, Krankheit und Einsamkeit an uns herantreten. Wir sprechen immer nur von den Aufgaben gegenueber der Jugend: ohne dieser etwas wegnehmen zu wollen, sollten wir uns doch auch bewusst sein der Aufgabe denen gegenueber, die nicht mehr so jung sind, die gerade jetzt der Freundschaft, der Naehe anderer Menschen beduerfen. Ich wende mich von hier aus an die verantwortlichen Maenner und Frauen der CENTRA: Lasst uns doch an der Seite der Jugendbewegung auch eine Bewegung fuer die Aelteren unter uns schaffen. Lasst uns eine neue Bewegung, die Solidaritaetsbewegung erstreben. Es dreh' sich nicht dabei um materielle Hilfe, es dreht sich vielmehr um geistige, um . seelische Hilfe. Es ist auch nicht dabei gedacht an die Gruendung neue Altersheime. Mir schwebt vor Augen die Schaffung von Moeglichkeiten des Zusammenseins, des Zusammenkommens all derer — und in Wirklichkeit sind es alle, die das Leben einsam gemacht hat. Es gibt so vieles im Leben, mit dem wir leichter fertig werden, wenn ein freundliches Wort, wenn ein ehrlich bekundetes Interesse des Anderen uns nahe sind. In Gemeinschaft helfen wir unserer Jugend, ins Leben zu finden; in Gemeinschaft sollten wir einer dem anderen helfen, das Leben in der zweiten Haelfte unseres Lebens zu meistern. Waehrend der letzten achtundvierzig Stunden haben wir ein kleines traditionelles Gebet gesprochen. Es waren jetzt zwei Tage Rosh Chodesh. Dabei beten wir; “Moege Gott uns die neue Zeit in unserem Leben zum Guten und zum Segen gestalten!” Wir Juden sind immer dem Neuen so begegnet. Wir haben nie vor dem Neuen Angst gehabt. Wir wissen darum, dass die Welt nicht still stehen kann. Wir wissen, dass Neues geboren werden muss, manchmal in heftiger Erschuetterung. wir haben uns dem Neuen immer gewachsen gezeigt. Vor uns steht die neue Welt. Wir stellen uns; ihr. Meegen wir ihr gewach- | sen sein — Bekoca h Uve-! chochmo — mit Kraft und j Einsicht!