Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 10 (Octubre, 1962)
- Date
- 1962-10-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 BOLETIN INFORMATIVO Octubre 1962 Hans Kühner: HITLERS ANTISEMITISCHE VORLAEUFER Adler ist vor allem durch seine Werke über die KZ— Hölle Theresienstadt bekannt geworden, die er, der Leidensgefaehrte Leo Baecks, wunderbar überlebt hat. Seine Darstellungen weisen an mehr denn einer Stelle auf allgemeine Fragen hin, und so ist es begreiflich, dass er sich —hierzu berufen wie wenige— mit dem Problem der Juden in Deutschland befasst und die Voraussetzungen der apokalyptischen Katastrophe untersucht*, die sein Volk heimgesucht hat. Seine Untersuchung ist aus Rundfunk- Vortraegen am Sender Köln hervorgegangen. Mit der Emanzipation der Juden begann in Deutschland auch jene Form des Antisemitismus, der in folgerichtiger Entwicklung bis zur “Endlösung” geführt hat. Die Vorgaenge und frühesten gesetzlichen Formen der Emanzipation sind jedoch nicht zu verstehen ohne eine genaue Kenntnis der jahrhundertelangen Vorgeschichte der Juden auf deutschem Boden, bzw, im Herrschaftsbereich der Karolinger, der Ottonen und der isalischen Kaiser, unter deren maechtigen Schutz sie ungestört lebten, bis die Pogrome des ersten Kreuzsuges im Jahre 1096 jene fast ununterbrochene Kette von Verfolgungen einleiteten, die erst 1945 auf dem ungeheuren Leichenfeld des europaeischen Judentums endeten. Den Horden der Kreuzzüge folgte der systematisch handelnde Kaiser Karl IV., an dem Himmler seine helle Freude gehabt haette, denn er veranlasst« 1349 —“das furchtbarste Jahr für die Juden Deutschlands vor Hitler”— umfassende Judenmorde, die er kontraktlich (!) im voraus mit den staedtischen Behörden fe'stiegte, weil er sich für seine Mordkonzession hoch bezahlen liess. Er liess auf diese Weise die Glieder von 350 Gemeinden lebendig verbrennen. 550 Jahre spaeter kam es in Deutschland zur letzten Ernte der Saat dieses verbrecherischen Kaisers. Von 1349 an schwieg das christliche Gewissen den jüdischen Mitmenschen gegenüber bis zu der denkwürdigen Begegnung Leasings mit Mendelsohn. Dann legte Staatskanzler von Hardenberg dem König von Preussen am 11. Maerz 1812 das von ihm entworfene Emanzipationsedikt zur Unterzeichnung vor: eine der grössten und menschlichsten Taten, die ein deutscher Staatsmann je vollbracht hat. Eis war nicht des edlen Hardenberg Schuld, wenn die erwachenden Hoffnungen oft schon in den Anfaengen, meist wenige Jahre spaeter wieder zunichte wurden; wenn gleichzeitig der sogenannnte Turnvater Jahn, welcher der SS alle Ehre gemacht haette, das berüchtigte Schlagwort praegte: “Die Juden sind Deutechlands U n g 1 ü c k"; wenn ein gewisser Hund-Radowsky 1819 einen “Judenspiegel” herausgeben konnte, mit der Forderung, die Juden zu entmannen und ihre Frauen in die Huren haeuser zu stecken; und wenn zum ersten Male Studenten eine Proklamation von sich gaben, die in dem Ruf gipfelte: “Nun auf zur Rache, heppü, heppü, heppü Allen Juden Tod und Verderben”. Es waren Rufe, die haften blieben —was Hardenberg und Humboldt geschrieben und gefordert hatten, interessierte kaum jemanden. So konnte der antisemitisch^ kaiserliche Hofprediger Stöcker 1878 die Kanzel zum Forum seiner Hasstiraden machen und die von ihm begründete Partei ohne grosse Skrupel sogar “christlich-sozial” nennen. Richard Wagner blies in das gleiche Nibelungenhorn, sein phrasenreicher Adept Chamberlain stolperte ihm nach und Paul Lagarde, der Goebbels und dem “Stürmer” in nichts nachstand, konnte 1888 in einem Machwerk mit dem Titel “Juden und Indogermanen”, die “Endlösung” Hitlers vorausnehmend, über die Juden schreiben: “Trichinen und Bacillen werden so rasch und gründlich wie möglich unschaedlich gemacht”. Diese wenigen Namen mögen für andere stellvertretend genannt sein. 1881 wurde Bismarck eine antisemitische Petition vorgelegt, “mit 267.000 Unterschriften, darunter 4.000 von Studenten”. Obwohl kein Antisemit, schwieg der Eiserne Kanzler, den seine vielgerühmte staatsmaennische Weitsicht angesichts dieser Petition anscheinend urplötzlich verliess, und der nicht, wie es seine Pflicht gewesen waere, sofort Gegenmassnahmen ergriff,, so dass Virchow mit Recht erklaeren konnte, “die Regierung sei mit den Antisemiten solidarisch und für deren Handlungen verantwortlich”. Russland nahm die deutschen Pamphlete zum Vorwand für seine Pogrome, über die sich der Herr Hofprediger Stöcker begeistert aeusserte. Die Entwicklung in Österreich verlief analog, und es kann kein Zweifel bestehen, dass, wie Triesch schreibt, “der Mann, der einmal die Geschichte schreiben wird, wie Oesterreich aufgehört hat, ein deutscher Staat und ein Vorposten deutscher Kultur im Osten zu sein, dem deutschen Antisemitismus einen laengeren Abschnitt widmen” müsse. Leider waren sich die Juden um die Jahrhundertwende nicht im geringsten darüber im klaren, was sich über ihren Haeuptern zusammenzog. Sie hielten den Antisemitismus in Deutschland für eine “heilbare Krankheit”. Sie lehnten den Zionismus des klar sehenden Theodor Herzl ab —eine Ablehnung, die nichts anderes als ein Akt verzweifelter Liebe zu Deutschland war, dem Mittelpunkt ihrer Existenz. Sie verstanden nicht, warum er sich bemühte, wenigstens ein deutsch - jüdisches Bündnis, ein Bündnis zwischen Nationen, zustande zu bringen. Die deutschen Juden wollten Deutsche, nichts anderes sein. Nicht einmal der erste Zionistenkongress konnte auf das Deutsche als Kongresssprache verzichten. 1913 war es bereits so weit, dass das Leipziger Landgericht das Verfahren wegen Gottesläesterung we- Judenbeleidigung gegen den damals übelsten Hetzer, einen gewissen Fritsch, einstellte mit der ungeheuerlichen Begründung, der Beschuldigte habe “bloss” den vorprophetischen Gott der Juden, “an der nur noch einige geistig und religiös nicht reife Juden glaubten”, beleidigt. Damit wurde gerichtsnotorisch “der Gott der Patriarchen und des Bundes vom Sinai für vogelfrei erklaert” — durch ein deutsches Gericht! Von hier aus konnte der Weg nur noch in die letzten Abgruende führen, war es nur noch ein Schritt, die Juden selber für vogelfrei zu erklaeren. Das elementar Christliche war damit formell ausgeschaltet, und man kann sich unschwer ausmalen, was geschehen waere, haetten die Antisemiten in Deutschland damals die Möglichkeiten des eirsten Kreuzzuges gehabt. Oesterreich leistete unter Führung der Klerikalen nach Kraeften weiterhin Helfershelferdlenste, und Hitler bekam vordemonstriert, wie man es anfaengt. “Bewusst oder unbewusst sind die Antisemiten das unschaetzbare Werkzeug der religiösen Wiedergeburt geworden. Der Klerus entfaltete die Fahne des Antisemitismus in den Zeitungen, in den Volksversammlungen, in den Wahlversammlungen, ja selbst auf der Kanzel”, so schrieb Kannengiesser, der Führer der klerikalen Antisemiten. Im ersten Weltkrieg kaempften 100.000 deutsche Juden an der Front, davon 2.000 Offiziere; 12.000 fielen. Zur gleichen Zeit aber kursierte in Berlin erfolgreich ein Hetzgedicht, wo es hiess: “Ueberall grinst ihr Gesicht, nur im Schützengraben nicht”. In dem vaterlaendischen Enthusiamus der Juden barg sich die geheime Hoffnung, endlich und endgültig anerkannt, aus Assimilierten und Emanzipierten, so könnte man Sagen, zu Integrierten zu werden. Das beliebteste deutsche Kriegslied —“Drüben im Walde hocken zwei Dohlen”— stammte von einem österreichischen Juden, und man lese, was der tiefreligiöse Hermann Cohen, der grösste Neukantianer, 1916 über “Deutschland und Judentum” schrieb. Die russischen Juden bekundeten offen ihre Sympathien für Deutschland und büssten dafür mit Deportationen und Pogromen, die denen Hitlers nur zahenmaessig nachstanden. Adler zitiert den Bericht über einen Rabbiner im Osten, der in einem evangelischen Krankenhaus den verwundeten Deutschen half, das Vaterunser auswendig lernte, um den Sterbenden Trost und das letzte Gebet sagen zu können. Auch hier war Symbiose Wirklichkeit! Erstaunlich war die zivile Hilflosigkeit der deutschen Juden von 1918 an, etwas gegen die neue Hochflut des Antisemitismus mit Rufmord u. a. m. in Hunderten von Romanen und Pamphleten zu unternehmen. Führend in dieser neuen Hetze war nicht von ungefaehr der Kreis um Ludendorff, der einen Sündenbock fuer seine militaerische Unfaehigkeit benötigte. Und die neunzehn Weimarer Regierungen von 1918 bis 1932, mit ihren zusammen dreihundertsiebenundachtzig Reich sministem, waren ausserstande — oder überhaupt nicht gewillt!— dem Antisemitismus, jenem “daemonischen Judenhass von irrationaler Abgründigkeit, doch sehr rationaler Methodik” zu begegnen. Die Emanzipation wurde aktiv von der einen, passiv von der anderen Seite her schrittweise wieder rückgaengig gemacht und der Nazismus hat nichts anderes getan, als fertige Theorien in die Praxis umzusetzen, vorbereitete Terminologien der Reihe nach aufzugreifen. In Oesterreich wurde schon 1919 zum erstenmal der Ruf nach dem KZ laut. Nein, die Juden konnten beim besten Wißen nicht behaupten, das Jahr 1933 und seine Folgen habe sie überrascht und unvorbereitet getroffen. Das Reichsgericht hat noch 1929 den Chefredakteur des “Westfaelischen Beobachters” freigesprochen, der Ritualmorde als erwiesene Tatsachen hinstellte. Es wurde nichts unternommen gegen die 128 Friedhofschaendungen und die 50 Synagogenschaendungen von 1923 bis 1932. Dass 1930 in Berlin acht Juden ermordet, 78 verletzt, dass 1931 jüdische Studenten und Studentinnen von teutonichen Studenten zusammengeschlagen wurden, war für die Regierung irrelevant, für den Rektor der Universitaet, vor deren Toren sich die Szenen abgespielt hatten, uninteressant. Beschaemend ist es, die Listen aus Grossindustrie und Hochadel zu lesen, die den Antisemit i s m u s finanziell unterstützt haben. Die “Machtergreifung” hat lange vor 1933 stattgefunden. In Oesterreich half Bischof Gsölner von Linz, ein Hauptwortfuehrer des Antisemitismus, wie ihn sich die Nazis kaum besser ertraeumen konnten, auf seine Weise, den Untergang. der Juden vorzubereiten. Sc sah am Ende der “aus dem Religionshass destillierte Rassenhass” aus. Welcher Abgrund zwischen dieser Haltung und der nie ermatten- ANZWUS am 30. den Hilfe, welche Plus. XI. oder die Episkopate in den von Hitler vergewaltigten Laendern Europas für die verfolgten Juden geleistet haben. “Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften”, so schreibt Jakob Wassermann resigniert, “sie brauen frisches. Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude. Ich bin ein Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und so voellig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen”. Emanzipation und Assimilierung haben nicht selten auch die Juden aus falschen Voraussetzungen f al s c h e Schlüsse ziehen lassen. Es gab etwas, das über Emanzipation und Assimillerung hinausragte: die deutsch jüdische Symbiose, die, wo sie sich frei, zu entfalten vermochte, unvergaengliche Werte und Früchte hervorbrachte, angefangen bei der Sternenfreundschaft Lessings mit Mendelsohn —endend bei Martin Buber, der 1916 die reinsten Worte für diese Symbiose gefunden hat; ihm galt allein “die Sprache, die uns zum Denken, die Landschaft, die uns zum Schauen erzog, die schaffende Tiefe eines grossen Volkstums, der wir für beglückendes Geschenk (zu danken haben. Wir haengen uns nicht bei den anderen ein, aber wir grüsisen sie: Freunde, wir sind unterwegs, um unsertwillen, um euretwillen— um des Heiles willen”, 1933 sagte Leo Baeck in prophetischer Ahnung: “Die tausendjaehrige Geschichte der Juden Deutschlands ist beendet”. Die Deutschen haben sie für immer ausgelöscht, sich selbst zum nie wieder gutzumachenden Schaden. Das einzige, was bleibt, ist die schwache Hoffnung auf Erkenntnis der Jugend in Deutschland. Adlers Darstellung vermag ihr sehr weitgehend zu helfen, das grosse Schweigen über der Welttragödie des Judentums zu durchbrechen. “(St. Galler Tagblatt)” * H. G. Adler: “Die Juden in Deutschland — »von der Aufklaerung bis zum Nationalsozialismus”. Kosei-Verlag Muenchen, 1960. FIAMBRERIA "LA ElfROPEA" Av. Irarräzaval 3502! (Plaza Nunoa) Tel. 460675 Inh. Helmut Bieber Colaborador o Apoderado con 20 años de experiencia en industria y comercio y óptimas referencias ' sfrecese por traslado de Arica al Sur Dirigirse a EMILIO VAISSE 237 — Tel. 495104 Santiago