Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 1 (Enero, 1962)
- Date
- 1962-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 BOLETIN INFORMATIVO Enero 1962 JOSEL VON ROSHEIM die Einschraenkung eines seiner Gerechtsame gleichbedeutend erschien mit der Verminderung der herrscher- Jich'en Würde des gesalbten und gekroenten weltlichen Vertreters Gottes auf Erden. In den eben sich bildenden obrigkeitlichen Territorialstaaten wurde die Frage der Aufnahme oder Ausweisung der Juden zu einer gefaehrlichen machtpolitischen Auseinandersetzung zwischen den Landsherren und den Landstaenden, zu dem weithin sichtbaren Zeichen des Triumphs der einen oder der anderen Gewalt. Für die Katholiken wurde der Jude der Erreger des Protentantismus, oder der Schuldige an der Glaubensspaltung und der Helfershelfer der unglaeubigen Türken, waehrend die Protestanten in ihm den Papisten, den Sektierer und den Ketzer sahen, der mit dem Teufel im Bunde stand. Der Bürger, der Mann der Tradition} und 4er Autoritaet, machte ihn für den Ausbruch der grossen sozialen Revolution verantwortlich und für die Untergrabung der heiligen Ordnung im Reich, waehrend der “gemeinde Mann” in der Stadt und der Bauer auf dem Lande; die die Rechtsgleichheit aller Staende und die Aufteilung der Güter erstrebten, ihn zum Mitlaeufer der Kapitalisten und Monopolisten stempelten, die für ihn Reichtum und Besitz symbolisierten. Der Streit um die Verbrennung der jüdischen Bücher diese cause' célebre Europas, schied die Scholastik von dem Humanismus, die viri obscuri von den viri clari, den Glaubenswahn von der Aufklaerung, das Mittelalter von der Neuzeit. In der Zeit, da die Kammerknechte des Heiligen Roemischen Reiches durch die Ausweisung aus den Reichsstaedten in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung zutiefst gesunken waren, fand die deutsche Judenschaft in dem Elsaesser Josel von Rosheim einen Trcester und Helfer, /einen Fuehrer und Anwalt. Ais ihr freiwillig gewaehlter “Befehlshaber” und “Oberster”, dessen Autoritaet auf nichts anderem beruhte als (Schluss von Seite 9) auf der Liebe und dem Vertrauen seiner Gemeinschaft, hat er beinahe vierzig Jahre lang das Reich von einem Ende bis zum anderen durchwandert, um vor Kaisern und Koenigen, Fürsten und Bischoefen, Markgrafen und staedtischen Magistraten die Sache seines Volkes zu vertreten, Blutbeschuldigungsprozesse niederzuschlagen, zum Tode Verurteilte zu befreien, Ausweisbefehle aufzuheben und seinen Brüdern Privilegien und Handelserleichterungen zu verschaffen. Er hat den Reichstag, das .sichtbarste und vornehmste Forum der damaligen Welt, zum oeffentlichen Tribunal erhoben —und Richter und Verteidiger zugleich— vor der ganzen Welt die gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen auf das feierlichste widerlegt und die Einhaltung der einst beschworenen, daher nicht aufhebbaren und nicht antastbaren Vertraege gefordert. In apologetischen Schriften und in oeffentlichen Disputationen hat er in entschiedener Sprache die von Katholiken wie Protestanten in gleicher Weise erhobenen Anklagen gegen das juedische Schrifttum zurueckgewiesen und aus den heiligen Buechern selbst die Grundlosigkeit der Angriffe bewiesen. Zum ersten Male und bis auf die Tage der Reichsvertretung in der Gegenwart zum letzten Male in der Geschichte der deutschen Dias pora ist es' ihm gelungen, die von einander abgesonderten, ihr Eigenleben sorgfaeltig hueteridsn Gemeinden des Suedens und Westens zu einem juedischen Reichsbund, einer Art juedischer “Reichsliga”, zusammenzuschliessen, sie mit einem neuen Gemeinschaftsgeist und einem neuen Gemeinschaftswillen zu erfuellen, sodass sie in den Stand gesetzt wurden, auf regelmaessig einberufenen Versammlungen die Probleme der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religioesen Wandlungen zu beraten und dis Judenschaft vor den ihr drohenden Gefahren zu bewahren. Um diesen aeusseren Aufbau zu stuetzen, hat er sich —in diesem Zeitalter der Reformation— bemueht, den juedischen Menschen von innen her ümzuformen durch eine sittliche und eine religioese Wiedergeburt seinem Leben einen neuen Sinn und eine neue Weihe zu geben. Aus diesem Grunde ist Joisel der erste Sozialkritiker und Sozialreformer der deutschen Judqn geworden. Er hat den ersten grosszuegigen Versuch gemacht, durch eine wohldurchdachte Judenordnung, die von allen Gemeinden angenommen wurde, ihre jzerruettete soziale und wirtschaftliche Lage, zu reformieren' und neu zu gestalten. Wie die . Humanisten die deutsche Bevoelkerung mit ihren fruehen Anfaengen bekannt machten, damit sie ihre Geschichte besser verstuenden, hat Josel seine Brueder zu den Urquellen ihrer Geschichte zurueckgefuehrt, damit sfe sich ihres Ursprungs aufs neue besonnen, des Bundes, wiederum bewusst wuerden, den Gott mit seinem Volke geschlossen hatte, und sie die Worte der Propheten und Psalmisten, mit denen sie es gerichtet und aufgerichtet hatten, wie einst vernaehmen. Josel hat im Verlauf seines .langen Lebens mehr als jeder deutsche Jude vor ihm und nach ihm in enger Verbindung mit den fuehrenden politischen Persoenlichkeiten seiner Zeit gestanden, mit Kaiser Maximilian I. und Karl V., mit Koenig Ferdinand und seinen Ratgebern, mit den Kurfuersten von Brandenburg, Sachsen und der Pfalz, mit den Herzoegen von Bayern und von Wuertemberg ,mit den Bischoefen von Strassburg und Wuerzburg, den Landvoegten des Eisass und vielen der staedtischen Magistrate. Aber er hat nie, wie die Hofjuden, eine Staatskasse verwaltet, finanzielle Transaktionen geleitet oder dem wirtschaftlichen Aufbau eines Territoriums gedient. Er hat die wichtigsten politischen und militaerischen Ereignisse seines Jahrhunderts als aktiver Teilnehmer miterlebt, die Reichstage von Nuernberg, von Augsburg und von Worms, von Speyer und Regensjjurg, den Bauernkrieg, den Schmalkaldischen Krieg und die Fuerstenerhebung gegen Karl V., im Jahre 1552. Aber er hat nie als ein Agent der einen oder der anderen Macht eine politische Mission durchgefuehrt oder als Kriegskcmmissar eine Armee verproviantiert. Er hat nicht um dis Erlangung der Menschenrechte und der politischen Rechte, .nicht um ’ die buergerliche und die gesellschaftliche Gleichstellung gekaempft wie spaetere Generationen. Aber indem er nach der Lehre seiner Propheten die Wiederherstellung der “goettlichen Gerechtigkeit” forderte, die ueber allem Menschenrecht und aller Menschengerechtikeit stehen, hat er, wie er glaubte, nicht nur fuer den Bestand des' Judentums, sondern fuer den Bestand der Welt gekaempft”. DIE FRIEDENSUHR Ir. einer Zeitschrift las ich folgende Mitteillung, die wert ist einer breiteren Oeffentlichkeit mitgeteilt zu werden: Moises Maimon, von Beruf Uhrmacher, des bis vor 10 Jahren in Paris lebte, und gegenwaertig in Tel Aviv wohnt, hat in mueheseliger, ein Jahrzehnt dauernder Arbeit eine “Friedensuhr” konstruiert. Diese Uhr befindet sich heute im Lesesaal des Elternheims in Hadera. Jedes Mal, wenn eine Stunde sich vollendet hat, vernimmt man klar und deutlich das Wort Schalom. Auf dem Zifferblatt sind die Worte eingeschrieben; Rachamim - Mitleid, Nechama — Trost, Tikwa — Hoffnung, und Schalom — Friede. Der grosse Zeiger traegt den Namen Thora, der kleine Awoda — Arbeit. Der Erbauer dieser seltenen Uhr, die mit 1900 Halbedelsteinen geschmueckt ist, wollte damit symbolisch zum Ausdruck bringen, dass sich die Idee der Thora schneller bewegt als ihre Erfuellung. RABBINER M. LUBLINER So hat uns der Sehoepfer nicht gewuenscht! Gesetze sind stoerend und selten schuetzend, Sie werden von kalten Gehirnen geboren. Die sind von Staatsioegen auserkoren, Und sonst fuer das Dasein wenig nuetzend. Sie denken verbissen genussvoll an Strafen, Und kennen den Charme nicht des Frechen, Skurrilen, Sie tragen — ich wette — im Bette selbst Brillen, Und koennen vor lauter Logik nicht schlafen. Schioarz—weiss .ist ihr Spektrum, hart, ohne Nuancen, Es gibt nur “Gestattet” oder “Verboten”, Ihr Blickfeld reich Knapp bis zu Verschrift und Noten Es sucht nicht Gewagtes, nicht Glanz und nicht (Chancen Statt Herzen tragen sie Paragraphen, Statt Nieren, die Last der verstaubten Archive, Selbst Arme und Beine sind starre Stative, Ihr Blut ist nur Tinte. Die armen Braven. Was soll man mit solchen Geschoepfen beginnen? Nie koennten sie lieben, nie Freund sein, nie hassen, Sie wuerden nur Buchstaben sprechen lassen. Selbst wenn in Ekstase, sind sie noch bei Sinnen. Es fehlt der Schuss Teufel, der Funke, der Sekt, Der Denken und Handeln mit Pfeffer uns wuerzt, Der Hals-ueber-Kopf in Wagnis uns stuerzt, Das Hochstapler-Milligramm. (Bestens versteckt!) Ein kleinwenig luegen, ein kleimoenig prahlen. (Man kann ja trotzdem die Steuern bezahleni) Ein bisschen ueber die Straenge mal hauen. (Man muss ja nicht gleich Brillanten klauen!) Dem Bruder und Nachbarn, dem Mit-Mensch nicht nur Mit Intoleranz auf der Schnueffel-Spur, Lass ihn in Frieden und ungeschoren, Wir sind alle mit Webefehlern geboren Selbst lebe?i und andere leben lassen, Sich auch an die eigene Nase mal fassen, Nicht Helles immer in Truebsal wenden, Freude suchen und Freude spenden, Ein stumpf-sturer Mensch, ohne Fantasie “Erlebt” das Leben wahrscheinlich nie, Es hat, wer immer “Beispiel” will sein, Bestimmt statt Mark nur Gips im Gebein Und ist mit fiktivem Plus-Wert getuencht. SO HAT DER SCHOEPFER UNS NICHT GEWUENSCHT! K.g RABB. NEHEMIA A. NOBEL (Zur 40. Jahrzeit) Am 24. Januar sind vierzig Jahre seit dem Ableben von Rabb. Nehemia A. Nobel vergangen, einer der leuchtendsten Rabbiriergestalten unserer Epoche. Erst 50 Jahre alt, ging dieser Weise allzu frueh dahin; sein Andenken immer wieder zu erneuern, duerfte unsere Aufgabe sein. Nehemia Anton Nobel wurde am 24. September 1871 in einem ungarischen Staedtcheri geboren, doch in Halberstadt erzogen, wo sein Vater, Joseph Nobel, als Rabbiner wirkte. Im Domgymnasium erwarb er klassische Bildung, bei bedeutenden juedischen Gelehrten umfang reiches talmudisches Wissen. Er besuchte dann das Hildesheimersche Rabbinerseminar zu Berlin und hoerte an der Berliner Universitaet bei Erich Schmidt. Seine Doktordissertation ueber “Schopenhauers Theorie des Schoenen” erfolgte 1895 zu Bonn. Nobel begann seine Karriere als Klausrabbiner in Koeln (1896-99). In dieser Zeit war er bereits im Vorstand der “Zionistischen Vereinigung fuer Deutschland” und trat in Beziehungen zu Herzl, Wolffsohn und Bodenheimer. Nach kurzer Amtszeit in Koenigsberg finden wir ihn von 1902-05 als Rabbiner in Leipzig. Aufder Pressburger Misrachi-Gruendungsversammlung von 1902 war er Kongresspraesident. Dann kommen die Hamburger Jahre von 1905-1911. Und schliesslich wird er Nachfolger von Rabb. M. Horowitz als Rabbiner der Frankfurter Hauptgemeinde, 1911 - 1922. Als Praesident des “Allgemeinen Deutscher Rabbinerverbandes” war er dessen erster konservativer Vorsitzender. 1921 war Nobel Delegierter auf dem 12. Zionistenkongress zu Karlsbad. Dieser Rabbiner war ein gottbegnadeter Kanzel redner, von hinreissender Gewalt, der voellig im strengtraditionsgebundenen Judentum lebte, aber ein Gegner der orthodoxen £eparatbestrebungen zeitlebens gewesen ist. Er stand auf dem Boden der “Einheitsgemeinde”. Auch gestattete er den Frauen das aktive und passive Wahlrecht in der Gemeinde. Der neuen juedischen Generation nach dem Kriege stand er verstaendnisvoll gegenüber, und sein Leben bildete eine wunderbare Einheit von Halacha, und strengster Religiositaet. U. a. galt Nobel als hervorragender Goetheforscher- und kenner. Ein juengerer Bruder des Fruehvollendeten, Rabb. Israel Nobel, lebt in Israel. CURT WILK,