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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1961-11-01 · 11 (Noviembre, 1961) · p. Seite 6

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIII (1961)
Issue
11 (Noviembre, 1961)
Date
1961-11-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 BOLETIN INFORMATIVO Noviembre 1961 GAB ES EINEN “JUEDISCHEN WIDERSTAND” IN DEUTSCHLAND? Der Anfang: “Nur 35 Tote” “Goering: Wieviele Synagogen sind tatsaechlich niedergebrannt? Heydrich: Es sind im ganzen 101 Synagogen durch Brand zerstoert, 76 Synagogen demoliert, 75000 zerstoerte Geschaefte im Reich... Goebbels: Da muss der Jude den Schaden bezahlen... Heydrich: Sachschaden, Inventar— und Warenschaden schaetzen wir auf mehrere hundert Millionen... “Goering: Mir waere lieber gewesen, ihr haettet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet. Heydrich: 35 Tote sind es. Goering: Ich werde den Wortlaut waehlen, dass die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit als Strafe fuer die ruchlosen Verbrechen usw. usw. eine Kontribution von einer Milliarde auferlegt bekommen. Dar wird hinhauen.” (Protokoll der Sitzung im Reichsluftfahrtsministerium, am 12. November 1938). In der “Revue d’Histoire de la Deuxieme Guerre Mondiale” (Oktober 1959) erchien ein Aufsatz von H. Michel: “La Resistance Allemande dans les Resistances Européennes”. In einer Fussnote zu diesem Artikel (Seite 92) liest man: “Es faellt auf, dass es in Deutschland keine juedische Unt ergrundbewegung gab. Wir denken dabei nicht an eine Widerstandsorganisation wie in Polen, sondern vielmehr an Gruppen, wie sie etwa in Frankreich existierten”. Zugegeben; es gab keinen organisierten juedischen Widerstand in Deutschland, wenigstens so, wie das Wort gewoehnlich aufgefasst wird. Die franzoesische Zeitschrift enthaelt sich jeder Kritik und beschraenkt sich darauf, diese Tatsache mit Erstaunen festzustellen. Wir glauben aber nicht, dass sich dieses Erstaunen rechtfertigt, wenn wir bedenken, dass die Vorbedingungen etwa fuer einen Guerillakrieg, so wie wir ihn aus der polnischen Widerstandsbewegung, aus dem hollaendischen Untergrund kennen, in Deutschland nicht gegeben waren. In den letztgenannten Laendern konnten sich die Juden entweder als Individuen oder als geschlossene Gruppen der Untergrundbewegung anschliessen, wo aber sollten sie etwas derartiges in Deutschland finden? Von Kili Ball - Kaduri Nichtsdestoweniger, wenn es auch keine organisierte juedische Widerstandsbewegung im allgemein akzeptierten Sinne des Wortes in Deutschland gab, haben die Juden doch manches volloracht, was man in einer etwas weiter gefassten Auslegung als aktiven Widerstand betrachten koennte. Ab Herbst 1933 schlossen sich die juedischen Organisationen in der “Reichsvertretung der deutschen Juden” zusammen, die 1939 auf Befehl der N. S. Behoerden durch die “Reichsvereinigung der Juden in Deutschland” ersetzt wurde. Beide Organisationen wurden bis kurz vor ihrer Aufloesung von Rabbiner Dr. Leo Baeck praesidiert. Viele Jahre lang war Dr. Baeck der anerkannte Fuehrer der deutschen Juden und wenn auch die Hauptlast der Arbeit in der “Reichsvereinigung “von ihr e m geschaeftsfuehrenden Direktor Dr. Hirsch getragen wurde, so war Dr. Baeck doch weit mehr als nur ein Ehrenvorsitzender. Bei allen Wichtigen Entscheidungen war seine Meinung ausGhlaggebend. Dr. Leo Baeck war nicht nur Vorsitzender dieser von den Nazis kontrollierten Reichsvereinigung, sondern hatte, bis zum 20. Juli, staendigen Kontakt mit der deutschen Widerstandsbewegung. Auf Wunsch von Goerdeler sollte er den Aufruf der provisorischen Regierung mitunterschreiben, der am Tag nach dem Sturz des N. S. Regimes an das deutsche Volk erlassen werden sollte. Ebenso wurde er schon 1939 beauftragt, ein Buch ueber die Geschichte der Juden in Europa zu schreiben um das deutsche Volk ueber die Luegen der Machthaber aufzuklaeren. Von 1939 bis 1941 arbeitete Dr. Baeck tagtaeglich daran. Er stellte ,4 Baende im Schreibmaschinenmanuskript fertig, von denen einer aus Theresienstadt herausgeschmuggelt werden konnte. (Informationen von Herrn Dr. Hans Reichmann - Jahrbuch 111 des Leo Baeck Instituts-1958, Seite 361). Hier sollte einmal hervorgehoben werden, dass das wahre Bild Dr. Leo Baeeks ein etwas anderes ist wie das, welches wir aus den Festschriften und Ehrungen anlaesslich seines 80. Geburtstages und spaeter bei seinem Hinscheiden gewinnen. Dort sieht man ihn immer nur als weisen und sanften Patriarchen, als Denker, aber nicht als Handelnden. Obwohl er ein Patriarch und Lenker war, hat er sich dennoch jederzeit fuer das, was er als gerecht empfand, mit seiner ganzen Persoenlichkeit eingesetzt, war kuehn und aktiv und ein erstklassiger Verhandlet Seine Taetigkeit m der Untergrundbewegung legt Zeugnis davon ab. Qharakteristisch fuer ihn war sein Verhalten in Theresienstadt. Waehrend die meisten juedischen Fuehrer in der Routine der taeglichen Pflichterfuellung versanken, war es auch hier sein erstes Bestreben, Kontakt mit dem Untergrund zu gewinnen. Diese juedische Untergrundarbeit wird zwar m dem zweibaendigen Werk H. G. Adlers ueber Theresienstadt —wenigstens in der ersten Auflage— nicht erwaehnt, ist aber nichtsdestoweniger bewiesen. Die Mitglieder dieser Untergrundgruppe setzten sich in erster Linie aus juengeren tschechischen Juden zusammen, denen sich spaeter ein Jude aus Deutschland (Werner Neufliess, heute Schave- Zion) anschloss, der Tschechisch sprach und eine zeitlang in Prag gelebt hatte. Diese, von der tschechischen Gen darmerie unterstuetzte Untergrun dorganisation schmuggelte Zeitungen ins Lager, aber auch Waffen, die fuer eine eventuelle Revolte verborgen wurden. Ihre Mitglieder kannten die Ein-und Ausgangs moeglichkeiten durch das Kanalisationssystem, die aber nie benutzt wurden, um diesen letzten Ausweg fuer den Fall eines Aufstandes geheim halten zu koennen (Informationen von Werner Neufliess). Neufliess war Verbindungsmann zwischen Leo Baeck, dem Vorsitzenden der juedischen Lagerleitung und dem Untergrund. Aber auch anderer Widerstandstaten muessen wir hier gedenken. Im Sommer 1942 wurde in Berlin eine Ausstellung “Das S o w jetparadies” eroef fnet. Am Tage der Eroeffnung v/urde von Mitgliedern einer kommunistisch orientierten, juedischen Widerstandsorganisation ein Attentat dort veruebt, dem 5 Deutsche zum Opfer fielen. Die Taeter wurden sofort verhaftet und ihr Anfuehrer, ein gewisser Herbert Baum auf der Stelle erschossen. Die anderen wurden mit einer Ausnahme zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dies alles ergibt sich aus gesammelten Zeugenaussagen und aus einem Urteil des “Volksgerichtes”, das sich im amerikanischen Informationszentrum in Berlin befindet. Die Folgen dieses Anschlages waren fuerchterlich. 250 Juden wurden als Geiseln verhaftet und sofort erschossen. 250 weitere Juden in Konzentrationslager verbracht, wto sie ermordet wurden. Als Informationsquelle zitieren wir hier die Aussagen von Moritz Henschel, dem damaligen Vorsitzenden der Gemeinde Berlin, Henschel ueberlebte Theresienstadt und wanderte 1946 nach Israel aus, wo er im Fruehjahr 1947 starb. Kurz vor seinem Tode erklaerte er u. A.: “... Bei dieser Gelegenheit wurde in Berlin eine Ausstellung “Das Sowjetparadies” organisiert, die dem deutschen Buerger das Leben in der U. d. S. S. R. in den schwaerzesten Farben zeigen sollte. Am Tage der Eroeffnung der Ausstellung wurde dort von juedischen Kommunisten ein Sabotageakt veruebt, dem 5 deutsche Besucher zum Opfer fielen. Sofort ordnete die Gestapo Massenverhaftungen an, sodass, als wir ins Reichssichexheitshauptamt verbracht wurden, wir dort bereits die ganze Reichsvertretung vorfanden, angefangen von Dr. Leo Baeck und Dr. Loewenherz aus Wien. Wir wurden gegen die Wand aufgestellt und mussten stundenlang stehend warten, ausser Rabbiner Baeck, der sich einmal fuer eine Viertelstunde hinsetzen durfte. Um 1 Uhr Mittags erschien Gruppenfuehrer Mueller und erklaerte, dass er bedauere, uns solange habe warten zu lassen. Er wollte uns nur sagen, dass soeben 250 Juden erschossen worden seien (50 Juden fuer jeden Deutschen) und dass bei einer Wiederholung derartiger Aktionen 250 Juden fuer jeden Deutschen erschossen wuerden”. Dieser Sabotageakt —ohne Zweifel eine Handlung des aktiven Widerstands wurde von den meisten Juden Deutschlands mit Recht als sinnlos und als schaedlich verurteilt. Charakterischerweise wird er heute in der DDR als Heldentat gefeiert und die Strasse zum alten Friedhof in Weissensee traegt den Namen Herbert Baums. Vielleicht sollten wir hier noch ein anderes Beispiel des Widerstandes auffuehren, insofern wir die Verweigerung der Befehlsausfuehrung als Widerstand bezeichnen koennen. Immerhin gibt dieses Beispiel ein gutes Bild von der Geistesverfassung der Mitglieder der Reichsvertretung in den Jahren vor dem Krieg: Damals wurde ein Gesetz herausgebracht, dass die den juedischen Organisationen bis dahin gewaehrte Steuerfreiheit (charitative, und religioese Vereinigungen zahlten in Deutschland keine Steuern) aufhob. Wenn wir bedenken, dass wir damals vom Joint etv/a 2 Millionen im Jahr als Unterstuetzungsgelder erhielten, von denen wir etwa die Haelfte als Steuern haetten abfuehren muessen, so wird jedem klar werden, was das bedeutet. Es wurde also beschlossen, dieses Gesetz zu ignorieren, die Steuern nicht zu zahlen, dauernd neue Antraege auf Steuerbefreiung zu stellen und die Gelder inzwischen weiter zu verwenden. Natuerlich war das gesetzwidrig, da ja die Steuer in jedem Falle erst einmal haette bezahlt werden muessen, aber, solange die Finanzbehoerden nicht einschritten, ging es. Inzwischen konnten wichtige Arbeiten und vor allen Dingen die Auswanderung vieler Juden weiter finanziert werden. Damals, 1936, wurde ich in die Reichsvertretung kooptiert. Wir hatten mit dieser Taktik zwei Jahre lang Erfolg. Bis nach der Kristallnacht bezahlten wir ' nicht einen Pfennig Steuern. Natuerlich wussten wir, dass wir auf lange Sicht keine Aussichten hatten, aber wir versuchten Zeit zu gewinnen, um so weiter arbeiten zu koennen. In diesem Zusammenhang muss erwaehnt werden, dass wir ueber diesen ganzen Komplex eine Aussprache mit dem Finanz minister Schwerin- Krosigk hatten, die hinter dem Ruecken seines Stellvertreters Fritz Reinhardt, der ein begeisterter Nazi war, stattfand. Unsere Taetigkeit konnte nicht ohne die Mitwisserschaft 'und stillschweigende Duldung weiter deutscher Kreise weitergefuehrt werden, denn, haetten die Finanzbeamten auf der Zahlung bestanden und unsere Guthaben beschlagnahmt, waeren wir lahmgelegt gewesen. Die entsprechenden Beamten aber waren zum Glueck noch in den Traditionen des Rechtsstaates aufgewachsen und stemmten sich lange gegen diese disk r i m inatorischen Gesetze. Nicht nur, dass sie oft ein Auge zudrueckten, nein, sie gingen sogar noch weiter und unterstuetzten unsere Antraege um Steuerbefreiung. (Vad-Vashem Bulletin) DER GELBE STERN Geschaefte werden gep 1 u e n d ert, Gotteshaeuser brennen. Hunderte von Schlitten ziehen durch den Schnee der Lodzer Vorstadt ins Ghetto, ein alter Mann wankt am Arm seines Sohnes dem Deportationszug entgegen. In einem russischen Dorf findet unter freiem Himmel eine .traurige Massenversammlung der zum Tode Verurteilten statt. In Amsterdam wartet ein kleiner Junge, sein Holzpferdchen neben sich, auf die Registrierung. Und an der Verladerampe in Auschwitz steht ein uniformierter Arzt und sortiert Menschen fuer die Gaskammer. D i e biblischen Prophezeiungen vom Juengsten Gericht und die Angstvisionen eines Kafka wurden Wirklichkeit. Die Ungeheuer des Hieronymus Bosch erhoben sich in Menschengestalt. Sie hatten keine Krötengesichter, keine Hauer und Pferdefuesse, sondern ein glattrasiertes Kinn und einen s t r e nggezogenen Scheitel, und sie waren Familienvaeter. Sie bewegten sich in Autos und Flugzeugen und toeteten per Fernschreiber und mit chemischen Giften. Das Dante’sche Inferno etablierte sich in der modernen Welt. Wie die Nazipropaganda gerade durch das Ausmass ihrer Unwahrheit glaubwuerdig erschien, weil derart phantastische Luegen niemand fuer moeglich hielt, so war die Wahrheit ueber die Naziverbrechen so unfassbar, dass sich die Urheber bei dem Gedanken beruhigen konnten, sie werde vom deutschen Volk niemals geglaubt, sondern als Auslandspropaganda abgetan werden. Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal das Museum von Auschwitz sah. Die Lagerraeume, bis an die Decke vollgestapelt mit Waesche und Schuhen; die Waggonladungen von Frauenhaar, von Zahnbuersten, Brillen, Prothesen und Koffern, die hinter grossen Glasfenstern ausgestellt waren. Damals ertappte ich mich bei der verzweifelten Hoffnung, dass dies nur ein Alptraum sei; dass die astronomischen Ziffern, die unser Begleiter nannte, auf Rechenfehlern beruhten; die erdrueckenden Berge von Beweismaterial, diese eindringlich stummen Zeugen, durch eine optische Spiegelung zu so entsetzlicher Groesse aufgeschuettet schienen. Dabei wusste ich, dass dieses Magazin nur einen verschwindend kleinen Teil der persoenlichen Habe der Opfer enthielt, den zurückgebliebenen Rest, den man bei Kriegsende nicht mehr hatte fortschleppen koennen. Und Auschwitz war nur eine jener Todesfabriken, die Menschen waggonweise maschinell toeteten und verbrannten, wie andere Industriezweige Waren hersteilen. (Aus: Gerhard Schoenberner: Der gelbe Stern, Ruetten & Loening, Hamburg 1961).

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