Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIII (1961)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1961)
- Date
- 1961-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Noviembre 1961 BOLETIN INFORMATIVO 5 VOR 23 JAHREN: DIE KRISTAILNACHT Denk ich an Deutschland in der Nacht Der 9. November 1938 wird fuer Juden aus Deutschland immer ein Markstein bleiben. Gewiss, es gab schon vorher untruegliche Zeichen des unaufhaltsamen Unheils: die Begleitumstaende der “Machtergreifung” durch den Nazismus, der Boykott vom 1. April 1933, die Nuernberger Bassengesetze, die Abschiebung der Juden polnischer Staatsangehoerigkeit. Und ganz gewiss kam nachher noch viel graesslicheres, von der hemmungslosen Hetze vom Tage des Kriegsausbruchs an bis zur Einrichtung der Menschenschlachthiefe in Auschwitz, Treblinka, Majdanek. Aber es war der Feuerschein der brennenden Gotteshaeuser, der auch die Blinden sehend machte, es war das Klirren der eingeschlagenen Fensterscheiben, das auch die Schwerhoerigen aufhorchen liess und es war diese erste, grosse Weile des Terrors, welche die letzten Schranken vor der Schmutzflut der Willkuer und des Sadismus hinwegspuelte. Die braune Bestie hatte sich ihrer Fesseln entledigt. Dem treuen Gedenken an die Millionen unserer Toten und dem unausloeschlichen Hass gegen ihre Moerder widmen wir diese Seiten der Erinnerung. DAS LIED VOM GHETTO Sie haben mich ins Ghetto gesperrt wie in den Stall das Vieh. Sie haben mich bei den Haaren gezerrt und mancher nach mir spie. Sie haben mir den Rock zerfetzt, sie stiessen mich in den Rhein. Sie haben mich mit Hunden gehetzt, und mancher warf den Stein. Sie drueckten mir ein Dorngeflecht in die Stirn, bis das Blut entwich. Die letzte Magd und der letzte Knecht hatten mehr Recht als ich. Der letzte Knecht und die letzte Magd spieen nach mir wie sie. So haben sie miche — Gott sei es geklagt ins Ghetto gesperrt wie ein Vieh. Warum ich nicht der Schmach gewehrt? O, klaeglich ungleiches Gefecht! Sie stahlen mit dem Recht das Schwert, sie stahlen mit dem Schwert das Recht. Den Schlag, den EINER von uns trug, galt allen, Israels Geschlecht. Den Schlag, den EINER von uns schlug, er ward an allen uns geraecht. Nein, eh der Schlag zurueckgegeben, nein, eher sei mein Arm verdorrt: der Schlag traef aller Brueder Leben. Gott huete mich vor Bruedermord! Warum ich nicht der Schmach gewehrt? O klaeglich ungleiches Gefecht: Sie stahlen mit dem Recht das Schwert, sie stahlen mit dem Schwert das Recht. Mein Herzschlag stockt, Wie schmal das Joch: Der Abgrund lockt. Was haelt mich noch? Mein Herzschlag stockt: das Grab steht frei! Der Abgrund lockt. Ein Sprung. Vctbei... GEORGE MANNHEIMER (1938) Es ist unglaubwuerdig, aber Wahr! Es gibt fuer die Aussoehnung mit der Welt EINE Vorbedingung, an deren Erfuellung jede moralische Verstaendigung mit anderen Voelkern geknuepft ist, und ohne deren Erfuellung ihr Deutschen nie begreifen werdet, was euch geschieht. Das ist die klare Einsicht in die Unsuehnbarkeit dessen, was ein von schaendlichen Lehrmeistern zur Bestiaiitaet geschultes Deutschland der Menschheit angetan hat; es ist die volle und rueckhaltlose Kenntnisnahme entsetzlicher Verbrechen, von denen ihr tatsaechlich heute noch das Wenigste wisst, teils weil man euch absperrte, euch gewaltsam in Dummheit und Dumpfheit bannte, teils, weil ihr aus dem Instinkt der Selbstschonung das Wissen um dieses Grauen von eueren Gewissen fernhieltet. Es muss aber in euer Gewissen eindringen, wenn ihr verstehen und leben wollt, und ein gewaltiges Aufklaerungswerk, das ihr nicht als Propaganda missachten duerft, wird noetig sein, um euch zu Wissenden zu machen. Was eine Schandphilosophie vom schmutzigsten Duenkel eure Machthaber instande gesetzt hat zu tun, was sie durch eurer Soehne Haende, durch eure Haende getan haben, ist unglaubwuerdig, aber es ist wahr... Deutsche, ihr sollt es wissen. Entsetzen, Scham und Reue ist das Erste, was not tut. Und nur EIN Hass tut not: der auf die Schurken, die den deutschen Namen vor Gott und der ganzen Welt zum Greuel gemacht haben. THOMAS MANN Die Nazi-Jaeger von Ludwigsburg Von Herbert Freedien (Jerusalem) “Entschuldigen sie, können Sie mir sagen, wie ich am besten zum G-efaengnis komme?, fragte ich einen Vorübergehenden auf der Hauptstrasse in Ludwigsburg', dem Staedtchen bei Stuttgart, mit seinem Barockschloss und herrlichem Park, das einmal die Residenz der württembergischen Herzoge war. Der Mann sah mich misstrauisch an, aber erklaerte mir genau den Weg. Jeder kennt in Ludwig s b u r g das Landesgefaengnis. Gewöhnlich kommt man in Gefaengnisse leichter hinein als heraus. Offenbar trifft das nicht auf Ludwigsburg zu. Ich musste beweisen, dass ich wirklich eine Verabredung mit Oberstaatsanwalt Schüle hatte und nachden ich durch ein kompliziertes System von Toren und Kontrollen durchgeschleust wurde, kam mir einer seiner Assistenten entgegen, um mich zum Verwaltungsflügel zu begleiten, in dem die Zentrale für Aufklaerung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen untergebracht ist. Auf der Treppe bereits begrüsste mich Oberstaatsanwalt Schüle, gross, hager, mit grauem Haar und dem Aussehen eines Offiziers. Sein Name ist unter den Nazis in Deutschland gehasst und ^gefürchtet — jenen die Untergrund gegangen sind und falsche Namen angenommen haben, und den vielen anderen, die hoffen, dass ihre Verbrechen anonym bleiben werden. Die Zentrale ist einmalig in Deutschlands Rechtspraxis und Rechtsgeschichte. Als es sich vor vier Jahren, bei dem grossen Naziprozess in Ulm, herausstellte dass viele der Verbrechen, die ihre Schandtaten ausserhalb Deutschlands begangen hatten, sich der Strafe entziehen konnten beschloss die Konferenz der Justizminister der deutschen Laender in 1958, eine Stelle zu schaffen, die feststellen sollte, was im Ausland, geschehen ist und die Ermittlungen nach den am Geschehen 'Beteiligten einleiten. Die Zentrale ist keine Staatsanwaltschaft i m eigentlichen Sinne - vielmehr hat sie die Aufgabe, das erreichbare Material zu sammeln, zu sichten, auszuwerten und nach Ort, Zeit und Taete rkreis abgegrenzte Tatkomplexe herauszuarbeiten. Sind für einen Tatkomplex der Kreis der verfolgbaren Taeter und die zustaendige Staatsanwaltschaft festgestellt, so leitet die Zentrale das Material der Staatsanwaltschaft zu. Das schliesst jedoch nicht aus, dass die Staatsanwaltschaft, nachdem das Verfahren bei ihr anhaengig wurde, die Zentrale bittet, für sie weitere Ermittlungshilfe zu leisten. Als der Oberstaatsanwalt mich durch die Büros führte und mich seinen Mitarbeitern vor stellte — jungen Staatsanwaelten jeder von ihnen für ein bestimmtes 'Gebiet (verantwortlich —: hatte ich den Eindruck, mich in einem Hauptquartier zu befinden. Und tatsaechlich wird hier ein unerbittlicher Krieg den die bereits identifizierten und die noch anonymen Naziverbrecher geführt. Jedes der Zimmer wird von einer gross e n Wandkarte beherrscht, die das Gebiet, in dem die Ermittlungen stattfinden, in den Einzelheiten einer Generalst abskarte zeigt. Jeder Abteilung ist ein besonderes Gebier zugewiesen. Die Gliederung erfolgt nach Tatorten innerhalb bestimmter raeumlicher Bezirke; da gibt es den Komplex der Konzentrationslaeger ausserhalb des Gebietes der Bundesrepublik, wie Auschwitz, Mauthausen, Ravensbrück, Sachsenhausen; das Taetigkeitsbereich der “Einsatzkommandos” in Estland, Minsk, Lettland und Litauen; die Verbrechen der Einsatzgrupe B (des Höheren SS-und Polizeiführfers Russland-Mitte); der Einsatzgruppe C (Kiew) und der Kommandeure der Sicherheitspolizei im Kaukasus und in Transnistrien, sowie das Gebiet des “Generalgouvernement” Polen mit Krakau, Lemberg, Lublin, Radom, Warschau und den Vernichtungsl a e g e r n. Im übrigen Ausland schweben Ermittlungen von Straftaten in Bulgarien, Daenemark. Frankreich, Griechenland und Italien, Jugoslawien, Holland, Norwegen, Rumaenien und Ungarn. Insgesamt schweben 291 Ermittlungsverfahren gegen tausende von Verdaechtigen. Allein der Auschwitz-Prozess hat eine Liste von 950 Angeklagten, von denen sich erst 28 in Haft befinden. Wie die Nazijaeger von Ludwigsburg ihr Material erhalten, ist eine faszinierende Geschichte, die noch geschrieben werden muss. Ein wichtiger Quellennachweis sind die Befehlsblaetter des “Rei chsführe r-SS” und Chefs der deutschen Polizei. Aber von nicht geringerer Bedeutung sind die vielen zufaelligen Fetzen .von Information, die sich aus Gespraechen ergeben, öfter aus Zankereien und Streit, manchmal aber auch aus gewöhnlichen Prozessen. So führte z. B. der Scheidungsprozess eines ehemaligen Mitgliedes der Einsatzgruppe 8 zur Verhaftung seines Kommandeurs D r. Otto Bradfisch, der der Beihilfe zum Mord in 15.000 Faellen schuldig befunden und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. In zwei Jahren, so hofft Oberstaatsanwalt Schüle, dürfte die Zentrale ihre Aufgabe beendet haben. In vielen Faellen lösen Verhaftungen Kettenreaktionen aus — jeder Beschuldigte zieht andere mit sich und öffnet neue Perspektiven für die Anklage. Handelt es sich um “grosse Kanonen”, so leitet Oberstaa tsanwa 11 Schüle in eigener Person die Verhaftungen - manche der Beschuldigten leben unter falschem Namen als angesehene Bürger, nicht selten in prominenten Stellungen -; seine Erfahrungen können zwar noch nicht veröffentlicht werden, aber eines Tages dürften sie zu den spannendsten “thrillers” zaehlen. Es ist unvermeidlich, dass unser Gespraech sich der immer wiederke hrenden Frage zuwendet, wieviele Deutsche mehr oder weniger aktiv am Massenmord beteiligt waren und die Zahl von 80.000 dürfte die akkurateste Schaetzung sein. Als ich das Thema von den Millionen Veutschen Soldaten. in Polen und Russland anschneide, klingelt der Oberstaatsanwalt nach seiner Sekretaerin und bittet sie um ein bestimmtes Aktenstück. Statt einer Antwort, nimmt er die Abschriften zweier Briefe heraus. Der erste ist ein Schreiben des Oberbefehlshabers im Grenzabschnitt Süd, Generals der Infanterie Ulex, vom 2. Februar 1940, an den Oberbefehlshaber Ost, General Blaskowitz, in dem es u. a. heisst: “Die sich gerade in letzter Zeit anhaeufenden Gewalttaten der polizeilichen Kraefte zeigen einen ganz unbegreiflichen Mangel menschlichen und sittlichen Empfindens, sodass man geradezu von Vertierung sprechen kann... Den einzigen Ausweg aus diesem unwürdigen, die Ehre des ganzen deutschen Volkes befleckenden Zustand sehe ich darin, dass die gesamten ¡Polizeiverb a e n d e einschliesslich ihrer saemtlichen höheren Führer, welche ¡diesen Gewalttaten seit Monaten Zusehen, mit einem Schlag abgelöst werden und dass intakte, ehrliebende Verbaende an ihre Stelle treten”. Vier Tage darauf, sandte General Blaskowitz eine Denkschrift an Hitler über den Mord an 10.000 Juden: “...Der schlimmste Schaden jedoch, der dem deutschen Volkskörper aus den augenblicklichen Zustaenden erwachsen wird, ist die masslose Verrohung und sittliche Verkommenheit, die sich in kürzester Zeit wie eine Seuche ausbreiten wird. Wenn hohe Amtspersonen der SS und Polizei Gewalttaten und Brutalitaet verlangen und sie in der Oeffentlichkeit belobigen, dann regiert in kürzester Zeit nur noch der Gewälttaetige. Ueberraschend schnell finden sich Gleichgesinnte und charakterlich Angekraenkeite zusammen, um, wie es in Polen der Fall ist, ihre tierischen und pathologischen Instinkte auszutoben... Die einzige Möglichkeit, sich dieser Seuche zu erwehren, besteht darin, die Schuldigen und ihren Anhang schleunigst der militaerischen Führung und Gerichtsbarkeit zu unterstellen”. Die Einstellung der Armee zur SS und Polizei, so fügte er hinzu, “schwankt zwischen Abscheu und Hass”. Eine Sekretaerin bringt die Morgenzeitungen. Der Oberstaatsanwalt zeigt auf die Schlagzeilen vom “Einsatzgruppen-Pro z e s s”, der jetzt in Dortmund stattfindet. Auch dieses Verfahren, gegen den ehemaligen Leiter der Staatspolizeistelle Tilsit, Dr. Hermann Jahr und seine beiden Assistenten, ist das Resultat von Ermittlungei der Zentrale. Zu Beginn naechsten Jahres werden eine grosse Anzahl weiterer Faelle vor Gericht kommen. (Fortsetzung Seite 8)