Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1961-08-01 · 8 (Agosto, 1961) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIII (1961)
Issue
8 (Agosto, 1961)
Date
1961-08-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8553624-8558034-9194485--3218-8558206
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6 BOLETIN INFORMATIVO Agosto 1961 EINE DEUTSCHE STIMME: DIE WIRKUNG DES EICHMANN-PROZESSES Der Sonderberichterstatter der "Zeit” berichtet in diesem, Artikel nicht aus dem Gerichtssaal in Jerusalem. Nachdem er wochenlang in Dutzenden von Sitzungen den Fortgang des Prozesses beobachtet und aufgezeichnet hat, ist er vor kurzem nach Deutschland zurückgekehrt Was er mitbringt, ist nicht nur die Kenntnis dieses Verfahrens in allen seinen Einzelheiten, sondern es ist auch eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen, die sich auf die Wirkungen des Eichmann- PrtN’.esses in Israel beziehen. Seine Aufzeichnungen münden in die Frage, welches den überhaupt — auch für die Bundesrepublik — die Konsequenzen dieser Gerichtsverhandlung sein koennen, die so viel Leid aufs neue aufwuehlt. Was ich erwartet hatte, als ich vor zehn Wochen in Israel eintraf, war dies: Hass leidenschaftliche Empörung mindestens kalte Ablehnung gegenüber allem Deutschen — eine Befürchtung, die wahrlich nicht unbegründet war. Denn nahezu ein Jahr lang — seit Eichmanns Gefangennahme im Mai 1960 — waren in aller Welt und vor allem in Israel die grauenhaften Erinnerungen an den versuchten Völkermord immer wieder heraufbeschworen worden. Wie sollte da jenes Volk, das gemordet wer den sollte, wie sollten da die Opfer, durch unsagbare Erlebnisse und sehr sichtbare Taetowierungen für ihr Leben gezeichnet und nur durch diesen oder jenen Zufall dem Gastod entronnen — wie sollten diese Menschen nicht in einen antideutschen Gefühlssturm geraten sein? Es schien unmöglich, und doch war es so: Fast nichts war zu spüren von antideutchen Ressentiments und schon gar nichts von rachlustgeschwaengerter Befriedigung angesichts der in diesem Prozess endlich vollzöge n e n Generalabrechnung mit dem Antisemitismus und dem Rassenwahn überhaupt Statt dessen: eine Vielfalt von Meinungen — darunter viele kritische Urteile — über Notwendigkeit, Zweckmaessigkeit und Legalitaet des Prozesses und schliesslich die Bereitschaft, mit jenen Deutschen, die aus diesem bitteren Anlass ins Land gekommen waren, zu reden, si“ als Individuen zu akzeptieren, sie nicht pauschal mit den Untaten der Vergangenheit zu identifizieren und sogar mit ihnen gemeinsam darüber naehzugrübeln, wie das Unfassliche überhaupt und ausgerechnet in Deutschland geschehen konnte. KEINE PAUSCHALEN URTEILE Dies schon ist ein erstaunliches Phaenomen. Handelt es sich bei diesem Verhalten auch vielleicht nicht gerade um eine Wirkung des Prozesses, so trat es doch unter dem Eindruck des Eichmann-Verfahrens um so deutlicher hervor und muss nun desto mehr gewürdigt werden. Es ist eine fast — so will es scheinen — über Menschenkraft gehende Fälligkeit vor allem der aelteren, der Opfer-Generation der Juden, alles persönlich erlittene Leid hintanzustellen und dies zugunsten der grösseren, mit Millionen Toten erkauften Erfahrung, vlass es faljsch, böse und gefaehrllch sei, die Menschen eines Volkes oder einer Gruppe nur wegen ihrer Volks- oder Gruppenzugehörigkeit pauschal zu verurteilen. Sie haben am eigenen Leibe erfahren, was das heisst: sie haben — so betrachtet scheint es ganz logisch — die^ Lektion gelernt, sie vergelten nicht mehr Gleiches mit Gleichem. Gibt es ein anderes historisches Beispiel dafür, dass ein Volk aus seiner Geschichte wirklich etwas lernte, so wie es in Israel der Fall ist und in einem Augenblick offenbar wurde, in dem es am wenigsten zu erwarten war? Lernen — ein Wort, das einem im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess in Israel oft und oft begegnet. Mitunter hat es nahezu den Anschein, als seien die Gefangennahme des “Juden-Erfassers” Eichmann und der Monstre-Prozess gegen ihn nur ins Werk gesetzt worden, um der Jugend Israel? Geschichtsunterricht am lebenden Objekt zu erteilen Das ist natürlich Unsinn, jedenfalls wurde Eichmann nicht zu diesem Zweck gefangen. Der Prozess hingegen — oder genauer: die Art, in der die Anklage zum Gesamtbild der Judenverfolgung ausgeweitet wurde — laesst keinen Zweifel daran zu, dass der Staat, der ja Anklaeger aber auch auf Rassenwahn zu jeglichem Ort zielt, zuvördest aber auf Belehrung, auf aber auf Belehrung, auf hautnahe Konfrontierung der eigenen Jugend mit der jüng sten Geschichte ihres Volkes. Ist das nötig? Müssen die jungen Israelis denn überhaupt über die gerade fünfzehn Jahre zurückliegende schrecklichste Epoche in der Geschichte ihres Volkes aufgeklaert und belehrt werden? Erstaunlich genug: es ist nötig i Nicht, dass die jungen Menschen in Israel nun überhaupt nichts über die braunen Jahre des Sterbens gewusst haetten; aber sie wussten — von der kleinen Gruppe speziell Interessierter abgesehen — nicht viel. Und vor allem, sie wollten’s nicht wissen. Sie wussten nicht viel well die Aelteren, die es miterlebt hatten, nicht oder nur (ungern darüber redeten. Die Reaktion ist auf der handelnden und der duldenden ©eite nahezu identisch: So wenig ehemalige deutsche NSDAP - Mitglieder und “Heir-Rufer ihren Kindern gern von jenen Tagen erzaehlen, da sie durch Tun oder Niehttun an jenem Barbarismus teilhatten, so wenig gern sprechen die Opfer dieser Barbarei von den Stunden, Tagen und Jahren Von ROBERT PENDORF ihrer schlimmsten Qual und ihrer bittersten Erniedrigung Ganz abgesehen davon, dass sie die Schatten jenes Schrei* kens nicht in die Seelen ihrer Kinder senken wollen. Die Generation der heute 17—30 jaehrigen, die in nicht allzuferner Zeit die “staatstragende” sein wird, hat ein Loch in ihrem Geschichtsbild, ein Loch, in dem nicht nur die Schreckenszeit, die der Name Eichmann kennzeichnet, sondern auch die übrigen 2000 Jahre juedischer Diaspora - Geschichte verschwunden sind. Diese Jugend, kaempferisch und rauhbeinig und gradlinig im- Denken, diese Generation von Kindesbeinen auf gewohnt, sich von niemandem etwas gefallen zu lassen, hat keine innere Möglichkeit, da? Schicksal ihrer Eltern und deren Bereitschaft, auch das Schrecklichste klag- und widerstandslos zu erdulden, zu begreifen oder zu verstehen Sie weigert sich sogar, diese bittere Vergangenheit zu akzeptieren. Sie lehnt sie ab Sie sucht sich ihre Vorbilder anderswo, durchwühlt den geschichtstraechtigen Boden dieses Landes nach handgreiflichen Zeugnissen jüdiseher Fruehgeschichte - Archaeologie ist ein israelisches Nationalh obby — und knüpft das eigene Leben quasi nahtlos bei Ba.’ Kochba an, dem jüdischer' “Staatspraesidenten” — besser Partisanenhaeüptling —, der um das Jahr 130 den letzten grossen Aufstand der Juden gegen die Römer führte. Die Lücke zwischen Bar Kochba und Ben Gurion zu füllen, 2000 Jahre Geschichte jüdischen Leidens und — daraus geboren - glanzvoller weltbewegender juedis eher Geistesleistungen ins Bewusstsein der Jugend zu he ben und am Beispiel der letzten, grausamsten Phase dieses Geschehens zu verdeutlichen, das war die wesent liehe Wirkung des Eichmann-Prozesses, die in dem kleinen, hart um seine Existenz ringenden Land angestrebt, erwartet, erhofft wurde. Was Geschichtbücher Akten, Archive nicht vermocht hatten, das sollte der Prozess mit seinen aufwühlenden Zeuge naussagen schaffen: eine Möglichkeit des nahezu unmittelbaren Nacherlebens. DAS INTERESSE IST GEWECKT Ob der Prozess freilich diese erwünschte Wirkung haben wird, ob er den Bruch zwischen den jungen Israelis und den aelteren Juden schliessen oder auch nur verringern kann, ist fraglich. Gewiss hat der Prozess zunaechst einmal das Interesse der Jugend geweckt. Sie hört hin. Sie ist — oft genug zum ersten Mal mit den Details des Grauens konfrontiert — zutiefst erschreckt und entsetzt. Zwar ist ihre bohrende Frage an die Aelteren: “Warum habt ihr euch schlachten lassen? Warum habt Ihr euch nicht gewehrt?“ leiser geworden aber die Antwort wurde noch nicht akzeptiert. Im Gegenteil: Die tief im Religiöser wurz elnde Leidensbereitschaft der europaeischen, insbesondere der osteuropaeischen Juden, die Faehigkeit, die Moses seinem Volk als Lebensnotwendigkeit aufzwang, Leid, Not und Qual als gottgegebene Prüfungen und Zeichen der Auserwaehltheit zu akzeptieren und in den eigenen Willen aufzunehmen, ist dem Wesen der heutigen israelischen Jugend völlig fremd und wird es bleiben. Immerhin aber hat der Prozess, für Junge wie für Alte, eines bereits bewirkt: Er hat einen tiefen, anders wohl kaum je erreichbaren Einblick in die Maschinerie eines totalen Gewaltstaate? gegeben, mit ihren schier unbegrenzten Möglichkeiten der Verführung, Verstrickung und Unterdrückung — auch des Staatsvolkes. Das ist eine auch für Israel nicht ganz unnütze Mahnung: und überdies hat dieser Einblick, so paradox es klingen mag. auch eine weitgehende Klaerung der Atmosphaere zwischen Juden und Deutschen zur Folge. Je weiter die Anklage in die unmenschlichen Tiefen der NS-Barbarei vordrang, ie mehr die Frage “Wie konnte das geschehen?” den nationalen Rahmen sprengte und sich als Menschheits-Problem offenbarte, desto mehr wich die Befangenheit, die bis dahin unangesprochen, aber doch spürbar zwischen Deutschen und Juden stand, und desto grösser wurde der — an sich schon nicht kleine — Kreis derjenigen, mit denen man ganz nüchtern, frei von Emotionen und Beklemmungen über alles das sprechen konnte. Nicht gesteigerte Deutschf eindl i c h k e i t, wie vielfach gefürchtet wurde, ist also das Ergebnis des Eiehmann-Prozess in Israel, sondern eher das Gegenteil: Gesteigertes Verstaendnir könnte man es nennen. Damit einher geht freilich auch ein gesteigertes Unverstaendnis — dafür naemlich. dass ln Westdeutschland in manchen Amtsstuben und hinter manchem Richtertisch noch Repraesentanten jener Epoche, die in Jerusalem vor Gericht steht, ir, Amt und Wuerden sind. Immer wieder lautet in Gespraechen eine Frage: Wie kommt es, dass ein Mann, dessen Name auf dem Kommentar zu den “Nürnberger Rassegesetzen” stand, noch heute ein hohes Staatsamt innehat? Dabei ist es ohne Belang, dass Globke persönlich integer ist und ein reines Gewissen hat. Wer — das zeigt sich in diesem Falle deutlich — im Kreise der Raeuber gelebt hat, und sei es auch nur zur Tarnung und aus bestem Wollen, der muss damit rechnen, dass die Frage nicht aufhören wird. Und die Wirkung ist dann fatal beileibe nicht nur in Israel; die dort versammelten Journalisten aus aller Welt empfinden nicht anders und si° sagen es nicht nur, sie schreiben es auch. WARUM ERST JETZT? Unmöglich aber ist es zu erklaeren, warum es fünfzehn und mehr Jahre gebraucht hat, bis endlich der Versuch unternommen wird gewisse Richter von ihren Sesseln zu nötigen; eine Verordnung, die ohne den Jerusalemer Prozess wohl bi? nach der Wahl liegengeblieben waere. ■ Noch ist es zu früh, über die Wirkung des Eichmann Prozesses in Deutschland zu schreiben. Eine Wirkung aber sollte er hoffentlich in unserem Lande haben: auch jene Wirkung, dass nun endlich die Reste des Schutts ausgeraeumt werden, die aus jenen Tagen hie und da im Gefüge unseres Staates haengengeblieben sind. (“Die Zeit”) - ELRY - Corsets — Mieder — Buestenhalter Feine Damen Perlon Waesche — Eigene Fabrikation — Moneda 858 Fono 30217 ANZEIGEN ANNAHME für das BOLETIN INFORMATIVO Nueva York 52 - Oí. 412 - Tel. 87765

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.