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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1961-06-01 · 6 (Junio, 1961) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIII (1961)
Issue
6 (Junio, 1961)
Date
1961-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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JUNIO 1961 BOLETIN INFORMATIVO 7 DER VERTEIDIGER EICHMANNS Allzu unbekuemmerte Argumente im grausigsten aller Prozesse VON ROBERT PENDORF Am 14. Juni vergangenen Jahres, um 14.40 Uhr, betrat der junge israelische Staatsanwalt Gavriel Bach die Zelle des Gefangenen Adolf Eichmann. Er hatte Briefe mitgebracht, von drei Anwaelten, einem chilenischen, einem amerikanischen und einem deutschen, Dr. Robert Servatius. Eichmann, sagte Bach, möge sich die Briefe durchlesen und sich überlegen, welchen Anwalt er wolle. Er könne sich damit beliebig viel Zeit lassen. Eichmann liess sich keine Zeit. Er entschied sich sogleich für Dr. Servatius und nannte auch die Gründe: Weil Stiefbruder Robert Eichmann ihn empfohlen und weil er schon “in einschaegigen Prozessen verteidigt” hatte. So wissen wir wenigstens, warum Eichmann diesen Verteidiger waehlte. Warum hingegen Servatius sich zu dieser Verteidigung entschlossen hat, wird vermutlich weiterhin ein Geheimnis des untersetzten Kölners bleiben: er hat 'zwar viele Gründe genannt — von “purer Neugier” ueber “Freude am Kampf” bis zu “weil es hier um mehr geht als nur um Eichmann” — aber keines dieser Motive erscheint wirklich überzeugend. Die Vermutungen, etwa Geld von interessierten Auftraggebern oder der Wunsch nach Publicity, das dementiert er in seinem rheinisch eingefaerbten Hochde u t s c h so entrüstet, dass man’s ihm fast glaubt. Ob .Servatius und Eichmann gut beraten waren, als sie einander waehlten, steht noch sehr dahin. Es gibt in diesem Prozess eine Menge Dinge, die der Verteidiger sagen kann und vielleicht auch sagen muss, die aber sehr taktvoll formuliert sein wollen, sollen sie nicht, zumal aus einem deutschen Mund, fatal klingen. Servatius sagt sie alle, ohne sich Sorgen um den Takt zu machen. Es kommt ihm gär nicht in den Sinn, dass irgendwer ihn missverstehen oder seine Worte gar übelnehmen könnte. Die Bevoelkerung hier tut beides. Nicht umsonst ist die Zahl der israelischen Leibwaechter, die mit überschweren Revolvern unter saloppen Pullovern über des Anwalts Sicherheit wachen, unlaengst auf drei erhoeht worden — ursprünglich war’s nur einer. Als ich Dr. Servatius zuletzt in seiner kleinen Pension am Stadtrand von Jerusalem besuchte — “die 20.000 Dollar vom Staat Israel sind bald alle, wir müssen bescheiden leben”—, war er gerade zum ersten Male bös ausgerutscht. Er hatte Eichmann, den Nachkriegseichmann, einen “friedlichen Bürger” genannt. Was er meinte, war klar; Anklaeger Hausner hatte argumentiert. Bestien wie Eichmann müssten zum Schutze der Menschheit abgeurteilt werden, wo immer man ihrer habhaft werde, so wie man es schenraeubern mache. Insoschenräübern mache. Insofern war der Hinweis, dass durch Eichmann seit Jahren niemandem mehr Gefahr d r o he, schon angebracht. Aber die Formulierung, Eichmann ein “friedlicher Bürger”, das war zuviel für die Israelis. Ich prophezeite Servatius höchst unerfreuliche Schlagzeilen für den nächsten Tag. Seine Reaktion: Ein verstaendnisloser, höchst erstaunter Blick —“warum soll ich denn dat nich sagen, et stimmt doch”. Dabei bietet er ein Bild fast fröhlicher Gelassenheit, nicht eine Sekunde ist ihm anzumerken, dass er einer unglaublich schweren, unlösbaren Aufgabe gegenübersteht. Er plaudert locker und gelöst, zitiert bei Bedarf deutsche und andere Klassiker seitenlang aus dem Gedaechtnis. Die freundlichen Haengebaeckchen sind von Schmunzelfalten durchzogen, die Augen lebhaft, die Bewegungen rasch, aber kontrolliert. Er wirkt unbekümmert, ist durch nichts aus der Fassung zu bringen, und bar jeglichen Zweifels an sich selbst. Die Unbekümmertheit, das wirklich phaenomenal solide Nervenkostüm sind vielleicht die bemerkenswertesten Eigenschaften dieses Mannes. Dass daneben noch eine gute Portion Haerte und der Wille, sich durchzusetzen in ihm sind, wird allenfalls im Gerichtssaal sichtbar. Da sitzt er, breit, mit aufgestützten Armen und grimmig herabgezogenen Mundwinkeln unter dem schweren, kantigen, von kurzem Grauhaar bedeckten Schaedel. Nach der Sitzung dagegen, wenn alle anderen mit dem Atem ringen, spielt er kindlich gelöst mit den Knöpfen eines Telephons oder sagt Ringelnatzverse auf. Mag sein, dass es dieses Naturell ist, dass ihn befaehigt, Eichmann und seinen Prozess ausschliesslich unter dem professionellen Aspekt zu sehen und jede noch so geringe Möglichkeit, die ihm Verfahrensordnung, gelegentliche Schwaechen der Anklage oder die Noblesse des Gerichts bieten, bis zum aeussersten auszunutzen. Ein Zeuge berichtet, als Mitglied einer zu Eichmann geladenen jüdischen Delegation höchst unsanft behandelt worden zu sein. Servatius, kühl: ob nicht das reservierte Verhalten der Juden gegenüber Eichmai n und seinem Stab Anlass ur i Ur sache der Uebergriffe gewesen sei? Ein anderer Zeuge, Professor Baron aus den USA, haelt e i n stundenlanges Kolleg über die Geschichte der Juden. Servatius könnte gegen diese Aussage, die mit Eich mann so gut wie nichts zu tun hat, Einspruch erheben. Aber er muckst sich nicht, kalt bucht er die Langeweile, die der Zeuge verbreitet, zu seinen Gunsten. Einspruch erhebt er erst spaeter bei den Schreckensberichten von Augenzeugen. Professor Baron laesst er ruhig ausreden, um dann trocken zu fragen, wie es denn zu erklären sei, dass Juden bei ihren Gastvölkern immerdar unbeliebt waren. Die etwas wirre Antwort nutzt er zu einem Ausflug in geschichtsphilosophische Gefilde: Ob denn das Wirken einzelner überhaupt Einfluss auf den Lauf der Historie habe? Professor Baron wirft einen Blick auf Eichmann und sagt “ja”. Darauf Servatius: Die Erfahrung lehre es anders. Das Wollen selbst machtvoller einzelner verkehre sich doch oft genug ins genaue Gegenteil, im vorliegenden Falle habe Hitler die Juden ausrotten wollen, statt dessen sei ein blühender jüdischer Staat entstanden. Nicht nur Zeuge Baron war sprachlos über diese forensische Variante des bittersten aller hiesigen Witze: Israel werde Hitler ein Denkmal errichten — Inschrift “Unser Her-Führer”. Das sind krasse Beispiele, die ihm zumal von der israelischen Presse als Arroganz und Selbstherrlichkeit vorgehalten werden. Vielleicht sind solche Vorwürfe nicht einmal gerechtfertigt. Er ist eben buchstaeblich unbekümmert und fest entschlossen, seinem Mandanten mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln von dem makabren Thron des Obersten Judenvernichters auf die kaum weniger düstere Ebene des kadavergehorsamen Befehlsausführers herunterzuholen. Und es scheint, dass er hierzu nicht nur eine juristische Möglichkeit sieht, sondern dass er auch von der sachlichen Berechtigung dieser seiner Mühen überzeugt ist. Am Abend der niederschmetternden Anklagerede Hausners, die das ganze Schreckensbild des Völkermordes und nicht nur Eichmanns Rolle umfasste, verliess allerdings auch den Dr. Servatius die gewohnte Gelassenheit. Noch eine ganze Zeit nachher war er für niemanden zu sprechen. Da zeigte sich, dass dieser Mann vielschichtiger ist als man denkt, dass seine Ungerührtheit doch Grenzen hat, dass er sich, freilich erst an der aeusserten Peripherie, der Grenzen bewusst wird, die einem deutschen Verteidiger in diesem Verfahren gesetzt sind. In diesen Faellen, aber nur in diesen, nutzt er das britische Verfahrensrecht nicht bis zum aeussersten aus. Doch sobald dieser aeussers t e Bereich menschlichen Leides verlassen ist, faengt er sich, gewinnt sofort seine Unbefangenheit zurück und käempft mit stupender Beharrlichkeit und bemerkenswertem Geschick um jedes Tüttelchen, das die Position seines Mandanten bessern könnte. (“Die Zeit”) DAS "DORF DER GHETTOKAEMPFER" Von Herbert Freeden (Jerusalem) “Als ich nach Treblinka zurueckkam, es war dies im Januar, einige Wochen nachdem ich durch die vorrueckenden russischen Truppen befreit wurde”, sagte ein Zeuge im Eichmann Prozess aus, “sah ich einen Anblick, der mir unvergesslich bleiben wird: Auf einem Gebiet, das sich ueber viele Kilometer erstreckte, waren hunderttausende von Koepfen, Knochen und Schuhen verstreut, darunter hunderttausende von Kinderschuhen. Ein Paar dieser Kinderschuhe habe ich aufgenommen und habe sie als Andenken bewahrt, denn ich wusste^ dass es mehr als eine Million solcher Schuhe auf den verschiedenen Totenfeldern gab und ich brachte dieses Paar Kinderschuhe, um es dem Gerichte zu zeigen...” Von Treblinka nach “Lochamei Hagetaoth”, dem “Dorf der Ghettokaempfer” in Israel; von den Totenfeldern, besäet mit Kinderschuhen, zu den Feldern des Dorfes, schwer von Weizen und und Gemuese; vom Gerichtssaal des Eichmann-Prozesses zu den Bergen des Westlichen Galil... Hier haben die Menschen, die ueber die Tragoedie der polnischen Judenheit ausgesagt haben, ihr Heim gefunden. Hier an der Strasse von Akko nach Nahariah ist der Kibbuz, in dem Jizchak Zuckermann und seine Frau Zivia, zwei Fuehrer der Revolte im Warschauer Ghetto, zu Hause sind. Am Eingang zum Kibbuz stehen zwei einfache Gebaeude. Sie gehoeren weder zum ueblichen Inventar landwirtschaftlicher Siedlungen noch sind sie etwa die Kinderhaeuser oder die Speisehalle oder das Kulturhaus. Sie beherbergen ein Museum, an Schauerlichkeit und Echtheit unuebertroffen, in dem di^ Siedler die Dokumente ihrer Vergangenheit gesammelt und niedergelegt haben. Und was die Ueberlebenden des Warschauer Ghettos und die Widerstandskaempfer aus den anderen Teilen Polens erlebt haben, enthaelt dieses Museum in Schrift und Bild. Wenn man aus seinen beiden Haeusern, gefuellt mit Indizien des Massenmordes und Dokumenten jenes grauenhaften Kapitels der Geschichte, heraustritt und man ploetzlich Weinberge und Orangenhaine vor sich sieht und die Gaerten, die sich um die Haueser der Siedlung ranken, in einem Farbenspektrum von Blumen und sanften Gruen; wenn man das Lachen von spielenden Kindern hoert und das Geraeusch der Traktoren, die die Felder bearbeiten, dann glaubt man aus einem Albdruck zu erwachen. Hier spielt sich das neue Leben der Menschen ab, die John Hersey in seinem erschuetternden Buch “die Mauer” beschreibt, jener die sich in die Freiheit retten konnten, jener, die jahrelang in den Waeldern Polens hausten und Seite an Seite mit den Partisanen Polens gefochten haben: hier sind die Ueberlebenden der Todeslager und Ghettos. Es ist Jizchak Zukkermann, der unter dem legendaeren Namen Antek ein Kommandant der Ghettokaempfer war; seine Frau, nun Mutter zweier Kinder, die, als sie noch Zivia Lubetkin hiess, zu dem fuenfkoepfigen Obersten Befehlsrat der Ghetto-revolte gehoerte. Da gibt es weiter Jako Schurek, der mit Antek zusammen aus dem Ghetto entkam; Stephan Grajek, einer der 35, die bis zum letzten Augenblick das Hauptquartier der Revolte hielten; Schwester Ljuba Gewisser, die den unterirdischen Weg aus dem Ghetto Warschau in die Waelder Polens offen zu halten half. Der Kibbuz wurde vor 16 Jahren auf 400 ha von KKL Land gegruendet, und seitdem haben verschiedene Jugendgruppen aus Irak, Marokko und Rumaenien sich den 170 Gruendersiedlern angeschlossen. Quer durch seine Felder laeuft ein Aequadukt aus der roemischen Zeit, dessen feste Steinboegen die Jahr hunderte ueberdauert haben. Aus den Hölzbaracken der Anfangszeit sind komfortable Steinhaeuser gewor- (Fortsetzung Seite 8) 7l/|7VGBnr mtitrAüßm.

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