Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIII (1961)
- Issue
- 4 (Abril, 1961)
- Date
- 1961-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 BOLETIN INFORMATIVO Abril 1961 DAS LEERE HAUS Prosa juedischer Dichter Von Thomas Terry r/ DIE FREIHEITSSTRASSE Edmond Michelet Europa Kontakt Gesellschaft — 272 Seiten — 1960 “Das leere Haus” ist das Heim, aus dem unter der nationalsozialistischen Herrschaft die juedischen deutschen Dichter vertrieben wurden. Das Haus ist seither nicht wieder bezogen worden, die Wunden, die die blutige Tat schlug, sind noch nicht vernarbt und werden es wohl nie mehr ganz tun. Aber jede Bemuehung um Linderung muss dankbar begruesst werden als ein Beitrag zur Versoehnung. Um einen solchen handelt es sich auch bei dem von Karl Otten herausgegebenen Sammelband. Im Nachwort schreibt der Herausgeber, der sich schon einen Namen gemacht hat durch seine beiden gewichtigen Anthologien “Ahnung und Aufbruch” und “Schrei und Bekenntnis”, die wesentlich zur Vergegenwaertigung des deutschen literarischen Expressionismus beigetragen haben: “Dieses Buch nun soll als eine Art geistiger Wiedergutmachung die Wiederkehr einiger juedischer Repraesentanten des deutschen geistigen Lebens und Schaffens aus dem Nebel totalen Vergessens in die ihnen rechtens zustehende Heimat vorbereiten, die zu Lebzeiten der Vergessenen bereits, allzu wenig Zeit hatte, sich ihrer anzunehmen”. Otten hat den dicken Band sorgfaeltig betreut und ausser dem praegnanten Nachwort dokumentarisch wertvolle biographische und bibliographische Hinweise beigesteuert. Die Lektuere dieser Prosastuecke laesst erkennen, um welch bedeutendes geistiges Gut sich Deutschland durch die Vertreibung seiner juedischen Dichter gebracht hat. Den hier praesenten Dichtern: Paul Adler, Ernst Blass, Albert Ehrenstein, Efraim Frisch, Gertrud Kolmar, Paul Kornfeld, Simon Kronberg und Ernst Weiss, von denen nur Blass eines natuerlichen Todes in der Heimat gestorben ist, waehrend die andern die Bitternis der Flucht und des Exils oder gar (wie Gertrud Kolmar und Paul Kornfeld) den Maertyrertod im Konzentrationslager erlitten haben, diesen Dichtern eignet bei aller Individualitaet nicht bloss die Gemeinsamkeit ihres juedischen Schicksals, sondern auch die echte schoepferische Leistung. Die an sich so verschiedenartigen Dichtungen des vorliegenden Bandes fasst Otten unter einem Gesichtspunkt zusammen: “In all den hier gesammelten Dichtungen ist Spannung identisch mit Intensitaet der Gefuehls- und Symbolwelt des Dichters und nicht mit dem gewaltsamen Versuch, durch immer neue, von aussen herangetragene Handlungsimpulse Spannung zu erregen und den Handlungsknoten zu zerhauen”. Karl Ottens Auswahl der Dichtungen, die vorwiegend dem expressio nistischen Bannkreis entstammen (und damit einen wesentlichen Aspekt dieser .wiederentdeckten literarischen und geistigen Bewegung erhellen), stellt hohe Ansprueche an den Leser. Ausser den erstmals veroeffentlichten Novellen “Susanna” von Gertrud Kolmar und “Der Blinde” von Ernst Blass finden wir beispielsweise die beiden Kurzromane “Naemlich” und “Die Zauberfloete” von Paul Adler, die irgendwie an Kafkas Welt erinnernde “Legende” von Paul Kornfeld (der sechs Jahre nach dem Dichter des “Prozess” ebenfalls in Prag geboren wurde), und mit besonderem Nachdruck ist auf die grossartige Dichtung “Zenobi” von Efraim Frisch hinzuweisen. Diese juedischen Dichter ahnten, schreibt Otten, “dass am Beginn oder Ende der Zeit des Verfalls unserer Kultur , das Schicksal gerade sie, die Juden, ausersehen habe, um sie als Blutzeugen und Maertyrer zu verewigen. Wir erkennen daher in dem juedischen Dichter ein zweifaches Mass von Angst, eine zweifache Vision vom allgemeinen Leid und dem besonderen, seiner harrenden Leid. Die juedischen Dichter entledigten sich ihrer Aufgabe, Mahner und Kuender der Zeit zu sein, durch eine Neugestaltung des Stils der Prosa wie der Dichtung; die einen, wie etwa Ehrenstein und Adler, mit bitterem Sarkasmus, mit gluehenden Vorhersagen und Warnungen an' die Maechtig- Ohnmaechtigen dieser Erde; die andern mit der stillen, gegen das Selbst gerichteten Wehmut und sanften Ironie, wie sie in dem Meisterwerk Efraim Frischs, “Zenobi”, waltet”. Karl Ottens Anthologie der Prosa juedischer Dichter ist mehr als eine konservierende, literarhistorische Tat. Sie ist ein Akt geistiger Vergegenwaertigung und gleichzeitig eine Mahnung angesichts des leerstehenden Hauses: “Das Haus bleibt auf ewig leer, da es nie wieder von juedischen Dichtern deutscher Sprache bewohnt sein wird, die, heimatlos von Natur und Bestimmung, um seine zitternden Mauern geistern werden bis an das Ende aller Geschichte”. Sie ist darueber hinaus aber auch ein Dokument des schoepferischen juedischen Genius, der hier einen unverwechselbaren Ausdruck gefunden hat. (National-Zeitung, Basel) Das leere Haus. Prosa juedischer Dichter. Herausgegeben von Karl Otten. 648 Seiten. Cotta, Stuttgart. 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des “Tausendjaehrigen Reiches” erschien in deutscher Sprache das oben genannte Buch, welches in Frankreich bereits 5 Jahre frueher veroeffentlieht wurde Der Autor, eine hervorragende Persoenlichkeit im politischen Leben der “Vierten Republik”, hat als Widerstandskaempfer die Hoelle der deutchen Konzentrationslager durchmachen muessen und aus den Zeilen seines Buches steht noch einmal jene furchtbare Zeit vor uns auf, mit ihren unfassbaren Erniedrigungen, ebenso aber auch mit den leuchtenden Beispielen edelsten Menschentums, das dort und damals bewiesen wurde. Nach all dem Vorausgesagten ist es um so bewundernswerter, dass dieses Buch den Geist der Versoehn lichkeit atmet. Nicht das Vergessen der Vergangenheit sondern eine Bewaeltigung derselben um einen gemeinsamen neuen Anfang zu finden, das ist es, worauf es dem Verfasser ankommt. Das Buch behandelt in erster Linie die Zeit der Inhaftierung des Autors im Lager Dachau waehrend der Jahre 1943-1945. Zum Unterschied zu den Vernichtungslagern wo das NS-Regime die “Endloesung” der Judenfrage anstrebte, waren in Dachau in jenen Jahren in erster Linie politische Haeftlinge interniert. Der Kontakt des Verfassers mit der spezifisch juedischen Problematik dieser Zeit ist demgottlosen Welt im Dialog Mit Gott zu leben und eine gerechte menschliche Ordnung vor dein Angesicht Gottes zu verwirklichen getreu dem alten biblischen Gebot: Liebe deinen Naechsten, er ist wie du. Aller man moege dies so nuechtern wie nur moeglich sehen und sich davor hueten, dem Volke Israel durch eine schwaermerische Ueberschaetzung ebenso Unrecht zu tun, wie man es sonst durch eine fuerchterliche Untersehaetzung getan hatte. Vielleicht ist, wie schon gesagt, gerade Israels Weltlichkeit von religioeser Bedeutung, seine Bindung an den Boden, sein Ringen um die Erloesung der Wueste, sein ’ Kampf um die Beschaffung von Wasser, sein grosses soziologisches Programm. Wenn auch Ben Gurion angesichts der politisch und wirtschaftlich oft verzweifelt ernsten Lage des entsprechend gering und findet daher auch wenig Niederschlag in seinem Erlebnisbericht. Aber vielleicht gerade darum ist dieses Buch fuer uns besonders interessant. Denn ueber dem unsaeglichen Leid, das die Jahre 1933-1945 ueber uns gebracht haben, vergessen wir nur allzu oft, dass der Nationalsozialismus nicht nur darum boese war, weil er die Vernchtung des Judentums anstrebte, sondern das dieser bis zur aeussersten Konsequenz gefuehrte Antisemitismus nur eine Faszette ei n e r Lebensanschauung ist, die fuer die grundsaetzliche Verneinung aller abendlaendischen Werte steht, ganz gleich ob diese sich antisemitisch aeussert oder nicht, ob sie als Nationalsozialismus, Faschismus oder Sowjetkommunismus auftritt, ob ihre fuehr e n den Persoenlichkeiten Hitler oder Mussolini, Franco1 oder Trujilo, Castro, Mao Tse-tung oder Nasser heissen. Noch etwas anderes wird uns aus diesem Buch immer wieder klar. Naemlich, dass der Nihilismus dessen letzte, fuerchterlichste Konsequenz das Grauen der Konzentrationslager darstellt, eine allgemeine Zeitkrankheit, ist, das aeusserste Extrem der “Malaise des XX Jahrhunderts”, gegen die kein Volk immun ist. Dass der durch diese grundsaetzliche Lebensauffassung entstehende Riss nicht vor den Landesgrenzen Halt macht, sondern mitten durch die Voelker geht, wird Landes mit Recht geaeussert hat: “In diesem Lande ist Realist, wer an Wunder glaubt”, so sollteman doch auch jenes andere Wort eines unbekannten Israeli daneben hoeren: “Aber Sie ahnen nicht, wie schwer es ist, Wunder zu organisieren”. Hier geschehen keine Mirakel, und das heutige Israel ist durchaus kein mystisches Phaenomen, keine eschatologische Groesse. Mit seinen sehr diesseitigen Problemen und in seiner religioesen Krisis spiegelt es vielmehr unsere eigenen Probleme und Krisen — wenn auch in einer zugespitzten radikalen Situation. Das hier die Praktizierung von Gerechtigkeit den Vorzug hat vor der Theologisierung der menschlichen Existenz, koennte fuer den christlichen Beobachter Anlass zur Selbstbesinnung sein und zur Pruefung seines eigenen christlichen Lebens. Es fragt sich naemlich, ob Isuns mehr als einmal deutlich, insbesondere in der Anerkennung, mit welcher der Autor von seinen deutschen Mitgefangenen spricht von denjenigen Menschen, die sich unter ungleich schwereren Bedingungen und praktisch ohne Hoffnung auf Erfolg gegen das Regime stellten. Kontrastierend dazu die Szenen, in denen Michelet seine Begegnung im Lager mit den Anhaengern des Marschall Petain schildert. Diese Seiten gehoeren vielleicht zu den erschuetterndsten des Buches. Irgendwie erinnern sie an George Orwell’s “Animal Farm”. De deutschen Ausgabe geht ein Geleitwort von Bundeskanzler Dr. Adenauer voraus. Im letzten Absatz dieses Vorworts spricht Dr. Adenauer davon, dass der Verfasser "...noch an der aeussersten Grenze menschlicher Entwuerdigung durch Menschen von dem Tag zu sprechen imstande war, an dem Frankreich und Deutschland sich endlich versoehnt haben werden”. Wir moechten diese Worte noch etwas erweitern und hoffen, dass das vorliegende Buch denen, die nicht sehen wollen, die Gefahr der ueberall latent vorhandenen nihilistischen Stroemung e n erneut ins Bewusstsein rufen moege und ein Mahnmal fuer diejenigen sein soll, die in der Stunde groesster Erniedrigung die Kraft fanden, ueber sich selbst hinauszuwachsen. H. E. rael in seinen Bemuehungen um Gerechtigkeit und Naeohstenliebe dem Nazarener nicht womoeglich naeher ist als weithin die Christenheit, die zwar eine imponierende Theologie entwikkelt hat, auf die sie sehr stolz sein kann, die es aber an der Imitatio, an der Nachfolge Christi fehlen laesst. An den Geist der Imitatio Christi appellierte am Ende eines abendlichen Gespraeches in Jerusalem mein juedischer Gespraechspartner, indem er sein Glass mit Wein vom Berge Karmel hob und sagte: “Also auf die Imitatio Christi!”. Es geschah nicht aus Hoeflichkeit, es war einfach die Aufforderung an den Christen, wirklich christlich zu sein im Sinne jenes Juden und Christen gemeinsamen Wortes: “Liebe deinen Naechsten wie dich selbst”. Es war die Aufforderung, fuer den Frieden zu wirken. ./T'- a BEGEGNUNG MIT ISRAEL (Schluss von Seite 5)