Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIII (1961)
- Issue
- 1 (Enero, 1961)
- Date
- 1961-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Enero 1961 BOLETIN INFORMATIVO 11 BUCHBESPRECHUNGEN "Joseph Carlebach und seine Generation" Von Rabbi Naphtali Carlebach. New York 1959, durch "Joseph Carlebach Memorial Foundation Inc." Wir leben in der Zeit der Autobiographieen und Tagebuecher, nach, deren Lektuere der Leser sich oft verwundert fragt, warum gerade dieses Buch geschrieben wurde. Wer aber diese Biographie liest, ist dem Verfasser dankbar dafuer. Er hat es verstanden, die Gestalt dieses grossen Rabbiners, Lehrers, Gelehrten und Menschen in lebendiger und erregender Darstellung dem Vergessen zu entreissen. Gewiss, wer Joseph Carlebach auch nur einmal in seinem Leben begegnet ist, kann seine durchdringenden und doch guetigen Augen nicht vergessen. Seine Gestalt ragt aus dem untergehenden Judentum in Deutsch- | land hervor. i Im Jahre 1883 als Sohn des 1 Luebecker Raws Salomon j Carlebach geboren, empfing er zusammen mit seinen 11 Geschwistern die Erziehung j eines gesetzestreuen Eltern- { hauses. Die Ernennung zum Oberrabbiner von Hamburg im Jahre 1935 ist der Hoehepunkt ein s vielseitigen interessanten Lebens als Rabbiner und Lehrer. Da er sich als treuer Hirte seiner Gemeinde von ihr in der Zeit der Not nicht trennen will, erleidet er am 26. Maerz 1942 zusammen mit seiner Frau und vier Kindern in Riga den Maertyrertod. In dieser lebendig geschriebenen Biographie erleben wir die Geschichte des untergehenden Judentums in Deutschland noch einmal mit, die in ihren Hoehepunkten von Persoenlichkeiten wie Joseph Carlebach an fuehrender Stelle mitgestaltet worden ist. Wir sind dem Verfasser, einem Bruder des teuren Verewigten, ehrlich dankbar fuer dieses schoene wenn auch traurig stimmende Denkmal, das er dem kaempferischen und gueügen Hamburger Raw Joseph Carlebach gesetzt hat. In der Liste seiner Schriften fehlt der in dem Sammelwerk, “Hygiene und Judentum” veroeffentlichte Artikel: Religionsgesetz oder hygienische Vorschrift?”. Rabb. E. I. Loewenstein BRIEFE AN MEINEN GOTT DAGOBERT D. RUNES PHILOSOPHICAL LIBRARRY INC. NEW YORK Unter obigem Titel veroeffentlichte der bekannten Schriftsteller einen weiteren Band seiner in den U. S. A. recht bekannten “Briefe”. In vergangenen Jahren hatten seine “Briefe an meinen Sohn” und “Briefe an meine Tochter” bei ihren Lesern nachhaltenden Eindruck hinterlassen. In diesem neuen Buechlein singt der Autor Hymnen an die Vielgestaltigkeit Gottes, Hymnen, die in Sprache und Ausdruck an die Psalmen erinnern. Ganz gleich, ob Runes uns von dem Herrn der Schoepfung, dem gerechten Richter, dem Allmaechtigen, dem Gnadenvollen oder dem Ewigwaehrenden spricht, findet er Worte, die in jedes Menschen Herz und Verstand eindringen. C. I. “DIE BRUECKE” Die kuerzlich abgehaltene “Woche des deutschen Films” zwang uns —sehr zu unserer Freude— unsere Meinung über das deutsche Filmschaffen einer gruendlichen Revision zu unterziehen. Wir waren bis dahin ue-- berzeugt gewesen, dass der deutsche Film das “Wirtschaftswunder” durch ein “Filmwunder” quasi noch in den Schatten stellen wollte. Richtig, es gab den einen oder anderen hochwertigen Film, aber es schien als ob dies mehr die Ausnahme als die Regel waere. Die Filmwoche hat uns eines Besseren belehrt und besonders einer der dort gezeigten Streifen, “Die Bruecke”, hat uns zutiefst erschuettert. Die Bruecke ist kein Spielfilm, sondern ein Dokument. E i n “J’accuse”, ein erschuetterndes, grauenhaftes Dokument der Anklage gegen Alle, die junge, unerfahrene Menschen verfuehren wollen sich fuer Ideale zu opfern, die keine sind. Eine gerade Linie fuehrt von “Im Westen nichst Neues” zu der “Bruecke”, eine Linie kompromisslosen Anstands und aufrechter Gesinnung. Die Handlung ist einfach. In den letzten Kriegstagen wird noch einmal eine Anzahl Jugendlicher Kinder von 15-16 Jahren eingezogen, um dem unaufhaltsamen Vordringen der amerikanischen Truppen entgegengeworfen zu werden. Fuer diese Jungen, in einer bisher vom Krieg kaum berührten Gegend, ist dies ein froehliches Indianerspiel und waehrend sich die Welt, in der sie wurzelten, aufloest und in Truemmer faellt, stehen sie auf verlorenem Posten, werden vernichtet, erleben das Schicksal, ohne es zu begreifen. Der Kampf dieser Kinder, die nicht verstehen was um sie herum vergeht, bringt noch einmal Feuer und Vernichtung auf ihre Heimat. Der Rest ist Schweigen — das Schweigen des Todes. Vom ersten Augenblick an zieht uns dieser Film in sei- Bei der Industrie bestens eingeführte VERTRETERFIRMA technischer Artikel mit Büro und Auslieferungslager im Zentrum übernimmt Vertretung von Bedarfsartikeln für die Industrie. Angebote an: "Serioes" — Clasificador 567 MOSES MENDELSSOHN UND SEINE ERBEN (Zum 175. Todestage des Philosophen). Am 4. Januar des neuen bürgerlichen Jahres 1961 sind 175 Jahre seit dem Tode von Moses Mendelssohn vergangen, mit dessen Leben und Wirken sich jede neue Epoche aufs neue auseinandersetzen muss, denn mit diesem “dritten Mosche” —nach Mosche Rabenu, unserem groessten aller Lehrer und nach Rabbi Mosche ben Mai- Mon (Maimonides) — ging neues Licht ueber Israel auf, mit diesem Sohne eines armen Thoraschreibers zu Dessau, der als 14-jaehriger Junge nach Berlin gokommen war mit keinem anderen Wunsche als dem, “zu lernen”. Mit dieser Sehnsucht im Herzen hatte sich der aermliche, etwas verwachsene, Knabe im Jahre 1743 Einlass in diese Stadt verschafft, in der er ein neues juedisches Heiligtum zu errichten berufen war. Es duerfte allgemein bekannt sein, dass der Juengling, der als Buchhalter begonnen, schon frueh den gleichaltrigen Lessing kennenlernte, der ihn in die grosse Oeffentlichkeit einfuehrte. Dann, als Mendelssohn eine Hamburgerin aus gutem juedischen Hause geheiratet hatte, konnte er sich eine Staette echten Fami— lienglueckes und schoenster Geselligkeit schaffen. Baid war seine erste grosse Schrift “Phaedon” (1767) das Buch der Zeit geworden, das die tiefsten philosophischen Probleme und schwierigsten Gedanken in anmutiger Form dem Verstaendnis der gebildeten Welt jener Epoche naeherbrachte. Die angesehensten Gelehrten hatten nunmehr den Wunsch, mit diesem Manne zusammenzutreffen. Die Juden, damals noch gewohnt, als .der europaeischen Kultur widerstrebende, nicht vollwertige Menschen zu gelten, standen geblendet, so sägt ein Historiker, vor dem Lichte, das so unerwartet in die Nacht ihres Daseins eingebrochen war, und fuehlten die Ketten der Unterdrückung zerbrechen. Ein Kreis edler, gleichgesinnter, iuedischen Freunde, sammelte sich um den Beruehmtgewordenen. christliche und iuedische Wissenschafter fanden sich zusammen in dem patriarchalischen Frieden seines Hauses, wo ein beschaulicher Gedank enaustausch gepflegt wurde. Wohlwollende nichtjuedische Bewunderer Mendelssohns, u. a. Lavater, konnten aber dessen treues Verharren im Judentum nicht verstehen und wetteiferten darin, ihm zum christlichen Glauben hinueberzuziehen. Doch mit Ernst und Wuerde trat Mendelssohn solchen Bemuehungen entgegen. Seine echte Religiositaet floesste der Gegenseite Hochachtung ein, wozu seine Berufung in die “Koenigliche Akademie der Wissenschaften” beitrug. Nach dem Worte der Thora “Als Mosche erwachsen war, ging er zu seinen Bruedern hinaus” fasste Mendelssohn mit genialem Griffe dort zu, wo den Juden ein Wesentliches entrissen worden war, naemlich die Sprache des Landes, in welchem sie seit unvordenklichen Zeiten lebten. Der immer verhoehnte Jude schreckte vor der Sprache der Umwelt zurueck, doch Mendelssohn machte ihm klar, dass Judentum und Zeitbildung keine Gegensaetze seien. Seinen Stammes¬ und Glaubensgenossen eine Bruecke zur Weltkultur bauend, begann er im Jahre 1778, die Thora ins Deutsche zu uebersetzen. Fuenf Jahre danach vereinigte sich zum ersten Male die deutsche Schriftsprache mit den heiligen Lauten des Hebraeischen. Es wurde eine grosse Tat, die Voraussetzung fuer den Gebrauch der Landessprache und fuer die Teilnahme an der Bildung der Umwelt, wenn auch von bedeutsamer rabbinischer Seite aus religioesen Erwaegungen heraus ein heftiger widerstand gegen die Mendelssohnsche Bibeluebersetzung entstanden war. Bald wollte die neue Generation sich in “Mose Dessau’s Deusch” ausdruekken, sich mit der herrlichen Psalmenuebersetzung und den uebrigen Schriften des Denkers beschaeftigen; ein heftiger Kampf entbrannte fuer und wider. In seinem Werde “Jerusalem” hat Mendelssohn seine religioese Auffassung klargelegt, drei Jahre vor s°inem Todesjahre, das auch dasjenige seines Landesvaters Friedrich II war. nen Bann und laesst uns nicht mehr los. Fuer uns war der Hoehepunkt der Moment, in welchem sich der bisherige Lehrer, der die Sinnlosigkeit des Mordes eingesehen hat, mit dem Kompagniechef der eingezogenen Jugendlichen auseinandersetzt, fuer die ihm anvertraute Jugend bittet und die vernichtende Antwort erhaelt: “...Ich habe mit diesen Kindern gesprochen. Sie sind Idealisten und glauben an das, was Sie sie gelehrt haben”. In diesem Satz liegt der Schluessel zur Tragik dieses Films. Zur Tragik einer verlorenen Generation die an Ideale glaubte, die ihnen Schule und Elternhaus uebermittelten und zu spaet erkannte, dass ihre Goetter auf toenernen Fuessen standen. Es handelt sich nicht etwa um einen Nachkriegsstreifen, sondern um einen Film der im Deutschland des Wirtschaftswunders und der Bundeswehr gedreht wurde. Dies ist vielleicht das Bemerkenswerteste an ihm. Die Tatsache, dass in eben diesem Deustchland ein solcher Film mit unerhoertem Erfolg laufen kdnnte laesst auf eine tiefgehende Besinnung im d e u t sehen Volkscharakter hoffen, auf endgueltiges Ueberwinden des “Furor Teutonicus”, der so oft so viel Unheil ueber die Welt gebracht hat. H. E. Was er nicht vorausahnte, war die Epoche des Abfalls, die mit der Gewaehrung groesserer staatlicher Freiheiten einsetzte. Kaum war 1812 den Juden Preussens das Buergerrecht zuerkannt, als viele der Nachkommen der einstigen staedtischen “Schutzjuden” ihr Judentum Preisgaben. Mendelssohn selbst vermochte die eigenen Kinder nicht vor der Flucht aus dem Judentum zu bewahren. Vielleicht hatte er einen Fehler dadurch begangen, dass er das Historische, die volks— und schicksalsmaessige Verbundenheit der Juden in ihrer Gesamtheit, nicht in ihrer vollen Bedeutung erkannt, die treue Befolgung der religionsgesetzlichen Vorschriften allein als ausreichend betrachtet hatte. Seine aelteste Tochter Dorothea, zunaechst protestantisch, dann katholisch getauft, verliess als Erste die juedische Gemeinschaft. Der Sohn Abraham stand nicht lange zurueck und liess seinen 13— jaehrigen Felix, den nachmaligen beruehmten Komponisten, dem Christentum zufuehren. So ging die Familie des grosen Mendelssohn dem Judentum verloren, des Mannes, der dieses in eine neue Zeit hinueberretten wollte, der ein stolzer Jude war, aber die eigenen Kinder nicht vor Treulosigkeit gegen Volk und Lehre bewahren konnte, jene Lehre, die er durch seine Uebertragung so sehr verherrlicht hatte. Es ist eine Ironie des Schicksals und eine traurige Tatsache, dass des beruehmten Komponisten Mendelssohn - Bartholdy Urenkelin, die grosse Berliner Staatsschauspielerin Eleonora trotz ihres Christentums und trotz der darueber vergangenen fuenf Generationen, von den Nazis vertrieben wurde und vor etwa zehn Jahren in New York freiwillig ihrem Leben ein Ende bereitete, weil sie sich seelisch nicht mehr zurechtfand. Am Schluss der “Zweiten Weltkonferenz fuer religioesfortschrittliches Judentum” zu Berlin, im August 1928, wies Rabbiner Dr. Leo Baeck s. A. darauf hin, dass man sich im Hause Leipzigerstrasse 3 befaende. (Preuss. Herrenhaus von einst.) In dieser Staette stand einmal das Wohnhaus der Familie Mendelssohn, wo Abraham, des grossen Moses Sohn, und seine Familie ein geselliges, schoengeistiges, Leben gefuehrt hatten, “frei von Belastung mit Judentum”. Alles Juedische war dort ausgemerzt; damals, um 1810-20, schwebte die Emanzipation den Juden als hoechstes Ideal vor; dies darf ebenso wenig vergessen werden wie Moses Mendelssohns unster bliche Verdienste um seine juedischen Glaubensbrueder. Als er starb, war er nur 57 Jahre alt; das Positive seiner Lebensleistung ragt hinein bis in unsere moderne Zeit. Curt wilk.