Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1960)
- Date
- 1960-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 BOLETIN INFORMATIVO Septiembre I960 Am Erew Rosch Haschana in Mainz Im vorigen Jahre war ich an den Herbstfeiertagen in Wiesbaden taetig. Nach alter Tradition kamen die Gemeindemitglieder in der Nacht vor Rosch Haschana, ungefaehr um 12 Uhr, in der erhalten gebliebenen und einigermassen renovierten alten Synagoge zusammen und sagten die für Erew Rosch Haschana vorgesehenen S’lichoth. Sie kamen zur bekannten S’lichah, die mit den Worten: “S’chor Brith” beginnt und dem Tag vor Rosch Haschana den Namen “S’chor Brith” gegeben hat. Der Text beginnt mit den Worten: “S’chor Brith awraham wa-akedat Jizchak”, zu deutsch etwa: “Gedenke des Bundes mit Abraham und der Opferung Isaaks und führe die Gefangenen der Zelte Jaacobs heim und hilf uns um Deines Namens Willen”. Verfasser dieses Gebetes ist Rabbenu Gershom Ben Yehuda, der vor fast tausend Jahren in Metz und Mainz gelebt hat, eine überragende Autoritaet, dessen Einfluss auf die Entwicklung des Religionsgesetzes bis heute spürbar ist, und der den Ehrentitel führte: “M’or Hagola”, Leuchte des Exils. Als ich nach Beendigung des Gottesdienstes um etwa halb zwei Uhr nachts nach Hause ging, kam mir zum Bewusstsein, auf welchem historischen Boden ich stehe, und wie eng diese Gegend des Mittel-Rheins mit unserer jüdischen Geschichte verbunden ist. Am Erew Rosch Haschana fuhr ich nach Mainz hinüber, in Gedanken auf den Spuren der Vergangenheit. Wann war ich wohl das letzte Mal dort gewesen? Das war in letzter Stunde vor Beginn des grossen Zusammenbruchs. Im November 1932 fand dort im grossen Sitzungssaal der prunkvollen Mainzer Synagoge die Hauptversammlung des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland statt. In seiner Begrüssungsansprache konnte der Mainzer Rabbiner Dr. Sali Levi daran erinnern, dass die letzte Rabbinerversammlung im alten Magenza vor fünfhundertundfünfzig Jahren stattgefunden hatte. Er ahnte wie viele andere wohl noch nicht, dass wenige Monate darauf das Schicksal des deutschen Judentums besiegelt sein würde. Als ich über den Rhein fuhr, sah ich zwar eine Anzahl Kuppeln, aber neben ihnen Ruinen über Ruinen, einige Grünplaetze an Stelle ehemaliger Wohn und Industriebauten; von der schoenen Pracht-Synagoge keine Spur mehr! Weit, weit draussen einige Spuren mittelalterlicher jüdischer Geschichte auf dem alten Friedhof, sorgsam und liebevoll vom jetzigen Vorstand gehegt. Das war alles. Eine traurige Bilanz! Umso deutlicher kam mir aber zum Bewusstsein, wie stark das alte Mainz unseren Gebeten an Rosch Haschana das Gepraege gegeben hat. Da war als Auftakt am Tage vor Rosch Haschana die S’Iicha des grossen Mainzer Rabbiners Gershom Ben Yehuda, dann an beiden Festtagen im Mittelpunkt des Mussaf-Gebets vor Beginn der K’dushä das berühmte Unitane Tokef, dessen Ursprung auf den einflussreicen Rabbi Amnon aus Mainz zurückgeführt wird, und schliesslich im Shacharith- Gebet des zweiten Festtages die zahlreichen Einschaltungen des Mainzer Rabbiner Simon des Grossen, eines Zeitgenossen von Rabbenu Gershom, der in diesem Gebet seinem verschollenen Sohn Elchanan ein Denkmal setzte. Als ich gegen Mittag nach Wiesbaden zurückfuhr, um mich auf den nahenden Jomtov vorzubereiten, da gingen mir diese Gedanken durch den Kopf und ich erkannte den grossen Widerspruch zwischen Wunschbild und Wirklichkeit. Vor tausend Jahren bat der grosse Mainzer Raw, den sie die Leuchte der Gola nannten, man moege den Ueberrest der Gefangenen heimführen, womit er natürlich meinte nach Erez Israel heimführen, und dann war Jahrhunderte und Jahrhunderte lang allen Verfolgungen zum Trotz in eben diesem Mainz und seinen Schwesterstaedten (starkes jüdisches Leben, und aller Vernichtung zum Trotz ist neues jüdisches Leben in be scheidenem Ausmass entstanden, obwohl inzwischen das Wunschbild Wirklichkeit wurde, und die Vertriebenen ohne Schwierigkeiten in das neue Israel haetten zurückkehren koennen. Denselben Kontrast empfand ich in den Tagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur "ben kesse Passor”. Da ich Zeit hatte, beschloss ich, pach langer Zeit eine Fahrt auf dem Rhein zu machen. Es waren natürlich andere Empfin düngen, die mich jetzt bewegten, und andere, die ich jfiliili SfcV*S , .. Jerusalem — Blick am Oelberg Von J. Neufeld auf solcher Fahrt vor Jahrzehnten hatte. Ich fuhr von Rüdesheim vorbei an Staetten, an denen einst jüdische Gemeinden geblüht hlatten, an Bingen und Oberwesel, an jener fast ¡unbekannten Staette vorbei, an der* Hass und Dummheit in primitiver Weise vor Jahrhunderten in die Aussenwand einer Kirche eine Darstellung eingemeisselt hatte, die einen Ritualmord zeigen sollte. Bacharach erinnerte mich an jenes Maerchen, den Opfertod vieler Juden, erinnerte mich an die Zeit der Romantiker, da ein deutscher Dichter jüdischer Herkunft diese grausige Geschichte in breitester Ausführlichkeit darstellte. Vielleicht war nirgends eine solch enge Verschlingung zwischen Deutschtum und Judentum zu beobachten wie bei Heinrich Heine aus Düsseldorf, der Stadt des Rheines, und doch, er hatte dafür das Judentum geopfert. Und wir, die wir spaeter nachgekommen sind? Wir sind von diesen Staetten schoener Jugend verjagt und auf grausamste Weise verfolgt worden. Bei der Rückfahrt nach Wiesbaden musste ich wieder an das Gebet des grossen Mainzer Raw denken: “Und führe die Gefangenen der Zelte Joacobs heim und hilf uns um Deines Namens willen”. M. B. Ein "Blitzkrieg" im Negev Von Dr. Abner Neohushtan, Tel-Aviv Im Westen versinkt die Sonne ein roetlich glimmernder Ball; die sengende Hitze beginnt schneidender naechtlicher Kaelte in der Steppe zu weichen, die groesser ist als der gesamte uebrige Staat Israel - Tanks, “half-tracks”, Raupenschlepper, Jeeps, so weit das Auge reicht! Aber es reicht nicht weit; denn unabsehbare Kilometer lang scheint sich der Negev in eine Staubwolke verwandelt zu haben, die sich in die Menschen, ihre Haare unter den Muetzen, ihre Augen hinter den Schutzbrillen, in die ausgedoerrten Kehlen, die Haut, die Naegel, die “Shorts” und Schuhe eingefressen hat. Staub, Staub, Staub! Noch eine halbe, eine Viertel-Stunde, und der Vormarsch der “Armee des blauen Staates” wird vom tiefen Sueden aus gegen die von zwei Frontlinien geschuetzten, mit betonisierten Bunkern und einem Gewirr von Schuetzengraeben befestigten Stellagen des Staates der Schwarzen” beginnen . Vorhin donnerten Flugstaffeln nordwaerts und haben ihre Fallschirmjaeger weit hinter der Front des Gegners inzwischen wahrscheinlich abgesetzt. An diesen groessten aller bisherigen Manoever der “Zvah Haganah Lejisrael” des “Heeres zur Verteidigung Israel”, beteiligten sich dreieinhalb Tage lang soeben wahrscheinlich mehr Soldaten im aktiven Dienst und Reservisten, wer weiss wie viele tausende, und nach militaeramtlicher Erklaerung weit mehr Tanks und Panzer als vor bald vier Jahren in der Woche der Kaempfe auf der Sinai-Halbinsel, unzaehlbare hunderte von Kraftwagen aeuserster Gelaendegaengigkeit, denen die Einschnitte der im gluehendheissen Juli nach Wasser durstenden Wadis ebensowenig etwas ausmachen wie das Geroell, das sich neben den alten Karawanen wegen, den wenigen neuen Landstrassen zu wirrem Felsgestein tuermt. Panzervorstoss nach sowjetrussischem Vorbild Diesen Manoevern lag die Ueberzeugung zugrunde, dass die aegyptische Panzerwaffe seit den Tagen, da sie auf der Halbinsel des Sinai zerschlagen worden war, unter der Fuehrung sowjetrussischer Offiziere inzwischen so ausgebaut worden ist, dass sie die Abwehrlinien der Israelis zwischen den suedlichen Auslaeufern des Negev und der weiter noerdlichen dicht besiedelten Zone im Konfliktsfalle unter Umstaenden ernstlich gefaehrden koennte. Es ist kein Geheimnis mehr, dass sich die Offensivtechnik der rotgardistischen Panzerformationen auf den Erfahrungen des Bewegungskrieges aufbaut, wie er waehrend des letzten Weltkrieges beispielsweise vom “Afrika-Corps” Rommels wie von Montgomery in der Lybischen Wueste bei El Alamein entwickelt wurde, aber vorher schon von den “Panzerfaeusten” der deutschen Wehrmacht gegen Polen wie ein halbes Jahr spaeter im Durchbruch nach Nordfrankreich. Den “Blauen” war die Aufgabe uebertragen worden, im kombinierten Einsatz von “Baggertanks” zur Saeuberung der Minenfelder, motorisierter Infanterie, schwerer Artillerie, mit der Unterstuetzung ganzer Schwaerme von Kampfflugzeugen vorzustössen; den “Schwarzen” standen ferner die auf Jeeps u s. w. montierten “rueckstossfreien” Tankabwehrgeschuetze des Modells M 106 zur Verfuegung, Geschosse, die einen Panzer von 400 bis 500 und eine ungefaehr doppelt so dicke Betonwand durchschlagen koennen, und ausserdem die in Frankreich gebauten ferngelenkten Raketen des Typs S. S. 10, die Panzer mit einer Dikke von 450 mm. kampfunfaehig machen koennen, beispielsweise also auch die Stalin-3 Tanks der Aegypter. Ihr besonderes Augenmerk hatten die Schiedsrichter des Generalstabs der “Verteidigungsarmee” folgerichtig auf diese S. S. 10 —Rakete gelegt, die von den meisten NATO-Staaten, so auch von der westdeut sehen Bundeswehr, jetzt als hervorragendste Abwehr angreifender Panzer uebernommen und unlaengst auch von den Amerikanern erworben worden ist. Ihre Flugbahn vermag sie auf Grund elektronischer Fernlenkung bis zu 90 Grad zu aendern, und erreicht ihr Ziel bei drei Abschuessen durchschnittlich zweimal. Ebenso wurde mit der von der amerikanischen Ruestungsindustrie entwickelten Tankabwehrkanone M108 experimentiert und beispielsweise festgestellt, dass sich mit ihr in dreissig Sekunden notfalls fuenf Geschosse abfeuern lassen. Kriegsspiel mit ernstem Hintergrund Mit scharfer Munition wurde geschossen —und schon das deutet darauf hin, wie toedlich ernst dies “Kriegsspiel” genommen worden ist. Ob und wie weit es den “Blauen” ueber einzelne Gelaendegewinne hinaus gelungen ist, die Front der ihren “schwarzen” Gegnern zugewiesenen noerdlichen Haelfte des Negev tatsaechlich aufzurollen, wird von der Operationsabteilung des israelischen Generalstabes im Augenblick noch untersucht. Das grosse Aber dieser Sommermanoever liegt ueberdies natuerlich darin, dass das ¡Schicksal eines neuen Waffenganges zwischen der Vereinten Arabischen Republik und Israel, wenn es tragischerweise dazu kommen sollte, vermutlich nicht nur vom Ausgang einer feindlichen Panzeroffensive auf die Grenzen dieses Landes abhaengen wuerde, sondern mindestens so sehr von der Ein satzbereitschaft der Luftwaffen beider Staaten. Die Aegypter bauen neuerdings Duesenflugzeuge, und die USSR scheint ihnen neben Jaegerbombern des aelteren Typs MIG 19, jetzt auch die hochqualifizierten MIG’s ' 21 zu liefern, die das doppelte der Schallgeschwindigkeit erreichen. Ein erstes Duesenflugzeug des “Fuga Magister-Typs wurde auf Grund franzoesischer Lieferungen hierzulande soeben in den Werkstaetten von Lod montiert und zu Uebungszwecken in Betrieb genommen. Die Negev-Manoever der vorigen Woche dienten dem alten Erfahrungssatz “Si vis pacem, para bellum”. Ein Land, das zur Loesung seiner vielen draengenden Sorgen auf ungestoerte Ruhe so wie Israel angewiesen ist, kann nichts sehnlicher als den Frieden wuenschen. Ungeachtet lokaler Zwlschenfaelle an der syrischen Grenze, die sich in diesen Wochen bedenklich wiederholt haben, steht zu hoffen, dass das in Wahrheit auch die Richtschnur des Staatschefs der Vereinten Arabischen Republik ist. Andererseits kann die Befuerchtung nicht von der Hand gewiesen werden, dass sich die allgemeine Verschaerfung des Kalten Krieges auch auf die nahoestliche Wetterecke irgendwann fatal auswirken koennte. Dem Wunsch, dann nicht ueberrascht zu werden, galt das gross angelegte Experiment dieses “Blitzkrieges”.