Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 5 (Mayo, 1960)
- Date
- 1960-05-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/8553624-8557783-9194462--2902-8557903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
22 BOLETIN INFORMATIVO Mayo 1960 i fl \ \ ¡ICH UND ICH" Die Gedichte der Else Lasker-Schüler, soweit sie zu Lebzeiten der Dichterin bereits im Drucke erschienen waren, liegen seit ein paar Monaten in dem Bande “Gedichte 1902 bis 1943” vor, den Friedhelm Kemp im Kösel-Verlag betreut hat. Im Buch “Dichtungen und Dokumente”, das Ernst Ginsberg 1951 im gleichen Verlag herausgab, sind zudem einige Proben aus dem Prosawerk der Dichterin zugänglich sowie zwei Theaterstücke: “Die Wupper” (1909 geschrieben und zehn Jahre später am Deutschen Theater zu Berlin uraufgeführt) und “Arthur Aronymus und seine Väter” (1932 bei S. Fischer im Druck erschienen, aber erst am 19. Dezember 1936 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt, nachdem 1933 die in Darmstadt geplante Uraufführung durch die Nationalsozialisten unterbunden worden war). In neuem Anthologien deutscher Dichtung unseres Jahrhunderts nimmt Else Lasker-Schüler zumeist einen würdigen Platz ein. Aber das Lebenswerk der Dichterin, von der schon 1919/20 bei Paul Cassirer in Berlin eine “Gesamtausgabe in zehn Bänden” "erscheinen konnte, ist für den heutigen Leser doch nur sehr fragmentarisch greifbar. Sind schon die Werke, deren Druck Else Lasker - Schüler erlebte, zum Teil nur sehr schwer zugänglich, weil sie der “Säuberung” der deutschen Bibliotheken zum Opfer fielen, so musste man es um so schmerzlicher empfinden, dass auch der Nachlass bisher nicht überblickt werden konnte. Was die Dichterin in ihren letzten Lebensjahren in Jerusalem zu Papier gebracht, war in guten Händen, aber fernab von den Werkplätzen der literarischen Forschung deutscher Sprache. Eine Kiste war in Zürich deponiert; daraus hat Emst Ginsberg einmal an dieser Stelle einige Gedichte mitgeteilt. Anderes musste aus der Verstreuung heimgeholt werden. In den letzten Jahren nun hat der Nachlassverwalter, Manfred Sturmann in Jerusalem, alles noch Auffindbare gesammelt, und im Herbst dieses Jahres wird im Kösel-Verlag ein Nachlassband erscheinen, den Werner Kraft textkritisch bearbeitet. Aus dem interessantesten nachgelassenen Werk, dem Schauspiel “Ich und ich”, wird dieser Nachlassband allerdings nur ausgewählte Szenen bringen. Von diesem Stück, das bisher nur wenigen Freunden des “Prinzen Jussuf” bekannt war, soll hier die Rede sein. Die Dichterin hat es in der allerletzten Zeit ihres Lebens geschrieben, in locker gefügten, gereimten Versen, die teilweise wie Prosazeilen durchvon Hans Rudolf Hilty geschrieben sind, etwas skizzenhaft, aber doch mit standhaltender dichterischer Einbildungskraft und bis zum Ende. Und am Ende nimmt die Dichterin im Spiel ihren eigenen Tod, der sie am 22. Januar 1945 sanft hinwegnahm, vorweg. Denn “Die Dichterin” ist auch eine Rolle im Drama. Im Vorspiel spricht die Dichterin “auf dem Weg zum Theater zu ihrem Begleiter” eine Art Prolog. Und im sechsten Akt erscheint sie im Garten eines Augenarztes zu Jerusalem, im Gespräch mit der Vogelscheuche und Redaktor Swet. Mitten in der Unterhaltung schliesst die Dichterin die Augen. “So müde?” fragt Mr. Swet. “Todmüde, Sir”, antwortet die Vogelscheuche anstelle der Dichterin. Mr. Swet steht betroffen: “Mir ist, sie stirbt?” Und die Vogelscheuche: “Das rechte Augenlid bewegt sich leise auf und zu und zirpt”. Da fällt “Die körperlose Stimme König Davids” ein: “Täubchen, das in seinem eigenen Blute schwimmt-”. Das Nachspiel spricht dann “Die Dichterin oder einer der Engel”. Man mag beim Ergreifend- Innigen dieser Szene verweilen, in der die Dichterin sich selber auf der Bühne sterben sah. Aber man wird über dem privaten Bezug zum Leben und Sterben der Dichterin die dramaturgische Frage nicht übersehen: Was heisst hier Bühne? Die Regieanweisung zum sechsten Akt tönt ganz naturalistisch: “Im Garten eines Augenarztes in Jerusalem’’. Aber dann spricht die Vogelscheuche, spricht König David. Am Ende des Vorspiels hat die Dichterin ihren Begleiter gebeten: So folge mir, my dearest friend, [zunächst ins Vestibül — Und lausch vor meiner Herzens- [bühne im Parkett dem [Höllenspiel. “Vor meiner Herzensbühne; hier ist das entscheidende Stichwort. In der “Chinesischen Mauer” von Max Frisch heisst es zwei Jahre später: “Ort der Handlung: diese Bühne. Oder man könnte auch sagen: unser Bewusstsein. Daher beispielsweise die Shakespeare-Figuren, die nun einmal durch unser Bewusstsein wandeln, und Bibel-Zitate und so”. Ob “Herzensbühne” oder Bühne des Bewusstseins, das ist ein Unterschied in der Nuance; der dramaturgische Einsatz ist der nämliche: ein dramaturgischer Einsatz jenseits der herkömmlichen Konzeption des Dramas als einer “in sich geschlossenen”, “absoluten” Sonderwelt, in der Autor und Zuschauer nicht anwesend sind und in der die Relation Schauspielerrolle nicht sichtbar wird. Der Uebergang vom topographisch Lokalisierbaren zum dichterisch Imaginativen verfliesst in dem nachgelassenen Spiel der Else Lasker-Schüler in reizvollster Weise. Wie sich nach dem Vorspiel der Vorhang hebt, zeigt die Bühne eine Gegend in der Nähe des Davidsturms zu Jerusalem, von alteingesessenen Palästinensern “Hoellengrund” genannt. In der steinern abgebröckelten alten Königsloge sitzen auf Prunksesseln, unheimlich bewegungslos, bunt und golden angemalt, wie die Figuren eines Panoptikums; die Könige Saul, David und Salomo. In der Direktorenloge: Direktor Max Reinhardt, aus Hollywood nach Jerusalem zur Inszenierung gebeten. Ihm gegenüber: The three Ritz Brothers. Der Theaterarzt setzt sich gerade noch frühzeitig auf seinen Platz. Die Kritik armverschränkt. . .” Im Orchester spielt eine einfache Drehorgel “Muss i denn, muss y denn zum Städtle hinaus”. Die Dichterin unterhält sich mit Stimmen aus dem Publikum, König David kommentiert würdevoll — und dann ist auf einmal aus dem ‘Höllengrund” die Hölle geworden. Mephisto lehnt am roten Weingerank der Terrase seines Höllenpalastes und will Faust beruhigen, der ihm gegenübersteht. Faust aber hat guten Grund für seinen Ingrimm: “Die Teufel, die ihr auf die Welt gesandt, berichteten, mein Drama, erster Teil und auch der zweite, hat man in Weimar auf dem Marktplatz johlend ein für allemal verbrannt”. Frau Marthe Schwertlein fehlt nicht, um Faust und Mephisto in der Hölle zu bedienen. Direktor Reinhardt mischt sich immer wieder ein: “Attention, Mephisto, wiederholen Sie noch einmal die letzte Textreihe betont verächtlicher” und so ähnlich. Ein Schauspieler wird ausgewechselt. Die Kollegen jubeln dem Neuen zu. Die drei Ritz Brothers blödeln: “Klar! Klara! Klarissa!” Der Vorhang fällt “in Herzform”. Man fragt sich, was das alles solle, diese Verzögerungen, diese “Maetzchen”. Aber schon hat sich der Vorhang wieder gehoben, und im Speisesaal des Höllenpalastes sitzen als Gäste zu Tafel: Göring, Goebbels, Hess und von Schirach, um im Namen des Führers mit Mephisto zu unterhandeln. Faust und Mephisto, der Baal und die Könige des Alten Bundes, Max Reinhardt und die Nazigrössen, die Vogelscheuche und die Dichterin selbst unter den Figuren des Spiels —Volksliedklänge von der Drehorgel, Goethe-Zitate und “Heil Hitler”, “Freut auch des Lebens” und das unheimliche Dröhnen der unabsehbaren Kolonien von Nazisoldaten, die in die Hölle einmarschieren, naseweiser Kommentar aus dem Munde der Journalisten und biblischer Lobpreis aus dem Munde des Königs David— wir sehen in ein “Musée imaginaire” von eigenstem Reiz und eigenster Beklemmung. Gewiss, gerade von diesem bunt gescheckten Personenregister und vom Begriff des “Musée imaginaire” her denkt man an Thornton Wilders wenig früher entstandenes Stück “Wir sind noch einmal davongekommen”, das den Bogen von der Saurierzeit bis zum Bombenkrieg schlägt, denkt man nochmals an Frischs “Chinesische Mauer”. Und ich glaube auch, dass man einmal in einer Geschichte des neuern Dramas “Ich und ich” in einem Atemzug mit diesen Stücken nennen wird: als Beispiele modernen Welttheaters, der gleichen bedrohlichen Stunde der Geschichte entsprungen. Dabei hebt sich des Schauspiel von Else Lasker-Schüler von den andern ab durch seine Fülle an feinen privaten Bezügen. Sie sagt: “Meine Herzensbühne”; Frisch sagt: “Unser Bewusstsein”. Für die Realisierung des Stücks auf der Bühne, daran kann kaum ein Zweifel sein, ist diese private Atmosphäre ein Hindernis; zur Erhellung der dichterischen Persönlichkeit der Else Lasker-Schüler aber ist das Spiel um so gewichtiger. Was im Laufe eines vollen durchgelebten Lebens ihr Herz bewegte und bedrängte, von der jüdischen Frömmigkeit des Grossvaters und der Goethe - Verehrung der Mutter bis zu den grauenvollen Verbrechen des Nationalsozialismus, löst sich hier ins Spiel. Im fünften Akt des Dramas finden sich Faust und Mephisto brüderlich und entschweben, “stillvereint im Leibe; Ich und ich”. Derweil begrüsst der Baal die letzten Nazigrössen in der Hölle: Hitler mit seiner Leibwache, Ribbentrop, Himmler und Rosenberg. Auf die Frage der Ankömmlinge, wo der Satan stecke, antwortet der Baal: “Der Satanas hat längst kapituliert!” Darauf Hitler, grossenwahnsinnig prahlend: “Hoert! Kapituliert!” Aber der Baal ergänzt seine Auskunft: “Das heisst, vor Gott, dem Herrn der Welt”. Hitler und seine Kumpane tretendurch das Tor; es ergreift sie eine aufstürzende Lavawelle; sie versinken rettungslos in den Lavafluten, wie schon vorher all ihre Soldaten. Und Mephisto, von der Höhe zurückblickend, kommentiert: Er hlnterlaesst nicht Asche, nicht [das kleinste Häufchen Schutt! Es folgt ein unerlöster Tod dem [Antichrist und Antijud. So dichtete Else Lasker-Schüler etliche Monate' vor Kriegsende, vor dem Tode Hitlers Sie erlebte das Erde des Schrekkens nicht mehr; ihre Prognose aber erwies sich als genau. Es gibt sehr wenige Bühnenstücke deutscher Sprache, die gegen die Naziherrschaft dichterisch Anklage erhoben: etwa Brechts “Furcht und Elend des Dritten Reichs”, Hasenclevers allzu harmloser “Konflikt in Assyrien” (zwanzig Jahre nach dem Entstehen erst von Heinz Hilpert in Göttingen uraufgeführ) und, aus schweizerischer Sicht, Guggen. heims “Erziehung zum Menschen”. Diese Stücke alle entstanden noch vor Kriegsausbruch. Als das Grauen seinen Höhepunkt erreicht hatte, war Else Lasker-Schüler die einzige dichtende Stimme deutscher Sprache, die mitleidend und anklagend das Zeitgeschick auf die Bühne stellte. Nicht auf eine realistische Bühne freilich. Auf ihrer “Herzensbühne” spielte das “Höllenspiel” ab, in ihrem “musée imaginaire”. Und nur so war es dichterisch möglich. Ob eine szenische Realisierung an der Darstellung der Nazigrössen scheitern müsste, lässt sich fragen, Beim Lesen des Stücks jedenfalls scheint die Verschmelzung von Dokumentation und dichterischer Einbildungskraft bewundernswert geglückt. Schon die erwähnte Szene, wo Göring Goebbels usw., uniformiert und starr, als Gäste an der Höllentafel sitzen und sich von Frau Marthe Schwertlein servieren lassen, wirkt eindringlich. In eben jener Szene geschieht es auch, dass Mephisto den Becher des Marschalls Göring füllt, “satanisch lächelnd”; und dann heisst die Regiean Weisung: “Flammen schiessen aus dem Wein empor, Im Widerschein des behexten Weins erkennt der Marschall an der weiten Wand des Speisesaals erblassend den brennenden Reichstagspalast (mit Hilfe des Films darzustellen”). Oder eine Bühnenanweisung aus dem vierten Akt: “Das dröhnende Schreiten der Naziheere treibt alle Teufel und Teufelinnen in die höhere Sphäre der Hölle. Der Satan beugt sich über das Gitter der Terrasse, und die Teufel und Teufelinnen sammeln sich auf sein stummes Zeichen zu einer Prozession, die geordnet über die Wege des Höllenparks zieht. Als letzter Van der Lubbe, auf seiner Holzfiedel sein Lied psalmärtig geigend”. Ebenso treffend, ohne zum Zerrbild zu werden, ist auch, in der Gestalt Fausts, die subtile Kritik am deutschen “Goethe-Philister”, der nur das Gute und Schöne sehen will und vor dem Hässlichen am liebsten die Augen schliessen würde. Wie die ersten Kolonnen von Nazisoldaten in die Hölle einmarschieren und noch “Heil Hitler!” rufen, während sie in der Lavamasse versinken, bemerkt Faust zu Mephisto: “Das Jammern der Soldaten, Satanas, mein Herz, es kann es nicht ertragen”. Und Mephisto deutet die Haltung Fausts: “Des Rätsels Lösung, ihr gerechter Untergang tut seinem deutschen Herzen weh”. Man würde den Emst solcher Kritik verkennen, wollte man der Dichterin einen billigen Angriff auf Goethe in die Schuhe schieben. Trotzdem haben offenbar gerade die Teile des Dramas, die, oberflächlich besehen, wie eine Faust und Goethe - Parodie anmuten, ein paar Freunde Else Lasker-Schülers bewogen, der Nachlassverwaltung von einer Veröffentlichung des Dramas abzuraten. Andere freilich vertraten die Meinung, das Stück müsse unbedingt der literarischen Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Es scheint zu einer Zwischenlösungzukommen. Der Nachlassband, der im Herbst dieses Jahres im Kösel Verlag erscheint, wird nur ausgewählte Szenen aus Dem Drama “Ich und ich” bringen, vor allem den Anfang und den Schluss (ein Vorabdruck erschien im Februarhelft der Zeitschrift “Hortulus”). ("Neue Zuercher Zeitung”).