Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 4 (Abril, 1960)
- Date
- 1960-04-01
- Page
- Seite 12 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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12 BOLETIN INFORMATIVO Abril 1960 VOM LANDE UZ NACH ISRAEL (Fortsetzung von Seite 11) Ablehner, war auch ganz anders geworden. Er fand die Idee gross und erschütternd”. Aber Bacher zweifelte an ihrer Durchführbarkeit. “Es ist etwas Grosse s”, erklärte er, “—und ich begreife, dass ein anständiger Mensch sein Leben daran setzen will. Ob Sie noch viele solche Herzl finden werden, möchte ich bezweifeln’”. “Ich stellte ihm vor’, erzählt Herzl in seinen Tagebuchaufzeichnungen weiter, “dass die Neue Freie Presse dieser Frage nicht werde ausweichen können. Sie werden früher oder später Farbe bekennen müssen...” “Ja”, meinte er, “wir haben auch zwanzig Jahre lang nichts von der Sozialdemokratie gesprochen”. Ein phantastischer Ausspruch für einen Zeitungsherausgeber. Resigniert notierte Herzl: “Von da ab war es und ist es klar, dass ich für die Sache nichts von der Neuen Freien Presse zu erwarten habe”. Trotzdem entschied er sich dann, bei der Neuen Freien Presse zu bleiben — nicht zuletzt wohl auch aus persönlicher Anhänglichkeit gegenüber Bacher, von den bei er allen sachlichen Gegensätzen, viel gelernt hatte. “Der Gedanke mich mit diesem Mann, den ich trotz seiner Starrköpfigkeit verehre, zu verfeinden, war mir sehr unbehaglich und wurde mir von Stunde zu Stunde unerträglicher”, heisst es im "Tagebuch”’ unterm 1. November 1895. Bacher seinerseits erklärte Herzl an diesem Tag, dass er eben schliesslich doch viel mehr Aussicht hätte, seine Idee durch die Neue Freie Presse zu verwirklichen als durch Badeni. “Wir einigten uns schliesslich darauf”, notierte Herzl, “dass ich, wenn die Bildung der Society unmöglich würde, eine Broschüre veröffentlichen solle, welche in der Neuen Freien Presse besprochen werden wird’”. Die Broschüre — “Der Judenstaat” — erschien ein Vierteljahr später, am 14. Februar 1896, die Besprechung in der Neuen Freien Presse ist nie erfolgt. Das einzige, wozu sich das Blatt durch die Initiative Benedikts aufraffen konnte, war am 2.6. des gleichen Jahres die Veröffentlichung einer Londoner Meldung, aus der zu entnehmen war, dass der Parlamentsabgeordnete Sir Samuel Montagu an Gladstone Dr. Herzls Broschüre “Der Judenstaat” zugesandt habe. Dazu wurde noch Gladstones Kommentar gegeben, dass er das Thema “höchst interessant” finde, dass es für den Aussenstehenden nicht leicht sei, sich ein Urteil darüber zu bilden und dass es wohl wenig zur Sache beiträgt, “.wenn man es ausspricht, nachdem man sich eins gebildet hat”. Gladstone fügt, der Meldung zufolge, noch hinzu, dass er “natürlich stark gegen den Antisemitismus” sei. Dieses Benediktum in der diplomatischen Sprache Gladstone’s — das war alles. Schon vier Monate danach (am 5.10. 1896) erklärte Benedikt seinem Redakteur Herzl, dass er die jüdisch - nationale Bewegung für ein Unglück halte. “Insbesondere Mähren geht dadurch dem Liberalismus verloren”, klagte er. Am 10.10.1896 dekretierte Bacher: “Es gibt keine Judenfrage, es gibt nur eine Menschenfrage”. Am 28.1.1897 notiert Herzl, wie Bacher ihn vor seinen Redaktionskollegen frozzelt. Der Anlass war das Erscheinen eines Flammarion _ Feuilletons über das Thema “Ist der Mars bewohnt?”, Bachers Kommentar zu Herzl: “Den Judenstaat können Sie vielleicht auf dem Mars errichten”. Wenige Monate später bereitet Herzl die erste Nummer des zionistischen Zentralorgans “Die Welt” vor. Vergeblich wird von seiten der Neuen Freien Presse Druck auf ihn ausgeübt, das Wochenblatt nicht erscheinen zu lassen oder auf jeden Fall ohne die offizielle Leitung Herzls — aber Herzl war hierin ebenso unnachgiebig wie vorher, als man ihn von der Veröffentlichung des “Judenstaat” abzubringen versucht hatte. Und natürlich hat die Neue Freie Presse dann auch nichts über den Basler Kongress gebracht. Als Herzl am 2. September 1898 in die Redaktion zurückkehrte, begrüsste ihn “der lokale Teil”, wie er in seinem Tagebuch berichtete, mit einer Lachsalve und Bacher sagte ihm nur, “über die Sache wolle er nicht einmal reden hören”, aber heimlich las er die in anderen Blättern erschienenen Korrespondentenberichte über den Kongress ganz genau. Ist es nach alledem ein Wunder, dass Herzl eines Tages viel Interesse zeigte, als, im Januar 1901, Ministerpräsident Koerber mit einem neuen Zeitungsangebot an ihn herantrat? Die Idee war, Herzl zum Chefredakteur eines Blattes zu machen, das von einer Gruppe Industrieller — unter ihnen Alfred Krupp — unterstützt werden sollte. Damals hat Herzl ganz offensichtlich mit weniger offenen Karten gespielt und wäre bereit gewesen, ein Konkurrenzblatt der Neuen Freien Presse zu leiten, wie er auch später, 1902, einmal plante, die Neue Freie Presse mit Kapital, das er sich aus Familien- oder Freundeskreisen zu beschaffen hoffte, von Benedikt und Bacher abzukaufen — einfach deshalb, weil ihm die politische Propaganda für die Verwirklichung der zionistischen Idee von imperativer Wichtigkeit war und er noch immer keine grosse Tageszeitung dafür zur Verfügung hatte. Aber es ist gar kein Zweifel, hätten die Herausgeber der Neuen Freien Presse zu ihrem ursprünglichen Worte gestanden und rein objektiv über die wichtigsten Vorgänge in der zionistischen Bewegung berichtet, womit sie sich noch lange nicht mit ihr hätten identifizieren müssen— nie wäre es zu diesen betrüblichen Zupitzungen gekommen. Im übrigen ist aus dem Korber- Krupp-Projekt nie etwas geworden man weiss nicht recht, warum, und ebenso lehnten Benedikt und Bacher den Verkauf ihres Blattes an Herzl ab. ☆ Bei allem Hin und Her blieb ¡fttss SM**? '•"VW , - ~ - ABA FENICHEL: Winkel in Joffo Herzl in seiner wichtigen Positions als Feuilleton-Chef des Blattes — im Wien der Jahrhundertwende gewiss eine sehr geachtete Stellung—; Bacher und Benedikt wussten sehr genau, wie die Leser seine eigenen Beiträge und seine Redaktionsführung schätzten. Bei allen Spannungen hatten sie wohl auch Sympathie und Bewunderung für Herzl. Ausserdem fiel bei den vielen Auslandsreisen, die Herzl für die Sache des Zionismus machte, manches glänzende Feuilleton für das Blatt mit ab. Wandruszka erkennt an, dass Herzl trotz aller Ablenkungen durch seine zionistisch-politische Tätigkeit seine Aufgabe als der erste Feuilletonschriftsteller des Blattes bis zum Schluss sehr ernst nahm, wenn er ihm auch im gleichen Federzug vorwirft, dass er angeblich kein guter Redakteur war. Er bezieht sich dabei auf Herzls Amtsnachfolger Franz Servaes, der erzählte, dass er in Herzl Arbeitszimmer ganze Haufen von unverwandten Manuskripten “in verstaubten Mengen... schier achtlos beiseitegeworfen” vorgefunden habe. Nun mag zwar Herzl wirklich oft durch das Nichtzurückschicken von Manuskripten an die Einsender eine schwere Sünde wider den guten Redaktionsgeist begangen haben, aber wir wissen auch, wie hervorragend der Feuilleton - Teil der Neuen Freien Presse gerade in seinen Jahren war und wir haben ferner aus einer Schilderung Stefan Zweigs erfahren, mit wie grosser Instinktsicherheit er junge, begabte Kräfte ermunterte, seine Mitarbeiter zu werden—und das will gewiss viel heissen auf einem Zeitungsgebiet, das bis dahin sehr weitgehend den Rauschebärten und Titelträgern eingeräumt war. Abschliessend zum Thema Herzl stellt Wandruszka fest: “Gereicht es im Rückblick der Neuen Freien Presse gewiss zur Ehre, dass ein Mann von so grosser geschichtlicher Wirkung aus ihrem Kreis hervorging, so bedeutete das Anwachsen der zionistischen Bewegung für die politischen Ideen, die das Blatt vertrat, und besonders für Moritz Benedikt persönlich, doch eine Niederlage, die um so schmerzhafter empfunden wurde, als ihr Urheber einer der prominentesten Angehörigen der Redaktion des Blattes war”. ☆ Im Rahmen der über hundertjährigen Geschichte von der alten “Presse” über die “Neue Freie Presse” zur neuen ’’Presse” konnte die Darstellung des journalistischen Wirkens Herzl am Blatte naturgemäss nur sehr konzentriert sein. Ein ausführliches Werk, diesem besonderen Aspekt Herzls spannender Biographie und komplizierter Persönlichkeit gewidmet, fehlt offensichtlich noch und sollte einen österreichischen Studenten der Zeitungswissenschaften reizen, der besseren Zugang zu den Quellen hat, als wir hier. An beilaeufigen Würdigungen gibt es schon viele, sie reichen vom Erhabenen bis hinunter zum Lächerlichen. Unter den geglückten Kurz-Darstellungen ist vor allem Raoul Auernheimers Einleitung zu den (späteren) Ausgaben von Herzls gesammelten Feuilletons zu erwähnen, sowie die kurze Analyse von Herzls journalistischer Arbeit, die Adolf Friedemann in seiner sonst sehr fragmentarischen Biographie gibt. Das Lächerliche hingegen berührt Egon Erwin Kisch, wenn er einer ganz witzigen Anekdote, die er in seiner Anthologie “Klassischer Journalismus” erzählt, “viel Wahrscheinlichkeit” zumisst. Kisch erwähnt Herzls Berichterstattertätigkeit beim ersten Pariser Dreyfus-Prozes. Nachdem Herzl wieder einmal Spalten über Spalten an die Neue Freie Presse telefoniert hatte, kam Moritz Benedikt ans Telefon und verlangte noch mehr. “Zum Teufel — ich kann doch nicht einen Judenstaat gründen”, antwortete Herzl ärgerlich. “Was heisst, Sie können nicht — Sie müssen!”, brüllte Benedikt zurück. Und darauf hin habe dann Herzl zusammen mit Nordau die zionistische Bewegung gegründet. .. Es spricht aber für Kisch’s Instinkt als Anthologist, dass er, nachdem er seinen Witz an den Leser gebracht hat, dann doch nicht einen der Korrespondentenberichte Herzls aus Paris oder eins seiner oft ganz meisterhaften Feuilletons abdruckt, die ja auch sonst zugänglich sind sondern jenen fanfarenstarken Leitartikel, mit dem Herzl die erste Nummer der “Welt” eröffnete und der mit den Worten beginnt: “Unsere Wochenschrift ist ein Judenblatt’. Wir nehmen dieses Wort, das ein Schimpf sein soll, und wollen daraus ein Wort der Ehre machen...”. (“M. B.”). LEID und GEBET Von Martin Buber Rabbi Lewi Jizchak von Berditschew pflegte, wenn er in der Pessach-Hagada an die Stelle von den vier Soehnen und in dieser an den vierten Sohn kam, an den, ‘‘der nicht zu fragen weiss”, zu sagen: "Der nicht zu fragen weiss, das bin ich, Lewi Jizchak von Berditschew. Ich verstehe dich nicht zu fragen, Herr der Welt, und wenn ich’s verstuende, ich braechte es doch nicht fertig. Wie koennte ich mich unterfangen, dich zu fragen, warum alles so geschieht, wie es geschieht, warum wir aus einem Exil ins andere getrieben werden, warum unsere Widersacher uns so peinigen! Aber in der Hagada wird zum Vater des Frageunkundigen gesprochen: ‘‘Eroeffne du es ihm!” Sie beruft sich auf die Schrift, in der geschrieben steht: “Ansagen sollst du es deinem Sohn!” Und ich bin ja, Herr der Welt, dein Kind. Nicht darum bitte ich dich, dass du mir die Geheimnisse deines Weges enthuellst, — ich koennte sie nicht ertragen. Aber das eroeffne du mir, tiefer, klarer, was dies hier, das jetzt eben geschieht, mir meint, was es von mir fordert, was du, Herr der Welt, mir damit ansagst. Ach, nicht warum ich leide, will ich wissen, nur ob ich dir zu willen leide.”