Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 4 (Abril, 1960)
- Date
- 1960-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril 1960 BOLETIN INFORMATIVO 9 LE DERNIER DES JUSTES Zum Roman des Goncaurt - Preistraegers 1959 André Schwarz ■ Bart Die Académie Goncourt, deren Entscheidungen oft eher fragwürdig sind, hat 1959 ihren Preis — er ist immer noch die bedeutendste literarische Auszeichnung in Frankreich — einem Buch verliehen, das seiner würdig ist. Dennoch haben sich an diesem Buch die heftigsten Polemiken entzündet. “Le dernier des Justes” von André Schwarz-Bart ist die Legende von den “Lammed Vaw”, den sechsunddreissig Gerechten, die Israel birgt und die sich selber nicht kennen. Genauer gesagt: es ist die Geschichte einer Familie von Gerechten, denen die Gnade zuteil wurde, in jeder Generation einen Gerechten zu zeugen seit jenem Tag des Jahres 1185, an dem der mildherzige Rabbi Yom Tov Levy in York zweihundertfünzig Juden mit eigener Hand getoetet, hat, um ihnen die Schrecken der Folter und der Verleugnung ihres Glaubens zu ersparen. Im Mass, in dem die Handlung sich unserer Zeit naehert, verlangsamt sich ihr Fluss. Der Erzaehler verweilt bei der Gestalt des Mardochée. Er ist der erste, der das Dorf Zemyock in Galizien verlasst, wo die Juden Kristalle schleifen — was ihnen Zeit fuer das Wesentlichste laesst: für das Studium der Bücher und für das Gebet. Zum Aerger seiner Familie wird Mardochée ein reisender Haendler. Im Verlauf seiner Wanderungen begegnet er — wie Jakob Rachel — der schoenen Judith an einem Brunnen und führt sie als sein Weib heim nach Zemyock. Er setzt die Tradition der Kristallschleifer fort bis zum Tag, an dem er sich, nach einem Kosakenpogrom, mit Judith und seinem Erstgeborenen allein findet — die drei anderen Kinder sind unter den Erschlagenen. Dieser aelteste Sohn Benjamin ist so schmaechtig und von so dürftigen Geistesgaben, dass die Familie ihn verachtet und an seiner Abreise aus Zemyock keinen Anstoss nimmt. Benjamin wird Schneider in einem polnischen “Stettl” und flieht dann nach Stillenstadt in Deutschland. Mardochée und Judith, deren Existenz unertraeglich wird, kommen schliesslich nach. Sie sind zugegen bei der Hochzeit Benjamins und auch als sein Sohn Ernie geboren wird. Was ist an diesem Kind so Besonderes, dass Mardochée es immer wieder zu sich zieht, um ihm die Geschichte der Gerechten zu erzaehlen, um ihm zu berichten, dass es zu einer Familie gehoert, der die Gnade zuteil wurde, mehr zu leiden als alle anderen Juden? Denn ihre Ahnen, die Gerechten, sind gefoltert und verbrannt worden. Der kleine Ernie, der diese Geschichten anhoert, fragt eines Tages, ob sie auch wahr seien, und der Grossvater antwortet: “Was glaubst du denn, mein kleiner Vogel, koennen solche Dinge denn geschehen?” Aber es sind eben solche unglaubwürdigen Dinge, die sich jetzt zutragen, und Ernie wird sie an sich selbst erfahren. Er erlebt eine jüdische Kindheit in Deutschland in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herr-schaft, und die Leiden und Demütigungen, die er ertragen muss, sind so gross, dass er versucht, sich das Leben zu nehmen. Nach seiner Genesung flieht Ernie nach Frankreich, gefolgt von Benjamin und seiner Frau und von den Grosseltern Mardochée und Judith. Im “Marais” um die Pari- * André Schwarz-Bart: Le dernier des Justes. Editions du Seuil, Paris. ser Rue des Rosiers versuchen sie, wieder jenes bedrohte, aber nestwarmen Ghetto zu finden, das ihrer Lebensgewohnheit entspricht. Aber kaum sind sie eingetroffen, so folgt der Krieg ihnen nach. Ernie meldet sich als Freiwilliger, waehrend seine Eltern und seine Grosseltern in ein Lager verschickt werden, wo Auslaender “konzentriert” sind. Nach dem militaerischen Zusammenbruch erfaehrt der vom Dienst entlassene Ernie, dass die Vichyregierung sie den deutschen Behoerden übergeben hat; sie sind unter den ersten Opfern der grossen Mordens, das nun systematisiert wird. Ernie, der in Frankreich bleibt, versucht jetzt “wie ein Hund” zu leben — und sein Judentum zu verleugnen. Bis zum Tag, an dem er erkannt wird. Als Jude erkannt wird, und zwar von einem Menschen, der ihm gar nicht übel will, aber es genügt Ernie, um zu verstehen, dass man sich nicht so leicht von der furchtbaren Gnade befreit, als Jude geboren zu sein. Ernie kehrt nach Paris zurück und begegnet Golda, die wegen eines Unfalls auf der Flucht vor dem Massaker hinkt. Ernie und Golda lieben sich und beschliessen, zu heiraten. Aber Golda wird einige Tage, nachdem sie Ernies Geliebte wurde, verhaftet und ins Auffanglager Drancy eingeliefert. Ernie hatte sich eingebildet, dass er nach Paris zurückgekehrt war, um sich zu verbergen, und er glaubt jetzt, dass er sich selber in Drancy nur deshalb internieren lasst, um Golda zu folgen. In Wahrheit ist es eine Art innerer Zwang, der ihn draengt, an den bedrohtesten Punkt zu eilen, dort, wo das Leiden der Juden am groessten ist. Er wird sich auch in den Konvoi einreiben lassen, der Golda mit Hunderten von Kindern in ein Vernichtungslager in Polen führt. Diesmal nicht um ihnen zu folgen, sondern um zu helfen. Aehnlich verhaelt er sich bei der Ankunft in Auschwitz: er koennte als Arbeitsfaehiger noch gerettet werden, erklaert sich aber krank und nimmt teil an der “letzten Etappe”, er geht mit Golda und den Kindern in die Gaskammer. Waehrend die kleinen Haende der sterbenden Kinder sich noch an seine Schenkel klammern, hat er die Kraft, zu reden und den Kindern zu sagen: “Atmet kraeftig, meine Laemmer, atmet schnell.” Und noch einmal, wenn Golda sich weinend gegen ihn schmiegt und schreit: “Werde ich dich niemals Wiedersehen?” antwortet er: “Wir werden uns danach Wiedersehen. Ich schwoere es dir”. Das ist das Geschehen in diesem Roman, aber es muss gesagt werden, dass keines der Zeugnisse über die leider nur allzu gesicherten Tatsachen au die Gewalt und den seelischen Reichtum dieses Buches heranreicht. Einmal weil es sehr viel mehr enthaelt, als ein solches knappes Resume auch nur andeuten kann, und weil es als Roman, als Dichtung aussergewoehnlich ist. Sodann auch, weil die Kunst staerker ist als die blosse Wirklichkeit, ein Roman glaubhafter ist als eine Statistik und sogar als ein Zeugnis. Aber das ist noch nicht das Entscheidende. Mehr als ein Buch über das Leiden ist “Le demier des Justes” ein Buch der Zaertlichkeit. Es geht hier um Menschen, die niemals Gelegenheit hatten, sich ablenken zu lassen von der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Ihrigen, den beiden einzigen Leidenschaften, die sie kennen. Es ist eine Liebe, um so staerker und zaertlicher, je bedrohter sie ist. Man will diese Menschen ihrem Gott rauben, man will ihnen die Naechsten entereissen. Als die ersten Naziverfolger die Türe des Speichers eindrücken wollen, wo Ernie und seine Familie sich hingeflüchtet haben, hat Mardochée bei sich, was er bis zum Tode verteidigen wird: seine Kinder, seine Frau und “die Bücher”. Jedes seiner Kinder ist zugleich ein moegliches Opfer und, wenn es überlebt, der Zeuge, der die Wahrheit weitergeben wird, die überdauern muss. Wenn das Leid die zwar nicht begehrte, aber gewisseste Wirklichkeit ist, so muss es dazu beitragen, die einzige Instanz zu bestaetigen, die gegen es vorhanden ist: die goettliche Güte. Das versteht der gebrechliche Benjamin sehr wohl, der am Tag, an dem er erfaehrt, dass man auch zweifeln kann, ausruft: “Wenn es Gott nicht gibt, wohin geht dann all dieses Leiden — es verliert sich, o Gott, es verliert sich”. Alles ist also klar. Es gibt Gott, und das Leiden geht nicht verloren. Will man umgekehrt behaupten, dass das Leiden sinnlos sei, so sagt man zugleich, dass Gott nicht existiere. Oder vielmehr, wenn man das behaup- In der Schriftenreihe wissenschafjtlicher Abhandlungen des “Leo Baeck Institute” ist eine Arbeit von S. Adler-Rudel “Ostjuden in Deutschland” erschienen (J. C. B. Mohr —- Paul Siebeck — Tübingen), die über einen Zeitabschnitt von 60 Jahren — 1880 bis 1940 — die Wanderungen von Juden aus den östlichen Ländern Europas nach und über Deutschland untersucht und dabei die sozialen und organisatorischen, psychologischen und politischen Probleme beleuchtet, die sich aus dieser Begegnung zwischen Ost und West ergeben. Das “Leo Baeck Institut” hat nicht immer eine glückliche Hand in der Herausgabe seiner Bücher gezeigt. Man wird vergeblich fragen, warum es etwa seine Aufgabe war, Margarete Susman zu beauftragen, “Die Geistige Gestalt Georg Simmels” innerhalb seiner Schriftenreihe zu zeichnen, und zwar nicht lange, nachdem in Berlin ein umfangreiches Werk erschienen war, das neben Auszügen aus Simmels Briefen Essays von einundfünfzig Autoren zu eben diesem Thema enthält,, darunter eines von Margarete Susman. Wenn schon das “Leo Baeck Institut” noch einmal zu Simmel Stellung nimmt, dann hätte es einen neuen Aspekt, nämlich den jüdischen, finden sollen. Mit der Veröffentlichung von Adler - Rudels Buch hat sich das Institut einer seiner vornehmsten und vordringlichsten Aufgaben entledigt: jüdische Geschichte in Deutschland von jenen niederschreiben zu lassen, die sie noch miterlebt haben. Kein anderer wie Adler-Rudel ist so qualifiziert, einen Beitrag zur Ostjudenfrage zu geben; er war nicht nur Zeuge und Beobachter, sondern stand jahrelang aktiv im Zentrum des Geschehens — zuerstals Leiter der sozialen Arbeit für Berlin im “Jüdischen Arbeiterfuersorgeamt”; und später als dessen Generalsekretär? so hat er entscheitet, so toetet man Gott. Es ist dies einer episodischen Figur widerfahren, die man den “Jüngling aus Galizien” nennt. In einem Brunnen versteckt, war er Zeuge der Ermordung seiner ganzen Familie. Nachdem die Henker abgezogen sind, begraebt er sie alle. Dann schleudert er Steine gegen den Himmel. “Und auf einmal”, so berichtet er, “ist der Himmel zerbrochen — zerbrochen wie ein Spiegel, und alle Stücke lagen auf dem Boden. Und da habe ich mir gesagt: Yankel, wenn Gott in kleine Stücke zersprungen ist, was kann es noch bedeuten, ein Jude zu sein?” Keines dieser Themen kann Anspruch auf Neuheit erheben. Die Frage, ob das Leiden einen Sinn hat, die Erwaegung, dass das Absurde der Tod Gottes ist — von alledem haben wir schon viel reden gehoert. Aber nur selten sind diese Fragen in eine lebendige Wirklichkeit einverleibt und transponiert worden wie in diesem Buch. Und man findet darin noch vieles andere, weit mehr als eine blosse Chronik der Leiden Israels. Dennoch ist dieses Buch heftig angegriffen worden. Man hat ihm seltsamerweise historische Irrtümer Von Herbert Freeden dend dazu beigetragen, jene Institutionen zu schaffen, die die Ostjuden in Deutschland betreuten und berieten, und die schliesslich das Vorbild abgaben für einen noch grösseren organisatorischen Rahmen, als die Schicksalsstunde für das deutsche Judentum schlug. Adler-Rudel ist ein Mann der praktischen Arbeit, ein Experte in Wanderungsfragen und jüdischer Sozialpolitik, und sein Buch ist eine Chronik jener Wanderungen und der sozialpolitischen Organisationen, die sich der Wanderer annahmen. Wenn er von psychologischen Problemen und ideologischen Zusammenstössen spricht, so tut er das fast zögernd, als ein Nebenprodukt, ein zeitweiliges Abweichen von der eigentlichen Linie, zu der er gern zurückkehrt. Der Untertitel des Buches “Zugleich eine Geschichte der Organisationen, die sie (d. h. die Ostjuden) betreut schliesst von vornherein jedes Missverständnis aus. Die Studie, die in erster Linie eine Studie über den jüdische Arbeiter ist, wird von nun an als unentbehrliches Kompendium für Historiker und Politiker zu gelten haben: an Hand von Materialien und Dokumenten räumt der Verfasser mit alten Urteilen und Vorurteilen auf, mit Missinterpretationen der Anzahl, Beischaffenheit und Rolle der Ostjuden in Deutschland, beginnend mit der grossen Wanderung vor dem 1. Weltkrieg, über den Kriegsausbruch und seine Folgen: gerade hier zeigt er auf, zu welch grossem Teil die Ostjudenpolitik der deutschen Heeresbehörden, besonders in der Kriegsarbeiterfrage, eine entscheidende Verantwortung für die ost jüdische Existenz in Deutschland trug. Mit einer wohltuenden Abwesenheit von Pathos und überhaupt emotioneller Stellungnahme untersucht Adler- Rudel die Ansätze der dauernden Eingliederung nach dem Kriege, die Schikane der Beangekreidet oder umgekehrt den Vorwurf gemacht, aus gelehrten Büchern ganze Stellen übernommen zu haben. Beide Vorwürfe sind zutreffend. Schwarz-Bart ist ein Autodidakt. Er hat Fehler gemacht, die gelehrte Hebraisten ihm mit Recht vorwerfen. Was die Uebernahme von Texten aus dokumentarischen Büchern angeht — wer verübelt Tolstoi, dass er in “Krieg und Frieden” ganze Seiten aus der “Geschichte des Konsulats und des Kaiserreichs” von Thiers unveraendert übernommen hat? Sofern der Leser kein gelehrter Talmudist oder überempfindlicher Kritiker ist, wird er ein Buch von vierhundert Seiten nicht ablehnen, weil es vier Seiten von anderen Autoren enthalten mag, sondern er wird sich ganz einfach dem Tragischen, dem Dichterischen und der unendlichen Zaertlichkeit anheimgeben, die die Dimensionen dieses Romans sind. Niemand kann voraussehen, was der jetzt dreissigjaehrige André Schwarz- Bart noch schreiben wird. Vielleicht ist er der Autor eines einzigen Buches. Aber dieses eine genügt, damit sein Name nicht mehr vergessen wird. (“Neue Zürcher Zeitung”) hörden und die ersten Versuche der Selbsthilfe, die sich langsam von der Fürsorge zur Arbeitsbeschaffung entwickelten, oder wie es im Buche heisst, “Von Fürsorge zu Sozialpolitik”. Diese Komplexe sind verwoben mit der Spannung innerhalb der jüdischen Gemeinden zwischen West-und Ostjuden, verwoben mit dem internationalen Problem der jüdischen Flüchtlinge und mit der grossen politischen Tragödie, in der die Ostjuden in Deutschland nur ein Kapitel bildeten. Hier ist ein Stück jüdischer Geschichte objektiv, “detached’,, aber umso faszinierender dargestellt. Die Menschen, die die Verantwortung der Arbeit trugen, sind plastisch gezeichnet und ihren Leistungen ist ein würdiges Denkmal gesetzt. Für die meisterliche Knappheit der Schrift, sowohl in Konzeption wie Formulierung, ist der Schlussatz bezeichnend: “Das Ende ist bekannt. Tausendjährige Verwurzelung oder sechzigjähriger Aufenthalt machten keinen Unterschied mehr in den Augen der Machthaber. Deutsche Juden und ausländische Juden erlitten das gleiche Schicksal”. Nur einmal hätte man vielleicht gewünscht, dass der Verfasser von seiner selbstgewählten Beschränkung abgehe: in dem Kapitel “Die Intellektuellen” wäre es reizvoll gewesen, dem Einfluss der Ostjuden in Deutschland nicht nur, wie er es tut, auf die jiddische und hebräische Literatur nachzugehen, sondern auch ihre Ausstrahlung über den jüdische Bezirk hinaus auf das Geistesleben ihrer Umgebung — auf die deutsche Publizistik, das deutsche Theater, das künstlerische Schaffen — zu beleuchten. Das Vorwort schrieb Qr. Siegfried Moses, Vorsitzender des “Leo Baeck Instituts”, der selbst mit manchen der dargestellten Vorgänge aktiv verbunden war. ''OSTJUDEN IN DEUTSCHLAND"