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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1960-04-01 · 4 (Abril, 1960) · p. Seite 8

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXII (1960)
Issue
4 (Abril, 1960)
Date
1960-04-01
Page
Seite 8 (sequence 6)
Language
German
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8 BOLETIN INFORMATIVO Abril 1960 SELMA STERN'S "JOSEL von ROSHEIM" Ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Von Vera Lewin deutschen Juden “Politisch und gesellschaftlich spricht man von einer, Judenfrage’ . Die geschichtliche Erscheinung ist breiter und tiefer, als es dieses Wort zum Ausdruck bringt; kulturelle und menschliche Motive und Wandlungen stehen am Anfang und bezeichnen das Ende”, schrieb die deutsch-jüdische Historikerin Selma Stern in der Vorrede zu ihrer Arbeit “Jud Süs”, die im Jahre 1929 erschien. (Jud Süs, ein Beitrag zur deutschen und zur jüdischen Geschichte, Akademie-Verlag, Berlin 1929). Jetzt im Jahre 1959 hat sie ihr Buch “Josel von Rosheim” veroeffentlieht (Josel von Rosheim, Befehlshaber der Judenschaft im Heiligen Roemischen Reich Deutscher Nation, Veroeffentlichung des Leo Baeck Institute, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart) und in seiner Einleitung heisst es vom 16. Jahrhundert: “Damals wurden die ersten Szenen des Dramas geschrieben, das von der Begegnung des Deutschen mit dem Juden, des Juden mit dem Deutschen handelt, jener Tragoedie von Liebe und Hass, von Anziehung und Abstossung, von Gemeinschaft und Absonderung, über deren letzten Akt soeben der Vorhang gefallen ist” (S. 8). 1929 glaubte die Autorin, in der Vollendung, d. h. dem Ende der Emanzipations- und Assimilationsepoche ser Periode, und die Katastrophe ihres “Letztes Aktes” hat zu einer prinzipiellen Umwertung ihres geschichtlichen Urteils geführt. Seit Jahrzehnten gilt ihre Arbeit der Erforschung der Emanzipation und Assimilation der deutschen Juden. Inihrer umfassenden Studie “Der Preussische Staat und die Juden”, deren Weiterführung in den 30er Jahren unterbrochen wurde, war die allmaehliche Eingliederung der Juden in den Staat, durch den Staat, seit der Zeit des Grossen Kurfürsten auf Grund Eingehender Aktenforschung beleuchtet worden “Jud Süs” und der “Hofjude” (The Court Jew, A contribution to the History of the Period of Absolutism in Central Europe, The Jewish Publication Society of America, Philadelphia, 1950) zeigen, wie die Veraenderungen in der Struktur der deutschen Staaten jüdischen schoepferischen Einzelpersoenlichkeiten die Moeglichkeiten gaben, in diese Veraenderungen aktiv miteinzugreifen. Aber ob die Analyse der Verfasserin ihren Ausgangspunkt von der Emanzipation nahm (der Jude als Objekt staatlicher Handlung) oder von der Assimilation (der Jude als Subjekt gewollter Veraenderungen), so wurde sie doch grundlegend in dem Glauben geführt, dass Vernunft und Humanitaet das irrationale Dunkel im Mender Menschheit. Bis 1933 konnte die Epoche der Entwicklung des “Ghetto-Juden zum europaeischen Juden” als entscheidend, sogar als abschliessend betrachtet werden. Im Lichte der letzten Jahrzehnte nun erscheint sie als eine Epoche unter anderen im ewigen Aufstieg und Niedergang juedischer Galutgeschichte. Wir stehen vor einer \blikommenen Revision unseres Urteils “because we have gone through experiences which no Jew in the last two hundred years had known” (The Court Jew S. XV). Unsere Aufmerksamkeit ist besonders geschaerft für die geschichtlichen Uebergangszeften, in denen, wie in unserem Jahrhundert, eine Welt untergeht, eine Welt entsteht. Und eine der einschneidendsten Uebergangszeiten ist das 15./16 Jahrhundert: eine Epoche kündigt sich an, die wir die Neuzeit nennen: eine Caesur in der allgemeinen und in der jüdischen Geschichte. Selma Stern hatte bisher den Verlauf der jüdischen Geschichte der Neuzeit in Deutschland verfolgt; in dem Buche über Josel von Rosheim betrachtet sie nun ihren Anfang. Sie zeichnet die Gestalt Josels auf dem Hintergrund seines Jahrhunderts, mit der ihr eignen Faehigkeit, Epochen in grossen Einzelnen zu soiegeln und aussergewöhnliche Individuen in ihrer Besonderheit, zugleich aber auch in ihrer Zeitbedingtheit zu schildern. Lebendig werden die tiefgreifenden Veraenderungen in der Wechselwirkung jüdischer und deutscher Geschichte in diesem Jahrhundert, in dem mittelalterliche Gebundenheit und Universalismus allmaehlich abgeloest werden durch den Partikularismus der Nationalstaaten und der Laender des Heiligen Roemischen Reiches Deutscher Nation. Die katholische Oekumene zerbricht und die protestantischen Kirchen werden gegründet. Altes und Neues besteht im Kampf miteinander und im Gegensatz zueinander. Der Theismus italienischer Renaissance-Philosophen und deutscher Reformatoren lehrt, “dass jede Religion den gleichen Wahrheitsgehalt, das gleiche ethische Prinzip enthalte” (S. 185). Aber solche Vernunft und Toleranz wird von dem Laerm der Religionskriege, die sich bereits in diesem Jahrhundert erheben, bis in’s 18. Jahrhundert übertoent werden. Die Rückkehr zu den Quellen des christlichen Glaubens, der Kampf gegen den Aberglauben und die reine Fassung philosophischer und ethischer Elemente der Antike sind für die Erasmus, Reuchlin, Melanchthon keine Theorie, sondern ihr Leben. Aber mit ihnen zugleich wirken die Zeitgenossen: der Magiker Faust die Wiedertaeufer mit ihren chiliastischen Visionen und die apokalyptische Drohung, wie sie Dürer im Bild festgehalten hat, erschüttert die Menschen dieser Zeit. Kaiser des Heiligen Roemischen Reiches Deutscher Nation ist Karl V.— letzter grosser Vertreter des mittelalterlichen Kaisergedankens, durchd r u n g e n von der tiefen Verantwortung und Verpflichtung des Amtes — und gegen ihn kaempfen die Fürsten seines Reichet^ kaempft Franz I. von Frankreich: Vertreter der aufsteigenden Partikularstaaten. “Arm der Kirche” ist Karl V. und setzt sein Leben ein für ihre Einheit, die doch bereits der deutschen Juden zu stehen —einer der glanzvollsten Epochen der jüdischen Geschichte; 30 Jahre spaeter betrachtet sie den tragischen Abschluss dieschen erhellen und wohl den Sieg darüber davon tragen würden. In der jüdischen Geschichte sah sie ein “Zeugnis stetigen Fortschritts” in der Geschichte Ein Brief des Praesidenten der B. D. R. — Heinrich Luebke Bonn, den 25. Januar 1960. An den Praesidenten des Council of Jews from Germany, Herrn Dr. Moses, Jerusalem, Israel. Sehr geehrter Herr Doktor Moses, Für das Telegramm, das Sie mir im Namen des Council of Jews from Germany sandten, danke ich Ihnen aufrichtig. Die abscheulichen Vorfaelle, die dazu Anlass gaben, bedauere ich aus tiefstem Herzen, weil sie aus einer Gesinnung entstanden sind, der mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden muss. Es ist schamlos, Wehrlose zu beleidigen. In Deutschland, dessen jüngste Vergangenheit durch die Verbrechen des Hitlerregimes gegenueber unseren jüdischen Mitbürgern belastet ist, werden alle Massnahmen ergriffen, die diese Freveltaten zu verhindern vermoegen. Die Auswüchse dürfen jedoch nicht verallgemeinert werden. Wenn die Weltpresse unsere geschlossene oeffentliche Meinung gegen die Schaendungen ebenso breit behandelt haette wie die einzelnen Untaten, so waere das Gesamtbild für Deutschland günstiger. Aus einem Gespraech, das ich vor einigen Tagen mit Vertretern des Deutschen Bundesjugendringes führen konnte, habe ich mit grosser Freude entnommen, mit welcher Entschiedenheit die deutsche Jugend gegen die antisemitischen Ausschreitungen Front macht. Ich stimme mit Ihnen überein, dass die Erziehung in Schule und Elternhaus entscheidend mit dazu beitragen kann, solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Deshalb unterstütze ich alle Bestrebungen, die einer wirksamen Aufklaerung der Jugend dienen. Schon in meiner Sylvesteransprache habe ich die antisemitischen Vorfaelle scharf verurteilt. Auch bei meinem Staatsbesuch in Berlin, der in den naechsten Tagen stattfindet, werde ich Studenten und Schüler auffordern, sich mit allem Ernst für die Bekaempfung antisemitischer Aeusserungen einzusetzen. Ich kann Ihnen und Ihren jüdischen Mitbürgern versi, ehern, dass alle, die in der Bundesrepublik politische Verantwortung tragen, und mit ihnen die grosse Mehrheit des deutschen Volkes, den ehrlichen Willen haben, in gegenseitiger Achtung und Freundschaft mit den Menschen jüdischen Glaubens zu leben. Mit besten Grüssen Ihr gez. LU EBK E. verloren ist. Und in den Staedten steigt der Stand empor, nach dem das neue Zeitalter seinen Namen tragen wird: der bürgerliche, und auf wirtschaftlichsozialem Gebiet loest der Frühkapitalismus die mittelalterliche Agrarverfassung ab. In der Erschütterung der Zeit leben die Juden ihr gefaehrdetes Leben; an der Haltung zu ihnen scheiden sich die Geister. “Es war, als brauchte diese Zeit, die noch bildhaft und symbolhaft dachte, der die Schwermut als “Melancolia” und das Zinsnehmen als “Judenspiess” erschienen, die greifbare und sichtbare Gestalt, in der sich ihre Gegensaetze widerspiegdten und ihre Konflikte sich offenbarten” (S. 10): zwischen Kaisern und Fürsten, Landesherren und Landesstaenden, Katoliken und Protestanten, Bürgern und Bauern. War für den Menschen des Mittelalters sein Leben vom Ursprung bis zum Ende verankert gewesen im Himmel, d. h. in seinen Glaubenstatsachen, so wen det sich nunmehr die menschliche Existenz einem Leben in saekulaeren Bahnen zu. Das Bewusstsein der Geschichtlichkeit im modernen Sinne nimmt seinen Anfang und so wird nun auch “der Streit zwischen Kirche und Synagoge vom Himmel auf die Erde verlegt”. Zugi erstenmal setzt sich eine europaeische geistesgeschichtliche Bewegung mit dem Glauben der Juden und ihrer Kultur auf gleicher Ebene auseinander; die Führer der Reformation treten als Advokaten der heiligen jüdischen Bücher auf, und ihre Wirkung erstreckt sich bis in das staatsrechtliche Gebiet hinein: in dem Gutachten, das Reuchlin zu Gunsten der jüdischen Bücher ausstellte, erklaerte er, dass die Juden “als Untertanen des Heiligen Roemischen Reiches bei den Kaiserlichen Rechten gehalten werden sollten” (zitiert S. 197). Im Prozess zwischen den Juden und der Stadt Colmar werden die Juden Untertanen des Reiches genannt, ' “cives Romani” (S. 197). Auf wen auch der Gebrauch dieser ganz ungewoehnlichen staatsrechtlichen Bezeich nung zurückzuführen ist: auf den Einfluss Reuchlins, auf Josel von Rosheim oder auf die Initiative der Kammerridhter — sie ist zukunftweisend, wenn sie auch erst 300 Jahre spaeter zur politischen Wirklichkeit wird. So finden sich also in diesem 16. Jahrhundert die ersten Anzeichen für Emanzipation und Assimilation der Juden. Aber nicht sie sind bestimmend für die Zeit. Die Neuzeit beginnt mit einer dunklen Epoche für die Juden, einer Zeit, “da die Kammerknechte des Heiligen Roemischen Reiches durch die Ausweisung aus den Reichsstaedten in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung zutiefst gesunken waren, da die einst stolzen bürgerlichen Handelsherren und Bankiers sich in die verachteten Geld- und Pfandleiher der Doerfer und Flecken verwandelt hatten, da das Fastnachtsspiel, das Drama, das Passionsspiel, die Gestalt des jüdischen Wucherers und Verraeters, des Moerders Christi und des Schaenders der Maria auf offenen Plaetzen oder weiten Kathedralen, Woche für Woche beinahe, einer riesigen z,uschauermenge vor Augen führten und Flugschrift und Holzschnitt die Bevoelkerung über jede Einzelheit der Ritualmord- und Hostienschaendungs-Prozesse aufklaerten. (S. 10-11). Nicht Eramus, Reuchlin, Melanchthon, das unheimliche Doppel-Antlitz Luthers bestimmt die Zeit: die Mischung von Innerlichkeit und chaotischer Getriebenheit, für deren deutsche Besonderheit wir besonders wach geworden sind. In dieser Zeit der Not erstand den deutschen Juden ein Führer, dem es zum erstenmal und für lange Zeit zum letztenmal gelang, die Gemeinden Süd- und Westdeutschlands zu einen und ihren eifersüchtig gewahrten Separatismus zu durchbrechen: Josel von Rosheim, “Befehlshaber” und “Oberster” der Juden. Sein Amt, so weist Selma Stern überzeugend nach, wurde ihm nicht vom Kaiser, sondern von den Vorstehern der jüdischen Gemeinden übertragen. Ihnen ist er Rechenschaft schuldig, aber ohne seine Einwilligung durfte kein anderer in welch politischer Mission auch immerals Sprecher der Juden auftreten. 40 Jahre waltete Josel in “heiliger Nüchternheit” seines Amtes. Er stieg vom Fürsprecher der unterelsaessischen Juden zum Vertreter der Juden des Heiligen Roemischen Reiches auf, und sie (Fortsetzung Seite 37) 40.000 junge Berliner protestierten mit einem Schweigemarsch zur Synagoge in der Fasanenstrasse gegen die antisemitischen Sudeleien. i

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