Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 4 (Abril, 1960)
- Date
- 1960-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril 1960 BOLETIN INFORMATIVO 5 "DU SOLLST ES DEINEM KINDE VERKUENDEN" Von Rabbiner Egon Loewenstein In biblischer Zeit waren die Eltern die ausschliesslichen Lehrer ihrer Kinder. Unterrichtsanstalten oder Schulen wurden erst in spaeterer Zeit eingefuehrt. Jedoch in allen Generationen des juedischen Volkes galt fuer die Pessachnacht als Grundprinzip der Ausgestaltung seiner Feier: “Du sollst es Deinem Kinde verkuenden an jenem Tage und ihm sagen... um dessentwillen, was der Ewige an mir getan, als ich aus Mizrajim zog” (2. Buch Moses; 13,8). Dieses Gebot ist zum Ausgangspunkt fuer die Feier des Seder geworden. In dieser Nacht blieben die Eltern in allen Zeiten die Lehrer ihrer Kinder, auch dann noch, als der Besuch einer Schule obligatorisch wurde. Der Seder ist das Symbol juedischen Lernens. Sein Hauptthema ist die geschichtliche Erinnerung. Aber die Theorie wird verbunden mit der Praxis. Das Kind sieht vor sich, wovon gesprochen wird. Das ungesaeuerte Brot, das Bitterkraut und alles, was das Kind in dieser Nacht beobachtet, soll ihm gedeutet werden und ihm etwas bedeuten. Ein Seder, in dem die Hagada nur zur Verlesung kommt, und kein Versuch gemacht wird, die Anwesenden —insbesondere die Kinder— in eine unmittelbare Beziehung zum Inhalt der Hagada und zu den Braeuchen dieser Nacht zu bringen, entspricht nicht dem, was beabsichtigt ist. Ein solcher Seder wird zur Zeremonie ohne Inhalt. Ihm fehlt die Aktualitaet, die Beziehung zu uns und unserer Zeit. Franz Rosenzweig hat in seinem religionsphilosophischen Werk “Der Stern der Erloesung” den Seder so gedeutet: “Das Wort der Freiheit leuchtet ueber ihm von Anfang an. Die Freiheit des Mahls, bei dem alle gleich sind, zeigt sich an in dem, was mit anderem noch, diese Nacht unterscheidet von allen Naechten: dem “angelehnten” Sitzen; sie zeigt sich, lebendiger noch als in dieser Erinnerung an das antike zu Tische Liegen der Gaemmm m PESSACH BEI EINER FAMILIE AUS BUCHARA D/e Prager Hagada von 1526 Von Dr. KARL SCHWARZ Ein kleines Buechlein, schlicht und einfach seinem Aeusseren und seinem Umfange nach, hat sich trotz aller Widerwaertigkeiten eines wechselvollen Geschickes durch Jahrhunderte erhalten. Neben der Bibel ist die Haggada das verbreitetste Buch der Weltliteratur, hat die groesste Auflagenzahl erlebt und ist in die meisten Sprachen uebersetzt worden. Die Haggada, das Festbuechlein des Pessachfestes, ist in ungefaehr 1000 verschiedenen Ausgaben herausgekommen, die in 93 Druckorten hergestellt worden sind. Voraus geht eine grosse Anzahl aeusserst wertvoller Handschriften, von denen viele, reich illustriert, uns interessante Einblicke in das Kultus- und Kulturleben der verschiedenen Laender gewaehren. Von den gedruckten Haggadas gibt es ungefaehr 200 illustrierte. Die aelteste uns bekannte Ausgabe mit Holzschnitten ist die im Jahre 1526 zu Prag bei Gerson Kohen herausgekommene, von dem fahrenden Buchdrucker Schwarz in Prag hergestellte Pessach-Haggada. Im Jahre 1550 erschien eine zweite Ausgabe, die in der Anordnung etwas von der ersten abweicht, sonst aber dieselben Druckstoecke enthaelt. Von besonderem Interesse sind diese Prager Drucke dadurch, dass sie durchaus tonangebend fuer die spaeteren Ausgaben wurden, sodass auch die erste italienische Haggada, die 1560 bei dem Drucker Jizchak Bassan ben Sch’muel zu Mantua ihrem Vorbild folgte. Die Technik des Holzschnittes, die wir in den Prager Ausgaben finden, zeigt die Abhaengigkeit des Formenschneiders von der deutschen Kunst in allen Einzelheiten. Die verschiedenen Titelblaetter sind Arbeiten auf schwarzem Grunde, von dem sich die Zeichnung in Weiss abhebt. Das erste Titelblatt, rein ornamental gehalten, weist Rankenwerk auf mit Vasen, Tierfratzen, stilisierten Menschenleibern und Arabesken. Die Druckstoecke der Textillustrationen sind zumeist ingendwie an den Rand' gerueckt; einige Initialen unterbrechen den Text. Am Auffallendsten ist die Darstellung einer Hasenjagd (die sich in fast gleicher Form, jedoch wechselseitig, in dem Mantuaner Druck von 1560 befindet). Die Darstellung der Hasenjagd geht auf die mnemotechnische Formel zurueck, die sich zur Erklaerung der verschiedenen Segenssprueche durch Aneianderreihen der fuenf Anfangsbuchstaben: I, K, N, H, S, ergibt und, im deutschen Jargon als "Jakenhas” gesprochen, das Symbol einer Hasenjagd ergab. Fuer diese gibt es viele deutsche Vorbilder, da Jagddarstellungen zur damaligen Zeit unter dem waidlustigen Kaiser Maximilian besonders beliebt waren. So zeigt uns dieses interessante Dokument fruehester juedischer Buchdruckkerkunst den kulturellen Zusammenhang des Judentums mit dem alten Deutschland, der sich ja auch in allen Ausdrucksformen, so auch in der Sprache der aus Deutschland ausgewanderten, nach Polen und Russland uebergesiedelten Juden bis heute erhalten hat. (Boletin, Montevideo) ste beim Symposion, darin, dass gerade das juengste Kind zu Worte kommt und dass sich nach ihm, nach seiner Art und Reife, die Tischreden des Hausvaters richten”. Daran wird leider heute in vielen Familien vergessen, dass der Seder geschaffen worden ist, um mit unseren Kindern zu lernen, um sie zu lehren und sie zum Tun, zur Verwirklichung hinzufuehren. In dieser Beziehung zwischen Vater und Kind als Lehrer und Schueler, — die im Seder zum hervorragenden Ausdruck kommt, — sieht das historische Judentum eines der wesentlichen Merkmale traditionellen Lebens. Das Geheimnis dieser Beziehung liegt nicht so sehr im Lehren der Gedanken oder Ideals, sondern in dem Ei, im Bitterkraüt, im Wein, usw. deren Bedeutung verstanden wird. Der Vater — Lehrer oder die Mutter — Lehrerin beschraenken sich nicht nur auf das Frage— und Antwortspiel, sondern dem Kind soll gezeigt werden, dass die Praxis zur Theorie fuehrt — nicht umgekehrt. Darin liegt eine tiefe paedagogische Erkenntnis. Kinder verstehen die Philosophie oder Ethik des Judentums nicht. Sie erleben, was sie mit den Augen sehen und dem Gaumen schmecken. Sie haben keine Beziehung zu den abstrakten Schlagwoertern, in die das Judentum in unseren Tagen so oft gekleidet wird. Der Afikoman, der versteckt wird, die bitteren Kraeuter die gegessen die vier Becher, die getrunken werden, erzaehlen ihm mehr von der Geschichte Israels als alle theoretische Betrachtungsweisen. Das ist die Sprache, die es versteht. In dieser Symbolik des Judentums, fuer die die Feier des Seders, das sprechendste Beispiel ist — aber eben nur ein Beispiel und Wegweiser—, liegt seine Kraft und die Staerke seiner Erziehungsmethode. Diese Symbole gehoeren nicht einer ueberwundenen Epoche des Judentums an. Ideale duerfen nicht abstrakt bleiben, Sie muessen im Leben ihren Ausdruck finden. Aber — und damit kommen wir zum entscheidenden Problem — wir wissen sehr gut, dass viele unserer Vaeter und Muetter selbst nicht genuegend gelernt haben, um ihren Kindern in der Welt des Judentums Lehrer sein zu koennen. Das ist zumeist nicht ihre- Schuld. Daran kann kein Zweifel sein. Aber um unserer Soehne und Toechter willen, sollten unsere Eltern bereit sein zu lernen. In frueheren Geschichtsperioden war der Apikaures — der Leugner und Zweifler an den Glaubensgrundlagen — die Gefahr fuer das Judentum. Er untergrub seine Fundamente. Dieser Apikaures ist sehr selten geworden. Und vielleicht darf man hinzufuegen leider. Denn mit ihm konnte man sich auseinandersetzen, ihn bekaempfen und vielleicht auch ueberzeugen. Er war ein Ausdruck einer Welt, in der es geistige Auseinandersetzungen gab. Die Gefahr, die uns heute bedroht, ist der Am Haarez — der nichtwissende Jude. Ihn gilt es zu ueberzeugen, dass es um unserer Kinder und ihi er Zukunft willen notwendig ist, wieder zu lernen. Die alte juedische Welt rief aus: “Ze ul’ mad — Geh hinaus und lerne. Dieses Wort wird auch an unsere Eltern gerichtet. Heute wird das Lernen Erwachsenenbildung genannt. Welch’ungewoehnliehe Forderung in einer Welt, die meist nur die Sucht nach Aeusserlichkeiten, das Streben nach materiellem Wohlstand kennt! Aber von der Erfuellung dieser Forderung haengt in unseren Tagen weitgehendst die Moeglichkeit ab, den Seder als das zu erkennen, was er sein will: Symbol des juedischen Alltags. NEBENBEI... Wiederum wird in Tausenden von Haeusern die einzigartige Feier des Seders begangen in traditioneller Weise oder in neuem Gewand. Nirgends vielleicht ist die Wandlung religioeser Zeremonien deutlicher sichtbar als in dem Gegensatz zwischen der Feier im Familienkreis und den Massenveranstaltungen in Kibbutzim. Schon vor vielen Jahren konnte man Vorlaeufer dieser Entwicklung in Russland beobachten: in St. Petersburg (wie Leningrad damals hiess), wo der unvergessene Israel Rosoff hunderte von Gaesten zum Seder lud und Jabotinsky waehrend der Mahlzeit ueber den Sinn des Befreiungsfestes sprach; und ein andermal in der bescheidenen Wohnung Bialiks in Odessa, wo nur zwei Gaeste geladen waren und die vier Becher nicht Wein sondern „Pessachovka” enthielten, einen für den jungen Besucher aus dem Westen lebensgefaehrlich starken Branntwein. An diesen Seder knüpft sich eine besondere Erinnerung: als der Dichter gefragt, wurde, warum er seinem ersten Besuch in Erez- Israel nicht eine einzige Zeile gewidmet habe, gab er in zwei russischen Worten die wundervolle Antwort: „Es hat sich nicht geschrieben." Ecce poeta! -it-— Eine der interessantesten Neufassungen der Haggada, mit einer wohl abgemessenen Mischung von altem und neuem Text, ist die des Kibbutz Degania B. Eine grosse Attraktion war die hoechst eindrucksvolle Wiedergabe des „Lieds der Lieder,’’ das anderwaerts am Sabbat der Halbfeiertage in den Synagogen vorgetragen wird, in Degania aber in den Mittelpunkt der Sederfeier gestellt wurde. Eine besondere Schwierigkeit des haeuslichen Seders haben sich übrigens die meisten Kibbutzim erspart, in dem sie auf den Becher des Propheten Eliahu verzichten, und dadurch am naechsten Morgen der unvermeidlichen Frage der Kinder entgehen, warum auch in diesem Jahr der Prophet nicht erschienen ist. -☆- Für das viel behandelte Thema der deutsch-jüdischen Symbiose liefert auch die Haggada manches hübsche Beispiel. Die Fragen und Antworten in „Echad mi jodea“ haben eine altdeutsche Parallele in einem Lied, das beginnt: Guter Freund, ich frage dir Bester Freund, was fraegst du mir, Sag mir was ist ein? Einmal eins ist Gott allein.’’ Und eine Parallele zu „Chad gadja” schliesst: „Da schickt der Herr den Teufel aus, er soll sie alle holen. Teufel will wohl alle holen, Ochse will wohl Wasser saufen, Wasser will wohl Feuer loeschen, Feuer will wohl Stoecklein brennen, Stoecklein will wohl Hündlein schlagen, Händlern will wohl Jaeger beissen”. Ein amüsanter Beitrag zur Wandlung paedagogischer Begriffe findet sich in einer im Jahr 1897 in London veroeffentlichten Haggada, wo der Uebersetzer uns verschaemt informiert, dass es unmoeglich sei, in dem Zahlenlied die „Neun Monate des Gebaerens" woertlich wiederzugeben und er habe dafür die neun jüdischen Festtage eingesetzt, als „mehr in Uebereinstimmung mit unseren modernen Ideen von dem, was für Kinder passend ist.” ("M. B.”)