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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1960-03-01 · 6 (Junio, 1960) · p. Seite 6

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXII (1960)
Issue
6 (Junio, 1960)
Date
1960-03-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 BOLETIN INFORMATIVO Marzo I960 SECHS FRAGEN Aufschluss ueber den Menschen geben kann, der ihn bewohnt. Selbstverstaendlich ist er repraesentativ und wertvoll ausgestattet, aber ohne falschen Prunk. Die Stiche an den Waenden deuten auf erlesenen Geschmack und solide Kultur, ihre Motive auf Heimatverbundenheit. Und dann sind da vor allem zwei Bilder mit Widmungen: eines von Papst Pius XII und das andere von Dr. Erhard. Herr Dr. Strack bestaetigt es im Gespraech: er ist Katholik, was Religion, Lebenshaltung, Ueberzeugung anbetrifft und sein Dienstweg ist der des Wirtschaftsfachmanns, nicht der des Politikers. Nach Washington, Moskau, London schickt Bonn politische Botschafter; Santiago, wie alle anderen Hauptstaedte Suedamerkas, ist Feld fuer Wirtschaftler. Darin mag einer der Gruende des Misserfolgs zu suchen sein, den wir mit dem Versuch einer Abschweifung in das Gebiet der hohen Politik versuchen: “Wie denken Sie, Herr Botschafter, ueber die eventuelle Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der D. B. R. und Israel und wie denkt das Aussenministerium in Bonn darueber?” Die ausweichende Gegenaeusserung lautet: “Fragen der diplomatischen Beziehungen der Bundesrepublik gehoeren ausschliesslich in die Entscheidungsbefugnis der Bundesregierung. Beide Regierungen werden sich zweifellos zu gegebener Zeit zu dieser Frage aeussem”. Wir bringen also das Gespraech fuers Erste nach Chile zurueck und benutzen die naechste Frage, Herrn Dr. Strack mit Tatsachen vertraut zu machen, die ihm unter Umstaenden von anderer Seite vorenthalten werden koennten: “Dank Ihrer langjaehrigen Kenntnis des Auslandsdeutschtums ist es Ihnen zweifellos bekannt, dass der blinde Nationalismus, der so viel Unglueck gebracht hat, unter diesem nicht nur viel leichter Fuss fassen konnte als in Deutschland, selbst; sondern, so seltsam dies erscheint, auch viel schwerer wieder auszumerzen ist. So wurde Ihr Herr Vorgaenger in einigen deutschen Gemeinden der Provinz mit schwarz-weiss-roten Fahnen empfangen. Sind Sie, Herr Botschafter, der Ansicht, dass die schwarz-rot-goldenen Farben der Bundesrepublik ein Ideal repraesentieren, das Symbol eines anderen Deutschland, das es durchzusetzen gilt gegen die schwarz-weiss-roten Tendenzen?” “Der Nationalismus ist kein Problem, das uns bei unserer •Aufbauarbeit beschäftigt”, antwortete Dr. Strack mit grosser Entschiedenheit. “Gluecklicherweise haben wir in Deutschland keine Flaggenfrage mehr. Seit langer Zeit sind die schwarz-rot-goldenen Farben die von allen anerkannte und geachtete Flagge unserer Vaterlandes. Diese ehrwuerdigen Farben symbolisieren fuer uns Einigkeit und Recht und Freiheit. Wir haben es nicht noetig, diese Flagge gegen irgendwelche Tendenzen durchzusetzen; sie hat sich bereits durchgesetzt”. “Wenn hier und da im Auslandsdeutschtum noch Spuren der Vergangenheit sichtbar werden”, so faehrt Dr. Strack fort, “was mancherlei Gruende hat, so ist es doch meine feste Ueberzeugung, dass diese Spu- ( Fortsetzung von Seite 1 ) ren sich mit der Zeit verlieren werden. Sie werden mir zugeben, dass das deutsche Volk, genau wie jedes andere, das Recht hat, Volk, Vaterland und Nation hochzuhalten. Diese Begriffe freilich muessen befreit werden von jenem Odium, das ihnen das Hitler - Regime angelastet hat; was dieses Regime aus jenen Begriffen gemacht hat, war nichts anderes als eine ungeheuerliche Verfaelschung. Das deutsche Volk hat dies in aller Klarheit erkannt und beherzigt”. Der Kultur— und Presse- Attaché der Deutschen Botschaft, Dr. Karl-Gustav Gerold, dessen stets freundliche Bemuehungen zweifellos zu dem angenehmen Rahmen, in dem sich das Gespraech abwickelte, beigetragen hatte, war im Verlauf einer wenige Wochen vorher gefuehrten Unterhaltung zu aehnlichen, sehr optimistischen Schlussfolgerungen betreff der Ueberwindung dieser “Spuren der Vergangenheit” gelangt. Waehrend wir das damalige Gespraech weiter spannen, besannen wir uns jedoch in diesem Zusammenhang darauf, dass die Presse nicht dazu da ist, um zu diskutieren, sondern um zu fragen. Wir begnuegten uns also damit, nur noch etwas tiefer zu schuerfen: “Als Beispiel fuer die bereits erwaehnten “schwarzweiss-roten Tendenzen”, das uns besonders nahe beruehrt, mag die Verniedlichung der Verbrechen des Nazi-Regimes angefuehrt werden. So wird von verantwortlicher Stelle aus auch heute noch unter der deutschen Kolonie in Chile die Ansicht propagiert, die Zahl von Fuenf bis sechs Millionen ermordeter Juden sei “reine Propaganda” oder “masslos uebertrieben”. Halten Sie, Herr Botschafter, es fuer bedeutsam, dass Ihre Landsleute das begangene Verbrechen in seinem ganzen Ausmasse kennen?” . , Seine Stellungnahme liess keinen Zweifel daran, dass er ueber diese Frage nicht zum ersten Male nachdachte: “Die Verbrechen des Naziregimes duerfen nicht bagatelhsiert werden”, sagte er mit Bestimmtheit. “Mir ist, wie jedem anderen Zeitgenossen, bekannt, dass die Zahl der unter dem Nationalsozialismus ermordeten Juden sich nicht bis aufs letzte genau feststellen laesst. Ich frage mich auch, ob dies noetig ist, denn selbst der Tod eines einzelnen Ermordeten ist ein furchtbarer Vorwurf gegen jene, an deren Haenden dieses Blut klebte und gegen die Gesinnung, aus deren Boden die Tat erwuchs. Auch ein einziger Mord verlangt gebieterisch, dass klare Massnahmen getroffen werden, um weitere Untaten zu verhindern. Meine Regierung hat alles getan, um der Wahrheit ueber die Verbrechen des Naziregimes zum Siege zu verhelfen. Ihre Bemuehungen haben Erfolg gehabt; denn das deutsche Volk kennt heute diese in seinem Namen begangenen Verbrechen, wegen derer es selbst unsagbar gelitten hat, in ihrem ganzen Ausmasse. In diesem Zusammenhang werden Sie sicherlich auch verstehen, dass ich die anti- deutsche These von der sogenannten Kollektivschuld ablehne; ich bin darin der gleichen Auffassung wie hervorragende Vertreter der juedischen Glaubensgemeinschaft. Bei der Bewaeltigung unserer Vergan- GEDANKEN ZWISCHEN 2 UND 3 genheit, die —davon koennen Sie ueberzeugt sein— auch heute noch schwer auf uns lastet, auch wenn dies nicht immer nach aussen hervortritt, sollte man uns, scheint mir, helfen: Man sollte draussen nicht nur die juengsten Schmierereien an Mauern sehen, sondern auch die Reaktion der Ungezaehlten, vor allem die der vielen, vielen jugendlichen Menschen unseres Volkes, die den Nationalsozialismus niemals gekannt haben. Es gilt, ihnen wieder Mut zu machen, und zwar Mut zum Guten. Man darf in ihnen nicht das Gefuehl aufkommen lassen, sie waeren allein und gehoerten sogar zü den Verfemten nur deshalb, weil die vorige Generation zu schwach war, sich rechtzeitig mit allen Mitteln —selbst mit dem Einsatz des Lebens— gegen eine blutige Diktatur zu wenden”. Einer Einladung des Hausherrn folgend, begaben wir uns in den Garten. Die scheidende Nachmittagssonne erinnerte mahnend daran, dass sich mein Besuch schon allzu sehr ausgedehnt hatte, doch konnte ich nicht umhin, das Stichwort von den “juengsten Schmierereien an Mauern” aufzugreifen. “Ja”, sagte Dr. Strack nachdenklich, “wir wissen, dass bei jedem Zeichen des Antisemitismus in der Welt die Quelle in Deutschland gesucht wird. Ich habe hierfuer Verstaendnis. Wir buessen so fuer die Verbrechen, die der Nationalsozialismus an der Menschheit begangen hat. Ich bin davon ueberzeugt, dass der Nationalsozialismus und der Antisemitismus von den Deutschen endgueltig ueberwunden wurden. Die Gefahr fuer uns ist nicht der Radikalismus der Rechten, sondern der Bolschewismus, der mit dem Nationalsozialismus unter manchem anderen den hochmuetigen Unfehlbarkeitsglauben, die Ablehnung und Bekaempfung der Religion, die hoehnische Verneinung jeder Toleranz und die Brutalitaet in der Verfolgung seiner Ziele gemeinsam hat. Im deutschen Volk ist heute der Wille zur Toleranz, die Hochschaetzung der menschlichen Wuerde und die Achtung vor Recht und Gesetz wieder lebendig. Wir sehen mit Sorge, dass die weltweiten antisemitischen Vorfaelle seit Weihnachten 1959 vielfach genuegten, um Deutschland an den Pranger zu stellen und die Festigkeit seiner Demokratie anzuzweifeln. Ich bin jedoch davon ueberzeugt, dass angesichts der Haltung, die das deutsche Volk in seiner ueberwaeltigenden Mehrheit eingenommen hat, eine gerechtere Beurteilung sich durchsetzen wird. Was in den letzten Wochen geschehen ist, waren ausserordentlich bedauerliche Einzelerscheinungen, gegen die mit aller Energie durchgegriffen wurde und wird. Die Bundesrepublik, die seit ihrem Bestehen schon so schwere Probleme hat loesen muessen —ich darf vor allem an den Wiederaufbau unserer zerstoerten Staedte und die Einordnung von 12 Millionen Fluechtlingen erinnern— wird auch mit dieser Frage fertig werden”. Herr Dr. Strack hatte sich zwar tatsaechlich den ganzen Nachmittag fuer das “B. I.” frei gehalten, aber auch ein Nachmittag geht einmal zu Meine Freundin hat mich gestern eine geschlagene Stunde auf der Strasse warten lassen. Ecke Huérfanos und Estado. Die erste Viertelstunde ertrug ich mit Fassung. “Bedenke”, sagte ich mir, “schliesslich hat sie kein Auto; die Verbindung. .. Busse besetzt... sonst auch nicht allzu puenktlich...” In der zweiten Viertelstunde lernte ich zu meiner Nervenberuhigung die Auslagen von Barros, Nirvana, Max Factor, Rosenblitt, Ansonia, Gaby und Napoli auswendig, liess mich circa 10 mal fragen, ob ich alte Kleider zu verkaufen hätte und dann wurde ich langsam, aber sicher stinkewütend. Als das sich aber in meinem Gesicht, nach einem Blick in eine Schaufenster- Scheibe, wenig vorteilhaft auswirkte, fing ich ein heiteres Selbst - Spielchen an: ich beobachtete die Passanten und ihre verschiedenen Gangarten. Am liebsten wäre ich noch eine Zeitlang stehen geblieben, als meine zeitbegabte Freundin endlich erschien. Zum gehen, sich vorwärtsbewegen, hat uns die Natur zwei Beine, zwei Füsse gegeben. Wie unterschiedlich man sie benutzen kann, ist ganz unglaublich. Ich habe 16 verschiedene Arten zu gehen beobachtet. Man kann “gehen”, “schreiten”, und “wandeln”; in schnellerem Tempo steigert sich das zum “laufen”, “rennen” oder gar “sausen”. Es gibt Typen, die nur mit strammem Schritt “marschieren” (bei Frauen wirkt das besonders graziös!) Andere “springen”, “schlurfen” oder “schleichen” durch die Strasse. Manche “schweben”, “trippeln” und “tänzeln”, wogegen Derbere “trampeln” und Ungeschickte “torkeln” und “stolpern” (“Stel zen” und “staksen” sind wahrscheinlich Dialekt-Ausdrücke, die nicht jeder kennt. Sonst wären es 18 Abarten). Der besorgte Geschäftsmann geht eilig, aber unstet. Sein Gang drückt seine Anspannung deutlich aus; er strafft sich, wenn ein Bekannter ihm entgegen kommt, sein Gang wird automatisch flotter. Die mit Paketen beladene Hausfrau geht müde und abgespannt Das eitle Mädchen wippt anspru c h s v o 11 mit “Bitteschaut - mich - an - Schritten”, setzt die Füsse bewusst und geziert. Der kesse Junge und Taugenichts strolcht nachlässig und egoistisch durch die Menge, rücksichtslos und ohne Verantwortung schleift er die Füsse. Dort kommt ein müdes Kind, das traurig die Füsschen nach innen setzt und stolpernd hinter der eiligen Mutter trottet. Man braucht den Blick nicht zu heben, um zu wissen, dass es weint; die un- Ende. Ich sprach ihm meinen verbindlichsten Dank dafuer aus, uns so aufmerksam und freimuetig Rede und Antwort gestanden zu haben und fuegte hinzu: “Wenn Sie unseren Lesern etwas mitteilen moechten, so koennen Sie gern auf Gegenseitigkeit rechnen. So sind wir auch im Rahmen dieses Interviews mit Vergnuegen bereit, zum Abschluss eine Erklaerung des Herrn Botschafter zu bringen”. “Dieses Angebot freut mich. Ich werde sicher davon zu gegebener Zeit Gebrauch machen. Mit Ihnen und Ihren Freunden glaube ich mich darin einig, dass wir alle in einen gemeinsamen Auftrag denken, sprechen und handeln, naemwilligen Beinchen und Füsschen weinen auch. Nur eine Frau kann die heldenhafte Geschlechtsgenossin verstehen, die vorsichtig tastend, leidvoll und gequält in zu hohen Absätzen, zu schmalen Schuhen, aber schick und stilvoll, ihren Leidensweg über das harte Pflaster schleicht. Die gemarterten Füsse hören nicht am Knöchel auf; sie beherrschen den ganzen Körper, jeden Gedanken, jeden Pulsschlag. Das Vergnügen des Stadtbummels ist Qual geworden und besteht nur noch aus kalkulierten Metern, bis das Ziel, der erlösende Sitzplatz, gefunden ist. Mit offenem, ehrlichem Neid sieht die im wahrsten Sinn des Wortes “Bedrückte” den beschwingten Gang der flachschuhigen Tanzschülerinnen, die in geschlossener Gruppe, —ein reizender Anblick—, aus der Akademie strömen. Wie hübsch sie die schmalen Füsse setzen, wie wohlbalanziert ihr graziöser Gang wirkt, in schaukelndem Rythmus schwankt der Seebär auf dem ungewohnten Festland. Seine leicht eingebogenen, geknickten Kuddel- Daddel-Du-Beine sind unverkennbar, selbst im flottesten Zivil. Der Sportler setzt fest und sicher die Sohlen auf, federt sparsam ab und sucht sich ruhig und gelassen den besten Weg durch die Strassenhindemisse. Eile und Müsse, Sorge und Freude wandern in ihrer typischen Gangweise an meinen Augen vorüber, erstaunlich erkennbar. Verblüffend deutlich drückt der Gang eines Menschen seinen Charakter aus. Der schüchterne Mensch geht anders, als der präpotente, sogar der intelligente verschieden vom dummen. Man erkennt den unkompliziert offenen, den verkrampft unnatürlichen, den bescheidenen und den anspruchsvollen Menschentyp an der Art, wie er sich durch die Strasse bewegt, wie er die Füsse setzt. Auch der Geizige und der Grosszuegige gehen auf erkennbar verschiedene Weise. Es gibt wahrscheinlich soviel unterschiedliche Gang arten, wie es Menschen gibt. Man kann schön und beschwingt gehen, ohne daraus etwas unnatürliches zu machen, wenn die gesamte Körperhaltung diszipliniert und korekt ist. Dabei spielt die oft gepredigte “postura”, die ausbalanzierte Führung des Körpers die grosse Rolle. Es tut weh und leid, wenn man einen gut gewachsenen Menschen mit rundem Rücken, vorgewölbtem Leib und verkrampft gehobenen Schultern die Strasse entlang schieben sieht. Man (Fortsetzung Seite 21) lieh dem der wahren Menschlichkeit, und dass wir einen gemeinsamen Wunsch haben: Wir wollen das, was wir erleben und erdulden mussten, nie vergessen, aber versuchen, es zu ueberwinden. Dann wird, so Gott will, unsere Hoffnung in Erfuellung gehen, dass unsere Kinder und Kindeskinder in einer Welt aufwachsen, aus der die Schatten der Vergangenheit fuer immer verschwunden sind”. Wir verabschieden uns. Es war keine leichte Unterhaltung. Es wird Zeit und Nachdenken kosten, um zu verarbeiten, war er gesagt hat. Aber wie er es gesagt hat, laesst keinen Zweifel daran: es ist ihm sehr ernst damit.

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