Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 1 (Enero, 1960)
- Date
- 1960-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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6 BOLETIN INFORMATIVO ENERO 1960 DER KLASSENTAG (Fortsetzung von Seite unserem Lebenskampf. Ich z. B. studierte Jura, war im Kriege Offizier und bin heute Regierungsrat. Wie haben wir doch von Horaz gelernt? ’Und suche die Wahrheit im Garten des Academicus” - ’Atque inter silvas Academi quaerere vera’. ” “Verum, verum”, verbesserte die Banane, aber blinzelte zufrieden . “Setzen, Herr Regierungsrat”, sagte er dann, als ob er ihm ein Sehr Gut gegeben haette. “Der naechste - Siebart”. Siebart, lang und ungekaemmt wie damals, sprang auf. “Ja, ich weiss nicht, also ich ... da war natürlich der Krieg ... ich war Buchprüfer .... ich .. .. ” “Siebart, wie oft habe ich Sie schon ermahnt, zusammenhaengen de Saetze zu sprechen und nicht immer Ich, Ich, Ich zu sagen”. Siebart war so nervoes, wie wenn er seine Aufgaben nicht gemacht haette. “Also ich war. Buchprüfer und verlor meinen Posten, und nach dem Kriege Konnte ich nichts Richtiges finden ...” Er stockte. “Wenn das alles ist”, meinte der Lehrer bedauernd und malte offensichtlich ein Ungenügend ins Klassenbuch. “Da wollen wir doch einmal unseren Primus hoeren, Kohnstamm!” Die Banane sah ihn erwartungsvoll an. Kohnstamm, klein und untersetzt, stand auf. Selbst in dem trüben Licht sah man, dass er schlecht rasiert war. “Herr Studienrat, ich bin Bauer geworden!” Diese Bemerkung loeste einen Heiterkeitsausbruch aus, selbst die Banane lachte. Kohnstamm war nicht nur ein brillanter Klassiker, sondern ein ebenso guter Mathematiker und Historiker gewesen. Dr. Zimmer fing sich als erster. “Also heraus mit der Sprache- ‘Der Wunder sind viele, doch nichts ist voll groesserer 'Wunder als der Mensch’, sagt Sophokles.” “Ich habe meinen Dr. Phil, gemacht”, erklaerte Kohnstamm, “dann bin ich nach Israel gegangen, in eine Gemeinschaftssiedlung. Dort weide ich Schafe oder melke Kühe, pflege Obstbaeume oder bestelle Felder - und verteidige sie, wenn es noetig ist”. Der Lehrer war aus dem Konzept gebracht. “Aber Turnen war doch nie Ihre starke Seite, Kohnstamm! Sie waren praedestiniert, Philologe zu werden...” In diesem Augenblick bekam ich einen Zettel von Boehlke: “Wir wollen der Banane fünf Minuten lang auf den Schlips starren”. Das war ein alter Trick gewesen, um Dr. Zimmer in Verlegenheit zu bringen, der dann regelmaessig begann, an seiner Krawatte zu zupfen. Ich winkte ab. Inzwischen war Koch aufgerufen worden. Koch war nie ein grosses Licht gewesen und hatte bei Tacitus Briefmarken getauscht. “Ihre Leistungen in Latein haben zwar zu wünschen übrig gelassen”, meinte die Banane, “aber wir hoffen, dass Sie trotzdem Ihren Mann gestanden haben”. “Ich bin vor Stalingrad gestanden”, sagte Koch, “und gefallen”. “Dulce et decorum est pro patria mori”, zitierte Dr. Zimmer und schien Koch von der Liste zu streichen. Und was haben Sie zu bemerken, Faehrer?” Faehrer erhob sich gemessen und im Talar eines Priesters. “Wie Sie sehen, verehrter Herr Studienrat, ist es mir vergoennt gewesen zu werden, was zu werden ich erstrebte, als wir uns noch an den Versen der Heiden ergoetzten und in Plato den ersten Vorahnungen des Christentums begegneten - ein einfacher Diener Gottes”. “Lobenswert, sehr lobenswert”, murmelte die Banane unsicher Und raeusperte sich mehrmals. “Sie sollten sich alle ein Beispiel an Faehrer nehmen”, fügte er hinzu, offenbar auch die Protestanten und Juden einbeziehend erleichtert wandte er sich an den naechsten - Spanner. Spanner bat, sitzen bleiben zu dürfen. “Sie sind schon einmal sitzen geblieben, ohne dass Sie darum gebeten haben, bemerkte die Banane sarkastisch. Spanner antwortete, ohne sich zu erheben: “Seitdem mir beide Beine weggeschossen würden, ist es mit dem Stehen nicht mehr so wie früher”. “Das ist natürlich eine ausreichende Entschuldigung”, meinte Dr. Zimmer beflissen, “ich vermerke sofort, dass Sie auch weiterhin vom Stehen befreit sind. Also los, Spanner”. “Da ist nicht viel los, Herr Studienrat, es sind eben die beiden Beine”. “Das ist ein grosses Opfer, das Sie gebracht haben, Spanner, aber wir wollen wissen, was aus Ihnen geworden ist”. “Kriegsinvalide bin ich geworden” . “Spanner, wir teilen Ihre Gefühle”, sagte Dr. Zimmer mit kaum zurückgedraengter Ungeduld, “aber schliesslich haben Sie doch eine klassische Bildung erworben und sind mit der Reifeprüfung ins Leben gegangen- ‘Hic opus hic labor est’, erinnern Sie noch des Virgil?”. “Nein, Herr Studienrat, ich habe beide Beine verloren”. Die Klasse wurde unruhig. Dr. Zimmer klopfte mehrfach mit dem Bleistift aufs Katheder und rief: “Ullrich”. Er hatte nie vergessen, dass Ullrich eine falsche Uebersetzung vom Nachbar abgeschrieben hatte. “Ullrich”, rief er noch einmal, “traeumen Sie?”. D Ullrich antwortete, als ob er von weither kaeme: “Jawohl, Herr Studienrat”. “Wollen Sie damit sagen, dass Sie auszutreten wünschen?”. “Ich weiss nicht”. “Sie haben niemals viel gewusst, Ullrich. Und was haben Sie zu berichten?”. “Nichts, Herr Studienrat”. “Nach Ihren Leistungen im Griechischen überrascht mich das nicht. Welchen Beruf haben Sie gewaehlt?”. “Ich liege im Wasser. “Dazu bedarf es allerdings nicht des Griechischen. Sie sind wohl Schwimmlehrer?”. “Nein, Herr Studienrat. Ich hatte Pech mit meiner Ehe, und dann war die Geschichte mit der Bank, und da bin ich ins Wasser gegangen”. “Sagen Sie nicht, dass ich Sie nicht rechtzeitig gewarnt habe”, sprach die Banane mit würdigem Ernst. "Was haben Sie auf dem Herzen, Noehlke?”. “Danke der gütigen Nachfrage, mir geht es gut. Ich bin Autoingenieur, und ich würde mich freuen, wenn Sie mich mal besuchten, ich habe ein schoenes Haus, und meiner Frau habe ich so viel von Ihnen erzaehlt, die moechte Sie gern kennen lernen”. “Schon gut, Boehlke”, drehte Dr. Zimmer diese Familiaritaet ab und blaetterte im Klassenbuch. “Sie waren Mathematiker, Sie haetten auf die Realschule gehen sollen statt aufs Humanistische Gymnasium, aber es freut mich, dass Sie es trotzdem geschafft haben . Der naechste - Levinsohn!” Levinsohn schwieg. “Levinsohn, wir warten!”, mahnte der Lehrer. Endlich antwortete er. “Ich dachte, es würde Sie nicht interessieren. Zuerst bin ich ins Geschaeft meines Vaters eingetreten, und dann wurde ich vergast, in Auschwitz, im Vernichtungslager vergast”. In der Klasse entstand eiffe peinliche Stille. Die Banane raeusperte sich. “Sie dürfen das nicht persoenlich nehmen, Levinsohn. Spanner hat beide Beine verloren, Koch ist vor Stalingrad gefallen, es war eben Krieg”. “Die haben gekaempft, Herr Studienrat. Ich hatte keine Chance”. “Denken wir an Catullus”, schlug Dr. Zimmer vor,” ‘Sed haec prius fuere’ - ‘Alles dies ist nun vorbei”; im Krieg hat jeder, seinen Feind”. Durch die Klasse ging eine Bewegung. Levinsohn, Sie bringen in diesen Abend eine Misstimmung, die dem Zweck unserer Zusammenkunft zuwiderlaeuft”, rügte die Banane scharf. “Ich wollte nur mitteilen, dass Feldinger einer der Offiziere im Lager war”. “Feldinger, Sie sind sowieso an der Reihe, was haben Sie zu sagen. Die Banane war froh einem anderen das Wort erteilen zu koennen. Inzwischen hatte ich einen Zettel bekommen, der durch die Klasse ging: “Levinsohn hat gepetzt. Nach der Versammlung Klassenkeile”. Feldinger stand auf und mit der selbstverstaendlichsten Unbekümmertheit sagte er: “Der Levinsohn soll mal nicht so zimperlich sein. Ich bin auch tot. Ich bin zu Tode gebombt worden”. “Sehen Sie, Levinsohn”, unterbrach die Banane, “nach Thukydides ist die ganze Erde das Grab berühmter Menschen. Und wie fanden Sie den Heldentot. Feldinger?”. Felamger zoegerte. “Ach, ich war auf Urlaub in Warschau und war gerade in einem Haus, Sie wissen schon, was für eine Art Haus ich meine, und da kamen die Bomber...” Die Klasse kicherte, Dr. Zimmer machte eifrige Eintragungen ins Klassenbuch und gab vor, nicht zu hoeren. Dann wandte er sich an mich: “Sie sind als letzter gekommen, deshalb werden Sie als letzter gefragt. Nun”?. “Ich habe überlebt, Herr Studienrat”. “Ueberleben kann jeder Schuster”, meinte die Banane irritiert, “dazu braucht man keine humanistische Vorbildung”. “Es war nicht leicht, ' zu überleben, Herr Studienrat”. “Sie sehen überall viel zu viele Schwierigkeiten, und dann schaffen Sie’s doch. Das war schon so mit Ihren Uebersetzungne. Sehen Sie sich unseren Regierungsrat an, oder unseren Priester, die haben etwas aus dem gemacht, was sie gelernt haben”. Ich blickte auf .sie und die anderen - die Gescheiterten und Gescheiten, die Gefallenen und Selbstgefaelligen. “Aber etwas ist schief gegangen, Herr Studienrat. Etwas stimmt da nicht mit uns Erben der grossen Klassischen Tradition, uns Nachfahren jener Vermaehlung des Schoenen mit dem Guten. Auf Grund des Unterrichtsstoffes haetten wir alle Humanisten werden müssen, Weltbürger des Geistes sozusagen, Kosmopoliten der Zivilisation - und das haben wir nicht ganz fertig gebracht. “Sie schweifen vom Thema ab”, tadelte die Banane und fing an im Klassenbuch zu schreiben, “diese Tendenz vom Thema abzuschweifen, war schon bei Ihrem Aufsatz über Plutarch festzustellen, und das drückt Ihre Gesamtleistung. Sie haben zu den schoensten Hoffnungen Anlass gegeben, und ich war sicher, Sie würden das Ziel der Klasse erreichen - ich meine im Philosophischen Sinn...” Er schrieb immer noch, und wie ich mich wieder zu den anderen wandte, waren sie schon hinausgegangen. Wahrscheinlich standen sie auf dem Hof, und in der Ecke bekam Levinsohn Klassenkeile weil er einen Mitschüler verpetzt hatte. Als ich nach ihnen schauen wollte, war der Hof leer. Ich kehrte zurück, um mich von Dr. Zimmer zu verabschieden, aber auch der war inzwischen gegangen. Sicherlich gab es noch ein “Gemütliches Beisammensein” in einem Bierlokal, doch in der Hauptstrasse suchte ich vergeblich nach ihnen. Es war spaet geworden, und ich beschloss, am naechsten Morgen einen Abschiedsbesuch bei Dr. Zimmer zu machen. Tatsaechlich stand das Haus noch, in dem er gewohnt hatte, und in der zweiten Etage hing sein Namensschild wie früher. Auf mein Klingeln oeffnete eine alte Dame, seine Schwester, die ihm schon seinerzeit die Wirtschaft geführt hatte. Als ich bat, Herrn Studienrat zu sehen, fragte sie mich, wer ich waere. “Ein ehemaliger Schüler”, antwortete ich. Die alte Dame sah mich an. “Da haetten Sie frueher kommen müssen; er ist vor einem Jahr gestorben”. Infolge der Ferien unserer DRUCKEREI erscheint die nächste Ausgabe des BOLETIN INFORMATIV!) Ende Februar Anzeigenschluss für die Maerz - Nummer 29. Februar. YESO ROMERAL TABIQUE PROMONTA Progreso y Economía para las Construcciones Dístríb.: SODIMAC - S.A.C. SAAVEDRA BENARD AGENCIAS GRAHAM S. A. C.