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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-11-01 · 11 (Noviembre, 1959) · p. Seite 6

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
11 (Noviembre, 1959)
Date
1959-11-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 BOLETIN INFORMATIVO Noviembre 1959 21 JAHRE NACH DER KRISTALLNACHT (Fortsetzung von Seite 5) IV Was sich in Leipzig ereignete, erfuhr ich sehr schnell. Da damals nur Christen und vielfach einfache Leute meine Informationsquelle waren, ist sicherlich nichts übertrieben. Hingegen konnte ich, auch Jahre lang danach, niemals wirklich genaue Einzelheiten über das Grauen der Konzentrationslager erfahren. (Das wurde erst nach der Niederlage und dem Ende des Dritten Reiches bekannt). Allen ehemaligen Häftlingen sass noch die Angst vor den Drohungen in den schlotternden Knochen. Sie machten leise Andeutungen, das es schrecklich gewesen sei, viel i schlimmer als man sich nur je j vorstellen konnte. Das war j alles. i Durch Leipzig fliesst ausser j der Elster, ein Flüsschen, die Parthe, das innerhalb der Stadt in einem tiefen Kanalbett eingemauert ist. Dieser Kanal mag 7 oder 8 Meter breit sein und dient für Zeiten, in denen die Parthe viel Wasser führt; denn normal floss sie nur in einem anderen etwa ein Drittel so breiten Flussbett innerhalb dieses Kanals. In dieses zum grösseren Teil trockene Kanalbett hatte man Juden heruntergejagt, vornehmlich alte Leute mit Bärten oder Frauen, die nicht für das KZ vorgesehen waren. SA Männer Hamburg Sinagoge am Bornplatz mit Stoecken, Peitschen und Gummiknüppeln amüs i e r t e n sich damit, vor den Augen des vorbeiwandelnden, zufälligen Publikums, diese Juden über die Parthe springen zu lassen. Viele Juden fielen natuerlich in das im November schon kalte Wasser. Es gab Arm- und Beinbrüche, Lungenentzündungen und Nervenkrisen, abgesehen von Geschrei, Prügeln und fliessenden Blut. Es war eben eine Hetz (im wahrsten Sinne des Wortes) und ein Vergnügen für die Rollkommandos, die übrigens teilweise eigens aus der Ostmark gekommen waren, um den Brüdern im Reich vorzuführen, wie man nach in Wien erprobtem Muster Juden plündern und peinigen sollte. Unauffälliger und ernster war die Nachricht, wonach ein Markthelfer gesehen hatte, wie viele Juden, darunter ihm bekannte grosse Kaufleute vom UNSER LETZTER KLASSENTAG W%?Mm rasga n's&yns •tr.uiijiluiiiiü; iitmÿHjfi: iäMM l¡lB§gnfe^8¡8B8te Mjjaiëi ssintr.ssnsni: •HHnîiùnngîi jsjjpphsii Buchau in Württemberg. Die einzige Synagoge der Welt, die einen Glockenturm hatte. Die Glocken läuteten vor Beginn des Sabbath, nach Sabbathende und wenn im Ort oder in der Nachbarschaft Feuer ausbrach Diese Skizze erschien am 8. November 1938 in der “Juedischen Rundschau”, Berlin, der letzten Nummer vor ihrem endgültigen Verbot und spiegelt die Torschluss- Stimmung jener Tage wider, die der “Kristallnacht” unmittelbar vorausgingen. — ■ — Draussen regnet es. Als ich den Mantel anziehen will, kommt der Telegraphenbote und bringt ein Telegramm aus Denver im Staate Colorado. Paul grüsst mich und die anderen am “Klassentag”. Paul in Denver! Er war nie in Geographie gut gewesen, aber er haette es wenigstens in Latein zu jtwas gebracht, wenn er nicht beim T a cit u s Briefmarken getauscht haette. Man traute ihm nicht zu, dass er jemals bis nach Colorado finden würde. Ja, da habe ich allerdings ein Gedeck zuviel bestellt. Seit elf Jahren kommen wir fünf Juden der Klasje an diesem Abend des Abiturs zusammen. Wir sehen uns oft lange Zeit nicht und wissen nicht viel voneinander, aber auf eine nicht ganz durchsichtige Art halten wir zusammen: noch niemals hat einer an diesem Tage gefehlt. Zum ersten Mal wird heute ein Stuhl leer .bleiben. Ich steige die Treppen hinunter und fahre ins Restaurant. “Guten Abend, Herr Ober, im hinteren Zimmer ist gedeckt wie immer? Dankeschoen, ich weiss Bescheid. Und ein Gedeck k o e n n e n Sie wieder abraeumen, wir sind heute nur vier!” Es ist 8 Uhr. Ich bin der erste. Wie üblich ist der Tisch festlich hergerichtet, stehen die Stühle, auf denen jeder von uns seinen bestimmten Platz hat. Der Ober bringt einen leichten Mosel. Merkwuerdig, wie jedes Jahr jedem ein neues Gesicht gibt. Fast habe ich Angst, den anderen nach einjaehriger Trennung gegenüberzutreten. Und Paul in Denver! Wir werden ihm telegraphisch antworten, dass er sich schon immer gern vor einer “Lage” gedrückt habe. Ich blaettere inzwischen in der Zeitung, in der sich die Laender der Welt widerspiegeln wie in einem Atlas ohne Bilder. Zwischen Südafrika, Manila und Holland findet sich ein Bericht über Berufsaussichten in Chile, mit der Von Herbert Freeden Unterschrift: Heinz Gumpel, Santiago. Mir gegenueber steht ein Stuhl, auf den blicke ich, und dann in die Zeitung zurück. Deutlich ist da Santiago gedruckt. Heinz Gumpel (x)— hat er nicht eben noch hier gesessen, und wir haben darüber gelacht, wie e r waehrend der “Odyssee” dem Pauker auf den Schlips gestarrt hatte, bis der vor Verlegenheit an seiner Krawatte zu nesteln begann? Mager, spitz und trotzdem sehr behaebig hatte er sich auf dem Stuhl geraekelt und über seine Brillenglaeser nach der Weinflasche geblinzelt... Seht Ihr, meine Freunde, nun sind nur noch wir drei übrig geblieben. Ja, Knusper, so darf ich Dich doch noch nennen, obwohl Du schon lange Dr. phil. bist und eigentlich Ernst heisst— und Du, Julius, dessen groesster Ehrgeiz war, den alten Marat hereinzulegen Marat war kein Held der Franzoesischen Revolution, sondern hiess mit bürgerlichem Namen Menz und war dazu verdammt, uns franzoesischen Unterricht zu geben. Obwohl er nachweislich an keiner Erkrankung der Luftwege litt, behauptete er nur bei offenem Fenster unterrichten zu koennen. Das hatte zur Folge, dass im Winter bald der eine, bald der andere um Erlaubnis bat, den Mantel anziehen zu dürfen, Hatte man einmal den Mantel an, so klagte man über kalte Füsse. Marat gestattete den Frierenden, im Zimmer auf und ab zu gehen. So kam es, dass schliesslich die ganze Klasse im Mantel und mit aufgeschlagenen Kragen waehrend des Unterrichts hin und her lief. Es traf sich gut, dass wir damals gerade “Le tour de la France” lasen. Durch einen überraschenden Besuch des Direktors nahmen diese Spaziergaenge ein vorzeitiges Ende. Ein Glas auf Marat! Der Mosel ist herb und süffig. Auf Heinz war niemals Verlass, das hatte sich schon herausgestellt, als wir eine falsche Uebersetzung von ihm abschrieben. Und was kann man schon von einem Menschen wie Paul erwarten, der den Tacitus dazu benutzt, um Briefmarken zu sammeln? Man sollte lieber seine (x) Unser Gemeindemitglied Heinz Gotthilf (d. Red.). Erinnerungen sammeln, Blatt um Blatt, und an solchen Abenden wie heute in den Seiten seines Gedaechtnisses blaettern. Die Tür geht auf, und neben mir steht der Ober. Ober er eine zweite Flasche bringen solle? Nein wirklich, jetzt habe ich in Gedanken die Flasche ausgetrunken. Der Ober bittet um Entschuldigung, gestern Mittag waere ein Brief angekommen, aber das Fraeulein am Buffet haette nicht gewusst, für wen er bestimmt sei... Vor mir liegt ein Kouvert mit Luftpoststempel und bunten Marken. Ich oeffne es. Ein Brief von Knusper. “Lieber Klassentag! Eigentlich darf man Euch garnicht mehr so nennen, denn wie ich hoere, verkauft Julius in Kapstadt Krawatten, und ich sitze auf einem Hügel bei Yokneam und weide Schafe. Aber Du und Paul und Heinz werdet wohl wie jedes Jahr beisammensein und Euch die alten Geschichten erzaehlen. Ihr solltet mich hier sehen, in der Hand den Hirtenstab, über der Schulter das Gewehr... Einen Augenblick, eines meiner Laemmer war auf Abwege geraten, und ich musste es durch Steinwürfe zurückbringen. Wenn wir auf weiter entlegene Weideplaetze ziehen, bekomme ich bewaffnete Begleitung mit, sonst koennte es passieren, dass ich eines Tages ohne die Herde zurückkehre — oder die Herde ohne mich. Stellt Euch das aber nicht besonders heldenhaft vor: ich konnte niemals am Reck die Welle machen oder den Hechtsprung über den Bock und ich habe es auch jetzt nicht gelernt. Ich muss abwaerts, denn schon schreien einige Schafe; die wollen gemolken werden. Macht keine dummen Gesichter, ich melke sie selbst, melken ist eine fürstliche Beschaeftigung. Wenn Ihr bei Homer nicht geschlafen haettet, wüsstet Ihr, dass auch Odysseus Schafe melken konnte...” Ich lege den Brief hin. Der Tisch ist festlich gedeckt. Vier leere Stühle. Wie die Gesichter in der Entfernung zerrinnen. Es ist bald Polizeistunde. Ob ich die letzte Bahn noch erreichen werde? Alle vier sind fort. Ich muss mich beeilen. Draussen regnet es noch immer. “Zahlen, Ober!” Brühl, draussen am Güterbahnhof in Viehwagen gestossen und mit unbekanntem Ziel verladen wurden. Die schon jetzt abgerissenen unrasierten Opfer Hessen nicht mehr erraten, dass sie sonst in erstklassigen eleganten Massanzügen herumgingen. Wir erfuhren später, dass das die traurige Fracht für das Konzentrationslager Buchenwald war. Wir vernahmen damals, dass Juden, die glaubten, sie könnten sich in den Wäldern verstecken, dort mit Hunden gejagt wurden. Erst nach fast drei Wochen konnten sich Juden wieder vereinzelt und vorsichtig auf die Strasse wagen. Das seelisch Erschütterndste: die angeblich so intelligenten Juden konnten oder wollten nach mehr als fünfeinhalb Jahren brauner Tyrannei noch nicht einsehen, was wirklich gespielt wurde. Ihr blindes Vertrauen zu den Deutschen und ihrer Kultur blieb bis zum November 1938 unerschüttert. Ein sehr kluger und seriöser Kaufmann forderte am 10. November durch seinen kleinen Sohn seine Freunde auf, sich mit ihm freiwillig auf dem Polizeipräsidium zu stellen! “Dann haben wir sofort unsere Ruhe; denn sie meinen ja nicht uns, sondern jene mit den langen Bärten!” In sechs Wochen peinvoller Haft in Buchenwald wurde ihnen endlich beigebracht, dass die Nazis alle meinten, bloss weil sie Juden waren, und sogar erst recht die, welche sich nach Aussehen, Sprache und Habitus als Deutsche hätten tarnen können. V Die Propaganda maschine klappte ausgezeichnet. Sehr rasch, natürlich aber erst nachträglich, wurde all das wilde Geschehen legalisiert Die Folterer und Plünderer gingen nicht nur straffrei aus; sie wurden auch befördert und blieben bei ihrer Beute. Schuld an den Tumulten waren einzig und allein die Juden, die sie provoziert hatten! Ihnen wurde verboten Badeanstalten zu benutzen, Autos zu halten, Theater, Kinos oder Konzerte zu besuchen, sich auf für deutsche Volksgenossen bestimmte Bänke zu setzen und vieles mehr. Durch diese Massnahmen erfuhren wir übrigens zufällig wer der von uns lange vergeblich gesuchte Gestapospitzel war, der in den deutschesten jüdischen Kreisen, speziell im Buchhandel, sogar Bescheid wusste. Die Gestapo beliess ihm nämlich als einzigem sein Auto. Obwohl Volljude und jüdisch verheiratet erschien dieser fast 70. jährige Jude 1945 damals fast als einziger seiner Kategorie, in der Liste der geretteten Leipziger Juden. Dieser Verräter durfte leben, während die Knochen der aufrechten Juden, die der Kämpfer und Helden, irgendwo unbekannt vermoderten! Gleichfalls gesetzlich wurde damals geregelt, dass die deutsehen Versicherungs-Gesellschaften den durch Plünderung und Zerstörungen entstandenen Schaden voll bezahlen mussten. Freilich erhielten die jüdischen Eigentümer nur dann Schadenersatz und Geld, wenn sie zufällig auch ausländische Staatsbürger waren. Alles den deutschen Juden zustehende Geld musste dem Deutschen Reich abgeführt werden, das den “Volkszorn” organisiert und die Verbrechen anbefohlen hatte und jetzt daraus noch finanziellen Nutzen zog. Die unglücklichen Besitzer der zerstörten Geschäfte wurden zu einer Parteiorganisation bestellt, wo sie einen sogenannten Kaufvertrag oder, oft nur ein gewöhnliches Papier unterschreiben mussten, dass sie “freiwillig” ihr Eigentum an den Arier ... verkauften. Die Preise waren lächerlich; stets nur ein Bruchteil des Einkaufs- Hannover ***** wertes des Warenlagers, von dem aber alle Zerstoerungen zu ihrem vollen Wiederherstellungspreis abgezogen wurden. Praktisch war es für die Betroffenen übrigens gar nichts so wichtig, ob sie besser oder schlechter verkauft hatten; denn von dem Gelde sahen sie gewöhnlich sowieso nichts. Es wurde auf Sperrkonto deponiert, über das Juden nur selten verfügen konnten und wenn ja, dann mit spezieller Genehmigung, die meist nur für kleine Teilsummen und für Fahrkarten zur Auswanderung erteilt wurde. Deshalb war es finanziell, gesehen gar nicht so wesentlich, ob die Juden sofort “freiwillig” unterschrieben oder den Versuch machten zu handeln oder gar ihre sofortige Unterschrift verweigerten. Dann wehe ihnen! Bei der Zwangsarbeit erzählte mir ein Kamerad, wie ihm im Konzentrationslager der Kaufvertrag zur Unterschrift vorgelegt wurde. Er wollte nur'lesen, was er unterschrei- (Fortsetzung Seite 8)

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