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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-11-01 · 11 (Noviembre, 1959) · p. Seite 5

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
11 (Noviembre, 1959)
Date
1959-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Noviembre 1959 BOLETIN INFORMATIVO 5 21 JAHRE NACH DER KRISTALLNACHT Erinnerungen von Kurl Kost i Vor 21 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Die heiligen Thorarollen und Kultgegenstände wurden von Frevlerhänden auf die Strasse in den Kot geworfen und dort vom Mob bespien, zertreten und zerrissen, wobei das kostbare Silber meist gestohlen wurde. Vor 21 Jahren, in jener berüchtigten “Kristallnacht”, deren böse Verbrechen unter diesem holdklingenden Namen euphemistisch verborgen bleiben sollten, zerbrach man in ganz Deutschland mit Steinen und eisernen Stangen die Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte. Das splitternde Glas machte ganze Strassenzüge für Autos unpassierbar. Damit war für die Massen die Strasse frei, genau so wie der dichtende Zuhälter und Nationalheld Horst Wessel gebrüllt hatte. Der Pöbel durfte frei plündern, wobei regelmässig die Auslagen der jüdischen Geschäfte, oft aber auch die Waren im Lager, daran glauben mussten. Vor 21 Jahren wurden plötzlich die Strassen frei von Juden. Man jagte sie wie Freiwild, man hetzte sie, die doch Menschen waren, und sperrte sie in Konzentratiöns lager, wo sie von rohen entmenschten Gesellen grausam und unmenschlich gepeinigt wurden. Einige persönliche Erinnerungen an diese schlimmen Tage, die uns übrigens nicht völlig unvorbereitet trafen Manche hatten von christlichen Deutschen vertrauliche Warnungen erhalten, es werde etwas gegen die Juden vorbereitet. Genaues wussten sie selbst nicht, und nachher waren sie ehrlich überrascht, wie gründlich vorbereitet und wie unsagbar grausam sich diese Aktion abrollte. Ausserdem hatten wir eben erst ein abschreckendes Beispiel miterlebt. II Am 27. Oktober 1938 wurden plötzlich in ganz Deutschland alle polnischen Juden, darunter lorzingen SSps iäljüjiii tfÄpii ¡nsjriggj viele Staatenlose, ausgewiesen und abgeschoben. Sie wurden im Morgengrauen aus den Betten gerissen, mit dem Befehl, in zwei Stunden auf dem Bahnhof mit einem Handkoffer zu erscheinen, der nur so schwer sein durfte, dass sie ihn für längere Zeit selbst zu schleppen vermochten. Dabei spielten sich grauenvolle Szenen uns noch unbekannter Art ab, nicht nur bei den aus Leipzig verjagten Juden, sondern vor allem auch bei den wie Sardinen in endlosen Zügen zusammengequetschten Juden, die aus dem Saargebiet und Südwestdeutschland an die polnische Grenze rollten. Damals organisierte der “Bar Kochba” Leipzig, mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde, die uns die finanziellen Mittel zur Verfügung . stellte, eine beispiellose Blitzaktion, wobei das Wort “Blitz” sich nur auf die Geschwindigkeit bezieht, mit der die Hilfe durchgeführt wurde: denn diese Polenaktion dauerte lange Ich war nicht der einzige leipziger Jude, der vier Tage und vier Nächte nicht aus den Kleidern gekommen war und kaum einige Stunden unterwegs im Sitzen geschlafen hatte. Damals gab es in Leipzig, laut unseren brillant geführten Listen über die Jüdische Winterhilfe, noch 95 Autos in jüdischem Besitz. Alle diese 95 Autos wurden uns ausnahmslos zur Verfügung gestellt, meist sogar mit ihrem Eigentümer am Steuer! Dabei gehörten viele Wagen nationaldeutschen Juden, die sonst Ostjuden nicht einmal riechen konnten. Hier schloss sich niemand aus! Ein Beispiel selbstloser Hilfsbereitschaft, das alle Juden angeht und das alle hier lebenden Juden auch ihrerseits beherzigen sollten! Diese grossartige Hilfsaktion ist uns in diesem Umfang nur durch die Mitarbeit eines christlichen Deutschen ermöglicht worden. Ein Amtsmann der Eisenbahndirektion Leipzig sagte einem Kollegen und mir damals zu, er würde alle um Leipzig herumgeleiteten Sonderzüge in einem Güterbahnhof eines weit draussen befindlichen leipziger Vororts für anderthalb bis zwei Stunden anhalten und uns so Gelegenheit geben die durchreisenden Juden dort zu verpflegen. Der Amtsmann hielt sein Wort und konnte es überraschenderweise sogar durchsetzen. Wir haben weit mehr als zehntausend halb verschmachtete, vielfach alte und anfällige Juden mit Spei- Breslau Die "Neue Synagoge' SHÜliSn se und Trank erquickt und ihnen Wegzehrung auf ihre Leidensfahrt mitgegeben. Wir taten es tief besorgt und schweren Herzens. Immer wieder sagte einer. “Heute sie, morgen wir! Und wer wird dann da sein, um uns zu helfen?” III Dieses “Morgen” kam noch schneller als befürchtet. Der 9. November war noch einmal leidlich gnädig an uns vorübergegangen, als am Abend durch Radio die schicksalsschwere Nachricht angesagt wurde, dass der Sekretär der deutschen Botschaft in Paris als Folge eines von einem Juden verübten Attentats verschieden sei. Dieser Herr von Rath starb den Nazis sehr gelegen; denn nun konnte die — wie wir erst viel später erfuhren — schon seit Monaten bis in alle Einzelheiten vorbereitete Juden - Aktion unter einem Motto gestartet werden, das den durch blutdürstige Propaganda aufgestachelten und in dieser üblen Form kaum existierenden “Volkszorn” als wenigstens leidlich berechtigt erscheinen lassen konnte. Am Abend sassen einige Freunde in einer Wohnung zusammen. Wir befürchteten das IranKrurt a.Main Neue Synagoge Schlimmste; aber alles wurde von der Wirklichkeit uebertroffen. Wir begaben uns jedenfalls erst spät in der Nacht nach Hause, fuhren nicht mit der Strassenbahn, sondern legten den oft recht weiten Weg unauffällig mit hochgeschlagenem Mantelkragen zu Fuss zurück'. Uns allen fiel dabei auf, wie völlig menschenleer die Strassen der Grosstadt in jener Nacht waren. Das änderte sich am nächsten Morgen gründlich. Die Strassen waren voller denn je, ganz abgesehen von den wilden Pöbeltrupps mit oder ohne SA- Uniform. Ein Extrablatt an einem Kiosk besagte, dass die Synagoge brannte ebenso wie ein grosses juedisches Warenhaus. Im Falle des Warenhauses wurde insinuiert, dass die Ursache zwar unbekannt sei, aber wohl Brandstiftung seitens des jüdischen Inhabers vorläge, der die Versicherungssumme erhalten wolle. Mir schwante nichts Gutes, als ich gleich darauf Lärm hörte und ca. 100 Meter entfernt einen wilden Trupp Stöcke schwingender, unholder Gestalten erblickte. Nach Haus zurück konnte ich nicht. Ich hatte dort, wo ich erst seit kurzem wohnte, keine Freunde, weder jüdische noch christliche, und hätte verhungern können. Ich musste zum Büro durchkommen. Der leipziger “Bruehl” mit seinen schon von Goethe beschriebenen “himmelhohen Häusern” wimmelt von Höfen und Durchgängen, in denen ich mich auskannte . Ich kam auch mit einigen unliebsamen Unterbrechungen und natuerlich nicht von der Strasse her endlich in mein Büro, wo ich allein war mit einen dauernd klingelnden Telefon, das ich absichtlich nicht bediente. Das war richtig gehandelt denn alle jüdischen Apparate wurden abgehört. Wir hörten später von vielen Fällen, wo jemand nach einen Ferngespräch vom Amt gefragt wurde: “Mit wem haben Sie soeben gesprochen? Sagen Sie an, dass niemand das Haus verlassen soll!” Bald darauf erschien dann Gestapo oder SA und führte die unglücklichen Opfer ab, die sich durch vertrauemsselige, unbedachte Benutzung des Telefons selbst verraten hatten. In dem grossen 'Büro, und Lagerhaus bekam ich ein Versteck, in dem ich 16 Tage Untergrund lebte, ohne aus den Kleidern herauszukommen. Zuerst allein; nach mehr als einer Woche wurde mir ein Bekannter beigegeben, der auch der Gestapo entkommen war, genau wie etwa der Zahnarzt im “Tagebuch der Anne Frank”. Selbstredend hätte ich dieses gewagte Unternehmen nicht erfolgreich durchführen können ohne die Hilfe mehrerer christlicher Deutscher, von denen ich übrigens nur mit einem einzigen befreundet war. Dieser wundervolle, überaus kluge und unerhört lebensvolle Mensch, ein gewöhnlicher Arbeiter und verbissener Antinazi, ist leider noch am 12. April 1945, als alles für die braunen Schergen bereits verloren war, durch Genickschuss ermordet worden; aber auch mir ferner stehende Personen, der alte Fahrstuhlführer, ein Markthelfer, der Besitzer eines Delikatessen Geschäftes und sogar ein Nazi hohen Ranges mit Goldenem Amtswalterabzeichen unterstützten mich und brachten mir Essen. Und niemand verpfiff mich! Obwohl alle wussten, dass die Gestapo mich nicht nur zuhause sondern auch in meinem Büro gesucht hatte! (Ein Jahr später, nach dem misslungenen Bürgerbräu-Attentat, wurde ich in fast der gleichen Situation von dem Gestapo-Inspektor, der mich gut kannte, zufällig auf der Treppe erwischt und für sechs Wochen eingesperrt). Ich erwaehn^ das als Beweis, dass der organisierte “Volkszorn” kei neswegs so spontan war, wir der hinkende Propagandaminister es gern gesehen hätte. Freilich nahmen sich auch diese gutmütigen Deutschen nur just des “einen anständigen Juden” an, den sie gerade kannten, und auch das nur heimlich und verstohlen was allerdings begreiflich ist. (Fortsetzung Seite 6) S DIE ILLEGALEN I Marseille, Herbst 1942. Ihr Naechte sind Angsttraum, Verzweiflung und Pein, Tagsüber, da gibt es Sonne und Licht, Aber Nachts sind sie hilflos und schrecklich allein. Jeder Schatten hat ein Gesicht, Und jedes Gesicht kann der Tod für sie sein! Ihr Leben ist Flucht und das Flüchten macht miid', Sie glauben immer, sie gehen nackt, Mit einem Geheimnis, das jeder sieht. Und ihr Herz schlaegt staendig im Fiebertakt, Bis es zu früh verbrennt und verglüht. . . Des Mittags essen sie wild und in Hast, — Die Tür im Auge — so sitzen sie stumm, Minuten werden zur Zentnerlast, O, waeren doch diese Minuten herum •—! Und sind sie draussen, so jubeln sie fast —. Dann gehn sie mit langsam prüfenden Blick Und meiden den Gehsteig; er birgt Gefahr, Erfahrung macht weise —. Noch hatten sie Glück, Als gestern hier Strassenkontrolle war-. Was sie verbrochen — wie wenig das zaehlt —! Selbst ihre Jaeger wissen es nicht, Ein ganzes Volk, vergast und gequaelt, Auf endloser Flucht verbirgt sein Gesicht, Vom Willen zur Rettung, zum Leben beseelt —! (Aus dem Gedichtband “Lieder der Deportierten”) KURT KAISER-BLUETH. [jSSSffS »HHLWfüä NEUE SYNAGOGE — BERLIN üíSp ¿Hrtraq-» hh*

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