Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1959)
- Date
- 1959-09-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/8553624-8557464-9194440--2665-8557674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 BOLETIN INFORMATIVO Septiembre 1959 ORDEN UND ORDENSREGELN VOR 2000 JAHREN Von Adolf Seide mann Eine Parteizerrissenheit, wie sie heute der Regierung von Israel so viel zu schaffen macht, gab es im Altertum nicht. Erst kurz vor der Zerstörung Jerusalems und der Eroberung des Landes durch die Römer entstanden 3 Parteien, die aber weniger politischer, als vielmehr religioeser Natur nor- Zur Partei der Pharisaeer gehörten die Schriftgelehrten, der Adel des Landes, und wenn ueberhaupt Politik getrieben wurde, so waren sie es, die sich mit ihr befassten. Die Sadduzaeer, oder Zedukim, d. h. Fromme, hielten fest an der schriftlichen Lehre, lehnten aber die muendliche Ueberlieferung als fuer sie nicht verbindlich ab. Am wenigsten bekannt ist die Partei der Essaeer, und deshalb moege sie zum Gegenstände einer ausführlicheren Betrachtung gemacht werden. Genau genommen bildeten die Essaeer keine Partei, sondern einen Orden. Sie lebten voellig zurueckgezogen, in Guetergemeinschaft. Sie beguenstigten die Ehelosigkeit, und kuemmerten sich nicht um politische Verhaeltnisse. Sie liebten die Arbeit, entsagten fast allen irdischen Freuden, und nahmen unter absolutem Schweigen ihre vegetarischen Mahlzeiten gemeinschaftlich ein. Ihr ganzes Leben widmeten sie in schwaermerischer Weise der Ausuebung der religioesen Vorschriften, besonders der rituellen Reinheitsgesetze. Sie nahmen taeglich morgens ein Bad, und wurden deshalb TOBLE SCHACHARITH (Morgentaeufer) gennant. Aus diesem Orden ging wahrscheinlich Jesus von Nazareth, wie auch sein Vorgaenger, Johannes der Taeufer hervor, und wir finden viele der essaeischen Ordensregeln (Taufe und anderes) im spaeter entstandenen Christentume wieder. Die Angehoerigen des Ordens lebten fanatisch religioes, in kollektivistischer Gemeinschaft. Jedes Mitglied musste seinen Arbeitsverdienst, sein Vermoegen, ja sogar Erbschaften, dem Schatzmeister der Gemeinschaft abliefern. Die Essaeer waren Gegner des Opferkultes. Sie setzten ihre Hoffnung auf das baldige Erscheinen des Messias, der das tausend] aehrige Reich des Friedens bringen wuerde. Die Gemeinschaft wurde von einem Kommitee geleitet, das aus Priestern und Laien bestand, das die sehr straffe Disziplin der Mitglieder zu ueberwachen hatte. Es werden die Hauptvergehen aufgezaehlt, die mit Beschraenkung der taeglichen Lebensmittelration, zeitweisem Verbot der Teilnahme an den gemeinsamen Mahlzeiten, ja sogar mit Ausschluss aus dem Orden bestraft wurden. Es handelte sich dabei um folgende Vergehen: Unterbrechen der Rede eines Genossen, Lachen und Einschlafen waehrend der Gemeindeversammlung, Fluchen, Luegen, unnoetiges Aussprechen des Gottesnamens und Verheimlichtung von Vermoegen. Wer in den Orden eintritt, schwoert, von ganzem Herzen zur Lehre Moses zurueckzukehren, falls er sich von ihr entfernt hatte. Er schwoert, Wahrheit, Demut, Gerechtigkeit, Liebe und Gnade zu ueben und bescheiden zu wandeln. Die Brueder des Ordens sind verpflichtet, einander in Liebe, Barmherzigkeit und Wahrheit zu verwarnen, aber es ist ihnen untersagt, im Zorn miteinander zu sprechen. Wer in den Orden eintreten will, wird zu einer Vorbesprechung vom Obmann der Generalversammlung emp fangen, der den Bewerber auf sein Denken und seine Handlungen prueft. Wird der Betreffende als geeignet befunden, so wird er in den Bund eingefuehrt, und es werden ihm die Ordensregeln erklaert. Beharrt er auf seiner Aufnahme und verpflichtet er sich, alle Obliegenheiten treu zu erfuellen, so wird er der Generalversammlung vorgestellt, die seine Aufnahme oder Ablehnung beschliesst. Die Aufnahme ist aber noch nicht endgueltig. Seine Handlungen werden 1 Jahr lang ueberwacht, dann wird sein Besitz registriert und erst nach einem weiteren Jahre erfolgt seine endgueltige Aufnahme, und alles, was ihm gehoert, wird vom Schatzmeister des Ordens uebernommen. Das Leben der Essaeer war sicherlich kein leichtes. Sie hatten neben der schweren Tagesarbeit eine grosse Reihe von Kulthandlungen und Gebetsuebungen durchzufuehren, vor den gemeinsamen Mahlzeiten die Kleider zu wechseln, und einen Teil ihrer Naechte mit dem Studium der heiligen Buecher zu verbringen. Die Gemeindeordnung ist wie folgt festgelegt: Die Brueder der Ordens sind verpflichtet, gemaess den Ordensregeln zu leben. Das Gute und Rechte in den Augen des HERRN zu tun, wie es durch Moses und die Propheten geboten ward: Liebend teilzunehmen an allen guten Werken, das Boese zu hassen, und sich von ihm zu entfernen. Sie haben ihren Glauben, ihre Kraft, und ihren guten Willen einzubringen, nicht von Gottes Wegen abzuweichen, und die heiligen Festtage feierlich zu begehen. Die Brueder des Ordens sind zu unbedingtem Gehorsam gegenueber den Priestern, und den Mehrheitsbeschluessen der Generalversammlung in allen Stuecken verpflichtet. Wer sich eine unerlaubte Handlung zu- Wir sind spaet in der Nacht von Jerusalem in Tel Aviv angelangt und schlendern einige Zeit ziellos in der Stadt herum. Wir haben Hunger. “Gehen wir zu V i k t o r i a”, schlaegt einer der Freunde vor, und alle stimmen zu. Ich weiss nicht, wer und was Viktoria ist, aber anscheinend gibt es dort etwas zu essen. Viktoria ist ein Restaurant nahe dem Güterbahnhof. Etwas abseits dem Getriebe der Stadt und doch ganz nahe. Das Neonlicht ist zu grell, und ebenso grell ist das mexikanische Gemaelde, das eine ganze Wand einnimmt, von Farben, wie Kinder sie lieben. An der Bar sitzt ein Mann mit zwei verschiedenen Socken. Der linke ist quer-, der rechte laengsgestreift. Meine Schweizer Augen bemerken diese Bagatelle, die Israelis schenken ihr keine Beachtung. Nicht einmal, wenn sie hinschauen. Wir setzen uns an einen laengeren Tisch. Viktoria, die rundliche Besitzerin, die dem Restaurant ihren Namen gegeben hat, kommt laechelnd zu uns, nimmt schulden kommen laesst, wird bestraft; Wer wissentlich luegt, verliert fuer 1 Jahr (4 seiner Brotration. Wer die Worte, die im Gesetz geschrieben sind, gering achtet, wird aus dem Orden ausgeschlossen. Wer einen anderen uebel beleumundet, wird fuer 1. Jahr ausgeschlossen. Wer unzuechtige Reden fuehrt, erhaelt 3 Monate Ausschluss. Wer in der Generalversammlung einschlaeft, 30 Tage. Wer ueble Nachrede ueber seinen Naechsten fuehrt, wird fuer 1 Jahr ausgeschlossen. Wer das Gesetz Moses uebertritt, oeffentlich oder im Geheimen, wird fuer immer ausgeschlossen. Das ist das Wesentlichste aus den Ordensregeln der Essaeer, die die Grundlage bildeten fuer das aus ihnen hervorgegangene Christentum. Wie bereits erwaehnt, gehoerte Jesus von Nazareth wohl dem Orden an. Er ist als Jude geboren, und blieb Jude, bis zu seinem letzten Atemzuge. Es ist grundfalsch, ihn fuer den Stifter des die Bestellungen persoenlich entgegen (sie ist gut Freund mit einem jugoslawischen Journalisten, der bei uns sitzt) und laeuft dann mitten in der Unterhaltung weg, denn der Mann mit den verschiedenen Socken brüllt etwas, indem er ungeduldig mit einem Piaster auf der Bartheke herumhaemmert. Und dann essen wir heisshungrig Viktorias berühmte Spezialitaet: Pitas (arabisches rundes Brot), die sackartig geoeffnet, ein grilliertes Stück aus Rindfleisch enthalten. Wir essen je zwei davon. Es ist eine Goetterspeise. Man kann sie überall kaufen, auch an aufgestellten Staenden auf der Allenbystrasse. Aber so gut wie bei Viktoria schmecken sie nirgends. Sie muss um das Geheimnis des Grillierens, der Menge der Salzkoerner und der Weiche des Brotes wissen. “Viktorias Geschichte ist nicht alltaeglich”, wendet sich nun der jugoslawische Journalist an mich, den Neuling. “Sie begann mit einem kleinen Waegelchen, einem Haufen Rindfleisch und einem Haufen Pitas auf der Allenbystrasse. Sie ist —arm wie eine Maus— aus Bulgarien nach Israel emigriert. Auch in ihrem Geburtsland liebt man das, was wir hier essen, als eine bekannte Spezialitaet. Nur verwendet man anstelle des hiesigen arabischen Brotes türkisches, was aber kaum einen Unterschied bedeutet, ausser dass das türkische Brot etwas fester gebacken wird. Viktoria wurde bald eine scharfe Konkurrentin ihrer Berufskollegen auf der Allenbystrasse, denn niemand verstand es, die Pitas mit den Steaks so koestlich zuzubereiten wie sie. Die Leute stroemten zu ihr hin aus allen Teilen der Stadt, und eines Tages versuchte ein reicher israelischer Geschaeftsmann ihren Verkaufsschlager. Er kam wieder und wie der, und einmal sagte er: “Sie sollen ein Restaurant eroeffnen”. Christentums zu halten. “Ich bin nicht gekommen” sagte er, “das Gesetz Moses abzuschaffen, sondern um es zu erfuellen”. Nur gegen die, nach seiner Ansicht unnoetigen, Erschwerungen des Talmuds kaempfte er an. Waere er nicht von den Talmudgelehrten verfolgt worden, sondern haetten diese Verstaendnis dafuer gezeigt, dass der griechische und roemische Goetterglaube abgewirtschaftet hatte, dass die Welt reif war fuer etwas Neues, Umwaelzendes, haetten sie es, wie Jesus, verstanden, die unwissenden Juden, die “Am Haarez” zu belehren und an sich zu ziehen, haetten sie den ernsten Willen aufgebracht, der heidnischen Welt die Ethik der Torah und der Propheten beizubringen, so haetten wir wahrscheinlich weder Christentum, noch Islam, und 20 Jahrhunderte der Leiden und Verfolgungen waeren uns erspart geblieben, wie sie kein Volk der Erde hat erdulden muessen. Viktoria, die Emigrantin, meinte resigniert: “Woher die Kraft?” Sie war nicht mehr jung und strebte auch keinen grossen Zielen mehr zu. Sie hatte hier ihren Frieden, konnte arbeiten und sich ihr Leben fristen; was brauchte sie mehr? Nun, haben Sie überhaupt kein Geld?” insistierte der Herr “Nein”, Beseder (= o.k.), ich gebe Ihnen das noetige Kapital. Sie eroeffnen ein hüsches Lokal, Lage und Dekoration überlasse ich Ihrem Gutdünken. Das einzige, was ich von Ihnen verlange, ist Partnerschaft. Kommen Sie morgen auf mein Büro. Hier ist meine Adresse”. Viktoria waf an Erschütterungen gewoehnt. Sie bedankte sich herzlich, ohne viel Umstaende zu machen, und versprach, morgen auf seinem Büro zu erscheinen. War der Mann ein Schwindler und stellte sich heraus, dass er nicht derjenige war, der er zu sein behauptete, so hatte sie eben Pech gehabt.— Aber der Mann war kein Schwindler. Sie erhielt das Geld und eroeffnete ein Lokal. Dieses, in dem wir nun sitzen. Allerdings mit nicht allzugrossem Stilgefuehl, wie man sieht. Denn was ein mexikanisches Gemaelde mit Israel oder Bulgarien zu tun hat, wissen die Goetter. Auf jeden Fall ist es sehr farbenfroh. Auch das Neonlicht passt nicht so recht hinein. Aber das Geschaeft blüht und ist bekannt; der Mann mit der Partnerschaft ist zufrieden und Viktoria auch”. Wir rufen sie, um zu zahlen. Sie laechelt wieder ihr breites, gutmütiges slawisches Laecheln. Ja, Viktoria, du und dein Restaurant, ihr traegt euren Namen mit Recht. Ihr habt den Sieg über Armut und Heimatlosigkeit davongetragen. YESO ROMERAL TABIQUE PROMONTA Progreso Y Economía para las Construcciones Distrib.: SODIMAC - S. A. C. SAAVEDRA BENARD AGENCIAS GRAHAM S. A. C. Viktoria kam nach Israel Von Marianne Wegner, (Tel Aviv)