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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-09-01 · 9 (Septiembre, 1959) · p. Seite 5

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
9 (Septiembre, 1959)
Date
1959-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Septiembre 1959 BOLETIN INFORMATIVO FEIERTAGE 5 DIE GESAENGE DER HOHEN von Dr. Erich Werner (Professor of Jewish Music Hebrew Union College, Cincinnati) “Und immer, immer noch Der Widerhall in mir, Wenn fern im Ost, Das morsche Felsgebein, Mein Volk, Zu Gott schreit”. (Else Lasker-Schueler). Wenig ists, was jedem von uns unausloeschlich in der Erinnerung verblieben ist vom alten Leben, vom alten Kontinent. Die Atmosphaere der Hohen Feiertage, wie wir sie in den Synagogen Europas empfunden haben, gehoert zu diesen wenigen unvergesslichen Eindruecken. Was war es, das diese einzigartige Stimmung schuf? Ein Psychologe wuerde auf die Synthese von Gebet, Predigt, Totengedenken und Musik hinweisen, die in diesem Ausmass im juedischen Jahr ihresgleichen nicht hat. Hier wollen wir uns auf die musikalische Komponente dieser Festtagsstimmung beschraenken. I. Viele Jahrhunderte, bevor Richard Wagner und Hector Berlioz die Idee des Leitmotivs als ihre “Musik der Zukunft” proklamierten, haben die aschkenasischen Juden dieses Prinzip und seine gewaltige assoziative Kraft gekannt und bewusst angewendet — natuerlich ausschliesslich fuer gottesdienstliche Zwecke. Die Gesaenge der Hohen Feiertage legen beredtes Zeugnis davon ab. Die Motive des Borchu, der Viddui (Oshamnu) und des grossen Alenu durchziehen jede Phase des Rosh haschono und Jom Kippur Gottesdienstes, verbunden mit den verschiedensten Texten. Die beruehmte Weise des Kol Nidre, eine Schoepfung der rheinlaendischen Juden aus dem 13. oder fruehen 14. Jahrhundert kann man sogar eine kurfstvolle Synthese von solchen Leitmotiven nennen: Das Motiv der Suendenvergebung (S’lach 1 o n u, etc.) kehrt im Kol Nidre wieder zu den Worten Schwissan Sch’wikin; die Melodie des Unessane tokef “B’rosch hashono jekossevun” hat im Kol Nidre die Worte: “Velesoronoh lo esore”; das Motiv der Worte “Mijom Kippurim seh” etc. spielt eine grosse Rolle in den Einschaltungen der Mussaf- Tefilla, usw., usw. Bei dieser Gelegenheit sei vermerkt, dass des Text des Kol Nidre nicht, wie oft irrtuemlich angenommen wird, aus Spanien stammt, sondern aus Babylonien. Wir wissen aus Geniza-Urkunden, dass R. Jehudai Gaon (ca. 720) der erste war, der es durch seinen Cantor singen liess. Vermutlich war seine Melodie viel primitiver als die heutige; jedenfalls ist sie nicht identisch mit ihr. Ein anderes Beispiel von solchen Leitmotiven, die durch ihr unerwartetes Erscheinen die musikalische Atmosphaere der Feiertage bestimmen, ist die Melodie des grossen Alenu im Mussaf von Rosch haschono und Jom Kippur. Diese Melodie hat eine grosse Geschichte. Sie ist identisch mit dem IX, Sanctus des Gregorianischen Chorals. Wir hoeren aus mittelalterlichen Quellen, dass die Christen, waehrend des zweiten Kreuzzuges, sie von uns lernten, als die Gemeinde von Blois sie auf dem Scheiterhaufen sang. Viele unserer Feiertagsmelodien sind veritable “Martyrien”, so unter anderm das beruehmte Unessane tokef, von dem wir noch sprechen wollen. Das Olenu- Leitmotiv bildet auch den Anfang der Mussaf-Tefilla an den beiden Feiertagen und verleiht ihr eine eigenartig,e, hochfeierliche clair - obscure Stimmung, die man nicht leicht vergisst. II. Wir wollen hier fuenf liturgisch - musikalische Stuecke herausgreifen, von denen jedes in seiner Art einen Hoehepunkt darstellt und eine besondere Stimmung wiederspiegelt: Das Unessane-tokef, das Mussaf — und Neila Kaddisch, die Mussaf - Keduscha und die Avoda des Jom Kippur. Bis in die juengste Zeit wurde der Text des Unéssane-tokef einen legendaeren R. Amnon von Mainz zugeschrieben, der es kurz vor seinem Martertod in der Synagoge gesagt haben soll. Dieses Gebet von “Blut und Traenen” ist aber, wie wir heute wissen, viel aelter. Professor Zulay von der Hebraeischen Universitaet und ich haben, von verschiedenen Seiten herkommend und unabhaengig voneinander, gefunden, dass das Gebet aus Palaestina stammt, und zwar aus der Zeit, als Palaestina unter byzantinischer Herrschaft stand. Es gibt zwei gute Parallelen im byzantinischen und roemisch-katholischen Gottesdienst. Die byzantinische Hymne auf den Juengsten Tag ist von dem getauften Juden Romanos verfasst (6. Jahrhundert) und folgt ideenmaessig genau dem juedischen Muster. Das lateinischkatholische Gedicht ist die oft zitierte Totensequenz “Dies irae, dies illa”. Die alte Melodie des Unessane-tokef ist ein Meisterstueck feinsinniger musikalischer Ausdeutung des gewaltigen Gedichts. Die Metaphor “K’vakoras... tachas schifto” (Wie ein Hirte, der seine Herde unter seinemStabemustert), wird gewoehnlich als eine zarte Pastorale aufgefasst; die traditionelle Melodie versteht sie jedenfalls in diesem Sinne. Es folgt das B’rosch haschono, das ja auch im Kol Nidre wieder aufgenommen wird, und das direkte Kol Nidre Zitat (dort “Dindamo”) auf die Worte “uvajom zom Kippur”. Den Hoehepunkt erreicht das Stueck mit dem “Mi jonuach, umi jonoua”, und kommt dann zu seinem resignierten Ende, das aber durch den( aus dem 19. Jahrh. stammenden) Refraein “Us’schuvo, usefillo, uzedoko...” bedeutend gesteigert wird. Das Mussaf und Neila Kaddisch koennte man die Ouvertüren zu den grossen Gesangsgebeten der beiden Tefillas nennen Beide Melodien stammen aus dem Rheinland des 13. und 14. Jahrhunderts und sind ohne Zweifel von der Kunstmusik Burgunds beeinflusst. Besonders der burgundische Meister Guillaume de Machault scheint bei den rheinischen Juden sehr populaer gewesen zu sein, denn eine Reihe seiner Motive der Tora und der Tedisch-Melodien von ihnen hineinverwoben worden. Die zwei aeltesten Melodien der Hohen Feiertage sind unzweifelhaft die Weisen fuer die Avoda, die dichterische Beschreibung des Jom Kipur, wie er im Tempel zu Jerusalem gefeiert wurde, und die Melodie fuer die Mussaf Keduscha. Die Avoda erinnert, wenn sie ueberhaupt gesungen und nicht nur kantilliert wird, stark an Motive der Tora und der Tetilla. Die geheimnisvolle Beschreibung der Altarsprengung “Achas vo-achas etc.”, deren Sinn bis heute nicht aufgeklaert ist, wird von den orientalischen Juden in einem uralten Sing-sang vorgetragen, der sehr wohl ein Ueberbleibsel aus der Musik des Tempels sein mag. Auch bei den aschkenasischen Juden gab es dafuer keine eigentliche Melodie, sondern nur eine Art Sprechgesang. Die Keduscha des Mussaf- Gebets am Jom Kipur hat eine Weise, die sich ebenfalls im Gregorianischen Gesang der Kirche findet, aber aelter als diese Sammlung ist. Denn die Juden von Jemen, die von den christlichen Kirchen unberuehrt geblieben sind, verwenden dieselbe Weise, obwohl sie fuer viele Jahrhunderte von der Weltjudenheit abgeschlossen waren. Es ist daher so gut wie sicher, dass die Melodie aus Palaestina stammt, und zwar aus dem ersten oder zweiten nachchristlichen Jahrhundert, als die Erinnerung an das erhabene Ritual des Versoehnungstages im Tempel noch nicht verklungen war. Kaeme die Melodie aus spaeterer Zeit, dann wuerden weder die Jemeniten noch die Kirche sie kennen. Es gibt uebrigens viele Bearbeitungen dieser Weise; die aelteste fand ich in einer dreistimmigen Motette aus Spanien. Das Stueck hat gemischt hebraeisch - spanischarabischen Text und muss um 1460 geschrieben worden sein. Es ist ein kleines Meisterwerk und erinnert in seiner Technik, wenn auch nicht in seiner Melodie, durchaus an die zeitgenoessischen Grossmeister der Motette wie Dufay oder Dunstable. Es ist bis heute das einzige notierte spanisch-juedische Musikstueck geblieben, obwohl anzunehmen ist, dass sorgfaeltige Forschungen mehr und aehnliche Stuecke aus Spanien zu Tage foerdern werden. III. Noch ein Wort ueber die Selichos und Pujutim des Kol- Nidre-Abends. Nur die aschkenasischen Juden kennen und singen sie in dieser Form. Weder das sefardische noch das orientalische Judentum ist vertraut mit diesen Texten und ihren Melodien. Das schoene “Ki hine Kachomer” (Wie Ton in des Toepf ers Hand...), das “dark’cho elohenu”, etc. haben traditionelle Melodien, die sehr deutlich ihre Geschichte erzaehlen. Wieder sind es alte deutsche Volksweisen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die hier in merkwuerdiger Art mit altjuedischen Musikelementen verschmolzen sind. Dem Deutschen von heute sind sie voellig unbekannt, und auch der Musikwissenschaftler muss die Melodien sehr sorgfaeltig unter die Lupe nehmen, um die deutschen Elemente, haeufig variiert oder “zersungen”, aus ihrer juedischen Umkleidung herauszuschaelen. Hermann Cohen, der grosse juedisch-deutsche Denker, nannte diese schoepferische Art von Anleihen einen Akt der “aktiven Assimilation”, die er mit Recht als eine gesunde und lebenswichtige Prozedur gutheisst, im Gegensatz zur “passiven Assimilation, die sich selbst und ihre Identitaet aufgibt. Diese alten Weisen unserer Hohen Feiertage, sie bilden uns eine Bruecke vom Orient zum Okzident, vom Alten zum Neuen. Und eine Erinnerung sind sie: schmerzvoll, ja! aber feierlich - schoen, verklaerten Gedenkens voll. Wir wollen sie nicht vergessen. Das Studium der heiligen Schriften ist auch noch in diesen Tagen der Lebensinhalt vieler unserer Menschen in Israel und in der Diaspora. Vor der grossen Synanoge von Tel Aviv. ËlÉiÉ íRmKkJ mm

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