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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1958-04-01 · 4 (Abril, 1958) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XX (1958)
Issue
4 (Abril, 1958)
Date
1958-04-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Abril 1958 BOLETIN INFORMATIVO 9 ES GESCHAH IN UNSEREN TAGEN von Benno Weiser Zehn Jahre sind vergangen seit der Staat Israel auf die Welt kam. Vor zehn Jahren schlossen wir ein Kapitel der juedischen Geschichte, welches hiess: “Die Diaspora: Von der Zerstoerung des zweiten Tempels bis zur Gruendung des Staates Israel”. Wir waren dabei Es war uns gegeben, Zeitgenossen dieser Sternstunde zu sein. Nach zwei Jahrtausenden hatte das juedische Volk sein erstes Rendezvous mit der Seligkeit. Es geschah in unseren Tagen. Die Geschichte des juedischen Volkes, welche in den nebligen Urspruengen der Zivilisation beginnt, ist reich an Spannung und mit Dramatik ueberladen. Nichtsdestoweniger allein der Auszug aus Aegypten kann sich mit jenem Moment vergleichen, in welchem die Vorhut eines Volkes, nach einer Pause von zweitausend Jahren, vor der Welt aufstand, um zu sagen: “Wir sind da. Da sind wir wieder. Als Volk. Als Staat”. Zweitausend Jahre. Wir haben diese Worte so oft verwendet, dass wir gelegentlich ihre Bedeutung vergessen: Zwei Tausend Jahre. Der Augenblick schien so unwirklich wie eine Halluzination. Eine Wolke der Lyrik umfing eine Generation, welche bloss Niederlage, Enttaeuschung, Spott, Hass und Schmerz gekannt hatte. Wir fuehlten uns von der Flut erhoben, die endlich die Ebbe abgeloest hatte. Zum ersten Mal fuehlten wir die Unzulaenglichkeit der Prosa. Der Satz kaempft mit dem Vers. Ploetzlich bekam der Tod unserer Toten Sinn. Ploetzlich erfuellte ein neuer Inhalt das Leben unserer Lebenden. Wir waren der Schatten eines Volkes gewesen. Wir waren Gespenster aus der Vergangenheit, welche durch die Welt strolchten, ohne Frieden oder auch nur Ruhe zu finden. Aber ploetzlich wurden wir wieder in die Geschichte aufgenommen. Die Kette mit unserer langen Vergangenheit wurde wieder geschlossen. Im Bruchteil eines Augenblicks entsannen wir uns der Gipfel der Geschichte eines Volkes, dessen Fortsetzung wir waren. Und zu unseren Lippen kam der alte Segensspruch: “Gelobt seist Du, Gott, der Du uns durch die Zeiten hindurchgefuehrt hast und bei diesem anwesend sein liessest”. Eines Tages werden wir es unseren Kindern und Enkelkindern erzaehlen. Es wird wie eine neue Hagadah klingen. “Noch entsinnen wir uns des Tages”, werden wir sagen. Und wir werden zu erzaehlen beginnen: Es geschah in der Steinzeit der Herzen. Unser Volk war auf die Tiefe des Abgrundes menschlicher Niedrigkeit gestossen. Es hatte jede Erniedrigung und jede Tortur kennen gelernt. Die Vivisektion. Die Gaskammern. Das Krematorium. Die Nationen der Welt hatten in einer voruebergehenden Geste der Sympathie beschlossen, dass wir unseren Staat haben sollten. Doch als die Stunde der Entscheidung kam, standen wir allein. Ganz allein. Das britische Mandat kam zu Ende. Zaehne-. knirschend schickte sich der britische Loewe an, ein Beutestueck frei zu lassen. Die Falle war gestellt. Der Loewe wuerde uebers Meer abziehen und durch die Wueste zurueckkehren. Die Wueste hatte sich, unter dem Schutz des Loewen, infiltriert, war in die mit Vegetation besaeten Ebenen des Emek und die sanften Huegel von Judaeas eingedrungen. Sie war bereit, ihren Todfeind anzuspringen: Das Gruen, die Farbe der Hoffnung. Gelber Flugsand umflutete die Pflanzungen und beleckte ihre Konturen. Vom Norden, Osten und Sueden bedrohte das Gelbe das Gruen. Im Westen leuchtete es Blau. Aber dieses Leuchten wurde von Stahlkolossen unterbrochen: Die Flotte des Loewen. Die Wueste war in Aufruhr. Staubwolken stiegen auf und der Sturm brauste: “Tod den Juden!” “Ins Meer mit den Zionisten!” “Palaestina wird arabisch sein! Krieg! Krieg!” Die britische Verwaltung unterbrach ihre Dienste. Die Verbindungen mit Israel wurden abgebrochen . Die Post hoerte auf zu funktionieren. Die Telegraphenaemter wurden geschlossen. Das letzte Schiff, das letzte Flugzeug, das letzte Kabel, der letzte Brief verliessen Palaestina. Wer konnte, ret- CHAIM WEIZMANN Der 1. Praesident Israels. ÉS8S fUfffgfP tete sich: Englaender, Amerikaner und sogar Araber verliessen zu Tausenden und Abertausenden das Land, um der Katastrophe zu entgehen, welche unaufhaltsam naeherrueckte. Es blieben die Juden. Der letzte britische High Commissioner zog sich seine beste Uniform an und begab sich zum Hafen von Haifa. Die schottischen Soldaten bliesen ihre Dudelsaecke. Der Kreuzer liess seine Ziehtreppe herunter. Der Loewe zog durch die Vordertuer ab. Und nun komme die Sintflut! Der Vorhang fiel zwischen Erez Israel und der Welt. Wir hielten den Atem an. Wenn er wieder hochging, was wuerden wir sehen? Einen rauchenden Truemmerhaufen oder einen Judenstaat? Wir fuehlten, dass das juedische Epos seinen Hoehepunkt erreicht hatte! Wir wussten, dass dies ein unvergessliches Kapitel und dass dessen Groesse jenseit Erfolg und Misserfolg war. Die zionistische Idee war an ihrer Erfuellung angelangt — oder an ihrem wahren Beginn. Aus unseren bangenden Herzen stieg ein Gebet: “Verteidiger des juedischen Landes, Gott sei mit Euch!” Es war der 14. Mai 1948. Weder die Stunde, noch der Ort der Zeremonie war angekuendigt worden, jedoch ganz Tel Aviv war sich bewusst, dass etwas Ausserordentliches in der Luft lag. Die Stadt war im Fieber. z Die Haeuser waren mit blau-weissen Fahnen beflaggt. Am Nachmittag raeumte die Polizei die Gehsteige um das Museum. Die Haganah stellte eine Ehrenwache. Und um 4 Uhr erhob sich ein kleiner, untersetzter Mann, mit feurigen Augen und einer weissen Maehne, die wie ein Heiligenschein sein energisches Gesicht umrahmte. David Ben Garion stand vor einem riesigen Portraet Herzls. So war Herzl, dessen Reste noch in einem Wiener Friedhof ruhten, dabei, als das Maerchen aufhoerte, ein Maerchen zu sein. Und mit kraftvoller Stimme las Ben Gurion die Unabhaengigkeitserklaerung. Die vierhundert Maenner und Frauen, welche im Museum waren, umarmten einander ueberwaeltigt. Traenen der Ruehrung und der Freude fuellten die Augen jener, die die Bewegung von ihrer Wiege bis zu diesem Moment der Erfuellung begleitet hatten. Da stand Isidor Schalit, Herzls Sekretaer, der den ersten Kongress organisiert hatte. Da standen noch einige von jenen, die den Traum gewoben hatten. Und da standen auch die Jungen, die diesen Traum in Stahl, Zement und Stein gehauen hatten. Die Nachricht verbreitete sich durch den Jischuv. Die Stadt war verdunkelt, doch die Herzen waren voll Licht. Und das Licht drang in die Kolonien des Sharon, die Kibbutzim des Emek Hajarden und die Vorposten der Zivilisation im Negev, wo eine Handvoll von Tapferen sich anschickte, mit ihrem nackten Mut die Panzer der Tanks zurueckzuschlagen. Die Kunde kam nach Jerusalem — belagert, wie so viele Male in seiner dreitausendjaehrigen Geschichte — und nach Kfar Etzion, an dessen Tore der Tod klopfte. Israel war wieder auf erstanden. Die Welt vernahm den Atem der Geschichte. Kabel, Radio und Fernschreiber ueberbrachten die Nachricht. Sie kam nach Lake Success und beendete eine lange Diskussion, ob man das Palaestinaproblem durch Schaffung eines Fideicommisses loesen wollte. Sie kam nach Montreal und Buenos Aires, nach Shanghai und Kapstadt, nach Bukarest und Melbourne . Sie erreichte die Synagogen am Vorabend des Schabbat. Sie kam nach Bergen Belsen, wo tausende von Juden noch hinter demselben Stacheldraht lebten, den Hitler errichtet hatte. Und wenn die Nachricht fuer manche den Anfang eines neuen Lebens bedeutete, so war sie fuer andere der Beginn des Lebens selbst. Freude und Stolz erfuellten uns. Aber durch den Jubel schlich sich der Gedanke an jene, die diesen Moment nicht miterleben konnten. In diesen lichtdurchtraenkten Augenblick sikkerten die Schatten jener, die nicht das gelobte Land erreicht hatten und die in der Wueste, die Europa hiess, zu Grunde gegangen waren. In der Ferne zeichnete sich das Profil der Ruinen von Warschau und der Oefen von Auschwitz ab. Auch die Toten waren schweigsam anwesend. Wenige Stunden spaeter fielen die ersten Bomben auf Tel Aviv. Die Kanonen droehnten. Die Tanks drangen vor. So wurde Israel geboren! In Blut. Man musste es den Eingeweiden einer stiefmuetterlichen Welt entreissen. Unsere jahrtausende alten Feinde hatten sich ein Stelldichein gegeben. Da war Amalek. Da waren Mizrajim und der Pharao. Da war Hamidbar, die Wueste. Aber da waren auch die Makkabäer. Da war Simson. Da war Bar Kochba. Da war David, der Goliath besiegte. Und der Mut besiegte den Panzer. Ja. Wir werden dessen bis ans Ende unserer Tage gedenken. Negba. Kfar Mordechai. Jerusalem. Es geschahen Wunder, wie in vergangenen Zeiten. Nur dass es diesmal nicht goettliche, sondern menschliche Wunder waren. Niemand spaltete diesmal die Wasser des Meeres. Es waren unsere Pioniere, die den Derech Hagwurah, die Strasse des Heldentums, nach dem belagerten Jerusalem oeffneten. Niemand ertraenkte die Aegypter in uebernatuerlichen Fluten. Die Haganah besiegte sie in offenem Kampf. Die zehn Plagen wiederholten sich. Doch diesmal waren ihre Autoren das Heer, die Flotte und die Flugwaffe Israels. Das Wunder war die Umwandlung eines Volkes. Es war der Chalutz, der, wie in den Zeiten Esras, gelernt hatte, mit der Rechten zu bauen und mit der Linken zu verteidigen. Es war die Jugend, die es verstand, gleichzeitig Pflugschar, Schaufel, Hammer und Gewehr zu sein. Es. war der reinste Idealismus, der Soldaten ohne Militarismus, Helden ohne Pathos, Unsterblichkeit ohne Denkmalpose schaffte. Wenn es schlecht ging, sagten sie: “Ejn davar”. Das macht nichts. Und wenn die Horizonte bewoelkt waren, sagten sie: “Jihje fov”. Es wird schon gut sein. Nachdem sie in den Kriegen aller Voelker gekaempft, nachdem sie auf allen Barrikaden geblutet, nachdem sie die Sehlachthaeuser der ganzen Welt kennen gelernt hatten, gaben Juden ihr Leben fuer ihr Volk, fuer ihr Vaterland, fuer ihren Staat. Und als sie starben, befreiten sie nicht nur das Land Israel. Sie befreiten auch das juedische Volk von der Last der Jahrhunderte, dies es kruemmte. Die Welt war an unsere Maertyrer bereits gewoehnt und ein bischen von ihnen gelangweilt. Nun ueberraschten wir sie ploetzlich mit unseren Helden. Wir konnten sie nicht mit den Grosstaten unserer Geistesriesen erobern. Aber sie verstand die Botschaft des Mutes und die Stimme der Tapferkeit. Wir empfanden den Stolz des Judeseins. Von Dan bis Barsheba siegte das juedische Heer. (Fortsetzung Seite 20).

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