Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 1 (Enero, 1958)
- Date
- 1958-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Enero, 1958 BOLETIN INFORMATIVO 9 ISRAELS JUGEND Von Dr. UND WELTJUGENDHEIT NAHUM GOLDMANN Im psychologischen und intellektuellen Verhalten der Menschen in Israel gibt es einen Aspekt, der mir von ausschlaggebender Bedeutung für die Entwicklung des Charakters von Israel und seiner künftigen Beziehungen zur Weltjudenheit scheint. Ich spreche von der tief eingewurzelten Tendenz bei vielen Israelis, besonders unter den Sabres, d. h. bei denen, die in Israel geboren und erzogen wurden, und in erster Linie bei der Sabre- Jugend, die in vielen Fällen eine Haltung der Gleichgültigkeit einnimmt und oft Unwissenheit über die schreckliche Tragödie der Nazizeit heuchelt, die uns eines Drittels unseres Volkes beraubt hat. Natürlich ist dies nicht die Haltung der anerkannten Führer und Sprecher Israels, die fast alle aus Europa stammen, in der europäischen jüdischen Kultur aufwuchsen und durch den Naziterror Freunde und Verwandte verloren haben. Die Nazizeit wird immer ein dominierendes Element in ihrer Gedanken und Gefühlswelt bleiben Die israelische Jugend aber, einschliesslich der Kinder dieser Führer, zeigt einen ausgesprochenen Widerwillen, den traurigen Tatsachen unserer jüngsten Vergangenheit Rechnung zu tragen, und scheint entschlossen, sie aus ihrem Gedächtnis zu bannen. Ein charakteristischer Beweis hierfür ist ihre Einstellung zur Jad W’schem-Organisation, die teils von der israelischen Regierung und zum Teil von der Jewish Agency und der Claims-Conference finanziert wird und deren Aufgabe darin besteht, alle Dokumente aus der -Naziperiode zu sammeln, sie vor der Vergessenheit zu 'schützen und diese Beweise der grössten Tragödie der jüdischen Geschichte für künftige Generationen zu bewahren. Die Gelehrten der Hebräischen Universität in Jerusalem, die dieses Werk leiten, haben sich immer wieder bei mir beklagt, dass junge israelische Studenten und Akademiker ganz einfach der Aufforderung zum Studium dieser Unterlagen keine Folge leisten. Es handelt sich dabei um junge Männer und Frauen, die ihr Leben dem Studium der jüdischen Geschichte widmen wollen. Aber sie scheinen völlig uninteressiert daran zu sein, sich in das Studium dieser jüngsten Epoche unseres Volkes zu vertiefen, die eine offene, noch blutende Wunde in der Erinnerung unserer Generation darstellt, Nur ein äusserst starker, gewiss unterbewusster Wunsch, der furchtbaren Wahrheit dieser Tragödie zu entrinnen, kann diese überraschende und unnatürliche Erscheinung erklären. Mehr als reiner Zufall Diese Haltung scheint mehr als ein reiner Zufall zu sein. Sie hat ihre tiefen intellektuellen und gefühlsmässigen Wurzeln. Von einem theoretischen und wohlwollenden Standpunkt aus könnte man sagen, dass ein Volk, welches daran ist, einen neuen Staat aufzubauen und einen völlig neuen historischen Weg, der seinen Lebensformen in den letzten 2.000 Jahren diametral entgegenläuft, zu beschreiten, sich gegen die Geschichte auflehnt, wie dies junge Menschen meist tun, und dass es seine Augen auf die Zukunft richtet. Das trifft aber nicht auf die Jugend Israels zu. Ganz im Gegenteil ist eine ihrer überraschendsten Eigenschaften ein tiefes und leidenschaftliches Interesse an alter jüdischer Geschichte. Der volkstümlichste Zeitvertreib der jungen Israelis ist ausser Tanzen und Singen die Archäologie, die ein Hobby von tausenden Jugendlichen geworden ist. Frühere Generationen der Juden beschäftigten sich mehr mit dem Talmud und talmudischer Literatur als mit der Bibel. Für die israelischen Kinder und selbst für die, die jeden religiösen Gefühls bar sind, ist die Bibel zu einem Gegenstand höchsten Interesses geworden. Sie sind von den biblischen Erzählungen fasziniert und wünschen nichts sehnlicher als tief im Lande verwurzelt zu sein, eins mit den Umrissen seiner Landschaft zu werden, und dies alles nicht nur dadurch, dass sie im Lande leben und seinen Boden bearbeiten, sondern auch durch direkten Kontakt mit seiner Vergangenheit und dem Mythos von ihren Vorvätern. Diese Sehnsucht ist ein treibendes Moment beim Aufbau des jüdischen Staates, dessen Bürger sich mit Stolz als Nachkommen und Erben der Könige und Propheten fühlen. Aber während sie mit Leidenschaft und Beharrlichkeit einen direkten Anschluss an jene Zeit der jüdischen Geschichte suchen, die sich auf dem Boden Israels abspielte, überspringen sie ebenso beharrlich eine Spanne von 2.000 Jahren bis zur Zeit der Könige, Propheten und Makkabäer, so als seien die vielen Generationen der Diaspora ein unwichtiges Zwischenspiel gewesen, das der Vergessenheit anheimfallen muss, wenn es schon nicht ausgelöscht werden kann. Es hat den Anschein, als trachteten sie, durch diesen Sprung von der Gegenwart in die Vergangenheit sich von der langen Nacht der Erniedrigung in der Diaspora freizumachen. Ein "Normales Volk" Nehmen wir noch einmal die Nazizeit als konkretes Beispiel, Als vor einigen Jahren leidenschaftliche Diskussionen über das Wiedergutmachungs - Abkommen mit Deutschland statt fanden, bewegte uns, die wir für Verhandlungen mit Deutschland eintreten, die moralische Verpflichtung, die Rehabilitier rung der Naziopfer zu erleichtern. Die Sabres, die sich den Verhandlungen widersetzten, liessen sich von ihrem Hass gegen die Nazis leiten, weil diese die Wurzel und die Ursache der Tragödie waren, ohne sich um das Schicksal der Ueberlebenden zu sorgen. Diese Tendenz ist verständlich. Der Staat Israel bedeutet für sie das Ende der Verfolgung, Leiden und Degradierung. Nach 2,000 Jahren sind sie jetzt eine Mayorität in einem Staat, der der ihre ist, und sie sind dabei, sich im Eiltempo alle die Attribute eines “normalen” Volkes in seinem eigenen Lande anzueignen. Israels Haltung in der Politik und auf anderen Gebieten zeugt oft von dem brennenden Wunsch der Israelis, sich selbst zu beweisen, dass sie die Herren ihres eigenen Schicksals sind und kein äusserer Faktor sie von ihrem Ziel abzubringen imstande ist. In der Tat, Israels ist eine Revolution und keine Evolution; es ist ein Vorstoss, kein stufenweises Vorruecken Die Israelis wollen nicht daran erinnert werden, dass sie je eine Minderheit waren, dass sie, die Herren von heute, 2.000 Jahre lang als Sklaven lebten. Und weil ihr Sklavenlos niemals vollständiger, ihre Erniedrigung niemals tiefer als während der Nazizeit war, ist es gerade diese Epoche, die sie aus ihrem Bewusstsein bannen wollen. Ein junger israelischer Student, dem ich kürzlich vorschlug, eine Untersuchung der Zustände während der Nanzeit vorzunehmen, entgegnete mir, er sei bereit, eine Studie des Antisemitismus im 19. Jahrhundert bis zur Nazizeit, aber keine Untersuchung dieser Zeit selbst durchzuführen. Schwere Verwicklungen Obzwar wir die Motive verstehen, so können wir uns doch nicht mit den schweren psychologischen und geistigen Verwicklungen dieser Haltung versöhnen Wären wir sicher, dass dies eine vorübergehende, nur für diese Generation charakteristische Erscheinung ist, so könnten wir sie als eine gesunde Anstrengung zur psychologischen Kompensierung eines jahrhundertelangen inferioren Status betrachten. Ich fürchte jedoch ,dies ist nicht der Fall. Oie intellektuellen und gefühlnässigen Einstellungen haben bei jungen Staaten und Völkern die Tendenz, sich zu vertiefen. Entscheidend im Leben eines Staates und eines Volkes ist der Kurs, der am Anfang eingeschlagen wird. Daher ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass diese Flucht aus der Wirklichkeit, dieses unterbewusste Abwerfen einer 2.000 Jahre alten Vergangenheit, diese naive und gefährliche Illusion, das neue Israel könne dort beginnen, wo das alte Israel aufgehört hat, zu einem permanenten Element des psychologischen und geistigen Verhaltens des zukünftigen Israels werden könne. Eine solche Entwicklung würde ein geistiges und moralisches Unglück bedeuten. Völker wie Individuen zahlen einen schrecklichen Preis für den Versuch, die traumatischen Fakten der Vergangenheit zu “verdrängen” Eine der Grundlagen der modernen Psychologie ist die Notwendigkeit, im Unterbewusstsein verborgene Fakten an das Licht zu fördern, damit sie nicht dort weiter schwelen und Neurosen hervorrufen, die Gemüt und Seele zerstören können. Das gleiche Prinzip gilt in erhöhtem Masse für Gruppen und Völker. Um schöpferisch zu sein, muss ein Volk sich auf den Boden seiner ganzen Vergangenheit stellen, Andernfalls geht es seiner Würde und seines geschichtlichen Daseinrechts verlustig; und indem es selbst seine historische Perspektive verrückt, verzerrt es sein Bild in der Weltgeschichte. Dies ist doppelt wahr für das jüdische Volk, denn nur allein die Geschichte unserer Diaspora ist länger als die Geschichte der meisten modernen Volker. Wollten wir sie aus dem Gedächtnis löschen, so würde die ganze jüdische Geschichte verzerrt und widersinnig werden. Eoenen wir die Diaspora ausloeschen? Unsere Geschichte begann mit der ägyptischen Diaspora. Dann kam die babylonische Diaspora, auf die, nach einem kurzen Zwischenpiel, die dritte Diaspora folgte, welche zwei Jahrtausende währte. Es steht nicht zur Diskussion, ob die Diaspora gut oder schlecht war. Geschichtliche Entwicklungen sind keine Frage der freien Wahl. Eine israelische Nation, welche die Diaspora aus ihrem Gedächtnis und ihrem Alltagsleben streichen würde, müsste sich um es krass auszudrükken, aus der Geschichte unseres Volkes ausschliessen. Dies würde andererseits eine Verkehrung der historischen Wahrheit bedeuten und schliesslich Israel von dem Rest der Juden abtrennen, es zu einem kleinen Staat im Nahen Osten machen, der, von einem Meer von Arabern umflutet, sich gegebenenfalls in einen Trabanten der arabischen Welt verwandeln müsste. Das Element, das aus Israel eine einmalige und eine grosse Nation macht, ist seine enge Verbundenheit mit dem ganzen jüdischen Volk. Israel ist geographisch gesehen ein kleines Land, aber es ist gross und kann durch seine Bande zu den über die Welt verstreuten Judenheiten noch grösser werden. Seine geographischen Grenzen mögen die gleichen bleiben, aber seine geistigen Grenzen sind nur durch die Erdkugel selbst gezogen. Ein israelisches Volk, das sich von den 2.000 Jahren schöpferischen Lebens in der Diaspora distanziert, würde sich selbst der Vorteile dieser Werte berauben und ein Gebilde werden, das weit von unserer Tradition entfernt vielleicht keinen Platz im Gefüge der jüdischen Zivilisation fände. Die Geschichte kennt keine Spruenge Die Geschichte kennt keine Sprünge. Die Gegenwart eines Volkes ist das Ergebnis seiner ganzen Vergangenheit, Ein Volk ist nur dann schöpferisch, wenn es in der Gegenwart seine Zukunft als Synthese aller Epochen seiner Geschichte aufbaut Von der Gegenwart einen direkten Sprung zu den Makkabäern und Propheten zurück zu tun, ist ein verlorenes Unternehmen, denn in der Flucht aus der Geschichte der Diaspora liegt die Gefahr. Diese gefährliche Tendenz steht noch im Anfangsstadium. Israels Leben hat sich noch nicht endgültig kristallisiert, noch ist es eine Suche, ein Experiment. Daher halte ich es für äusserst wichtig, diese gefährlichen Tendenzen aufzuzeigen, bevor sie sich durchgesetzt haben. Der Stolz der Israelis auf ihre Befreiung aus der Diaspora ist gesund und gerechtfertigt, denn diese Befreiung bedeutet die Verwirklichung des zionistischen Ideals. Die moralische Würde jedoch gebietet Israel, nicht die traurige Vergangenheit zu vergessen, denn sein Selbsterhaltungstrieb fordert, dass es nicht nur der geistige Nachfahr der Propheten und politische Erbe der Makkabäer und der grossen Könige Judas ist, sondern auch der Nachfolger der Märtyrer und Helden der Galut, der Mischna und des Talmud, eines Maimonides und Jehuda Halevy, Spinoza und Einstein, Bialik und Mendele Moher Sefarim. Nur wenn Israel sich als Erbe unserer ganzen Geschichte fühlt, wenn es die Zeiten des Ruhms und die Zeiten der Erniedrigung hinzunehmen bereit ist, dann erst wird es fähig sein, die Fundamente für eine neue Zukunft im Einklang mit der Grösse und Einzigartigkeit der Geschichte unseres Volkes zu legen. Wir haben als Volk überlebt, weil wir sowohl die Tragödien als auch die Triumphe unserer Geschichte hingenommen haben, und dieses geschichtliche Material hat unseren einzigartigen Charakter geformt. Auf seinem Wege in die Zukunft muss Israel seine ganze Vergangenheit mit Liebe betrachten, denn nur dann wird es imstande sein, einen historischen Rahmen zu schaffen, der von künftigen Generationen des gesamten jüdischen Volkes als gültig für alle Juden akzeptiert werden kann. Das Wormser Juedische Archiv Das Archiv der frueheren, juedischen Gemeinde in Worms ist feierlich an das Archiv fuer juedische Geschichte in Jerusalem uebergeben worden. Es war das aelteste juedische Archiv Deutschlands und enthielt unter anderem 18 Kaiserurkunden ueber Privilegien der juedischen Gemeinde, die erste von 1552, aus der Regierungszeit Karls V. und Geleitbriefe und Gerichtsurkunden ueber Steuern und Kriegslasten. Gleichzeitig wurden an das israelische Reiigionsministerlum Ueberreste der in der “Kristallnacht” 1938 verbrannten Wormser Thorarollen uebergeben. Die Universitäts Bibliothek in Jerusalem erhielt die weltberuehmten Wormser juedischen Gebetbuecher aus dem Jahre 1272. Das Wormser Archiv war zur Zeit des Nationalsozialismus von dem Wormser Museumsdirektor Dr. liiert gerettet worden. Wegen der Ausrottung der Wormser juedischen Gemeinde hatte die Jewish Rutt Corporation als Sachwalter frueheren juedischen Gemeindeeigentums Anspruch auf das Archiv erhoben. Die Stadt Worms verweigerte zunaechst die Herausgabe. Durch Vermittelung des Bundeskannzieramts kam jetzt eine guetliche Einigung zustande.