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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1956-11-01 · 11 (Noviembre, 1956) · p. Seite 8

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVIII (1956)
Issue
11 (Noviembre, 1956)
Date
1956-11-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Novlambre 1956 8 BOLETIN INFORMATIVO IBSENS “HEDDA GABLER" LESSER (7. NOVEMBER 1832 — 18. OKTOBER 1931) ZUR 25, WIEDERKEHR SEINES TODESTAGES Waehrend wir ganz allgemein mit Freude feststellen koennen, dass die Pflege der Kunst in Chile in den letzten Jahren eine beachtliche Intensitaet erreicht hat, — nicht zuletzt wohl auch dank des Enthusiasmus des juedischen Publikums, — muss doch hervorgehoben werden, dass das hiesige Theaterleben eine ganz besondere Hoehe erreicht hat und zumindest voruebergehend sowohl an Quantitaet als besonders Qualitaet des Dargebotenen die uebrigen Kunstzweige ueberragt. Von den zahlreichen Theatergruppen ist es vor allem das ‘‘Teatro Experimental” der Universidad de Chile, welches in steter Aufwaertsentwicklung, besonders seit es ueber eine eigene Buehne verfuegt, dem hiesigen Publikum Theater von einer Guete bietet, um welche uns manches Land beneiden kann. - Sowohl in der Wahl der Stuekke, in der Sorgfaeltigkeit des szenischen Aufbaus, der geistigen Durcharbeit des Stoffes durch jeden einzelnen Mitwirkenden, als auch der wirklichen Hoehe der Kunst der Darstellung selber, zeigt das “Teatro Experimental”, dass es seiner wichtigen kulturellen Aufgabe voll bewusst und gewachsen ist. Anlaesslich der 50. Wiederkehr des Todes Henrik Ibsens, ehrte das Teatro Experimental diesen grossen norwegischen Dichter mit der Auffuehrung seines Drama “Hedda Gabler”. Henrik Ibsen lebte von 1828 bis 1906. Er schrieb zunaechst Stuecke mit national-norwegischem Inhalt und spaeter gesellschaftskritische Schauspiele, die fuer die Entwicklung des Naturalismus bahnbrechend wa ren. Wenn auch viele der von ihm behandelten Probleme fuer uns heute ueberholt sein moegen, so haben doch seine Schoepfungen auch fuer den modernen Menschen noch grossen Wert, denn sie sind von einer technischen Vollendung, die kaum zu uebertreffen ist und zeugen von einem psychologischem Tiefblick in der Bearbeitung der verschiedenen menschlichen Charaktere, die oftmals die neuesten Errungenschaften der psychoanalytischen Wissenschaft vorweg nimmt. Bei aller Buergerlichkeit sei nes aeusseren Lebens war Ibsen immer ein wahrer Revolutionaer. Er behandelte die Pro bleme seiner Zeit, er zerrte Uebelstaende ans Licht de: Oeffentlichkeit, welche die Ge Seilschaft lieber im Dunke verharren lassen wollte. Seingrosse Sehnsucht war es, “seir. Volk zu wecken und es zu leb ren, gross zu denken”. Sein Aufgabe sah er darin, “de geistigen Grund und Bode nach jeder Richtung auszurc den und zu saeubern” um nich an einer Bevoelkerung zu ver zweifeln, welche, wie de Kuenstler in ihm es aussprac’ es “noch fuer wichtiger haeli ter” und “lieber die Zulu1' Bethaeuser zu bauen als The-., sion unterstuetzt als das Museum der Kuenste”. Sein Kampf ging um die- “Revolutionierung des Menschengeistes” und es war - seine Hoffnung auf die Jugend, die ihn in diesem Kampfe staerkte. Mit scharfem Einblick in die Tiefen der menschlichen Seele zeichnet uns Ibsen Hedda Gabler, ' die Titelheldin seines 1890 geschriebenen Schauspiels das man die Tragoedie der ewig unzufriedenen Frau nennen koennte. Arm hinterbliebene Tochter eines Generals sehnt sie sich nach dem “grossem Leben”. Sie fuehlt sich von ihrer kleinen Umgebung beengt und bedraengt, ohne selbst zur schoepferischen Tat faehig zu sein. Immer hat ihr eine verlockende Lebensaufgabe gefehlt und das Gefuehl, dass ihr Leben als Gattin Joergen Tesmans nicht lebenswert ist, verhacrtet ihr Herz, macht sie kalt’ und boese und laesst ihren ungestillten Tatendrang in Grausamkeit ausarten. Weil sie sich “muede getanzt” hat, verwaist ist und versorgt sein will, heiratet sie Joergen Tesman, einen toelpenhaften, fast laecherlichen Buecherwurm. Wie Ibsen es durch die Wahl des Titels andeutet, bleibt sie auch in der Ehe als Persoenlichkeit mehr Tochter ihres Vaters, als Gattin ihres Mannes zu werden. ~~ Jede Person, die Ibsen auf die Buehne dieses Dramas stellt, ist ein von seiner Meisterhand gezeichneter ganzer Mensch. Assessor Brack, ist ein witziger Gesellschafter voll Geist, behaebig-frivoler Lebemann, juenger als seine Jahre und stets bereit ein “dreieckiges Verhaeltnis” bilden zu helfen. Staatsstipendiat Joergen Tesman, unbedeutend aber zufrieden, ein Tantensoehnchen, ein arbeitsseeliger Streber, aengstlich darauf bedacht, es in seinem Fach “zu etwas zu bringen”. Ejlert Loevborg eine genialische Bummelnatur. Wein und Weib sind ihm gefaehrlich, er ist selten zur Tat faehig, aber einmal aufgerafft, zu grosser Leistung imstande. Den Ansporn zu bedeutender Arbeit gibt ihm die kleine cheue Frau Elvsted, selber ohne geistige Bedeutung, aber imstande, fuer den Geliebten, Mann und Pflicht zu verlassen. Diese Kraft der physisch Zarteren und geistig Schwaeche- -en, “ihre Finger in einem Menschenschicksal zu haben”, erweckt den Neid Hedda Gailers. Voller Ekel vor sich und ’er Welt, in uebernaechtigtem ’ustand, getrieben durch Eifer- -icht und ueberreizt durch die "■ ewissheit, ein unerwuensches Kind ihres ungeliebten “atten in sich zu tragen, dunel nach dem Schoenen chmachtend, aber vom Mittelmessigen nicht loskommend, -greift sie ein daemonischer erstoerungswahn. Sie zer- ’oert die Liebe zwischen oevberg und Frau Elvsted, sie ornichtet das Lebenswerk Jues einstigen Geliebten und schickt ihn' in den Tod. Und in endgueltiger Verzweiflung und der Angst vor dem sich ankuendigenden Skandal Vollbringt sie die Tat, die sie “schoen” vermeint; sie schiesst sich mit der Pistole ihres Vaters durch die Schlaefe. Und mit wenigen Worten und Andeutungen zeigt uns Ibsen zum Schlüsse des Stuek. kes, wie das Leben sein Recht behauptet und laesst uns erwarten, dass wohl bald Hedda Gablers Witwer und die separierte Frau Elvsted sich als Verlobte empfehlen werden, begleitet vom liebenden Wohlwollen der guetigen Tante Julie, deren innige Teilnahme am Ergehen ihres lieben Neffen und seiner jungen und schoenen Gattin ihr immer von der boesen Hedda so haesslich vergolten wurde. So klingt dieses ernste und oft pessimistische Stueck aus wie eine rechte Komoedie mit der Aussicht auf eine, wenn auch noch ferne, Hochzeit. Die Darstellung “Hedda Gablers” durch das “Teatro Experimental” hat ein hohes kuenstlerisches Niveau. Es ist der Auffuehrung anzumerken, dass jeder einzelne der Mitwirkenden, Regisseur, Schauspieler und Gestalter der Szenerie, sich monatelang eingehend mit dem Text, dem Dichter und seiner Zeit befasst haben, um dieses grosse Werk seinem Geiste getreu wiederzugeben. Wenn trotzdem die Auffuehrung uns nicht voll befriedigte, so scheint uns dies an einem psychologisch erklaerlichen Irrtum zu liegen. Es hat den Anschein, dass die ganze auffuehrende Gruppe, im verstaendlichen Bestreben, nicht “lateinisch” zu wirken, sondern den nordischen Geist des Dramas zu wahren, diesem eine zu gedaempfte Atmosphaere gaben. Und die Folge ist, dass die Darstellung zu ruhig und langsam wird. Das Werk Ibsens verlangt aber hoechste Intensitaet und zeitweilig Pathos. Das “Teatro Experimental” “unterspielt” es, wie uns scheint, bewusst. Manche Szene, die den Zuschauer aufs staerkste pakken muss, verliert so an Wirkung. Von diesem allgemeinen Fehler abgesehen, war die Arbeit jedes einzelnen Schauspielers von hohem Wert. Auffallend ist es, dass die Darstellung der drei weiblichen Haupt rollen durch Marés González, Fanny Fischer und María Cánepa, in diesem Stueck, die Arbeit der Maenner weit uebfertreffen. Alle drei Frauen erschienen wie fuer gerade diese Rolle geschaffen und erreichten eine wahre Identifizierung mit der dargestellten Person, waehrend das Spiel der maennlichen Darsteller nicht so ueberzeugend wirkte. Schoen und erwaehnungswert ist die von Ricardo Moreno geschaffene Ausstattung des Buehnenbildes, welches bis ins letzte Detail getreu den diesbezueglichen Angaben Henrik Ibsens folgt. W. G. Es war ein Leben voller I Enttäuschungen, Entsagungen, Verbitterung, Verkennung und Hunger, das dem in Armut aufgewachsenen, vom Schicksal schwer gezeichneten, ohne Freunde und Freude einsam gebliebenen — und doch so begnadeten Künstler Lesser Ury beschieden war. Hoffnungslosigkeit, unerfüllte Sehnsucht, die bittere Erkentnis, immer der Benachteiligte, immer der im Schatten Stehende zu sein, lasteten auf dem schon in jungen Jahren menschenscheuen Lesser Ury. In Birnbaum, Provinz Posen geboren, lernte er kaum das sonst so traute jüdische Familienleben kennen Sein Vater trennte sich früh von seiner Mutter, die ihm nur eine verhärmte, lieblose Jugendzeit bieten konnte. In irgendeine Lehre gesteckt, entfloh er dem Zwang. Ein Drang nach zeichnerischem Schaffen, nach Wiedergabe seiner Eindrücke, seiner Umgebung — erfüllte den jungen Menschen, der sich keine akademische »Ausbildung leisten konnte. Zu Fuss wanderte er von Düsseldorf nach Belgien, um sich fortzubilden. Von dort ging er nach Paris. Hunger und Not blieben seine einzigen treuen Begleiter. In Paris fesselte ihn das Farbenspiel der Stadt. Ohne Vorbild und Einfluss irgend einer Kunstrichtung schuf er sich einen eigenen Stil. Er war ein Impressionist, ohne sich dessen bewusst zu sein? Mit unerhörtem Eifer malte er Nächte durch, wie von einem Dämon getrieben, um wieder wochenlang schaffenslos, müde und niedergeschlagen in seinem Atelier dahinzuvegetieren. Von Paris ging er nach München und dann nach Berlin. Immer noch war sein Schaffen nur wenigen bekannt, die mit Verständnis sein Ringen um die Abtönung des Lichtes und der Dunkelheit verfolgten. Ury erfasste die Kontraste des Nebels und der sich allmählich Bahn schaffenden Sonne, er gab den Grosstadtstrassen im Regen die adäquate Stimmung. Seine Blumen - Gemälde glichen fantasievollen Symphonien heiterer, lebensfrischer Farben. “Seine Landschaften”, schrieb Martin Buber, “sind so visionär, dass man sie nur sehen und fühlen, aber nicht über sie diskutieren kann”. Ihm gut gesinnte Gönner verschafften dem Künstler eine Verbindung zu dem selbstbewussten, erfolgreichen, Max Lie.bermann, der aber für diesen verschlossenen Charakter wenig Verständnis zeigte. Eine unglückliche Kontroverse des Kunstkritikers Lothar Briger- Wasservogel, der in seiner Aufsehen erregenden Broschüre “Der Fall Liebermann” sich mit. Elan und etwas übertriebenem Pathos für Lesser Ury auf Kosten von .Liebermann einsetzte, verschärft die Situation. Liebermann zog sich von Lesser Ury zurück.. Bekannt wurde sein bissiger Ausspruch: “So. lange .man behauptet, dass Ury meine Bilder gemalt hat, gut, aber wenn man behaupten würde, dass ich Urys Bilder gemalt hätte, dann würde ich wegen Beleidigung klagen”. Ury flüchtete in seine Einsamkeit zurück. Eine Ausstellung seiner Bilder blieb ohne Erfolg. Und doch schuf er in dieser Zeit bittersten Existenzkampfes d i e wunderbaren märkischen Landschaftsbilder, die weit über die Gemälde eines Leistikow zu stellen sind. Seine innere Ruhe fand er in Italien, wovon zahlreiche Landschaftsbilder Kenntnis geben. Weniger erfolgreich waren seine Porträt-Studien. Ihm war nicht das psychologische Einfühlungsvermögen gegeben, um in seinen Porträts eine Analyse des menschlichen Charakters seines Objektes wiedergeben zu können. In allen Jahren seines Schaffens aber gaben ihm biblische Stoffe Anregung und künstlerische Intuition. Seine monumentalen Werke “Jeremias” und der “Sterbende Moses” fanden im Jüdischen Museum zu Berlin einen würdigen Platz. Was war bei Lesser Ury das Jüdische Element, was machte ihn zum jüdischen Künstler? Nicht die biblischen Motive charakterisieren den jüdischen Künstler, so wenig wie seine Abstammung allein. Es ist sein Schicksal — das Schicksal des Verkannten, des Einsamen, des von Not, V erfolgung und Flucht Gezeichneten — das Schicksal des nach Licht—nach Farben — nach Leben — nach Natur Strebenden, was ihm ein Symbol des jüdischen Le- bens werden liess. Es ist die Stimmung seiner Bilder, die ihn zum jüdischen Künstler gestempelt hat. Wie traurig, dass sich sein Werk erst nach seinem plötzlich erfolgten Tod durchsetzte. Eine grosse Ausstellung seiner Bilder war für Ende des Jahres 1931 geplant, die Vorbereitungen waren getroffen, als Ury 70 Jahre alt verschied. Zu seinen Lebzeiten galt das, was ein anderer jüdischer Künstler, Ephraim M. Lilien, in der Zeitschrift Ost-West mit berechtigter Verbitterung geschrieben hatte: “Glauben Sie wirklich, dass reiche Juden sich mit jüdischen Künstlern abgeben? Haben Sie schon an den Wänden des jüdischen Salons ein Werk eines jüdischen Künstlers gesehen, einen Struck — einen Lesser Ury?” Nein, man sah keine Bilder von ihm an den Wänden der Salons reicher Juden. Dagegen befinden sich heute einige Gemälde des Künstlers im Museum von Tel Aviv.' So einsam auch das Leben von Lesser Ury war, so eindrucksvoll und bestimmend wurde für eine neue jüdische Generation seine Kunst und sein Naturgefühl, das zu einer Einheit strebte. HANS SILBER. (“Juedlsche Wochenschau”, Buenos Aires).

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