Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1956)
- Date
- 1956-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Noviembre 1956 BOLETIN INFORMATIVO 9 Stefan Zweig waere 75 Jahre alt ((Ein Wort des Gedenkens) Von CURT AILK, (Buenos Aires) Am 28. November 1941 hatte Stefan Zweig im ruhigen Petröpolis, dem beliebten Som meraufenthaltort vieler Brasi lianer, in Zurueckgezogenheit das 60. Lebensjahr vollendet, von der Oeffentlichkeit, den Staatsbehoerden und weiter Bevoelkerungsschichten seiner Wahlheimat in einer Weise geehrt, wie kaum zuvor jemals ein austae.rdischer Schriftsteller, und .ur knapp zwei Monate danach, am 22 Februar 1942, schied er, gemeinsam mit seiner jungen Frau, freiwillig aus dem Le ben, ‘ ein Ungeduldiger” wie er sich selbst in seinen Ab schiedsbriefen bezeichnete Jetzt, am kommenden 28. No vember, haette Zweig, wenn das Schicksal dies gewollt haette, das 75. Lebensjahr voll enden koennen, und vielleicht darf die sehr zahlreiche Leserschaft der Werke dieses Dichters, die in so viele Spra chen uebertragen worden sind, erwarten, dass dieses Tages gedacht wird, nicht nur, um einer Ehrenpflicht zu genuegen, sondern vor allem des halb, um abermals begreiflich zu machen, daran zu erinnern, was die gesamte Kulturmenschheit durch den allzufruehen Tod dieses Grossen verloren hat. Ueber die Motive fuer das tragische Ende eines an glanzvollen Erfolgen reichen Lebens ist viel diskutiert worden, oh ne freilich das Letzte, was in der Seele des Dichters vorge gangen sein mag, ergruenden 'zu koennen. Zweifellos vermisste der “heimatlose Wanderer”. wie er sich zu nennen pflegte, die innere Kraft und Sammlung, um neu beginnen zu koennen, Europa schien ihm zu jenem Zeitpunkte der Selbstvernichtung preisgegeben. und trotz des Eintritts der Vereinigten Staaten von Amerika in den Krieg (am 7. Dezember 1941), auch von ihm als die grosse Hoffnung fuer den Sieg der demokratischen und freiheitsliebenden Kraefte ueber die faschistischen Tyrannen angesehen, fand sein mitempfindendes Herz keine Ruhe, und das furchtbare Leid, das so viele Menschen betroffen, traf ihn nicht weniger tief als das eigene Schicksal. In seiner ergreifenden Abschiedserklaerung beisst es u. a.: "Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, draengt ea mich, eine letzte Pflicht zu erfuellen, diesem wundervollen Brasilien Innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Aber nach dem 60. Jahre beduerfte es besonderer Kraefte, um noch einmal neu zu beginnen, und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschoepft. 8« halte Ich es fuer besser, rechtzeitig und In aufrechter Haltung mein Leben abzu- •chliessen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und perseenllche Freiheit das hoechste Gut dieser Erde gewesen”. Dies« “persoenllche Freiheit, ÜM hoechste Gut dieser Erde”, titafrtc er* ateaftli wjete«*» winnen zu koennen. In den letzten Monaten, so erzaehlt des Dichters erste, von ihm geschiedene Gattin, die Schrift steUerin Friderike M. Zweig in ihrem Buche “Stefan Zweig, wie ich ihn erlebte", soll er von einem “oesterreichischen Roman” getraeumt haben, der jedoch die Benutzung einer bedeutenden Bibliothek zur Voraussetzung gehabt haette, die nicht zur Verfuegung stand Unendliches Heimweh nach dem Geburtslande Oesterreich, das fuer ihn eine Quelle schoe pferischen Wirkens gewesen ist duerfte entscheidend zum Zusammenbruche aller Lebenshoffnungen beigetragen haben. Auch in seinem Judentum, zu dem sich der Dichter immer stolz bekannt, fand er in jener kritischen Epoche keinen seelischen Halt mehr, obwohl er einmal den “Jeremias”, das herrliche biblische Drama, sein persoenlichstes Werk genannt hatte, jenes -‘hohe Lied des Friedens und der Menschlichkeit”, inmitten des Waffenlaerms des ersten Weltkriegs entstanden. Nicht sein juedisches Volk war es, an das er sich in schwerster Stunde anlehnte, obgleich er dessen tragisches Schicksal viele Male tief und aufrichtig beklagt hatte, sondern es ist, letzten Endes, die oesterreichische Heimaterde gewesen, die er nie mals ganz aufzugeben vermoch te. Und er bekennt es offen: “So sehr Ich auch ein halbes Jahrhundert versucht hatte. mein Herz als das eines Weltbuergers schlagen zu lassen, an dem Tage, als Ich mel nen Pass verlor entdeckte Ich dass der Verlust des Heimatlandes mehr Ist als das Ab schiednehmen von einem begrenzten Stueck Boden”. Allzuviel Leid schien dem Dichter ueber die gesamte Menschheit gekommen zu sein, als dass ihm Weiterleben und Weiterschaffen haetten sinn voll erscheinen koennen. Der Weltschmerz, der von ihm Besitz ergriffen hatte, war zu stark, als dass selbst die von ihm verherrlichte Landschaft Brasiliens eine versoehnliche Stimmung haette wachrufen koennen In dieser sehr geliebten Stadt Rio de Janeiro hatte Zweig in jenen letzten Jahren seine sehoene Selbst biographie “Die Welt von ges tern” vollendet, ein Buch, das seinen Autor den Herzen der Leser vielleicht noch naeher bringt als seine besten uebri gen Schriften. Hier wird ein erschuetterndes Bild von der fast ununterbrochenen Selbstzerfleischung Europas seit dem Jahre 1914, gegeben dieser ‘‘zerbrochenen Welt”, wie er sagt, deren hoechsta Werte er so gern hinuebergerettet wissen moechte in eine bessere Welt, an die er nicht so recht glaubt, weil er, der “Weltbuer ger”, ueber das “Zerbrochen sein” nicht hinwegkommt. Das ist die furchtbare Tragik dieses Lebens, die man nicht uebersehen darf, wenn man den Dichter wuerdigen will. Und ihn wuerdigen, das heisst, diese vierzig Jahre emsigen Schaffens zu ueberblicken, zu versuchen, sich Rechnung zu geben von der Anspannung aller Kraefte, die taetig waren, um solch ein grosses Lebenstrwk «ibarkhtea. Ideale Schaffensptaetze, wie vor allem der von Salzburg, und spaeier schon nach dem Jahre 1933, auf den Reisen in Schottland oder Portugal, wa ren von Wichtigkeit fuer das Entstehen der grossen Bue eher, die eine Welt beglueckt haben: “Baumeister der Welt” “Erasmus von Rotterdam”, “Marie Antoinette”, “Fouché”. “Maria Stuart”, “Magallanes” "Balzac” u. a. Nirgends macht sich eine Ermuedung des Ver fassers bemerkbar, der Monate und, zuweilen Jahre, damit verbrachte, “Bibliotheken und Archive zu durchstoebern, der nie um eines Efektes willen historische Tatsachen aenderte, der seine “dichterische Freiheit” niemals missbrauch te. Stefan Zweig konnte es sich leisten, die Geschichte selbst als dichterische Kraft anzuer kennen; er. der feine Psycholo ge, verstand nicht nur. in den Herzen der Menschen zu lesen, sondern auch ln Akten und Berichten Briefen und Dokumenten. Aus;orgfaeltig und mit Verantwortungsbewusstsein geprueftem Mate rial gestaltete er legendaeres Geschehen; “Wahrheit und Dichtung” wurden in Wirk lichkeit zu einer Einheit, und seine Hingabe an die Gestal tung von Menschenschicksalen hat in neuerer Zeit kaum eine Parallele. Die Fuelie der Gestalten, der Reichtum des Er lebten, und die Darstellung von Natur und Landschaft zwingen immer wieder zur Be wunderung. besonders dann, wenn man der. ungeheuren Umfang der Vorarbeiten und Quellenstudien beruecksichtigt Ueber jenes Salzburger Idyll, das Haus, in dem Stefan Zweig, nur von den Reisen unterbro chen, von 1919 bis 1933 ge wohnt und geschaffen hat ist haeufig berichtet worden Seine auf 10.000 Baende angewachsene, erlesene Bibliothek die einzigartige Autographen Sammlung, die Frucht von drei Jahrzehnten unermuedlichen Sammelns bindeten einen Teil seines Lebensinhalts, der Blick auf die Berglandschaft ver staerkte das Gefuehl des Ge borgenseins in der Unendlichkeit und Schoenheit der Natur. Aber heute weiss man. dass die Reisen, die schon der iunge Schriftsteller zu den Grossen, zu einem Rolland und einem Verhaeren antrat, oftmals durch den Wunsch nach Orts - und Um^ebungswechsel entstanden sind, um eine sich anbahnende Depressionskrise im Keime zu ersticken: seifen dienten diese weiten Fahrten lediglich der Erholung. Nichts hasste Zweig so sehr wie behoerdliche Einschraenkungen der Bewegungsfreiheit S o nennt er seine Reise in die Schweiz, waehrend des ersten Weltkrieges, eine “Fahrt ins Freie”, und dieser zweieinhalb jaehrige Aufenthalt in Bern. Zuerich und Genf ermoeglichte es ihm, an dem Werke der Voelkerverstaendigung und den damals erschienenen Manifestationen eines bruederlich humanen Weltgeistes mitzuwirken. Und doch fand der Dichter des “Jeremias” welcher dem grossen Zuegea der Tragoedie des juedtsehen Volkes eine BejfoltUM! d>« 1Mb« jed* Zeitbegrenzung hinausgeht und sie “zur ewigen Mahnung an das ewige Volk” werden laesst, er selbst leider nicht heim zu den Troestungen der Uten is raelitisch juedischen Propheten, deren Worte alle Zeiten ueberdauert haben Fuer seine eigene Exilstragoedie gab es keine Aufrichtung. Er. der Millionen von Menschen geistige und seelische, Bereicherung verschafft, in Novellen, Dramen und grossen biogra phischen Werken Zeiten, Wel ten, Schicksale gestaltet, er I fand nirgends einen seelischen Halt und so bleibt der Nachwelt nur die keines wegs mmer kritiklose, aber grenzenlose, Bewunderung ue, ein ungeheueres, zu frueh abgeschlossenes Lebenswerk, welches auch auf diesem Kontinent und selbst in der (Jebersetzung ahnen laesst was vielleicht noch haette hinzugefuegt werden koennen Der Tag, an dem Stefan Zweig?5 Jahre alt geworden waere gibt solchen Gedankengaengen Gelegenheit. NEUERSCHEINUNGEN IN DEUTSCHER SPRACHE Die Buchbesprechungen, die wir nachfolgend zum Abdruck bringen, sind dem “Literaturanzeiger fuer das allgemeine wissenschaftliche Schrifttum' (Verlag Rombach und Co., Freiburg Im Breisgau Rosastrasse 9) entnommen. Wenngleich wir ausdruecklich darauf hlnweisen wollen, dass wir mit der Tendenz mancher Besprechungen absolut nicht konform gehen erachteten wir doch die fuenf ausgewaehltert Literaturhinweise als Interessant fuer unsere Leser und wollen auch nicht versaeumen den “Literaturanzeiger’' im Hinblick auf sein reichhaltiges Material und die Sorgfalt seiner Zusammenstellung allen wissenschaftlich Interessierten zu empfehlen. Adler, H. G.. THERESIEN STADT 1941 1945. Das Ant litz einer Zwangsgemeinschaft. Geschichte Soziologie Psychologie. Tübingen. Mohr 1955. XLV 772 Seiten, Bro schur 34 DM; Leinen 39 DM. (Clvltas Gentium). Manche Völker vergessen zu langsam; die Deutschen vergessen zu schnell. Deshalb ist es gut, den Deutschen von Zeit zu Zeit an das zu erinnern, was vor 15 Jahren furchtbare Gegenwart war — nicht nur an das, was damals das deutsche Volk an Ungeheurem an Ertragen geleistet hat, sondern auch an das Ungeheuerliche, was andere von Männern ertragen mussten, die Vorgaben, im Namen des deutschen Volkes zu handeln — und denen ein grosser Teil des deutschen Volkes blind vertrauend folgte. Diesem heilsamen Efcin nern dient das vorliegende Werk. Es ist keine Anklageschrift und unterscheidet sich dadurch vorteilhaft etwa von Kogons SS-Staat. Es ist eine nüchterne und gerade in ihrer Nüchternheit erschütternde, aufrüttelnde Darstellung von immer wieder durch Dokumente, Statistiken und Zahlenangaben belegten Fakten Im Mittelpunkt des Buches steht — auch dies ein wesentlicher Unterschied zu Kogons Darstellung—nicht der Zwingherr, der Büttel, der Quälgeist: Er erscheint nur am Rande der Handlungen, die er gesetzt hat, in seinen Befehlen: das eigentliche Thema des Buches ist Haltung und Verhalten derer, die in der Zwangsgemeinschaft leben mussten, der Opfer, der Gequälten: und schonungslos wird hier auch von manch menschlichem Versagen, manch menschlicher Schwäche gesprochen. Dadurch bietet das Buch eine Fülle scharfsinniger sozialpsyehologäscher und sozio logischer Einzelfeststellungen und Einzelbetrachtungen und wird zu einer Fundgrube für jeden psychologisch oder soziologisch XBfereesierteB. (DIE. RED.) Arendt. Hannah: ELEMENTE UND URSPRÜNGE TOTA¬ LER HERRSCHAFT Frankfurt: Europaeische Verlagsanstalt 1955. 800 Seiten Broscnur 17 DM. Leinen 19.80 DM. Dies Buch einer nach 1973 aus Deutschland emigrierten, an Weber und Jaspers geschulten Soziologin ist 1951 -ueist in englischer Sprache erschienen. Es ist gut, dass die Verf. selbst es jetzt in deutscher Fassung vorlegt, denn zweifellos ist ihr Werk eines der wichtigsten zum Verständnis der letzten Jahrzehnte ln zwei grossen Kapiteln behandelt A. zunächst den Antisemitismus, vor allem am Beispiel der Dreyfuss-Alfäre, und dann den Imperialismus und die Pan-Bewegungen durch die dem Nationalstaat und den Menschenrechten ein Ende gesetzt wurde. Hier steht England im Mittelpunkt der Betrachtung. Auch die Rassenideoiogie wird in ihrem gesamteuropäischen Ausmass deutlich. Das-3 Kapitel gilt dann den totalitären Bewegungen dem Stalinismus seit 1930 (nicht dem Leninismus) und dem Nationalsozialismus seit 1938. Auch diese Erscheinungen werden nicht isoliert betrachtet, sondern in die Zeit eingeordnet. in der Verbindung von Terror und Ideologie sieht A. ihr Wesen. Weder kann hier über das Buch insgesamt referiert noch zu ihm im einzelnen Stellung genommen werden. Es ist gewiss nicht eine Wissenschaft. vielmehr aus innerer Beteiligung mit einer (fast möchte ich sagen) leidenschaftlichen Sachlichkeit und auch Nüchternheit geschrieben. eine Analyse der Zeit, an der niemand Vorbeigehen kann, der diese Zeit verstehen will, mit der er sich zustimmend oder ablehnend auseinandersetzen muss. Aber auch der, der dies- Buch ablehnt, wird mit Gewinn lesen.