Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1956)
- Date
- 1956-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Septiembre, 1956 ÉOLETIN INFORMATIVO i ERANTWORTUN GRUSS AN DAS JAHR 5717 G Von Rabb. E. I. Loewenstein Fuer die ehrfurchtsgebietenden Tage, die wieder einmal vor uns liegen, mag als Leitmotiv das Wort gelten, das uns an einem der vorangehenden Schabbatot aus dem Buch der Buecher-aus der Toravorgelesen wurde. “Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, Eurem Gotte, Eure Haeupter, Eure Staemme, Eure Aeltesten, alle Maenner Israels, Eure Kinder, Eure Frauen... Unter allen Festen, die von den Voelkern der Welt gefeiert werden, gleicht keines diesen Tagen des Beginns eines neuen juedischen Jahres, in denen ganz Israel in allen seinen Staemmen und in allen seinen Mitgliedern aufgerufen wird, vor Gott zu stehen und sich selbst ueber seinen Weg Rechenschaft abzugeben. Dieser Aufruf wendet sich an jeden Mann und an jede Frau in Israel. Niemand ist berechtigt diese Frage nach unserem Weg, den wir ein jeder von uns gehen, von sich auf den Nebenmenschen abzuwaelzen. Es ist der Jude, der gefnagt wird und der selbst antworten muss. Vergangene Generationen nahmen diese Jamim Noraim sehr ernst. Fuer sie waren es Tage echter Selbstpruefung. Darum konnte Rabbi Akiba einer der grossen Soehne unseres Volkes in grosser Zeitdas herrliche Wort praegen: Gluecklich Du Israel! Vor wem reinigst Du Dich und wer ist es, der Dich reinigt? Dein Vater, der ist im Himmel! “Hermann Cohen, der grosse Philosoph des Judentums unserer Tage, konnte mit Recht sagen, dass “die ganze Philosophie des Monotheismus in diesem Aufschrei Rabbi Akibas enthalten ist”. Nicht der Priester suehnt, nicht die Opfer oder ein bestimmter Tag. Kein Vermittler, kein Halbgott, kein Erloeser ist erforderlich, um dem suchenden Menschen Suehne und Vergebung zu gewaehren. Jeder einzelne und in der Tat jedes einzelne menschliche Wesen ist Gottes Kind und faehig sich ihm zu naehern, ohne Vermittlung, wenn er nur mit demuetigem Herzen Gottes Liebe und Gnade sucht. Rabbi Akiba lebte in der Epoche, als das Christentum sich gerade zu erheben begann und seine neuen Lehren verbreitete, dass der Mensch in seiner Suendhaftigkeit unfaehig ist, ohne einen Vermittler erloest zu werden. Darauf gab er die juedische Antwort, die in diesen angefuehrten . Worten ihren klassischen und nahezu endgueltigen Ausdruck gefunden hat. Aber das juedische Volk begnuegt sich nicht mit den Theorien einer noch so erhabenen Philosophie. Er sucht fuer sie den Ausdruck in der Realitaet eines durch sie geformten Lebens. So hat es das historische Judentum verstanden, diesen Jamim Noraim den Charakter zu verleihen, durch den sie zu einer staendigen Kraftquelle der sich immer wieder erneuernden Bereitschaft zu Verantwortung vor Gott und vor sich selbst geworden sind. Nur wer diese Tage in diesem Geiste begeht und sie nicht nur als Ausdruck einer liebgewordenen Tradition feiert, hat ihren tief humanen und staendig zeitgemaessen Sinn verstanden. Die Welt in der wir leben, leidet an - einer schweren Krankheit man nennt dies Krisis. - Ihr Grunduebel ist der Mangel an Verantwortung. Fuer sie ist die Verantwortung vor sich selbst und Gott keine Verpflichtung, die sich aus ihrer Erziehung durch Religion und Leben ergibt. Sie ist ihrer durch die Vermittleridee enthoben worden, in der sie durch die Jahrhunderte hindurch erzogen worden ist. Und dabei bedarf sie dieser Verantwortung heute mehr denn je, wo schwere Fiebererscheinungen sie erschuettern. Aber auch in unserer Mitte ist der Wille zur Verantwortung vor uns selbst geschwaecht worden. Juedische Menschen gestalten ihr Leben, ohne, dass eine hoehere Kraft sie treibt, vor der sie Rechenschaft ueber ihr Leben abgeben. Sie leben fuer sich und fuer den nahen Umkreis ihrer Interessen. Aber sie spueren nicht, dass die Zeit, in der wir leben erhoehte Verantwortung von uns gebieterisch fordert. Darum fuehlen sie auch nicht, dass das juedische Volk in einer entscheidenden Welt- SWS» mmrnm »3* WM mm **»!*•$ DIE ITALIENISCHE SVNAOUUE Ihr Aron Hakodesch wurde ganz von Italien nach Jerusalem gebracht (Foto; Keren Hajessod Kalender) stunde seiner Geschichte lebt, in der ein jeder von uns, an der Stelle seine Pflicht zu erfuellen hat, an die er durch den Lebenslauf gestellt worden ist. Fruehere Generationen lebten mit ungeheueren Kraftreserven, die sich aus der Geschlossenheit eines juediscnen Lebens ergaben. Sie lebten nicht nur im Reich der Tradition mit seinem Ernst und seiner Freude, sondern sie dachten auch in den Begriffen juedischer Geistigkeit. Beides ist uns verloren gegangen. Mit dieser geschwaechten juedischen Substanz sind wir an den Neuaufbau unserer Gemeinden auf diesem Kontinent herangegangen. Es ist uns gelungen, weil unsere Menschen uns dabei geholfen haben, unsere Synagogen und Institutionen wieder aufzubauen. Aber der entscheidende Faktor fehlt. Es ist so unendlich schwer, in diese Mauern nunmehr auch Leben, die Waerme juedischer Kultur hineinzubringen. Die materielle Hilfsbereitschaft unseres Volkes ist auch heute noch bewunderungswuerdig und beispielgebend unter den Voelkern der Erde. Aber es frage sich ein jeder, ob das allein genuegt? Ob wir damit die geistige Substanz Israels in kommenden Gener ationen hineinretten koennen? Ob wir nicht alle gemeinsam auch dafuer die Verantwortung tragen? Unsere Gemeinden suchen die Mitarbeit aller derer, die zu ihnen gehoeren. Und in diesen Tagen des Neubeginns eines juedischen Jahres, darf ein jeder sich fragen: Was habe ich zum geistigen Fortbestand meiner Gemeinde und damit des juedischen Volkes beigetragen? Womit habe ich geholfen, juedisches Leben - nicht nur mit meiner materiellen Kraft-zu bewahren und zu beleben? Habe ich gezeigt, dass ich mir bewusst bin, dass auch ich an der Gesamtverantwortung fuer Israels Zukunft teilhabe? Welches war mein Beitrag auf religiösem, kulturellem und sozialem Gebiet? Diese Frage gilt es, sich in aller Ernsthaftigkeit zu stellen und daraus auch die Konsequenzen zu ziehen. Denn wir sind alle aufgerufen. Und nur alle zusammen, werden wir unsere jungen juedischen Gemeinden auf diesem Kontinent zu Instrumenten juedischer Kraft auch fuer die Zukunft werden lassen koennen. Vielleicht finden sich Menschen, die bereit sind, die Jamim Noraim des Jahres 5717 mit erneuertem Willen zur Verantwortung zu begehen. Sie bezeugen die staendig in uns wohnende Kraft zur Erneuerung. Wir treten in ein neues Jahr ein, von dem wir wissen, dass es noch immer nicht leicht sein wird fuer unser Volk. Und jene, die seine Geschicke lenken, jene, die unseren Staat Israel und unsere Gemeinden in der Welt und auf diesem Kontinent insbesondere leiten, wissen, dass sie vor schweren Aufgaben stehen. Aber sie werden leichter zu erfuellen sein, wenn das juedische Volk sich seiner Verantwortung in diesem historischen Augenblick der Geschichte unseres Volkes bewusst ist. Wenn alle bereit sind gemeinsam den Weg in die Zukunft zu bahnen. Im Zeichen dieser Hoffnung gruessen wir das Jahr 5717 und hoffen, dass es ein Sch’nat B’racha ug’ula-ein Jahr des Segens und der Erloesung fuer Israel und die Voelker der Welt sei. DIE ECHTE JERUSALEM-BIBEL In einer überaus stürmischen Dezembernacht zu Ende des Jahres 1955 sassen im Senats - Saal der Hebräischen Universität in Jerusalem eine Handvoll jüdischer Gelehrter: Alttestamentler, Hebraisten, Historiker, Philologen, Semitisten zusammen und debattierten mit Ernst und Heftigkeit eine Idee, welche weittragende Folgen haben kann. Der illustren Versammlung des judaistischen Instituts der Hebräischen Universitaet praesidierte der Dekan Professor Gerschom Schalom (Scholem), der berühmte Kabbala-Forscher. Am Vortragspulte aber stand ein noch sehr junger Gelehrter, Dr. Mosche Gottstein, der sich durch seine Peschitta- Forschungen bereits einen Namen gemacht hat, und entwickelte seinen Plan, den die Versammlung bald zu dem ihrigen machte. “Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Edition der Bibel” lautete das Thema, mit welchem das judaistische Institut seine diesjährigen monatlichen Zusammenkünfte eröffnete. Der Laie stutzte: Prolegomena? — Vorbemerkungen zu etwas, was es längst gibt? die ‘Biblia Hebraica’ in der weltberühmten Edition von Rud. Kittel, neu bearbeitet von P. Kahle unter Mitarbeit von A. Alt und O. Eissfeldt, ist ja 1949 wiederum neu in Stuttgart in der dortigen privilegierten Bibelanstalt in mustergültiger Ausgabe erschienen und wurde im Jahre 1951 noch durch Varianten zu Jesaja und Habakuk gemäss den (ersten) Rollenfunden vom Toten Meere ergänzt. Diese Standard-Ausgabe ist in der Hand jedes Bibelforschers. Daneben gibt es die beiden berühmten klassischen Ausgaben des Engländers Benjamin Kennicoft (1776— 10), die 600 hebräische Manuskripte des Alten Testaments, 52 frühe Drucke und Von Schalom Ben-Chorin 16 samaritanische Kodizes mit einander verglich und den von der Hoogtischen Text zugrunde legte. Vier Jahre nach Abschluss dieses Riesenwerkes gab der Italiener Giovanni Bernardo de Rossi zwischen 1784 und 1788 seine “Variae Lectiones Vetus “Testamenti” heraus, seine verschiedenen Lesarten des Tenach also welche Kennicott noch ergänzten. Von Oxford über Parma nach Stuttgart führt also der Weg: von Kennicott über de Rossi zu Kittel und Kahle. Aber, so fragt man sich hier bei uns: geht nicht die Thora von Zion und das Wort Gottes von Jerusalem aus? Ist es daher ein haltbarer und würdiger Zustand, dass wir immer noch Oxford, Parma oder — heute! — nach Stuttgart uns wenden müssen, wenn wir einen wissenschaftlich genauen Bibeltext suchen? Die Frage stellen, heisst sie verneinen. Daher also die Prolegomena, die Vorbemerkung zu einer geplanten neuen Edition . GI ET ES NICHT SCHON EINE JERUSALEM- BIBEL? Diese Frage stellt nur der Laie. Die Fachleute übergehen das, was (leider unter der Aegide der Hebräischen Universität) unter diesem Namen segelt, und seiner nicht würdig ist. Es handelt sich bei dem rasch populär gewordenen “Tenqch-Jeruschalajim” ja nur um e'ine photographische Wiedergabe der bekannten Gmsburg-Bibel der Britischen Bibelgesellschaft (gedruckt zu Berlin), die mit den Verbesserungen des verewigten Professors Cassuto versehen wurde, welche dieser an Hand der Ben-Ascher - Handschrift von Aleppo vorgenommen hat, eines hochwichtigen Kodex, der gerade der Kittel-Kahle-Bibel fehlt, welche den Leningrader Kodex zur Grundlage gewählt hat. Für die geplante, grosse wissenschaftliche Ausgabe könnte aber der Cassuto-Text als Grundlage dienen und an ihm könnte nun die kritische Arbeit beginnen: eine Arbeit, die Jahrzehnte in Anspruch nehmen muss. Das ewige Buchl kann und darf nicht in Eile editiert werden. SACHLICHE VORAUS¬ SETZUNGEN Zu dem gefühlsmässigen Moment, das uns sagt, dass wir unser Heiligstes nicht nur aus der Hand von Nichtjuden empfangen wollen und nicht nur in Drucken vor uns haben möchten, die fern von Jerusalem-entstanden sind, kommen aber noch eine Reihe sachlicher Momente hinzu Es gibt heute bereits, nachdem das judaistische Institut seit über 30 Jahren besteht (es begann seine Arbeiten noch vor Gründung der Gesamtuniversität in Jerusalem), so etwas wie eine “Jerusalemer Schule”. Sie ist zunächst durch ein Necativum gekennzeichnet: sie lehnt die klassische Bibelkritik der Quellenscheidungs- IMethode ab. wie sie durch den Namen Wellhausen gekennzeichnet wird. Sie lehnt nicht Kritik aus dogmatischen Grün- "den ab. aber diese Form der mechanischen Zerlegung des Textes wird in Jerusalem von Ruber bis Tur-Sinai, von Kaufmann bis Seeligmann abgelehnt. P;ezu treten bedeutende Fortschritte in der Peschitta- Forsehung' (Syrische Bibelübersetzung), Auswertung der Roüenfunde vom Toten Meere durch Professor Sukenik s. A. im.-i seinen-Sohn Dr. Jigael Jar!in ünd viele andere Forscher Jerusalems, sowie gewaltige Entwicklungen in der hebräischen Philologie und Linguistik. (Fortsetzung Seite 30) «