Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 4 (Abril, 1956)
- Date
- 1956-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 BOLETIN INFORMATIVO Abril, 1956 Zynismus schreibt sich mit -tz-. -Eine notwendige Abrechnungvon Hans Kaufmann Mit den Elaboraten des “Condor”, Organ des “Deutsch- Chilenischen Bundes’’, haben wir uns an dieser Stelle nur ebenso selten wie ungern befasst. Schon allein die Tatsache, dass der gleiche verantwortliche Schriftleiter, der zu Zeiten des Tausendjaehrigen Reichs das giftigste antisemitische, antidemokratische und antialliierte Gebraeu destillierte, dem Blatt auch weiterhin in alter Frische vorsteht, eruebrigt eingehendere Kommentare. Wenn wir trotzdem diese selbstauferlegte Zurueckhaltung ab und zu verlassen, so geschieht dies hauptsaechlich wie heute, um nicht zu vergessen, dass unter dem Schafspelz einer unaufrichtigen demokratischen Phraseologie nach wie vor der nazistische Werwolf die Zaehne fletscht. In der Ausgabe vom 18. Februar qs. js. neiert der mit -tzzeicnnende staendige Leitartikler wieder einmal solch ein Musteroeispiel zynischer Unaufrichtigkeit. Unter dem Titel "Schlaiendes Weltgewissen“ befasst er sich mit aem Fall aer lNeger-oiu^entin Autherine Lucy, aie bekanntlich aufgrund ihier Zugehoerigheit zur scuwarzen Kasse vom Besuch aer Universitaet Aiaoama ausgeschlossen wurae. Nach einer oberflaechlichen Betrachtung der Situation der Neger in den Vereinigten Staaten im allgemeinen, stellt Herr -tz-, fest, dass die Bedingungen der Absonderung je nach den einzelnen Bundesstaaten verschieden sei. Se.ne Ablehnung jeglichen Rassenvorurteils nimmt er beilaeufig schon damit vorweg, dass er das Wort “Weisse” in Anführungszeichen setzt. Dass in der gle.chen Ausgabe des “Condor“ ein geistig gleichgeschalteter Kunde seinen neuen Bungalow an kleine arische Familie fuer $ 25.C00.- monatlich zu vermieten sucht, darf man zwar nicht auf das Konto des Herrn -tzbuchen, doch ist es bemerkenswert, dass die Schriftleitung es bei dem Begriff “arisch” es noch nicht —oder nicht mehr— fuer noetig haeit, ihn auch in Anführungszeichen einzurahmen. Doch dies nur ganz am Rande notiert, denn was den Leitartikler anbetrifft, so verabscheut er foermiich jegliches Rassenvorurteil, stellt er doch wcertlich fest: “...es gibt keine hoeher oder niedriger zu bewertende Rassen.” Gerade sogenannte mindere Rassen —jawohl, die “minderen” Rassen sind es fuer ihn nur sogenannterweise— “haben vielfach ueberragende Persönlichkeiten hervorgebracht”. Worauf es ankomme, sei das Individuum und er erinnert sich sogar, um diese erstaunliche Hypothese zu erhaerten, des Ausspruchs einer solch unbestrittenen philosophischen Autoritaet, wie dies —der Leser, der auf ein Wort Kants oder Schopenhauers wartet, moege verze hen— der Generalfeldmarschall Rommel war, der das humanitaere Wort geiraegt haben roll, man duerfe einen Menschen nicht nur nach seinen soldatischen Qualitaeten beurteilen. Seine nunmehr unleugbare Schwaeche fuer rvei-hheit und Bruederlichkeit draengt ihn schliesslich dazu, sich darueber aufzuhalten, dass die “Aktionen gegen Neger”, die “eine offensichtliche Diskriminierung e;ner Rasse“ darstellen, ke’nerlei Proteste im Airlande ausveloest haetten. Das WeHerewissen schlafe den Schlaf der. Gerechten, ste’lt. Herr -tzfest. seiner Meinune nach einzig und alle’n, weil der Westen ja “Kostgaenger” des reichen Landes sei, das solches Unrecht begent. Dev springende Punitt Und damit gelangt er zum Schluss seiner Befrachtungen, glexnzeitig aber auch zu uexem eigentlichen Zweck. Er spricht naemiich nicht von irgendeinem metaphysischen Weitgewi.sen, souuein von dem gie.chen, das sich “unter Anfuenrung des Herrn Roosevelt so schrecklich aufregte, als in Deutschland unter wesentlich geriiL«euer Anteilnahme der Bevoeikerung der Ras.enhass geschuert wurde”. Die Propor- , tion zwischen oen Vcrfaehen in Alabama und den “wesent.ich geringeren” in des Braunauers Grossdeutschem Re.ch definiert er insofern, als er leststellt, dass Amerika “den Splitter im Auge eines anderen Staates wohl sah, nicht aber den Balken im eigenen“. Und mit einer Sentenz ueber “die scheinheilige Entruestung, mit der Herr Roosevelt gegen Deutschland das Kriegsbeil schwang”, schliesst Herr -tzsein br.llantes Plaedoyer, das er wohl nur aufgrund uebergro ser Bescheidenheit nicht mit “Weltgewissen, erwache!” betitelt hatte. Bevor wir uns mit der scheinheiligen Entruestung des Herrn -tzueber ein Unrecht, das er bisher stets gutgeheissen und propagiert hat, befassen, lohnt es sich vielleicht, einige Worte ueber das .Weltgewissen zu sagen. Wie jedes persoenliche Gewissen, so ist auch das kollektive der Menschheit in seinem tat:aechachen Gewicht und Einfluss auf Geschehnisse schwer zu definieren. Es aeussert sich hauptsaechl.ch in der freien Presse —im Dritten Reich geknebelt—, dem Rundfunk —daselbst kurzgeschlossen—, Versammlungen ¡.-dort nur hoechst “spontan” organisiert— und den Aeusserungen repraesentativer Staatsmaenner, Intellektueller und Politiker —im versunkenen Parad.es des Herrn -tzallesamt verfolgt, eingesperrt und verjagt—. Nun gut, dieser imoonderabile Faktor “oeffentliche Meinung” war im Fall Autherine Lucy irgendwie zugegen: tatsaechlich nicht so maechtlg, wie wir aufrichtige Demokraten dies wuenschen duerfen, keinesfalls so wenig, wie ein Unverbesserlicher es als Vertreter einer “sogenannten” hoeheren Rasse behauptet und zuguterletzt nicht mehr und nicht weniger, als es in diesen Zeiten bitteren menschlichen, nationalen, sozialen und rassischen Unrechts bei den tausend und einen grossen und kleinen Ungerechtigkeiten der Fall ist, die wir taeglich erleben. So hat, um nur das Naheliegendste zu nennen, die bedeutendste chilenische t7,eitung, “El Mercurio“, der man wahrhaftig keine anti-nordamerikanische Haltung vorwerfen kann, auf ihrer Leitartikelseite die Vorfaelle von Alabama mis billigt. Der “Aufbau”, von New York hat dagegen Stellung genommen und eine ermutigende Anzahl von Aeusserungen zitiert, die im gleichen Sinne lauten. Die Universitaet von Daenemark, dem gleichen Daenemark, dessen Koenig und Volk seine juedische Bevoelkerung dem Zugriff von Hitlers Schergen entzog, hat der jungen Negerstu dentin ein Stipendium angeboten. Kurz und gut: die Reaktion mag unbefriedigend sein —unbefriedigend fuer uns, nicht fuer Herrn -tz-. fuer den sie, Scheinheiligkeit beiseite, je unbefriedigender, desto befriedigender iri—, aber sie geht von den gleichen aufrechten Demokraten aus, die sich Immer und immer wieder dem Unrecht wiedersetzt haben, auch dem nazistischen. Und das sind leider nicht allzu viele. Splitter und Balken Worueber ist der wackere Schre.ber nun also tatsaecnlich entruestet? Er hat es uns mitgeteilt: Amerika hat den Splitter im Auge eines anderen Staates wohl gesehen, nicht aber den Balken im eigenen! Diese Behauptung ist so ungeheuerl.ch, dass sie verdient, einer etwas naeheren Analyse unterzogen zu werden. Worin besteht der Balken? Das Oberste Gericht der U. S. A. hat in historischer Jurisprudenz vor ueoer einem Jahr das uralte und Unrechte “Rechts” — Prinzip von der Segregation der Rassen aufgehoben. Es interpretierte dabei die Gesinnung der Regierung Eisenhower, der ueberwaeltigenden Mehrheit der Volksmeinung, der gesamten Arbeiterschaft und aller wirklich repraesentativen Kreise der Union. Die Durchfuehrung dieser Jurisprudenz stösst auf Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten gehen von den gleichen bornierten und reaktionaeren Provinzlern einiger gottverlassener Suedstaaten aus, die bereits ein mal einen Bürgerkrieg fuehrten, um die Sklaverei der Neger beizubehalten. Diesen Buergerkrieg verloren sie. (Haette er in Preussen stattgefunden, so haetten sie ihn hoechstwahrscheinlich gewonnen). Man muss ihnen allerdings zugestehen, dass sie sich immer aufrichtig zu jeder Unrechten Sache bekannten. Sie waren gegen den Praesidenten Wilson und halfen, den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Voelkerbund zu verhindern. Sie waren gegen den pi-aesidenten Roosevelt und bekaempften nicht nur den “New Deal“, sondern auch seine anti-nazistische Aussenpolitik. Ihr Ku-Klux-Klan bekannte sich sogar zu Hitler. Zweifellos gefiel auch dem Braunauer Anstreicher der Ku- Klux-Klan. Ein Gebot elementarer Loyalitaet haette Herrn -tzdazu verpflichten sollen, sie jetzt nicht zu verlassen. Wo allerdings ein Intellekt, das U. S. A., Roosevelt und Ku-Klux-Klan in einen Topf wirft, obwa.tet, da noert .i - de Verpflichtung zur Loyalitaet auf. Der Balken besteht also im Widerstand dieser Hinterwaeldler gegen die Entwicklüng. Gegen eine unaufhaltsame Entwicklung. So unaufhaltsam, dass Adlai Stevenson kuerzlich sagte, es lohne sich nicht einen zweiten Buergerkrieg zu fuehren, da die reale, nicht die papierne, Emanzipation der Neger in spaetestens zehn Jahren eine hundertprozentige Tatsache sei. Das Symbol dieses Balkens heisst im Moment Autherine Lucy. Es ict ein mutiges uiid ermutigendes Symbol und es wird fotografiert und interviewt und ermuntert von der oeffentl.chen Meinung, soweit diese nicht von einer hoffnungslosen Minderheit fabriziert wird. Und worin besteht der Splitter? Die Analogie muss uns zur Annahme bewegen, dass Herr -tzsich auf den “numerus clausus” bezieht. Hier wird e n junges Mandel, das studieren will, in einer Universitaet noch daran gehindert. Dort wurden tausende von jungen Menschen, die bereits studierten, “fuer alle Zeiten” von allen Universitaeten ausgeschlossen. Da er sich aber ganz allgemein auf “Aktionen gegen Neger” bezieht und sie mit dem Rassenhass vergleicht, der ln Deutschland “unter wesentlich geringerer Anteilnahme” der Bevoelkerung geschuert wurde, so bleibt nur uebrig, sich zu fragen: Erdreistet er sich wirklich, die Hindernisse auf dem Weg zur Emanzipation der Neger mit der organisierten Entrechtung der Juden in Deutschland zu vergleichen? Und die Ueberbleibsel der Lynch-“Justiz”, der, immer wieder einzelne be-1 dauernswerte Menschen zum Opfer fallen, mit dem bestialischsten Millionen-Massenmord der Weltgeschichte? Oder die Kritik der freien Presse eines grossen Volkes, mit dem braunen Beifalls- Geschmiere der gleichgeschalteten Goebbels-Meute? Die entmutigende Antwort lautet: Er vergleicht nicht nur, er folgert nicht nur absurderweise : Splitter und Balken, nein, er kommt zu dem monstruoesen Schluss: Balken und Splitter! Die Kriegs- Unschuld Luege Es waere naiv, sich mit der scheinheiligen —dies von ihm zitierte Wort steht ihm praech tig— Entruestung des Herrn —tz— zu befassen. Ob das Weltgewissen schlaeft, was schert es ihn? Was hat es ihn je gekuemmert? Ob es nicht schlaeft und er nur behauptet, es schlafe, was tut es zur Sache? Wie wohl wars ihm (am Abend), als es schlief, waehrend seine Spiessgesellen EuroDas Juden und freie Voelker ans Hakenkreuz geschlagen! Und Roosevelt, wie Churchill, de Gaulle, Eisenhower oder auch Thomas Mann—; er spottete ihrer, als es noch nicht erwacht war, er hasste sie und wird sie immer hassen, weil sie es zu erwekken verstanden. Und nicht minder naiv, ihm vorzuhalten, dass er der moralischen Autoritaet entbehrt, dem Weltgewissen Vorhaltungen zu machen. Nicht nur, weil es jemandem, der mit solcher Wollust Muell ins eigene Haus geschleppt hat, schlecht ansteht, vor des Nachbarn Tuer Staub zu kehren. Denn es kann uns darauf garnicht ankommen, so wie es ihm garnicht darauf ankommt. Worauf es ihm wirklich an- Kommt, das sind zwei Dinge. Erstens die nachtraegliche Rechtfertigung der Verbrechen seiner Kumpanen, im zackigen Stil des “haust du deine Neger, haut’ ich meine Juden”. Zweitens, die Minimalisierung des Ausmasses der nazistischen Verbrechen., Die “wesentlich geringere Anteilnahme” und die Balken und Splitter sind nur eine neue und toelpelhafte Version der Kriegs-Unschuld Luege, die Deutschen haben gar koine 6 Millionen Juden vergast und umgebracht, sondern “hoechstens” ein paar Millionen. Und diese Luege gehoert 7u den wesentlichen fundamentalen Glaubenssaetzen der immer noch aktiven Nazintern, als deren Agent Herr —tz— in Chile nur sp dreist auftreten kann, weil er mit Recht oder Unrecht annimmt, das Weltgewissen schlafe den Schlaf der Gerechten. Zweimal woechentlich traeufelt er das Gift dieser Bagatellisierungs - Kampagne m das Mass der Geduld —oder der Ignoranz? oder der nazistischen Gesinnung?— seiner Leser. Zweimal woechentlich schreibt er Kriegsverbrecher in Anfuehrungszeichen. Ebenso oft verbindet er den Begriff Nuernberg mit Wahnsinn; nicht ob der Parteitage des Untermenschentums, sondern um des Gerichts willen, das in einer lichten Stunde der Menschheit dort darueber abgehalten wurde. Eine Dankenswerte Aufgabe Eigentlich ist das Mass schon seit Jahr und Tag uebervoll. Aus vielen Gruenden haetten wir weiter, wie bisher, geschwiegen, wuerden wir diese letzte Entgleisung nicht als offene Provokation empfinden. Das wird wohl ein Jeder verstehen. Was jedoch nur schwer zu verstehen sein .mag, ist die Passivitaet der Botschaft der Deutschen Bundesrepublik in Chile. Es darf gar keinem Zweifel unterliegen, dass “Condor” nicht im Geiste der Regierung von Bonn und deren hiesiger Vertretung handelt. Der geringe Kontakt, den viele unserer Menschen zur Erledigung von Pass- oder Wiedergutmachungsfragen mit ihr unterhalten, hat genuegt, um uns von deren aeusserst korrekter Haltung zu ueberzeugen. Auf dem Bonner Konsulat und Botschaft in Santiago wird jedermann mit Anstand und Zuvorkommenheit empfangen; der preussische Beamtenduenkel von frueher ist dort nicht vorhanden. (Fortsetzung Seite 18)