Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVII (1955)
- Issue
- 7 (Julio, 1955)
- Date
- 1955-07-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 BOLETIN INFORMATIVO Julio, 1985 Dfs erschütternde Tragödie. FORTSETZUNG VON SEITE 1 Frau Julie Naschauer haben sich nie sehr gut verstanden. Jedoch waere es falsch, die Schuld dem einen oder anderen Teil zuzuschreiben. Es ist faktisch so, dass sie beide vom Anfang der Ehe an in keiner Weise zu einander gepasst haben. Sie war lebenslustig, fast frivol. Sie wollte das Leben geniessen und stand Herzls grosser Mission skeptisch gegenüber, zumal jeder vernuenftige Mensch sehen konnte, dass es ein unerreichbarer Traum war. Sie dachte nur an das “Heute” des Lebens und weigerte sich energisch, sich mit irgendetwas Kuenftigern zu befassen. Sie verliebte sich in Herzl eben wegen dieses verlockenden “Heute”. Der gut aussehende, junge Mann mit dem schwarzen assyrischen Bart und den feurigen, vertraeumten, Augen wurde von manchem jungen Maedchen in Wien angeschwaermt. Er war ein auf. gehender Stern des oesterreichischen Theaters und der Zeitungswelt, und ihm standen die Tueren beinahe zur ganzen Aristokratie offen Das Leben mit einem solchen Mann musste wunderbar sein Herzl dagegen war von Natur aus ein Idealist. Sogar waehrend der Jahre, als er in Wiener literarischen Kreisen erfolgreich war, fuehlte er ei ne innere Rastlosigkeit in sich, welche schliesslich in seiner Vision des juedischen Staates gipfelte. Er war durchaus bereit, den voruebergehenden Erfolg fuer eine gute Sache zu opfern. Herzl heiratete Julie im Jahre 1889, und es scheint, dass die ersten Jahre ihrer Ehe harmonisch verliefen Die drei Kinder, welche kurz hintereinander geboren wurden, halfen die Entfremdung zwischen den Eltern zu ueberbruecken. Herzl war ein sehr guter Vater; einige seiner besten Feuilletons handelten von seinen Kindern. Aber als der Zionismus in sein Leben trat, verschlechterte sich die Beziehung zu seiner Frau, und es kam fast zu einem offenen Bruch zwischen ihnen. Es wurde oft behauptet, dass Julie eine grosse Gegnerin des Zionismus und gegen alles gewesen waere, was damit zusammenhing. Das ist vielleicht etwas uiv gerecht gegen sie. Praktisch war es so, dass sie gegen jede Idee feindlich eingestellt war, die "nicht schicklich” war. Dazu kam, dass Herzl sich nach der Publikation des “Der Judenstaat” (1895) in die Politik stuerzte und nur sehr wenig Zeit fuer Julie hatte. Er war oft auf langen Reisen nach verschiedenen Hauptstaedten Europas. Diese Zionisten, beschwerte sie sich oft, rauben mir meinen Mann. Ausserdem war sie eifersuechtig auf die Frauen, welche er auf den verschiedenen Konferenzen traf. Sie hatte kein Verlangen, den zionistischen, Kongressen beizuwohnen, und dadurch, dass sie sich der zionistischen Sache femhielt, lud sie letzten Endes die Last der Einsamkeit auf sich. Sie war nervoes und sensibel, ihre fruehere Froehlichkeit machte einer steigenden Hysterie Platz. Julie konnte sich ausserdem nicht mit ihrer Schwiegermutter vertragen. Die Antipathie war beiderseitig und durch den grossen Unterschied der Temperamente hervorgerufen. Herzls Mutter war imposant, starrkoepflg und herrschsuechtlg, Julie war uebersensibel, sie war uebermaessig verwoehnt und neigte spaeter zur Hysterie. Sie stiessen bei vielen Gelegenheiten aneinander, und Herzl wurde zwischen den beiden hin- und hergerissen. Er nahm jedoch fast immer die Partei seiner Mutter, die er verehrte. Er unternahm nichts von Bedeutung, ohne sie um Rat befragt zu haben, und wenn er von Zusammenkuenften mit grossen Per. soenlichkeiten zurueckkehrte, war sein erster Weg zu seinen Eltern; Julie kam in zweiter Linie und dies erschuetterte ihr Sicherheitsgefuehl. Sie hatte das Gefuehl, dass ihr Mann jemand anderem gehoerte. Dazu kamen finanzielle Fragen, obwohl es zweifelhaft ist, ob Julie ueber Ihre pekunlaere Lage vor Herzls Tod orientiert war. Bekanntlich erhielt er ein Gehalt von der Freien Neuen/Presse, jedoch duerfte dies kaum fuer die Ausgaben der zionistischen Bewegung gereicht haben. Herzl nahm die Mitgift seiner Frau (Naschauers waren sehr reich) in Anspruch, um die zionistische Arbeit fortzufuehren, was sich spaeter sehr zum Nachteil fuer das Wohlergehen seiner Kinder auswirkte. Er unterhielt das zionistische Organ “Die Welt”, dessen Chefredakteur Julies Bruder Paul war. Paul duerfte ueber Herzls finanzielle Angelegenheiten Bescheid gewusst haben, aber er starb sehr frueh (1900), und wurde von den Naschauers als das erste Opfer des Zionismus betrachtet. Herzls Vater Jakob unterstuezte ihn bis zu seinem Tode im Jahre 1902 staendig. Niemals vergass Herzl, dass es sein Vater war, der die letzten Skizzen des “Judenstaates” kopiert hatte, und dass der alte Mann immer an die Ideen seines Sohnes geglaubt hatte. Dies war auch ein Grund, warum Julie mit Herzl zusammenstiess; sie hatte es satt, immer das Lob seiner Eltern zu hoeren. DAS TESTAMENT Julies Schicksal wurde mit Herzls Tod besiegelt. Sie war hilflos und einsam, und hatte nicht mehr die innere Kraft, um ihre Rechte zu kaempfen. Ihr Gesundheitszustand liess zu wuenschen uebrig, und der letzte Rest ihres Selbstvertrauens war dahin. Die Trauer, welche das ganze Judentum erfasste, bedeutete ihr nichts; ihr persoenlicher Verlust war unwiederbringlich, und kein Zuspruch konnte sie troesten. Herzls letztes Testament war der letzte Schlag, der sie traf. Er war in der Tat ein seltsames Vermaechtnis, was seine Frau betraf, und es ist kaum erklaerlich. Julie wurde fast gaenzlich uebergangen, als ob sie Herzl nichts bedeutet haette. Anscheinend betrachtete er sie als ungeeignet, seine Kinder zu erziehen, denn er bestimmte Vormuender und entzog sie ihrer Aufsicht. Die aeiteste Tochter, Pauline sollte bei Herzls naechstem Freund, dem Industriellen Johann Kremej netzky erzogen werden; Hans sollte nach England geschickt! werden und unter der Vormundschaft eines anderen guten Freundes, dem englischen Zionisten Joe Cowen, aufwachsen; und die juengste Tochter Trude wurde zu den Wolffsohns nach Koeln geschickt. Die Erbitterung Julies war gross. Sie beschuldigte die Zionisten, ihr den Gatten entfremdet, sie arm gemacht und ihr die Kinder weggenommen zu haben. Sie verlor jedes interesse am Leben und ueberlebte Herzl nur um zwei Jahre. Sie starb 1907 im Alter von 38 Jahren. Waehrend dieser zwei Jahre sah sie ihre Schwiegermutter sehr wenig, welche sich auch nicht ueber den Verlust ihres “Prinzen” hinwegsetzen konnte, obwohl sie sich nach aussen hin nichts anmerken liess. Sie starb im Jahre 1911. Jedoch war damit die Herzl-Tragoe. die noch nicht zu Ende. Erst jetzt beginnt die Leidensodyssee der drei Kinder Herzls. DER SOHN Hans, der “Kronprinz” des Zionismus, wurde gegen Ende des Jahres 1905 nach England gebracht. Er fand es ein seltsames Land und) obwohl er den groessten Teil seiner Jahre dort verbrachte, konnte er sich nie richtig akklimatisieren. Seine Persoenlichkeit konnte sich nicht in die englische Lebensweise einordnen. Es war ein sehr faehiger Schueler, sehr genau und fleissig, und zeigte besondere Begabung fuer Sprachen; aber gesellschaftlich war er sehr ungewandt. Bis zu seiner Promotion in Cambridge hatte es ihm niemals an Geld gefehlt. Wolffsohn sorgte schon dafuer, indem er den “Herzl-Kinder- Fonds” ins Leben rief. Aber Geld konnte nicht die seelii sehen Probleme von Hans Ioesen. Er war ausserordentlich sensibel und litt an ein e m Minderwertlgkeitsgefuehl, ueber dem der Schatten seines Vaters lag. Er wusste, dass er niemals an seinen beruebmten Vater heranreichen wuerde; daher glaubte er, dass alles Gute, das ihm von anderen Leuten erwiesen ] wurde, nicht ihm selbst galt,! sondern seines Vaters wegen ' geschah. Er war stolz auf eine schuechterne Art und wollte keine Gefaelligkeit. die nicht ihm galt. Alle, die Hans kannten, konnten seine Guete und seinen Takt bezeugen. Er war auf seine Weise charmant; aber wegen seines eigenartigen Wesens und seines Asketismus betrachtete man ihn als einen Schwaechling, Die meisten Leute meiden solche Aussenseiter, und langsam schlossen sich die Tueren vor ihm, sogar in'den Bueros der Londoner Zionistischen Organisation war er kein gern gesehener Gast mehr. In den Jahren, die dem ersten Weltkrieg folgten, sehnte sich Hans nach einer zaertlichen Hand, die ihn fuehren sollte. Er war arm, fast ohne einen Penny, eine Art besserer Vagabund, der seinen Platz in dieser Welt nicht finden konnte. Er wohnte in einer dunklen, aermlichen Dachkammer, in einem der Armenviertel Londons; fuer diese Wohnung arbeitete er als Hausbesorger, er hatte oefter nicht* zu essen. Ein gejagter Hamlet, aber ohne dessen Wuensche nach Rache. Hans Weichheit und Unsicherheit liess ihn seine Rettung erst in der Psychatrie und spaeter ln rellgioesen Experimenten suchen. Es verlangte ihn nach einer Auto. ritaet, die die Fuehrung in seiner verwirrten persoenlichen Welt uebernehmen sollte. Er verwandte eine Menge Geld, das er sich irgendwie zusammenkratzte, fuer Besuche bei Professor Freud und Jung, und er studierte die neuestenr Entdeckungen der Psychatrie. Als es sich jedoch herausstellte, dass Jung und Freud ihm nicht helfen konnten, stuerzte er sich in religioese Studien, und verlor sich bald gaenzlich in der Welt des Mystizismus. In seiner Kindheit war ihm so gut wie nichts vom Judentum erklaert worden, denn Theodor Herzl selbst war nicht sehr tief in der Juedischen Religion-verwurzelt ge. wesen. Hans kam zu der Ansicht, dass Zionismus und Judentum zwei voellig verschiedene Dinge seien, Indem er argumentierte, dass ‘“man ein zionistischer Nationalist und zur selben Zeit ein Katholik sein” koennte. In kurzer Zeit gehoerte' er hintereinander folgenden Religionen an; der methodistlschen, der katholischen und der anglikanischen. Jedoch keine dieser Religionen gab ihm den Glauben, den er suchte. Nach der ersten seiner “Bekehrungen” •verlor er die wenigen Sympathien, die einige Juden noch aus frueherer Zeit fuer ihn heeter-. Er war einsamer als je zuvor. Er fuehlte aber, dass er noch eine Pflicht zu erfuellen habe. Sein eigenes Leben hatte zwar seinen Sinn verloren, aber er glaubte, dass er etwas fuer seine aeltere Schwester tun koennte, denn ploetzllch fuehlte er sich verantwortlich fuer sie. Wie schwach er auch immer sein mochte, Pauline war noch hilfsloser. PAULINE Pauline war, um es vorsichtig auszudruecken, u n b estaendig. Sie war leichtsinnig, nahm es mit der Moral nicht immer sehr genau und war darauf bedacht, so viel Genuss wie moeglich aus dem Leben herauszuholen. Als sie noch unter der Vormundschaft der Kremenetzkys stand, war sie schon schwer zu lenken. Sie erkannte keine vndere Autoritaet als ihre eigene an; war sie nicht letzten Endes Herzls Tochter? Gleichzeitig hasste sie die Zionisten und wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Ihre Heirat mit einem Wiener Ingenieur, einem gewissen Joseph Hift, war ein voelliger Misserfolg. Sie war-unfaehig, das geordnete Leben einer verheirateten Frau zu fuehren. Der niedere Standard franzoesischer Romane inspirierte, sie. Ihre Handschrift war ausserordentlich kindisch lange nachdem sie erwachsen war. Geld hatte keinen Wert fuer sie. In dieser Hinsicht , unterschied sie sich auch von i Hans, der ueber alles Buch fuehrte. Sie liess sich von ihrem Mann zwei Jahre vor dem ersten Weltkrieg scheiden und lebte ein schimpfliches Lebens bis zu ihrem Ende. Hans Ermahnungen und j Versuche, sie zu bessern, wa-! ren vergebens. Ihr Leben war in einer hoechst tragischen W e is e verpfuscht. Ihr letztes Krankenlager war in Bordeaux: Hans eilte von London an ihr Krankenbett, aber er konnte ihr nicht mehr helfen. Sie: starb im September 1930. Hans verzehrte sich in Vorwuerfen; er gab sich die indirekte Schuld an ihrem Tod,, indem er glaubte, dass seine Bemuehungen um sie unzureichend gewesen waeren. Er hatte keine Pflichten mehr zu erfuellen und kam zu dem Entschluss, dass er nicht mehr laenger leben koenne.. Er erschoss sich ln seinem Hotelzimmer. Er war noch nicht vierzig Jahre alt. Pauline war ein Jahr aelter, Beide liegen in Bordeaux, im Sueden Frankreichs begraben. Sie sind fast vergessen, und ihre Graeber sind ungepflegt. DER TRAGISCHE KREIS Trude, Herzls juengere Tochter, lebte bis 1943, aber auch ihr Leben war tragisch. Sie war nicht so agressiv wie Pauline. Oberflaechlich gesehen, aehnelte sie ihrem Vater in verschiedenen Eigenschaften, sie war gruendlich und sentimental. Jedoch litt sie oefters an Melancholie,. manchmal so sehr, dass man sie fuer einige Zeit in eine Nervenheilanstalt internieren müsste. Trude war mit einem Baumwollfabrikanten aus der Tschechoslowakei namens Neumann verheiratet, und sie «hatten ein einziges Kind, Stephen Theodor. Was die Erziehung des jungen Stephen betraf, so war es dieselbe, die sein Onkel genossen hatte. Mit 13 Jahren wurde er 1931 nach England geschickt und einige Jahre spaeter trat er in Cambridge ein. Er graduierte in der Rechtsfakultaet, aber er war sich nicht schluessig, ob er den Anwaltsberuf waehj len sollte. Die ' Aehnlichkeit mit sei-! nem beruehmten Grossvater | war erstaunlich, aber er selbst wusste nichts von der Rolle, die sein Grossvater gespielt j hatte, bis er fast erwachsen war. Seinen Namen hatte er in Norman anglisiert. Der Zionismus war fuer ihn ein verschlossenes Buch, bis er Palaestina waehrend des zweiten Weltkrieges kennen- lernte, als er in der britischen Armee diente. Inwiefern Stephen Norman sich der Tra. goedie seiner Familie bewusst war, wird man nie wissen. Er war ein faehigen junger Mann und fuehrte ein ruhiges Leben. Professor Selig Brodetzky, welcher sein geistiger Ratgeber war, diskutierte manchmal zionistische Probleme mit ihm, und Stephen plante schon, sich in Israel niederzulassen. Jedoch wurde dieser Plan niemals verwirklicht. 1946 kam Stephen Norman in die Vereinigten Staaten in einer offiziellen Mission der britischen Armee. Im November desselben Jahres veruebte er Selbstmord, indem er sich von einer Bruecke stuerzte. Die Berichte ueber seinen Tod gaben keinerlei Hinweis fuer das Motiv dieser Tat. Jei doch seine Tante in London, j die Schwester seines Vaters j gab eine einleuchtende Erklae; rung ab, als ich mit ihr ueber | seine Tragoedie sprach, Ein i oder zwei Tage vor seinem— Tod hatte Stegfes^jsgj^-ief; rot) öfcHi’ffüeheren M«edchen l seiner Mutter erhalten, die in Wien lebte. In diesem Brief wurden die letzten Tage seiner Eltern beschrieben. Sie (Fortsetzung’ Seife 15)