Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1955-02-01 · 2 (Febrero, 1955) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVII (1955)
Issue
2 (Febrero, 1955)
Date
1955-02-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/8553624-8556771-9194099--1511-8556789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BOLETIN INFOEMAIITO Febrero, 1955 6 Internationale... (Furtsetzung von Seite 5) Einstellung gefaehrdete die Harmonie unserer Internationale . “Warum soll Kischinev russisch sein, wenn bereits zwei Meilen ausserhalb der Stadt niemand mehr diese Sprache versteht?” fragte Kostya immer wieder, worauf Kolya mit immer gleicher Eindringlichkeit zu antwor ten pflegte: “Weil eben alles in Kischinev und Umgebung vom kulturellen Standpunkt aus russisch ist. Puschkins Denkmal steht mitten in Kischinev, da, wo frueher eine nur spaerlich von Tuerken besiedelte Wueste war”. Kostya antwortete darauf stets, dass solche Beweisführung ein sicheres. Zeichen grossrussischen Chauvinismus sei, denn zweifellos entscheide Sprache und Herkunft der Bevoelkerungsmehrheit, nicht aber eine mit Gewalt eingefuehrte fremde Kultur. An diesem Punkt der Diskussion angeiangt, berief sich Kolya stets auf den Zionismus als Stuetze fuer seine Forderungen. “Wir alle haben uns ja gerade wegen Palaestina geeinigt - stellte er fest - und dabei weiss doch jeder von uns, dass dort die Araber die absolute Mehrheit im Lande haben, waehrend die Juden eine neue Kultur ins Land bringen”. Wuetend erwiderte dann stets Kostya mit gleicher Schaerfe, dass er keineswegs wegen dieser Beweisgruende der juedischen Forderung auf Palaestina zugestimmt habe, sondern einzig und allein wegen des “historischen Rechts der Juden auf dieses Land”. Kostyas Standpunkt konnte sich ausserdem noch darauf stuetzen, dass bessarabische Juden, die keine Schule besucht hatten, kaum russich konnten, waehrend fast alle Juden in Kischinev und Umgebung recht gut rumaenisch verstanden, ohne Schule und Lehrbuecher. Daraus folgerte Kostya, dass Bessarabien rumaenisch war, umso mehr, als sogar juedische Volkslieder mit rumaenischen Wortbildungen durchsetzt waren. Sogar im religioesen Leben der Juden hatte sich, wie Kostya erklaerte, der rumaenische Einfluss bemerkbar gemacht. Kolya konnte hier kein Gegenbeispiel anfuehren. Russische Wendungen und Worte fehlten sowohl in den reibgioesen Gesaengen wie Volksliedern der Juden von Bessarabien. Aus all diesen Gruenden war es fuer Dudye und mich schwer, eine Entscheidug zu treffen, ob wir mit Kolya oder Kostya uebereinstimmen sollten. Der rumaenische Standpunkt hatte fuer uns viel fuer sich, well er so demokratisch war, aber der russische - nun, der brauchte fuer uns keinerlei besondere Ueberzeugungskraft. Trotz all unseren Kampfes fuer den Zionismus, fuehlten sich Dudye und ich doch ganz selbstverstaendlich auch russisch: intellektuell war doch ganz Kischinev russisch: da war das Puschkin Denkmal im Zentrum der Stadt, die wohlbekannten russischen Lieder, die ueberall von den promenierenden jungen Maedchen gesungen wurden, da waren die Rezitationsabende der russischen Revolutionaere verschiedenster politischer Gruppen, da war der zionistische Führer Bernstein- Cohen mit seinem Kreis, der in bestem literarischen Russisch nach wies, dass jeder denkende Mensch Anhaenger des Zionismus sein muesse, da war der junge Bariton aus Poltava, der so eindrucksvoll russische Lieder vortrug - und dieser ganze Kreis sollte ploetzlich rumaenisiert werden? Dudye und ich befanden uns einem ausgesprochenen Dilemma, fuer wen wir uns entscheiden sollten. Ploetzlich kam es zu einer Loesung, auf die niemand von uns gekommen war. Ihr Urheber war unser deutscher Freund Giovanni. Eines Tages, als unsere Diskussionen pro und contra Kostya und Kolya sich heftig zugespitzt hatten, erschien Giovanni zu einer Zusammenkunft unserer Internationale mit einem grossen Bogen liniierten Papier. Darauf hatte er fein saeuberlich eine Analyse von zwanzig verschiedenen Laendern, ihrem Gebiet und ihrer Bevoelkerungsdichte unternommen. Das Studium von Giovannis Statistiken bewies aufs eindringlichste, dass Palaestina zu klein war, um alle Juden aufzunehmen und dass wir darum ausser Palaestina noch ein Zusatzland fuer die Juden brauchten. Nach Giovannis Ueberzeugung war das best geeignete Land fuer ■ einen solchen, gleich nach der sozialen Revolution und mit Gottes Hilfe zu errichtenden Zusatzstaates fuer die Juden: Bessarabien. Das bedeutete also, dass, nach erfolgter sozialer Revolution, Kischinev und Umgebung weder rumaenisch noch russisch, sondern juedisch werden sollten. Es ist mir heute nicht mehr moeglich, genau zu rekapitulieren, welches von Giovannis Argumenten Dudye und mich ueberzeugte, aber es war relativ leicht fuer uns beide, daran zu glauben, dass Bessarabien ein idealer zweiter Judenstaat sein wuerde. Erstaunlich war jedoch, dass es nach einigen Wochen heftigster Debatten Giovanni gelang, sowohl Kolya als auch Kostya fuer seinen Vorschlag zu gewinnen. Es war wirklich, als sei uns allen mit der Annahme von Giovannis Vorschlag ein schwerer Stein vom Herzen gefallen. Niemand von uns nahm Anstoss daran, dass Bessarabien von einigen Millionen Nichtjuden bewohnt war. Fuer Architekten einer neuen Weltordnung,• wie wir fuenf Freunde, war das alles hoechst einfach. Wir dekretierten, dass “alle Rumaenen nach Rumaenien” und “alle Russen nach Russland” gesandt werden sollten. Qabei bemerkte Giovanni, der alle diese Details genaustens studiert hatte, dass “die Russen genug unbebautes Land” haetten). Nach dieser “Umgruppierung” blieben nur noch kleinere Bevoelkerungsgruppen von Deutschen, Bulgaren, Armeniern, Zigeunern und eine verschwindend kleine Anzahl von Welsch- Schweizern uebrig. Nach Giovannis Plan konnte keine dieser Bevoelkerungsgruppen nolitische Forderungen stellen. I Sobald also die Umsiedlung \ der Russen and Rumaenen! erfolgt war, brauchte nur ein Annell an die Juden in aller i Welt gerichtet werden: “Besi arabien erwartet alle, die nicht j nach Palaestina wollen oder I koennen. Jeder Jude soll ln! Bessarabien wieder friedlich im Schatten seines eigenen! Feigenbaumes sitzen und sich an den Trauben seines eigenen Weinstocks laben”. Diese etwas romantisch-biblischen Nachklaenge von Giovannis Vorschlag stammten von Dudye und mir - die “Evakuierung” Bessarabiens jedoch, nicht etwa von Juden, sondern Christen, war nachweislich eine original - deutsche Idee unseres Freundes Giovanni. Als wir uns an einem Sonntag frueh nach Wochen von Debatten wieder trafen, stand die “feierliche Besiegelung des Plans fuer Bessarabien” auf der Agenda. Nachdem wir alle fuenf unsere Unterschriften unter das Dokument gesetzt hatten, das i Giovannis Plan fuer den “zweiten Judenstaat” mit allen Ausfuehrungsbestimmungen, wie wir sie angenommen hatten, enthielt, vertrauten wir unseren Geheimplan einer Flasche an, die wir fest verkorkten und dann ausserhalbder Stadt nahe dem Boyukanski Spusk tief in der Erde vergruben. Waehrend wir den Sand wieder ueber die Flasche haeuften und sorglich alle Spuren verwischten, die zur Auffindung unseres Geheimdokumentes von Unbefugten fuehren konnten, schworen wir alle fuenf feierlich, dass wir nach erfolgter sozialer Revolution - ganz gleich, wohin uns auch das Schicksal verschlagen moege - hierher zum Boyukanski Spusk kommen wuerden, um das verborgene Dokument auszugraben und, soweit das noch noetig sein sollte, seine Weisungen getreu durchzufuehren. So viele Jahre sind seit jenem, fuer uns fuenf Freunde so bedeutsamen Ereignis vergangen und heute, mit schon recht angegrauten Schlaefen, frage ich mich, wer wohl von unserer “Internationale zur Heiligen Einfalt” noch am Leben sein mag. Dudye trieb sein stuermisches Temperament zuerst nach China, dann nach Amerika, wo er schliesslich in der Naehe von San Francisco an Tuberkulose starb. Kolya schlaeft den letzten Schlaf ingendwo an der Wolga. Dort fiel er waehrend des Bürgerkrieges das bolchewistische Modell seines Originalrezepts, der Radikaloperation” behagte ihm wenig. Schon beizeiten erkannte er, dass es nicht leicht sein wuerde, die neuen Hochmutsnasen der Kommissaere einfach abzuschneiden. Vielleicht sind Kostya, unser Rumaene, und Giovanni, unser Deutscher, noch irgendwo unter den Lebenden. Vielleicht sogar immer, oder wieder, in Bessarabien. Wie mag es ihnen dann wohl (Fortsetzung Seite 7) ALI JAH “Der Israel zerstreut, wird’s wieder sammeln”, spricht der (Profet. Wir kennen dies Wort seit die Bibel besteht. Doch des Sinns der Weissagung ward ich mir bewusst als von Galuth zu Galuth wir wandern gemusst; als das sichere Heute uns ploetzlich genommen, in ein duesteres Morgen wir eingesponnen; als von dem Gestern, das uns teuer und lieb, nur die blaue Chimaere der Erinnerung blieb. Heut glaubt sich manch einer von uns wieder am Ziel, und merkt nicht, dass er gewechselt bloss hat sein Exil. Alijah allein fuehrt zum leuchtenden Tor, aus dem die Erde Mizrajims schimmert hervor.' Gleich der wartenden Mutter winkt sie lockend uns zu; “Kommt, muede Kinder, hier findet ihr Ruh! Erhebt euch und kommt; ob auch viel ihr gelitten, ERST HIER SEID IHR FREI, seid durch das Tor ihr ge- (schritten” Der Stimme der Erde lausch’ ich, ihr hingeneigt, doch mein Koerper ist muede und mein Ruecken gebeugt. Die Vergangenheit ist ein abgeschlossenes Buch. Die Zukunft verhuellt, wie von undurchdringlichem Tuch. Es erfuellt sich das Wort des Profeten, so wie geschrieben. Doch manch einem von uns ist Alijah nur Hoffnung ge- (blieben. Zwischen zwei Welten stehn wir —und bleiben allein. Wir werden immer nur FREMDLINGE sein... LENE BACK.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.