Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVII (1955)
- Issue
- 1 (Enero, 1955)
- Date
- 1955-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8556771-9194094--1501-8556780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Enero, 1985 BOLETIN INFORMATIVO Gegnern triumphierend zurief, so konnte auch Rolland immer eindringlicher, immer entschiedener seine Wahrheit verkuenden! Der Dichter des Wortes wird der Dichter der ,Tat. In zahllosen Artikeln, Aufrufen und offenen Briefen bekennt er sich zu dem grossen Europa, darueber hinaus zum grossen Weltenbund! Aus allen Laendern stossen Gesinnungsfreund? und Bekenner zu ihm. Wenige wohl, aber wertvolle Streiter! Am tiefsten erschuetterte ihn in dieser Zeit das Werk eines jungen franzoesischen Dichters, das mit den Worten ausklang: “Alle Toten stehen im selben Lager! “Weil Romain Rolland ein Dichter war, fand er die schoenen, an alle Aufnahmebereiten gerichteten Worte: “Freunde aus allen Laendern und vor allem ihr Dichter, die Ihr das Licht Eurer Voelker seid, legt die Haende ineinander! Wir haben alle nur ein Vaterland!” Und wie gross, wie menschlich ist sein Appell an die Traeger des Geistes und Schaffens; “Vereinen wir alle geistigen Kraefte des Lebens gegen die Gewalten des Todes!” Es ist deshalb keine Uebertreibung, wenn Stefan Zweig in seiner bereits erwaehnten Biographie von Romain Rolland erklaert, “dass wir es nur ihm zu verdanken haben, dass nicht die heilige Flamme der Bruederlichkeit in dem grausamsten Sturm der Geschichte erloschen ist". Als der 1. Weltkrieg durch den Waffenstillstand und den Versailler Vertrag scheinbar beendet war und in den Laendern des Sieges der Geist der Rache, die Verstaendnislosigkeit gegenueber den grossen Problemen Europas imme r mehr und mehr an Boden gewannen, war es wieder der ehemalige Musikprofessor Romain Rolland, der seine Stimme erhob, um angesichts der brutalen Macht einer traditionslosen Generation d 1 e Unabhaengigkeit des Geistes, der Bruederlichkeit, des wahren Friedens zu proklamieren! Am selben Tage, an dem der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet wurde, erschien in der “L’HumanifA" (23.7.1919) Romain RollancPs Manifest der Solidaritaet des europaeischen Geistes! Und wieder fand ¡sein Wort das erwartete Echo bei hunderten von Gleichgesinnten und Gleichgestimmten”. Sowohl aus den Laendern der Niederlage als auch aus den Laendern des Sieges sandten namhafte Maenner und Frauen ihre Zustimmungserklaerung. Sie alle nahmen diese grandiosen Worte des Dichters und Friedenskaempfers wie ein Evangelium einer neuen sittlich gemeuterten Zeit auf, sie identifizierten sich mit dem Schwung des Herzens, der aus den Worten sprach: “Geistesarbeiter, Freunde in aller Welt zerstreut, fuenf Jahre von einander durch die Heere, die Zensur und den Voelkerhass im Kriege getrennt, wir richten an Euch in diesem Augenblick, in dem sich die Grenzen wieder oeffnen, den Ruf, unseren bruederlichen Bund aufs neue herzustellen, aber standhafter und sicherer als der vorherbestandene. Wir wollen nur der freien Wahrheit dienen, ohne Grenzen und Einschraenkungen, ohne Vorurteile der Rasse und Klasse. Wir kennen keine isolierten Voelker, sondern nur das Volk, das Volk das leidet und kaempft, das faellt und sich wieder erhebt! und zur gleichen Zeit mari schiert, immer vorwaerts auf seinem muehevollen von Blut und S c h w e i s s gebadeten Weg!”. Auf Friedenkonferenzen, auf Tagungen pazifistischer Organisationen und Gemeinschaften wird die Stimme von Romain Rolland gehoert. Mit Bitterkeit verfolgte er das Anwachsen der nationalen Engstirnigkeit Deutschlands und die entsprechende geistige Reaktion der sogenannten Sie gerstaaten. Zur gleichen Zeit schritt er selbst in seinen Erkenntnissen um den Frieden, um die Sicherheit des Voelkerlebens fort. Er verstand, dass es nicht mehr allein gen u e g e, eine europaeisehe Union zu schaffen, er sah darueber hinaus die Notwendigkeit, alle Kontinente zum Bund des Friedens zu organisieren. Mit vollem Verstaendnis vertiefte er sich in die Entwicklung der asiatischen Voelker, vor allem zog ihn die Persoenlichkeit von Mahatma Ghandi, an, der ihn auch im Jahre 1931 in sei. .in Hause “Olga” in Villeneuve, das von seiner so verstaendnisvollen und guetigen Schwester Magdalene gefuehrt wurde, besuchte. Dort in Villeneuve fand Romain Rolland die innere Ruhe wieder, die durch Erlebnisse und Enttaeuschungen mit seinen frueheren Kampfgefaehrten stark beeintraechtigt war. In Ghandi findet er einen ihm nah verwandten Menschen und er versteht den tiefen Sinn seiner in den Worten zum Ausdruck gebrachten Erkenntnis: “Ich glaube immer, dass der Mensch, da er nicht die Macht der Schoepfung erhalten hat, auch nicht das Recht hat, auch nur ein Menschenleben zu vernichten. Durch Beruehrung mit der Welt eines Ghandi und eines Ramas Krishna erweitert sich das Weltbild von Romain Rolland. Wenn der Held seines Romanes “Clerambault” von sich sagt: “Ich gehoere keiner Rasse an, ich gehoere dem Leben —ganz dem Leben" so ist es daä grossartige Weltgefuehl, das Romain Rolland empfindet. Trotz aller Enttaeuschungen, trotz aller sichtbaren Maengel und Irrungen der menschlichen Gemeinschaft findet Romain Rolland immer wieder zurueck zu seiner Mission. Der Friede ist fuer ihn keine politische Forderung mehr —, der Friede wird fuer ihn die Religion. So erkennen ihn seine Freunde und Weggefaehrten. Als er seinen 60. Geburtstag feiert, da sind es: Albert Einstein, Franz Werfel, Hermann Hesse, Heinrich Mann, Upton Sinclair, Selma Lagerloeff, George Duhamel, Franz Masarel, Stefan Zweig, Rabindranath Tagore, Maxim Gorki, Thomas G. Masaryk, Sigmund Freud, H. G. Wells, Unamuno und viele andere fuehrende Maenner des Geisteslebens der Welt, die ihm, dem getreuen Kaempfer fuer die Menschheit ihre Liebe und Verbundenheit zum Ausdruck bringen. Es scheint, als ob der Geist ueber den Degen gesiegt haette! Dass es nicht so war, kein anderer als Romain Rolland erkannnte es schmerzlicher und erschuetterter. Und es ergeht ihm wie dem grossen amerikanischen Dichter Walt Whitman, der in seinem rhytmischen Sang resigniert festhaelt: “Wie ich abseits stehe und Umschau halte, fuehle ich mit tiefer Erschuetterung dies: Menschen in Massen folgen der Fuehrung von Menschen, die nicht an Menschen glauben 1" Die anarchistische Zeit der Zersetzung aller geistigen Werte und aller sittlichen Masstaebe riss eine Welt in den Abgrund. Rassenhass! Judenverfolgungen. Feiges Sichanpassen an die sogenannte Herrenmoral. Wissenschaft und Kunst unterliegen dieser diabolischen Macht. Romain Rolland blieb sich treu. Alle seine Bemuehungen gingen dahin, sein Leben, sein Werk, sein Wort mit der Tat zu decken. Es ist vielleicht einer der tragischsten Momente im Leben dieses Mannes gewesen, als er am 19. September 1939 im “Temps” einen offenen Brief an den d a m al ig e n franzoesischen Praesidenten Daladier herausgab, in dem er —der Kriegsgegner— das Gewissen der Freiheit und Bruederlichkeit, angesichts der drohenden Gefahr, die fuer ihn der Siegeszug des Dritten Reiches in diesem Augenblick bedeutete, sich zum Abwehrkampf der bedrohten Kultur (bekannte. (Nicht /gegen ,das deutsche Volk wandte sich seine Feder, wohl aber gegen die Diktatur und den totalen Machtanspruch der deutschen Despoten. Tragisch ist, dass diese von tiefer Verantwortung zeugenden Worte gerade bei denjenigen auf wenig Verstaednis stiessen, die allen Grund hatten, sich gegen die zerstoerende Macht und Rechtlosigkeit.. zu wehren “Um der Menschheit willen, muss die Menschheit uns in dieser Stunde helfen". Romain Rolland begriff zu sehr, was auf dem Spiele stand. Zweifellos hat Romain Rolland diesen Riss in seinem Kampf um Frieden und Versoehnung tief und schmerzlich empfunden. Er wusste mit Ludwig Boerne, dass “jede Stunde, dem Hasse vergeudet, eine Ewigkeit ist, der Liebe entzogen”. Aber er konnte nicht schweigen. Wie er vor mehr als einem Vierteljahrhundert im Jahre 1916 in der Schweizer Zeitschrift “Demain” die Voelker an die 200.000 ermordeten Armenier erinnerte, Opfer sinnlossen Hasses, so erhob er angesichts des Siegeszuges des Rassenhasses, dem die juedischen Mitmenschen zum Opfer gebracht wurden, seine Stimme gegen den Terror. Seine Mission als Dichter, als mitleidender Bruder und der Erde verbundener Sohn ersparte ihm nicht die Disharmonie seiner letzten Lebens jahre. Einsam zog er sich in seine Heimat zurueck. Am 30. Dezember 1944 schloss dieser unermuedliche Kaempfer und Denker, dieser begnadete Dichter in Vezelay sur Zönne 79 Jahre alt, die Augen. Noch droehnten die todbringenden Flugzeuggeschwader ueber die Laender, noch starben in Konzentrationslagern Millionen unschuldige Opfer einer entarteten Zeit —aber schon fanden sich hier und dort wieder Menschen, die die Worte und Werke Romain Hollands in sich aufgenommen hatten, die seine Mission zu der ihrigen machten, die aus den Truemmern und Flammen einer untergegangenen Welt neue Baustoffe fuer eine andere, bessere Welt Zusammentragen! Solange der Glaube an die grosse Gemeinschaft aller Menschen in den Herzen junger, lebensstarker und lebensglaeubiger Menschen lebt und reift, wird das Gedenken an Romain Rolland in der Erfüllung seiner Mission als Dichter, als Mensch fortleben! “Fuer uns die Erde” —das ist das grosse Erbe, das Romain Rolland dieser neuen Genetion hinterlassen hat. (SCHEWA TACHANOT) Ihre Finger und ihre Zehen sind mit silbernen Ringen geschmueckt, die grosse bunte Steine tragen. Auf ihren schwarzen Haaren, die in zierliche schmale Zoepfchen geflochten sind, sitzt ein flaches rotes Muetzchen, das mit silbernen Theresientalern bedeckt ist und eine Halbmaske aus kleinen Silbermuenzen ueber ihr braunes, liebliches Gesichtlein haelt. Nur der weiche, volle Mund bleibt sichtbar und das zarte, runde Kinn. Der Glanz der schwarzen Augen wird eingedaemmt von den blinkenden Silbermuenzen, die es wie ein Panzer dicht umgeben. Ueber das Muenzenkroenlein haengt sie sich noch ein schwarzes Tuch, das wie ein Mantel auf die Schultern und bis zu ihren Fuessen wallt. Und nun hebt sie einen Weidenkorb, der hochgefuellt ist mit allerlei Gemuesen, auf ihren kleinen Kopf. Stolz, in koeniglicher Haltung, steht sie vor ihrem Herrn, um das Gewicht des Korbes auszubalancieren. Nun musst du aber wissen, die Araber betrachten ihre Frauen wohl ganz und gar als ihr Eigentum, denn sie haben sie ja mit Geld teuer gekauft, aber sie sind so religioes, dass sie gleichzeitig die Verantwortung fuer die Seele der ■Frau uebernehmen und streng darueber wachen, dass sie mit ihren unwissenden Lippen keine Luege vor Allah ausspricht. Darum fragt jetzt der Fellache Mustapha seine neue Frau: “Saida, wohin gehst du?”. “Nach Tel-Aviv, Chawadscha Mustapha”. “Was hast du zu verkaufen?”. “Pilpel mar — bittere Paprika, chajar — Gurken, bazal — Zwiebeln, Bandura — Bandura, Ardar — Gruenzeug”. Mustapha: “Wieviel verlangst du fuer alles, was du im Korb hast?”. Saida: “Sieben Lirot will ich haben”. Mustapha: “Billiger willst du es nicht lassen?” Saida: “La, la, la! — Nein, nein, nein!” Mustapha: “Ich gebe dir 4 Lirot”. Saida: “La!". Mustapha: “Ich gebe dir 5 Lirot". Saida: “La!”. Mustapha: “Ich gebe dir 6 Lirot”. Saida: “Allah Bariklak — — Gott segne dich”. “Jetzt, Saida", sagt der alte Mustapha, “kannst du nach Tel-Aviv gehen. Jetzt weisst du wie du zu reden hast”. Saida geht sofort. Sie geht langsam am Jarkon entlang. Es ist ein schoener Weg. Schilf saeumt die Ufer des Jarkon. Uralte, riesige Baeume breiten ihr gruenes freundliches G e a e s t. Ihre schwarze Schleppe schleift ihr nach, Mantel und Kleid durch Staub und Sand. Es kuemmert sie nicht. Stolz schreitet sie, denn der Korb lastet schwer auf ihrem Koepfchen. Sie geht lautlos mit ihren kleinen, n a c kt e n Fuessen, aber wenn sie an Steine streift klirren hell die silbernen Reifen, die ihre braunen Gelenke zieren. Das Wasser fluestert und rauscht, das Schilf rauscht und alle Blaetter der Baeume. Der Abendwind hat sich endlich erhoben und troestet die verschmachtete Welt nach drei Tagen der verzehrenden Wuestenwinde. Die Voeglein zwitschern leise ihr Abendgebet. Saida singt ganz leise mit. Ihr bleicher, unbedeckter Mund laechelt froh. Sie muss nicht weit gehen. Sie hat Glueck. Aus dem ersten juedischen Hause schaut eine junge Frau heraus. “Esma, esma”, ruft sie mit heller, durchdringender Stimme und sie winkt die Fellachin zu sich heran, indem sie mehrmals mit ihrer rechten Hand die Greifbewegung in die Luft macht, die unserer Geste des Heranwinkens genau entgegengesetzt ist. Saida tritt ohne Hast heran, setzt sich vor der Haustuere in den Sand und bietet ihre Waren an, ohne jedoch den schweren Korb vom Kopfe herunterzunehmen. “Was hast du in* deinem Korb?” fragt Batschewa. “Pilpel, chajar, bazal. bandura, ardar”, sagt Saida. “Was verlangst du fuer alles zusammen?” fragt Batschewa. “Sieben Lirot”, sagt Saida. Batschewa: “Ich gebe dir 4 Lirot”. Saida: “La!” Batschewa: “Ich gebe dir 5 Lirot.” Saida; “La!” Batschewa: “Ich gebe dir 6 Lirot.” Saida: “Jatrazi, bei meinem Kopf, vor einer Stunde erst hat mir ein Mann 6 Lirot geboten und ich habe mein Gemuese behalten.” Sie sagt die Wahrheit, aber sie sagt nicht, dass es ihr eigener Mann war, der ihr einen so hohen Preis geboten hat. So zahlt ihr denn Batschewa seufzend noch eine halbe Lira drauf. Saida nimmt endlich den schweren Korb von ihrem Kopf herunter und legt das Gemuese ordentlich auf die Kuechenschwelle. Batschewa versorgt alles zufrieden in ihrem Refrigerator und Saida die sechs einhalb Lirot unter ihrem Kleid in einem kleinen Lederbeutel, der an einer Schnur an ihrem Halse haengt. Zufrieden kehrt sie zu ihrem Herrn zurueck. Der Korb schwankt wieder auf ihrem stolz erhobenen Kopf. Es ist ganz still jetzt auf ihrem Weg. Die Voeglein schlafen schon. Leise singt Saida mit rauher Stimme ihre monotone Melodie, die unendliche Strophen hat. Wer kennt ihre Gudanken? Ihr Gebieter sitzt unten an der Kaffeebude mit seinem Freund, dem Neger Abdullah. Der Fluss ist nun ganz dunkel geworden, er rauscht jetzt laut und drohend. Auch die Wipfel der Baeume rauschen laut und wild. Ein Gewitter naht. Fahle Blitze zucken. Die Maenner rauchen ihre Wasserpfeifen und diskutieren mit rauhen Stimmen ueber die Bolitika, den Anglesi und den Jahud. Saida ist in der Huette verschwunden. Kein Lichtlein, noch so schwach, leuchtet hervor. In allen ihren Kleidern hat sie sich auf ihr Lager aus Blaettern und Heu geworfen. Fellachinnen entkleiden sich nie Die blinde Greisin schmiegt sich im Halbschlaf frierend an ihren jungen heissen Koerper an. Saidas Blicke wandern durch die finstere Blechhuette, die, genau wie zu Hause, nichts als einige Toepfe und Kruege enthaelt. Vom Panzer der Silbermuenzen befreit, flammen ihre grossen schwarzen Augen wie Feuer in der Nacht. Woran denkt sie jetzt, die s c h o e n e Saida? Wovon traeumt sie wohl, waehrend sie rasch neben der seufzenden blinden Nebenfrau in tiefen, schwarzen Schlaf versinkt? Ja, wer kennt ihre Traeume? Wer kennt ihr Geheimnis?