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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1955-01-01 · 1 (Enero, 1955) · p. Seite 8

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVII (1955)
Issue
1 (Enero, 1955)
Date
1955-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 BOLETIN INFORMATIVO Enero, 1955 Sdh. Asch und sein Werk Am 1. Januar 1955 vollendet der grosse Dichter in der jiddischen Sprache, Schalom Asch, das 75. Lebensjahr. Die juedische und Teile der nlchtjuedischen Welt haben sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts haeufig mit Schalom Asch und seinem Werk' auseinandergesetzt; dies geschah auf Grund des grossen dreibaendigen Christus - Romans des Dichters, dessen erster Teil “Der Nazarener”, schon 1939, dessen Fortsetzungsbuecher, ‘‘Der Apostel” und “Maria”, 1946 bis 48 erschienen waren. lieber den hohen literarischen Wert dieser Dichtung konnte es keinen Streit geben, wohl aber darueber, ob der Autor richtig damit tat, sich an dieses Thema zu wagen. Wir kennen die Antwort von Asch; “Ich sah in jesús von Naearet einen ganz grossen juedischen Menschen, den unser Volk der Welt schenkte. “Von juedischer Seite ist dem Dichter vorgeworfen worden, sich bei der Nachgestaltung des “Neuen Testaments” sklavisch dessen Erzaehlungen gefolgt zu sein, ohne die juedisch - wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu beruecksichtigen. Wie dem auch sein moege, beharrt Asch, der Schwarz bin ich, aber lieblich. Hoere, soll ich dir ein Geheimnis erzaehlen? Ich erlauschte es einst im Fruehling, da ich in meinem bunten Boot mich wiege auf den klaren, gruenen Wellen des Jarkon, dort, wo er Tel-Aviv und Ramat Gan mit einem kleinen Wasserfall verbindet und jetzt bei Sonnenuntergang in sieben kristallenen Regenbogen zersprueht. — Schewa — Tachanoth—“Sieben Muehlen” heisst die huebsche Stelle, aber die Muehlen mahlen schon lange nicht mehr und “Gemusin” heisst das Dorf, weil dort die Auerochsen immer im Sumpfe lagen. Ein Kaffeehaus steht hier, eine blaubemalte Bretterbude, im Schatten eines wundervollen, uralten Kastanienbaumes. Du kannst auf niedrigen arabischen Hockerstuehlchen rasten und dir von dem Cafetier, dem riesigen, weisshaarigen Neger Abdulla, Café-turque in winzigen Mokkataesschen servieren lassen oder Felafil essen, die flachen, dunklen Brotfladen, die mit scharfgewuerzten, in Oel gebratenen Erbsmehlkuegelchen gefuellt sind, oder Sonnenblumenkerne kauen. Die suessen, schneeweissen Herzen isst du gedankenvoll und die muschelglatten, schoengestreiften Schalen spuckst du vergnuegt in den Sand, soweit du willst. Ein Pardess liegt an dieser Strasse. Du siehst die spitzen, gruenen Blaetter leuchten, die runden, strahlenden, goldenen Fruechte und die suess duftenden, weissen Sternenblueten, Bluete und Frucht am selben Zweig. Das Haus des Besitzers ist eine praechtige welsse Villa mit zierlichen Saeulen. Aber ganz na* niemals um Haaresbreite seinen juedisch-nationalen und traditionell-religioesen Standpunkt verlassen, dabei die Figuren dieser Buecher so gezeichnet zu haben, wie er sie erschaut hatte. Nach heftigen Stuermen im Zeitungskrieg ist heute Ruhe darueber eingetreten, und es soll dem juedischen Leser geraten werden, diese Buecher in ihrer dichterischen Schoenheit zu geniessen und nicht Dinge als “historische Tatsachen” etwa zu betrachten, die von anderen Menschen glaeubig hingenommen werden duerfen oder sollten, die fuer uns Juden aber unfassbar sind; die zu einer Welt gehoeren, zu der wir keinen Zutritt haben. Schalom Asch hat sein ganzes Leben hindurch um die Seele des juedischen Volkes gerungen. Er, der immer, um in der Sprache der Bibel zu reden, “seine juedischen Brueder suchte”, er suchte auch, darueber hinaus, “seine Menschheitsbrueder, und so umfasst sein Lebenswerk alle Stadien menschlicher Entwicklung. In Kutno (Polen), geboren, ist der Dichter vor Ausbruch des I. Weltkrieges, als 34 —Jaehriger, nach Amerika gegangen, und die Vereinigten Staaten wurden ihm eine wahre Heimat, zu der er he am Fluss steht die Behausung eines seiner Diener, eine Huette aus blinkenden, leeren Petroleumkanistern. Sie hat weder Fenster noch Tueren, jedoch am Eingang, solide mit rostigen Naegeln befestigt, einen zerloecherten, braunen Kartoffelsack. Die Hausfrau kauert vor dem Eingang, eine blinde Greisin. In der rechten Hand haelt sie das Mundstueck ihrer Nargileh, mit-der linken taetschelt sie scherzend das kugelrunde Baeuchlein eines splitternackten, staubbedeckten Buebchens. Seine huebschen Loeckchen sind zerzaust und verfilzt, Fliegen, die es nicht verscheucht, kleben an seinen langen, schwarzen Wimpern. Es lacht, die weissen Zaehnchen blinken bis zu dir aus dem lustigen, kleinen, schwarzen Gesicht. Die Blinde lacht auch mit ihrem zahnlosen Mund. M a g er e Huehner picken friedlich zu ihren Fuessen, nun aber stieben sie auseinander mit hysterischem Geschrei. Der Kartoffelsack ist weggeschoben worden, der Herr der Oelkanisterhuette tritt heraus. Eine Frau folgt ihm wie sein Schatten. Er ist ein grosser, hagerer Fellache. Sein weisser Anzug ist fleckig und zerrissen, sein Gesicht zerarbeitet und zerfurcht. Aber seine Augen blicken unter der Falte des weissen Turbans scharf und durchdringend auf die Frau. Viele lange Jahre hat er gearbeitet, gedarbt und gespart, um endlich die Schoenheit als Eigentum zu besitzen. Sie traegt viele gelbe glatte Bernsteinketten um den Hals und unzaehlige, schwere Silberreifen an ihren Armen und Beinen, Schluss auf Seite 9 immer wieder zurueckkehrte, nachdem er, u. a., eine Reihe von Jahren, zur Zeit der “Weimarer Republik”, in Deutschland verbracht hatte. So schrieb er in juengeren Jahren jiddisch und deutsch, spaeterhin meist englisch. Nur summarisch kann hier das ganze Werk aufgezaehlt werden: Im Alter von 27 Jahren errang Schalom Asch einen starken Buehnenerfolg mit dem Drama “Der Gott der Rache" (auch bei Reinhardt in Berlin gespielt). “Die Mutter” (1930) ist eine ergreifende Erzaehlung aus dem Leben einer polnisch - juedischen Familie in New York. Schon frueher fanden “Onkel Moses”, “Motke, der Dieb”, “Trost des Volkes", starke Beachtung. “Der Krieg geht weiter” (1931), ist eine sehr realistische Darstellung einer kritischer Epoche des deutschen Judentums (1919 bis 20), und die damals einsetzende nationalistisch-antisemitische Hetze wird darin vom Dichter klar erkannt. Die zwischen 1930 und 34 entstandene grosse Romantrilogie “Petersburg”, “Warschau”, “Moskau” bildet ein besonders gelungenes Zeitgemaelde, dessen dichterische Schoenheiten hoch gewertet werden duerfen. Und schliesslich sei noch der 1951 entstandene “Moses” —Roman erwaehnt, der eine wunderbare Nacherzaehluftig der Bibel bildet; hier haelt sich der Dichter ganz an die juedische Ueberlieferung, wobei er eine Reihe der schoensten “Midraschim”, religioeser Legenden, in die Handlung einfuegt, von der eine tiefe Wirkung auf den Leser ausgeht, Weniger erfolgreich war der Autor mit dem “East River”, jenem New Yorker Roman, der nicht die starke Ueberzeugungskraft frueherer Werke aufweist. Der grosse Romantier, Ehrenvorsitzender des j i d d ischen “Pen-Clubs”,' besuchte vor zwei Jahren Israel und ist dort Gegenstand ungewoehnlicher Ehrungen gewesen. Auch diejenigen Juden feierten ihn die ihm die Christus-Romane nicht verzeihen wollen. Der Schriftsteller Schalom Asch; seine Arbeiten ueberschauend, darf zufrieden sein und mit ihm sein juedisches Volks, das ihm noch viele Jahre, geistigen Schaffens wuenscht Fuer ihn wird der 75. Geburtstag, so hoffen wir, kein Anlass sein, auszuruhen Moegen ihm Gesundheit und Frische weiterhin beschieden sein. CURT WILK in Gefahr! Es geht nicht um die Ehre eines Landes, es geht um die Freiheit Europas! “Wenn sich auch Europa selbst verleugnet, ja wenn Europa nicht mehr bleibt, so ist es notwendig, dass Du selbst Europa bleibst, Du allein und fuer Dich allein!”. So verwendet es Romain Rolland dem jungen Dichter P. J. Jouve. Mit derselben Klarheit, mit der er sich an Gerhard Hauptmann wendet, um ihn und durch ihn die .geistige Elite Deutschlands zum Protest gegen das begangene Verbrechen des deutschen Imperialismus zu bewegen, mit derselben Eindringlichkeit spricht er zu Verhaeren und erinnert daran, dass man nicht ein ganzen Volk fuer die Untaten von noch so vielen hunderten von Individuen verantwortlich machen kann. In dem an Verhaeren gerichteten Schreiben steht seine eindeutige Erklaerung: “Ich kenne nur zwei Voelker auf der Erde, jene die leiden, und jene, die die Leiden verursachen”. Dort wo Menschen litten, war der Platz von Romain Rolland. Da es fuer ihn auch nur eine Wahrheit gab, und nur eine Bekenntnis: das Bekenntnis zum Frieden, musste er aus seiner Haltung die Konsequenz ziehen und das Land verlassen, in dem er geboren war, und in dessen Sprache er sein Bestes zur Symphonie der Voelkerverstaendigung beigetragen hatte. Der Krieg war ein Verbrechen, seine Mission als Dichter, als fuehlender, dem Derben hingegebener Mensch, war es, diesem Verbrechen die Kraft seiner Ueberzeugung, die Macht seines Wortes —seine persoenliche Entscheidung entgegenzustellen! Mit einer beispiellosen Offenheit schreibt er in den grauen Tagen der Zersetzung des europaeischen Geistes seinem Verleger: “Sollten irgendwelche Freunde in meinem Fall auf mildernde Umstaende plaedieren, so waere ich genoetigt, sie Luegen zu strafen Ich bekenne mich zu meinen Gedanken und nehme das Recht in Anspruch, sie zu aeussern! Ich verpreche durchaus nicht in Zukunft zu schweigen”. Am 5. Oktober 1914 siedelt Romain Rolland nach Genf ueber und stellte sich uneigennuetzig in den Dienst des Internationalen Roten Kreuzes im Kriegsgefangenenamt. Monatelang sitzt er in dem ihm angewiesenen kleinen Buero und sortiert die Post der Kriegsgefangenen knuepft die abgebrochenen Verbin ■ düngen zahlreicher Familien mit ihren Angehoerigen wieder an, gibt mit seiner geduldigen Kleinarbeit tausenden und abertausenden von Menschen neue Hoffnung und neuen Lebenswillen. Aber diese humanitaere Arbeit allein kann einem schaffenden Geist wie Romain Rolland nicht genuegen. Wenn sich auch die grosse franzoesische Presse weigerte (teilweise gezwungenermassen) seine Artikel aufzunehmen, so laesst sich der unbeugsame Kaempfer dadurch nicht abschrekken. Mit Hilfe seiner treuen Freunde kann er seine Meinung, seine Einsichten, seinen Schrei nach Frieden und .Gerechtigkeit einem immer groesser werdenden Kreis zur Kenntnis bringen. So wie einst Emile Zola sein “Die Wahrheit ist auf dem Marsch und nichts kann sie aufhalten” im Dreyfusprozess seinen Schewa Tachanot Von Rachel Kwerbaum HANS SILBER Mission eines Dichters (Fortsetzung und Schluss) Wenn Romain Rolland im Gegensatz zu anderen franzoesischen Schrifstellern, wie Henry Barbusse z. B., sich auch keiner parteipolitisch gebundenen Organisation verschrieben hatte, so bedeutete dies nicht, dass er nicht in den grossen sozialen, nationalen und kulturellen Auseinandersetzungen Partei nahm. Wenn sein Gewissen eine Entscheidung forderte, so stand er im Kampf um Recht und Freiheit seinen Mann, denn ueber alles stellte er das “Menschheitsgewissen”. Schon im “Johann Christoph” heisst es; “Es gibt etwas Groesseres als das Vaterland. Das ist das menschliche Gewissen”. An dieses Gewissen nun appeliert der Dichter. Die Erkenntnis;, die der Mensch in seinem Kampf um den Frieden und um die Freiheit fuer die grosse menschliche Gemeinschaft erwirbt und anwendet, ist fuer ihn von hoechster Bedeutung und lebenswert. Sein Freund und Kampfgenosse, sein “Bruder im Geist”, Stefan Zweig, hat angesichts der drohenden Katastrophe des 1 Weltkrieges die Haltung dieser leider nur allzu kleinen Gemeinschaft in den mahnenden Worten festgehalten: “Wir alle wollen lieber den Untergang der Menschheit, als den Untergang der Erkenntnis”. Der Krieg war der Pruefstein der europaeischen Gesinnung, der menschlichen Gesinnung ueberhaupt. Waehrend in den Jahren vor 1914 eine Avantgarde von Kuenstlern, Schriftstellern und Politikern sich das Ideal des grossen Humanisten Erasmus von Rotterdam: “Die ganze Welt ist ein gemeinsames Vaterland” zu eigen zu machen schien, zerbrach in den ersten Tagen des Krieges von 1914 diese Gemeinschaft, riss sie Hass und Verblendung auseinander. Ein Gerhard Hauptman, der 1912 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, und der als Wortfuehrer der jungen deutschen Elite galt, des Vortrupps zur grossen Voelkerverstaendigung, unterschrieb das von 93 deutschen Intellektuellen herausgegebene Manifest, das feierlich alle Schuld am Kriege auf die Alberten abwaelzt, und in dem sich die Unterzeichner bedingungslos der deutschen Kriegsmaschine zur Verlegung stellten. Ein Emil Verhaeren, der grosse belgische Dichter, der eben von einer Tournée durch Deutschland, wo er gefeiert und gewuerdigt wurde, in seine Heimat zurueckkehrte, stellte seine machtvolle, pathetische Sprache in den Dienst des Hasses. Er litt unter der.Willkuer des deutschen Militarismus, er litt mit seinem Volk, aber das Leid und der Hass machten ihn blind und ungerecht. Vergebens erhob Hermann Hesse in der “Neuen Zuercher Zeitung”, vom 3. November 1914 seine warnende Stimme; “O Freunde, nicht diese Toene!” Der Krieg zerbrach eine Gemeinschaft, die zu den groessten Erwartungen berechtigte. In diesen Stunden der Verwirrung, des Zusammenbruchs, des Verrats an dem Geist der Menschheit und Menschlichkeit wuchs Romain Rolland zu der Persoenlichkeit heran, die noch fuer die glaeubiaen Kameraden in allen Teilen der blutigen Erde Halt. Richtlinie und Vorbild wurde. In seiner ausgezeichneten Biogranhie von Romain Rolland schreibt Stefan Zweig aus voller Ueberzeugung: “1914 hat das Privatleben von Romain Rolland aufgehoert. Von 1914 ab stellte Romain Rolland eine absolute Einheit von Idee und Kampf dar. Er ist nicht ider Schriftsteller, der Dichter, der Kuenstler. nicht die Einzelperson, er ist die Stimme Europas in dem gewaltigsten Sturm, er ist das Gewesen der Welt!”. Mit einer bis dahin nicht gekannten Sehaerfe uebernimmt der Dichter seine Aufgabe. Seine Heimat Europa ist

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